Ein gro­ßer Wurf ?

Auf der Su­che nach dem Nichts: Wie Han­no­ver Ide­en für ei­ne mög­li­che Be­wer­bung als eu­ro­päi­sche Kul­tur­haupt­stadt sam­melt

Hannoversche Allgemeine - - KULTUR & LEBEN - Von Stemdn Arn5t

Hier wird scharf ge­schos­sen. „Den ro­ten Man­tel aus dem Weg!“, kann ge­ra­de noch je­mand ru­fen, be­vor das mit Far­be ge­füll­te Ei an der Wand di­rekt ne­ben der Da­me mit dem auf­fäl­li­gen Klei­dungs­stück zer­schellt. Durch ei­nen be­herz­ten Sprung zur Sei­te ver­hin­dert die Frau das Schlimms­te. Und mit ein paar klei­nen Farb­sprit­zern auf der Ja­cke wird sie wohl le­ben kön­nen. Schließ­lich geht es an die­sem Abend um hö­he­re Din­ge: Die Stadt hat ih­re Kul­tur­schaf­fen­den ein­ge­la­den, um Ide­en da­für zu ent­wi­ckeln, wie man sich um den Ti­tel ei­ner eu­ro­päi­schen Kul­tur­haupt­stadt 2025 be­wer­ben könn­te.

Selbst ge­bas­tel­te State­ments In ei­nem leer ste­hen­den Ge­bäu­de im Schat­ten der Bahn­glei­se hat die Ver­wal­tung ei­nen auf­wen­di­gen Par­cours ein­ge­rich­tet, der bei der Ide­en­fin­dung hel­fen soll. In die­ser „par­ti­zi­pa­ti­ven Ga­le­rie“, wie die drei Eta­gen in der Haa­sen­stra­ße jetzt mit Mut zur Grö­ße be­nannt sind, kann man nicht nur in fröh­li­cher Ac­tion-Pain­ting-Ma­nier bun­te Eier an die Wand schmei­ßen. Ver­schie­de­ne Sta­tio­nen la­den auch da­zu ein, Um­hän­ge­ta­schen zu ge­stal­ten, Wän­de zu be­ma­len oder Sel­fies mit selbst ge­bas­tel­ten State­ments zu schie­ßen. Bun­te Tü­ten mit Ha­ri­bo-Spe­zia­li­tä­ten gibt es auch. Man muss nicht über­emp­find­lich sein, um sich hier wie auf ei­nem Kin­der­ge­burts­tag zu füh­len.

Wie sehr sich die rund 200 Kul­tur­pro­fis aus al­len Dis­zi­pli­nen, die der Ein­la­dung der Stadt ge­folgt sind, von die­ser un­ge­wöhn­li­chen Krea­tiv­för­de­rung ha­ben in­spi­rie­ren las­sen, wird man am kom­men­den Mitt­woch se­hen, wenn die Er­geb­nis­se der spie­le­ri­schen Ide­en­samm­lung prä­sen­tiert wer­den. Bis da­hin kann sich auch die in­ter­es­sier­te Öf­fent­lich­keit dar­an be­tei­li­gen: Von heu­te bis Di­ens­tag ste­hen die Räu­me al­len Bür­gern und ih­ren Vor­schlä­gen of­fen.

Ein Er­geb­nis steht al­ler­dings schon fest – und da­mit die ers­te Ent­täu­schung: Das schö­ne Mot­to „Han­no­ver hat nichts“, mit dem die Stadt in das Be­wer­bungs­ver­fah­ren ge­star­tet ist, wird künf­tig wohl kei­ne gro­ße Rol­le mehr spie­len. Die „Ide­en und Vi­sio­nen“, die die Stadt mit dem zum Wi­der­spruch an­sta­cheln­den Spruch ein­zu­sam­meln hofft, sol­len künf­tig die Rou­te vor­ge­ben.

En­de No­vem­ber wer­den die Vor­schlä­ge aus der Haa­sen­stra­ße und den nicht öf­fent­li­chen Be­ra­tun­gen mit den Kul­tur­in­sti­tu­tio­nen in ei­ne Be­schluss­vor­la­ge ein­flie­ßen, über die der Rat der Stadt ab­stimmt. Dann fällt auch die Ent­schei­dung, ob Han­no­ver tat­säch­lich of­fi­zi­ell ins Ren­nen um den Ti­tel geht. Die Be­wer­bung müss­te im Früh­jahr 2019 ein­ge­reicht wer­den, ei­ne eu­ro­päi­sche Ju­ry ent­schei­det schließ­lich in ei­nem zwei­stu­fi­gen Ver­fah­ren bis zum Som­mer 2020, wel­che deut­sche Stadt den Zu­schlag er­hält.

Mehr Geld für die Kul­tur Han­no­ver wird es in dem Ver­fah­ren wohl mit et­wa zehn Kon­kur­ren­ten zu tun ha­ben: Mag­de­burg, Nürn­berg und Dres­den ha­ben ei­ne Be­wer­bung schon be­schlos­sen, Hil­des­heim und an­de­re Städ­te ha­ben wie Han­no­ver den Wil­len da­zu ge­äu­ßert. In Nürn­berg hat man auch be­reits über Geld ge­spro­chen: 6 Mil­lio­nen Eu­ro ste­hen dort für die Be­wer­bung zur Ver­fü­gung.

Kul­tur­de­zer­nent Ha­rald Här­ke sag­te in der Haa­sen­stra­ße, dass die Be­wer­bung „nicht an den Res­sour­cen schei­tern“wer­den: Es wer­de für die Kul­tur­haupt­stadt zu­sätz­li­ches Geld ge­ben. Das kön­ne aber nicht nur von der Stadt kom­men. Stif­tun­gen und Spon­so­ren soll­ten auch ei­ne wich­ti­ge Rol­le spie­len.

Un­ab­hän­gig da­von, ob Han­no­ver den Ti­tel be­kommt, hält Här­ke Geld und Ide­en für Pro­jek­te im Zu­sam­men­hang mit der Be­wer­bung schon jetzt für sinn­voll an­ge­legt: „Das, was wir jetzt ge­mein­sam ent­wi­ckeln“, sag­te er, „wird kei­ner mehr zu­rück­dre­hen.“

„Par­ti­zi­pa­ti­ve Ga­le­rie“:

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