Rump­steak schlägt Rib-Eye

Sys­tem­gas­tro­no­mie mit in­di­vi­du­el­ler No­te? Gibt es im Block Hou­se am Thie­len­platz.

Hannoversche Allgemeine - - STADTLEBEN - Han­nes Fink­bei­ner, HAZ-Fein­schme­cker

In­di­vi­dual­gas­tro­no­mie ver­fügt oft über sehr viel Herz, lei­der man­gelt es an Sys­tem. Und bei man­cher Sys­tem­gas­tro­no­mie ist oft vor lau­ter Sys­tem kein Herz zu spü­ren. Der Be­such im Block Hou­se am Thie­len­platz zeigt, dass es auch an­ders geht. Wir wer­den von zwei Ser­vice­mit­ar­bei­te­rin­nen herz­lich be­grüßt, vor al­lem un­se­re drei­jäh­ri­ge (an die­sem Tag recht ei­gen­sin­ni­ge) Be­glei­tung: Ist der jun­ge Herr froh, hier zu sein? Nein! Oh, möch­te er trotz­dem ei­nen Kin­der­stuhl? Un­ter kei­nen Um­stän­den! Lie­ber ei­ne Sitzer­hö­hung? Bloß nicht! Kön­nen Mal­sa­chen das Ge­müt be­sänf­ti­gen? Nicht im Traum! Ob­wohl, Mo­ment, Mal­sa­chen? Gut, über die­ses De­tail lässt sich un­ter Um­stän­den dis­ku­tie­ren. Und viel­leicht doch ein Kin­der­stuhl da­zu? Och, war­um ei­gent­lich nicht?

Als die Ser­vice­kraft dann noch Nu­deln mit To­ma­ten­so­ße (4,50 Eu­ro) in Aus­sicht stellt, sind die Wo­gen end­gül­tig ge­glät­tet und wir mer­ken, als wir end­lich zur Ru­he kom­men und uns dem Me­nü zu­wen­den, dass un­ser Test schon längst be­gon­nen hat: tol­ler Auf­takt, tol­ler Ser­vice, den wir in ei­ner Re­stau­rant­ket­te so nicht er­war­tet hät­ten. Gut, zu­ge­ge­ben, Block Hou­se ist ei­ne doch recht über­sicht­li­che Re­stau­rant­ket­te, zu der eu­ro­pa­weit nur knapp 50 Steak­häu­ser mit zen­tra­li­sier­tem Ma­nage­ment und Flei­sche­rei zäh­len. Wir sind trotz­dem po­si­tiv über­rascht und durch­stö­bern gut ge­launt die Spei­se­kar­te. Un­se­re Wahl fällt beim Haupt­ge­richt auf das Rib-Eye Mas­ter­cut (29 Eu­ro), das an­geb­lich den „Stolz un­se­rer Flei­scher“re­prä­sen­tiert.

Zwi­schen blu­tig und blau Und wirk­lich: Das gro­ße Stück Fleisch (350 Gramm) sieht auf dem Tel­ler ein­fach herr­lich aus. Saf­tig und glän­zend, mit dunk­lem, knusp­ri­gem Grill­mus­ter über­zo­gen und viel gro­bem Pfef­fer ge­würzt. Der Ei­gen­ge­schmack ist auch gut, uns stört nur ein we­nig das Mund­ge­fühl des Fleischs, das am Gau­men leicht fa­se­rig-kör­nig wird. Zu­dem ist das Steak nicht wie ge­wünscht ro­sa­b­lu­tig (me­di­um ra­re) ge­bra­ten, son­dern ir­gend­wo zwi­schen blu­tig (ra­re) und blau (raw). Die Be­schaf­fen­heit des di­cken Rib-Eye, das aus der Hoch­rip­pe ge­schnit­ten wird und mehr von Fett und Seh­nen durch­wach­sen ist, macht es zwar an­spruchs­vol­ler, das Fleisch­teil auf den Punkt zu ga­ren, aber ein Steak­haus soll­te über die ent­spre­chen­de Tech­nik und Fer­tig­keit ver­fü­gen.

Bes­ser fällt das Rump­steak (19,40 Eu­ro) aus. Nicht nur Fleisch­qua­li­tät, auch die Zu­be­rei­tung über­zeugt uns: zart, saf­tig und ein­wand­frei ge­bra­ten. Er­wäh­nens­wert sind in die­sem Atem­zug auch die Bei­la­gen. Kar­tof­fel­gra­tin, Ofen­kar­tof­feln und Knob­lauch­brot schme­cken sehr gut. Der Blatt­sa­lat ist lei­der stel­len­wei­se et­was san­dig und wur­de of­fen­sicht­lich nicht or­dent­lich ge­wa­schen. Bei den Steaks­oßen grei­fen wir mit Ge­nuss zur Sour Cre­me, der in­ten­si­ve Barbe­cue-Dip über­tüncht nach un­se­rer Mei­nung zu sehr den gu­ten Fleisch­ge­schmack. Ganz or­dent­lich sind auch die Sa­lat­dres­sings (Ame­ri­can und French), die wie die Steaks­oßen nicht nur von der Fir­men­zen­tra­le im Ge­schmack de­signt, son­dern auch ex­tern pro­du­ziert wur­den.

Aber noch ein paar Wor­te zu den Vor­spei­sen. Nicht zu­frie­den wa­ren wir näm­lich mit dem gra­ti­nier­ten Por­to­bel­lo-Pilz mit Bru­schet­ta (6,30 Eu­ro). Das hat Grün­de. Als Por­to­bel­lo wird in der Gas­tro­no­mie ein hand­flä­chen­gro­ßer Zucht­cham­pi­gnon be­zeich­net, der durch sei­nen län­ge­ren Wuchs und die ge­öff­ne­ten La­mel­len an der Un­ter­sei­te weit­aus kräf­ti­ger schme­cken soll. In un­se­rem Fall han­delt es sich al­ler­dings um drei ge­wöhn­li­che Cham­pi­gnon­köp­fe, die mit dra­ma­tisch ge­schmack­lo­sen To­ma­ten­wür­feln (die üb­ri­gens auch die Bru­schet­ta maß­geb­lich trü­ben) ge­füllt wur­den. Dann lie­ber gu­te Do­sen­wa­re. Ge­würzt wur­den die Zu­ta­ten kaum, auch der ge­schmol­ze­ne Kä­se kann hier we­nig aus­glei­chen.

We­sent­lich bes­ser fällt die Zwie­bel­sup­pe (5,50 Eu­ro) aus. Die Brü­he ist wür­zig und rund, die Zwie­beln ha­ben fei­nen Biss, nur die Kä­sehau­be ist völ­lig über­di­men­sio­niert – wir schaf­fen gut die Hälf­te und trotz­dem bleibt am En­de ein golf­ball­gro­ßes Kä­se­knäu­el in der Sup­pen­tas­se zu­rück. Vor­züg­lich schmeckt das Ta­tar vom Wei­der­ind (7,70 Eu­ro). Hier fällt eben­falls der gu­te Fleisch­ge­schmack auf, dann tritt ei­ne über­ra­schend süß-säu­er­li­che No­te in den Vor­der­grund, wahr­schein­lich auf Ba­sis von Es­sig und In­vert­zu­cker (ei­ne Mi­schung aus Trau­ben- und Frucht­zu­cker), auf wel­che die pi­kan­ten Ele­men­te (Ka­pern, Ge­würz­gur­ke, ro­he Zwie­beln oder Meer­ret­tich) ganz her­vor­ra­gend auf­set­zen.

Löf­fel­ge­fecht um Scho­ko­souf­flé Zum Ab­schluss be­stel­len wir noch ein war­mes Scho­ko­la­den­souf­flé (4,30 Eu­ro) für die Tisch­mit­te, das zwar auf­grund sei­ner kom­pak­ten Kon­sis­tenz bes­ser Scho­ko­la­den­tört­chen hie­ße und auch nicht son­der­lich ap­pe­tit­lich (mit Blau­beer­soß­enklecks und Sah­ne­ro­set­te) an­ge­rich­tet ist, aber da­für un­ver­schämt scho­ko­la­den­in­ten­siv aus­fällt. So scho­ko­la­den­in­ten­siv, dass wir das Löf­fel­ge­fecht mit ei­nem Drei­jäh­ri­gen schnell auf­ge­ben und uns lie­ber schon ein­mal mit Feucht­tü­chern be­waff­nen. Als mit der Rech­nung dann auch noch Sei­fen­bla­sen an den Tisch kom­men, steht der Rest des Abends end­gül­tig un­ter ei­nem gu­ten Stern. Nicht nur das Kind hat sich hier wohl­ge­fühlt: die El­tern auch.

Steak mit viel Herz: Ge­schäfts­füh­re­rin Sa­bi­ne En­gel­ke im Block Hou­se. FO­tOs: sCHAAr­sCHMIDt (2)

Das Re­stau­rant am Thie­len­platz er­öff­ne­te im Früh­jahr 2016.

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