Die dürf­ti­ge Bi­lanz der Dea­ler-Jagd

Se­nats­zah­len zei­gen: Trotz des rie­si­gen Auf­wands sind die Er­fol­ge mehr als über­schau­bar

Hamburger Morgenpost - - HAMBURG - MIKE SCHLINK mike.schlink@mo­po.de

19 356 Per­so­nen wur­den seit Ok­to­ber 2017 kon­trol­liert. 75 000 Per­so­nal­stun­den hat die Po­li­zei in sechs Mo­na­ten ge­gen Dea­ler ein­ge­setzt. 122 Haft­be­feh­le wur­den seit Ok­to­ber 2017 er­las­sen

Von ei­nem Kampf ge­gen Wind­müh­len will Ham­burgs Po­li­zei nichts wis­sen. Fest steht je­doch: Zwei Jah­re lang ja­gen die Be­am­ten jetzt Dro­gen­dea­lern nach – und das ziem­lich er­folg­los, wie ak­tu­el­le Zah­len und Be­ob­ach­tun­gen der Sze­ne zei­gen. Al­lein im ver­gan­ge­nen hal­ben Jahr hat Ham­burgs Po­li­zei 75000 Per­so­nal­stun­den in­ves­tiert, um den Stra­ßen­dea­lern auf dem Kiez, in der Schan­ze und St. Ge­org das Hand­werk zu le­gen. Al­lein im März wa­ren 1613 Be­am­te da­für ein­ge­setzt.

Und was hat es ge­bracht? Ver­dammt we­nig, wie ei­ne Se­nats­ant­wort auf ei­ne An­fra­ge der Lin­ken zeigt: Rund 19 000 Per­so­nen wur­den zwi­schen dem 1. Ok­to­ber 2017 und dem 31. März 2018 in den drei ge­nann­ten Ge­bie­ten kon­trol­liert. Im Er­geb­nis wur­den gan­ze 122 Haft­be­feh­le er­reicht.

Und auch das Bild auf der Stra­ße hat sich we­nig ver­än­dert. Ein Bei­spiel: Im No­vem­ber 2015 be­rich­te­te die MO­PO über die vie­len Stra­ßen­dea­ler an der Ecke Ree­per­bahn/Tal­stra­ße. Die­se wur­den im Früh­jahr 2016 von der Po­li­zei ver­trie­ben, die Sze­ne ver­la­ger­te sich Rich­tung Ha­fen­stra­ße. Dort geht die Po­li­zei seit ei­ni­gen Wo­chen mas­siv ge­gen Dea­ler vor – die Händ­ler ste­hen jetzt wie­der an der Ree­per­bahn, die De­als wer­den wie­der auf der Trep­pe in den S-BahnSchacht ab­ge­wi­ckelt.

„Hier wird ein ge­wal­ti­ger Auf­wand be­trie­ben. Aber wo­für?“, meint Chris­tia­ne Schnei­der (Lin­ke). Die Po­li­zei wür­de le­dig­lich die „klei­nen Stra­ßen­dea­ler“er­wi­schen, die oft auch aus ei­ner „Not­la­ge“her­aus han­deln wür­den. „An die Hin­ter­män­ner kommt man nicht ran“, so Schnei­der, die sich von Neu-Bür­ger­meis­ter Pe­ter Tschent­scher (SPD) ei­nen Stra­te­gie­wech­sel wünscht. „Mit ei­ner Can­na­bis-Frei­ga­be und be­ruf­li­chen Per­spek­ti­ven könn­te man die Dro­gen­sze­ne bes­ser be­kämp­fen als mit die­sem Po­li­zei-Ein­satz.“Auch die FDP schüt­telt nur noch mit dem Kopf an­ge­sichts der Po­li­zei­tak­tik: „Die Dro­gen­sze­ne wird da­durch nicht auf­ge­löst“, meint In­nen­ex­per­te Carl Jar­chow. „Da­für bau­en die ein­ge­setz­ten Po­li­zis­ten wei­te­re Über­stun­den auf und feh­len an­dern­orts. An­statt die Front­dea­ler in den Blick zu neh­men, muss die Po­li­zei end­lich ein Kon­zept ent­wi­ckeln, um die or­ga­ni­sier­te Kri­mi­na­li­tät all­ge­mein zu be­kämp­fen.“

Ei­ne Kur­sÄn­de­rung wird es aber kaum ge­ben. Der Se­nat be­wer­tet die Ein­sät­ze näm­lich po­si­tiv: „Die

Zahl der Fest­nah­men macht deut­lich, dass das Vor­ge­hen der Po­li­zei hier er­folg­reich ist“, heißt es. Der Ein­satz der Task Force Dro­gen ha­be zu ei­ner Ve­r­un­si­che­rung und Re­du­zie­rung der wahr­nehm­ba­ren Dro­gen­sze­ne bei­ge­tra­gen. An den Brenn­punk­ten sei­en we­ni­ger Händ­ler und Kon­su­men­ten fest­ge­stellt wor­den. Schon in der Po­li­zei­kri­mi­na­li­täts­sta­tis­tik 2017 wur­de be­reits ein Rück­gang des Dro­gen­han­dels im Ver­gleich zum Vor­jahr von 14,1 Pro­zent ver­zeich­net. Das Si­cher­heits­ge­fühl der An­woh­ner ha­be sich laut Se­nat ver­stärkt, die Ak­zep­tanz für den Po­li­zei­Ein­satz sei groß.

Das Pro­blem: Schnappt die Po­li­zei ei­nen Dea­ler, steht er we­ni­ge St­un­den spä­ter wie­der an sei­nem Platz – oder ein an­de­rer für ihn. „Weil es zu we­nig Ver­ur­tei­lun­gen gibt“, sagt Den­nis Gla­dia­tor (CDU). Er­fah­rungs­ge­mäß kommt aber nur ein Bruch­teil der Dea­ler, die vorm Haft­rich­ter lan­den, schließ­lich auch in den Knast.

„Es gibt durch­aus Bun­des­län­der, die da ei­ne här­te­re Li­nie fah­ren“, so Gla­dia­tor, der die ak­tu­el­le Se­nats­stra­te­gie für „dau­er­haft we­nig er­folg­reich“hält. Sei­ner Mei­nung nach müs­se die Po­li­zei-Ab­tei­lung „Or­ga­ni­sier­te Kri­mi­na­li­tät“mas­siv ver­stärkt wer­den, um die Hin­ter­män­ner aus­zu­schal­ten. „Nur so kann man den Dro­genSumpf tro­cken­le­gen.“

Po­li­zis­ten pa­trouil­lie­ren an der Ha­fen­stra­ße – miss­mu­tig be­ob­ach­tet von jun­gen Män­nern, die mut­maß­lich zur Dea­ler-Sze­ne ge­hö­ren.

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