Tus­si im Plat­ten­bau

KI­NO „High So­cie­ty“: Ko­mö­die um ei­ne rei­che Gö­re, die das rea­le Le­ben ken­nen­lernt

Hamburger Morgenpost - - DIE KULTUR-WOCHE - Frank Schmid­ke

Die ex­trem ver­wöhn­te 20-jäh­ri­ge In­dus­tri­el­len­toch­ter Ana­bel von Schlacht (Emi­lia Schü­le) staunt nicht schlecht, als sie er­fährt: Sie wur­de bei der Ge­burt ver­tauscht! Ana­bels leib­li­che Mut­ter Car­men Schlonz (Kat­ja Rie­mann) lebt mit drei un­ehe­li­chen Kin­dern und il­le­ga­lem Un­ter­mie­ter in ei­nem Plat­ten­bau. De­ren eben­falls ver­tausch­te Toch­ter Au­ra (Ca­ro Cult) fin­det es na­tür­lich klas­se, plötz­lich schwer­reich zu sein.

Vor al­lem, weil Ana­bels Mut­ter Tri­x­ie von Schlacht (Iris Ber­ben) die ver­lo­re­ne Toch­ter gleich mit Zu­nei­gung und Ge­schen­ken über­häuft. Ana­bel muss wohl oder übel in die Schlonz-WG zie­hen. Auf dem Weg dort­hin trifft sie den hilfs­be­rei­ten Po­li­zis­ten Yann (Jan­nis Nie­wöh­ner), der zwar ei­gent­lich Au­ras Freund ist, die Neue aber auch ganz char­mant fin­det.

Dreh­buch­au­to­rin Ani­ka De­cker („SMS für dich“, „Kein­ohr­ha­sen“) gab ihr Re­gie­de­büt 2015 mit „Traum­frau­en“. Auch ihr zwei­ter Film ist ei­ne ro­bus­te Ko­mö­die ge­wor­den, die mun­ter und mit viel Ener­gie das Auf­ein­an­der­pral­len von Pro­le­ten­charme und schnö­se­li­ger Igno­ranz ze­le­briert. Nicht je­der Gag sitzt und wer ei­ne so­zi­al­kri­ti­sche Bot­schaft sucht, ist hier – glück­li­cher­wei­se – fehl am Platz.

Die Roman­ze zwi­schen dem bra­ven Po­li­zis­ten und der le­bens­frem­den Prin­zes­sin wirkt ein biss­chen bie­der, aber Tem­po und Stil der Ko­mö­die sind flott. Die sou­ve­rän auf­spie­len­de Rie­ge jun­ger Darstel­ler über­zeugt aus­nahms­los. (Schü­le und Nie­wöh­ner sind auch ge­ra­de in „Ju­gend oh­ne Gott“zu se­hen.) Für die schöns­ten Po­in­ten in der über­kan­di­del­ten Ko­mö­die sor­gen al­ler­dings Iris Ber­ben als nicht ge­ra­de hel­le In­dus­tri­el­len­gat­tin und vor al­lem Kat­ja Rie­mann als welt­ver­bes­sern­de Althip­pie-Eman­ze. Eng­lish Thea­t­re Ar­me Jan! Nach ih­rer Ent­las­sung aus der Ner­ven­kli­nik ver­frach­tet ihr für­sorg­li­cher Ehe­mann Greg sie in ein ein­sam ge­le­ge­nes Land­haus. Blitz und Don­ner, fla­ckern­des Licht und un­heim­li­che Ge­räu­sche, da­zu der Be­such ih­rer hin­ter­lis­ti­gen Schwä­ge­rin Lau­ra und die Schau­er­ge­schich­ten, die der grob­schläch­ti­ge Nach­bar zum Bes­ten gibt, trei­ben die von Pa­nik­at­ta­cken ge­quäl­te jun­ge Frau an den Rand des Wahn­sinns. Die ac­tion­rei­che Ins­ze­nie­rung der bi­zar­ren Be­zie­hungs­ge­schich­te ist ge­spickt mit Gru­se­lef­fek­ten und Schreck­schüs­sen. Das Pu­bli­kum er­lebt das Lüf­ten ei­nes düs­te­ren Fa­mi­li­en­ge­heim­nis­ses als klas­se ge­spiel­ten, un­ter­halt­sam zu­ge­spitz­ten Ner­ven­kit­zel.

Tri­x­ie von Schlacht (Iris Ber­ben) lässt es sich gut ge­hen.

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