„Ich bin seit 24 Jah­ren wahl­be­rech­tigt. Und hät­te fast zum ers­ten Mal CDU ge­wählt“

Hamburger Morgenpost - - HAMBURG -

as Un­glaub­li­che ge­schah vor et­wa 12 Mo­na­ten. „Kann es sein, dass ich Mer­kel wäh­len muss?“, frag­te ich mei­ne Frau. Und die war noch nicht mal über­rascht. Seit 24 Jah­ren bin ich wahl­be­rech­tigt – noch nie zu­vor hat­te ich in Er­wä­gung ge­zo­gen, die Uni­on zu wäh­len. Mein Herz schlägt links­li­be­ral. Ich glau­be an So­li­da­ri­tät. Und dar­an, dass der Ka­pi­ta­lis­mus ge­zähmt wer­den muss. Und an Um­welt­schutz. Das war schon im­mer so. Und für die­se An­lie­gen fühl­te ich mich bei an­de­ren Par­tei­en bes­ser auf­ge­ho­ben. Doch dann be­gan­nen die An­grif­fe auf die Kanz­le­rin we­gen ih­rer Flücht­lings­po­li­tik. Dann be­gan­nen po­pu­lis­ti­sche Kräf­te die Axt an De­mo­kra­tie, Men­sch­lich­keit und An­stand zu le­gen. Und je mehr See­ho­fer, Pe­try und Co. Mer­kel ins Vi­sier nah­men, des­to stär­ker fühl­te ich mich zu ei­nem Zei­chen der So­li­da­ri­tät mit ihr ge­nö­tigt. Auch weil sie enorm stand­fest blieb, als der Druck schon un­mensch­lich zu sein schien. Auch weil sie mit ih­rer ra­tio­nal-tro­cke­nen Art ein er­hol­sa­mer Ge­gen­satz zu den Trumps, Er­do­gans und Gau­lands die­ser Welt ist. Und weil ich sie für in­te­ger hal­te: Die macht, was sie für rich­tig hält.

CDU wäh­len – das The­ma ist in­zwi­schen trotz­dem vom Tisch. Die Kanz­le­rin ist auf mei­ne So­li­da­ri­tät nicht mehr an­ge­wie­sen. Und weil die halb­ga­re Kon­sen­sSup­pe, mit der die CDU es nun al­len recht ma­chen will, vom Stamm­tisch-Aus­län­der­feind bis zum groß­städ­ti­schen Li­be­ralKon­ser­va­ti­ven, zwar grund­sätz­lich funk­tio­niert, aber am En­de auch nicht taugt, um wirk­lich Vi­sio­nä­res zu leis­ten. Al­so SPD? Sor­ry, nein. Auch wenn das Pro­gramm in wei­ten Tei­len sinn­voll ist: Ei­ne wei­te­re Run­de Gro­ße Ko­ali­ti­on wird die Ge­nos­sen wei­ter mar­gi­na­li­sie­ren und die De­mo­kra­tie­fein­de wei­ter wach­sen las­sen. Ich wäh­le jetzt, un­ter Bauch­schmer­zen, die Grü­nen. Ich fand Öz­de­mir im Wahl­kampf über­zeu­gend. Ich hal­te die Grü­nen bei den Fra­gen zur Flücht­lings­po­li­tik und Ge­rech­tig­keit für ver­läss­lich. Und sie sind die Ein­zi­gen, die sich auch an­ge­sichts der ak­tu­el­len La­ge dem Um­welt­schutz ver­schrie­ben ha­ben. Und eins ist klar: Wenn Kli­ma, Flo­ra und Fau­na kol­la­bie­ren, bringt uns auch der aus­ge­tüf­telts­te Plan zur ge­sell­schaft­li­chen Neu­ord­nung nix mehr.

Schwarz-Grün im Bund könn­te ei­ne prak­ti­ka­ble Lö­sung für die kom­men­den vier Jah­re sein. Not­falls eben auch mit Lind­ners FDP. Und es ist die Chan­ce für die SPD in der Op­po­si­ti­on, ihr Pro­fil zu schär­fen und ihr Per­so­nal zu ent­wi­ckeln, um 2021 ei­ne schlag­kräf­ti­ge Al­ter­na­ti­ve mit ech­ter Op­ti­on auf die Kanz­ler­schaft zu wer­den. Ma­ik Kol­ter­mann (42), stell­ver­tre­ten­der Chef­re­dak­teur

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