Nimmt der Druck an der Uni zu?

Dis­ku­tie­ren bis in die Nacht, vie­le Par­tys – oder vor al­lem Klau­su­ren­stress? Ein Ge­ne­ra­tio­nen-Ge­spräch über das stu­den­ten­le­ben zum se­mes­ter­start.

Hannoversche Allgemeine - - VORDERSEITE - In­ter­view: Ju­lia­ne Kau­ne und Si­mon Ben­ne

Sie ver­tre­ten drei un­ter­schied­li­che Stu­den­ten­ge­ne­ra­tio­nen. Was fällt Ih­nen zu­erst ein, wenn Sie an Ihr Stu­di­um den­ken?

Mech­ler: Das war ei­ne ziem­lich be­weg­te Zeit. Wir ha­ben ja noch vom Geist der 68er pro­fi­tiert. Es wur­de viel dis­ku­tiert und de­bat­tiert, mit­un­ter näch­te­lang. Wir ha­ben ge­gen den Viet­nam-Krieg pro­tes­tiert und Haus­be­set­zun­gen be­grüßt. An un­se­re Fa­kul­tät V ka­men Do­zen­ten, die un­ser po­li­ti­sches Be­wusst­sein ge­prägt ha­ben, dar­un­ter so nam­haf­te So­zio­lo­gen und Po­li­to­lo­gen wie Os­kar Negt, Joa­chim Pe­rels, Jür­gen Sei­fert oder Det­lev Cl­aus­sen. Ich hat­te lan­ge Haa­re und ha­be Ji­mi Hen­d­rix ge­hört. Na­tür­lich er­in­ne­re ich mich auch noch an so man­che Par­ty und die le­gen­dä­ren Stu­den­tenknei­pen wie die Block­hüt­te und den Maul­wurf.

El-Na­wab: Auch mein Stu­di­um in den Neun­zi­gern ha­be ich als ei­ne Le­bens­pha­se emp­fun­den, in der viel in Be­we­gung war. Man be­gab sich auf die Su­che, konn­te Neu­es ent­de­cken, sich selbst fin­den. Ich hat­te ein Ge­fühl von Frei­heit.

Pa­pen­brock: Ich ha­be die Zeit des Stu­die­rens sehr ge­nos­sen. Ob­wohl un­ser Bio­lo­gie­stu­di­um ziem­lich stark durch­struk­tu­riert war, hat­te ich ge­nü­gend Frei­räu­me, um die gan­ze Band­brei­te des Fachs ken­nen­zu­ler­nen – und auch um mit Kom­mi­li­to­nin­nen und Kom­mi­li­to­nen et­was zu un­ter­neh­men.

Lat­zel: Mir fal­len vor al­lem die vie­len Klau­su­ren ein und die stres­si­gen Pha­sen im Se­mes­ter. Es ist aber sehr span­nend, neue Din­ge zu ler­nen. Manch­mal den­ke ich, dass man noch viel mehr Wis­sen mit­neh­men könn­te, aber da­für ist nicht im­mer Zeit. Im Ba­che­lor- und Mas­ter­sys­tem gibt es straf­fe Vor­ga­ben. Ist Zeit ein Lu­xus, den sich Stu­den­ten heu­te nicht mehr leis­ten kön­nen? Pa­pen­brock: Manch­mal ver­mis­se ich schon die tie­fe Be­schäf­ti­gung mit dem Stoff. Der Wis­sens­er­werb ist bei den Stu­die­ren­den sehr auf die Klau­su­ren aus­ge­rich­tet – so sind vie­le es schon von der Schu­le ge­wöhnt. Po­wer-Po­int-Prä­sen­ta­ti­on oder Mul­ti­ple-Choice-Fra­ge­bo­gen spie­len ei­ne gro­ße Rol­le, die Lehr­bü­cher wer­den zu­neh­mend sel­te­ner ge­le­sen.

Lat­zel: Es wä­re aber zu viel Auf­wand, für ei­ne Klau­sur 30 Bü­cher von der Li­te­ra­tur­lis­te durch­zu­ar­bei­ten. El-Na­wab: Ich ha­be das Ge­fühl, dass mit den Stu­di­en­mo­du­len die Schul­zeit heu­te ins Er­wach­se­nen­al­ter ver­län­gert wird – und das kri­ti­sche Be­wusst­sein ver­lo­ren geht. Pa­pen­brock: Grund­sätz­lich sind die Stu­di­en­plä­ne sehr dicht ge­tak­tet. Zu­dem ist auch die vor­le­sungs­freie Zeit im­mer öf­ter mit Klau­su­ren oder Prak­ti­ka ver­plant. Die Ten­denz geht da­hin, die Stu­di­en­dau­er für den Ba­che­lor über die ob­li­ga­to­ri­schen sechs Se­mes­ter hin­aus zu ver­län­gern. Im­mer mehr Stu­die­ren­de schie­ben auch ein Aus­lands­se­mes­ter ein – zu­mal es gu­te Aus­tausch­pro­pram­me gibt, ins eu­ro­päi­sche Aus­land, aber auch bis nach In­di­en oder Viet­nam. Lat­zel: Vie­le ma­chen das, ob­wohl das Stu­di­um es nicht vor­sieht. Ich den­ke, dass Aus­lands­er­fah­rung im­mer mehr er­war­tet wird, auch von künf­ti­gen Ar­beit­ge­bern. Und wie war das frü­her bei Ih­nen, Herr Mech­ler? Mech­ler: Aus­tausch­pro­gram­me hat­ten wir nicht. Vor dem Stu­di­um bin ich quer durch Eu­ro­pa ge­trampt, das war ein nach­hal­ti­ges Er­leb­nis. Als ich dann an der Uni war, war hier ein­fach viel zu viel los, da woll­te ich gar nicht weg. Es lie­fen zum Bei­spiel die De­bat­ten um die RAF. Wir al­le ha­ben uns ge­fragt: Wie ver­än­dern wir die­ses Land? Es gab ja noch zwei deut­sche Staa­ten. Das hat sich al­les im Lehr­plan nie­der­ge­schla­gen. Auch ha­ben wir Stu­den­ten ei­gen­ver­ant­wort­lich Se­mi­na­re or­ga­ni­siert und da­für Schei­ne er­hal­ten.

El-Na­wab: Aus mei­ner Zeit am Schnei­der­berg (Stand­ort der so­zi­al­wis­sen­schaft­li­chen Stu­di­en­gän­ge, die Re­dak­ti­on) ken­ne ich auch noch selbst or­ga­ni­sier­te Se­mi­na­re. Grund­sätz­lich den­ke ich aber, dass das po­li­ti­sche En­ga­ge­ment der Stu­den­ten ab­ge­nom­men hat.

Pa­pen­brock: Ich wür­de eher sa­gen, dass sich die Art des En­ga­ge­ments ver­än­dert hat. Es geht nicht mehr so sehr um die gro­ßen po­li­ti­schen The­men. Im Vor­der­grund ste­hen stu­di­en­prak­ti­sche Fra­gen. So sind im­mer mehr Stu­die­ren­de in Gre­mi­en wie dem Fa­kul­täts­rat oder der Stu­di­en­kom­mis­si­on ak­tiv, um die Stu­di­en­si­tua­ti­on kon­kret zu ver­bes­sern. Sie neh­men da­für so­gar in Kauf, die Re­gel­stu­di­en­zeit zu über­schrei­ten.

Lat­zel: Das stimmt. Bei uns wur­den so­gar Prü­fungs­ord­nun­gen ge­än­dert, weil Stu­den­ten und Do­zen­ten sich zu­sam­men­ge­setzt ha­ben, um ge­mein­sam ei­ne Lö­sung zu fin­den. Der Wett­be­werb um Eli­te-Unis läuft, Pro­fes­so­ren tre­ten in der bun­des­wei­ten Ex­zel­lenz­in­itia­ti­ve ge­gen­ein­an­der an – nimmt das Leis­tungs­prin­zip auch un­ter den Stu­den­ten zu? Lat­zel: Der Druck, gu­te No­ten zu be­kom­men, ist grund­sätz­lich schon sehr hoch. Ich wür­de aber nicht sa­gen, dass die Kon­kur­renz der Stu­den­ten un­ter­ein­an­der sich da­durch ver­schärft. Si­cher gibt es ei­ni­ge, die Scheu­klap­pen auf und nur das No­ten­ziel vor Au­gen ha­ben. Aber das ist nicht die Re­gel.

Pa­pen­brock: In der Tat hat der ge­for­der­te No­ten­durch­schnitt für ei­nen Mas­ter­platz ei­nen ho­hen Druck auf die Stu­die­ren­den aus­ge­löst. Glück­li­cher­wei­se wur­de das in vie­len Stu­di­en­fä­chern ge­lo­ckert.

Mech­ler: Wer bei uns die Min­dest­an­for­de­run­gen im Stu­di­um hin­ter sich hat­te, der konn­te sich über viel freie Zeit freu­en. Druck ha­be ich nicht emp­fun­den. Am An­fang ha­be ich mich al­ler­dings selbst un­be­ab­sich­tigt un­ter Stress ge­setzt: Ich hat­te aus In­ter­es­se un­glaub­lich vie­le Ver­an­stal­tun­gen be­legt, die man al­le gar nicht un­ter ei­nen Hut be­kom­men konn­te. Und dann fie­len man­che ganz schnell von sel­ber wie­der weg, weil ich ge­merkt ha­be, dass 8 Uhr mor­gens nicht mei­ne Zeit war.

Lat­zel: In mei­nem Stu­di­en­fach Sport mel­de ich mich auch im­mer für ganz vie­le Kur­se an – weil das nö­tig ist, um in ei­nem da­von ei­nen Platz zu­ge­wie­sen zu be­kom­men. Und selbst dann gibt es kei­ne Ga­ran­tie. Hier rei­chen die Ka­pa­zi­tä­ten für die Zahl der Stu­den­ten ein­fach nicht aus.

Pa­pen­brock: Für mein Fach, die Bio­lo­gie, kann ich sa­gen, dass in­zwi­schen al­le Stu­die­ren­den die be­nö­tig­ten Prak­ti­kums­plät­ze er­hal­ten. Al­ler­dings gibt es ein an­de­res Pro­blem. Die Zahl der Stu­die­ren­den steigt ste­tig, und die Zahl der Pro­fes­su­ren hält da­mit bis­her nicht Schritt – mit der Fol­ge, dass sich der so­ge­nann­te Be­treu­ungs­schlüs­sel deut­lich ver­schlech­tert.

El-Na­wab: Der Be­treu­ungs­schlüs­sel war auch zu mei­ner Stu­den­ten­zeit nicht op­ti­mal. Die Se­mi­na­re wa­ren ganz schön über­lau­fen. Trotz­dem kann­ten meh­re­re Do­zen­ten ih­re Stu­den­ten mit Na­men.

Lat­zel: Auf un­se­rem Sport-Cam­pus duzen die meis­ten Do­zen­ten ih­re Stu­den­ten – und um­ge­kehrt.

Mech­ler: Mit den jun­gen, neu­en Po­li­tik- und So­zio­lo­gie­do­zen­ten duz­ten wir uns, auch weil abends die­sel­ben Kn­ei­pen auf­ge­sucht wur­den. Bei den His­to­ri­kern blieb es aus­nahms­los beim Sie. Das Stu­den­ten­le­ben muss auch fi­nan­ziert

wer­den – frü­her wie heu­te. Was hat sich ver­än­dert? Mech­ler: Mei­ne El­tern konn­ten mein Stu­di­um nicht be­zah­len. Ich ha­be den Bafög-Höchst­satz von da­mals 420 Mark be­kom­men. In den Se­mes­ter­fe­ri­en ha­be ich prak­tisch über­all ge­ar­bei­tet, zum Bei­spiel in der Spren­gel-Scho­ko­la­den­fa­brik am Band. Am Schwar­zen Brett in der Uni hin­gen die Job­ge­su­che. Es gab so et­was wie ei­ne stu­den­ti­sche Au­ßen­stel­le des Ar­beits­am­tes, da stan­den die Stu­den­ten Schlan­ge. Mit dem Geld konn­te ich An­fang 1972 mei­ne ers­te ei­ge­ne Woh­nung be­zah­len, das war ei­ne Zwei­er-WG für 135 Mark Mo­nats­mie­te. Lat­zel: Das sind ja traum­haf­te Prei­se! Aber es ist ja auch schon lan­ge her.

Mech­ler: Da­mals zo­gen in die Alt­bau­woh­nun­gen in der List oder Lin­den im­mer mehr WGs ein. Fa­mi­li­en woll­ten die­se Woh­nun­gen nicht ha­ben, weil sie zu groß wa­ren und schlecht zu be­hei­zen. Spä­ter wa­ren die Woh­nun­gen heiß be­gehrt und wur­den ver­kauft. Ich ken­ne Ex-Stu­den­ten, die in den Sieb­zi­ger­jah­ren ein­ge­zo­gen sind und ih­re ehe­ma­li­ge WG-Woh­nung schließ­lich selbst er­wor­ben ha­ben.

Lat­zel: Ich bin die­ses Jahr zu Hau­se aus­ge­zo­gen und le­be jetzt mit mei­nem Freund zu­sam­men. Um mir das leis­ten zu kön­nen, muss ich ne­ben dem Stu­di­um ar­bei­ten – wie die meis­ten. Ich hel­fe in der Ganz­tags­be­treu­ung an ei­ner Grund­schu­le; das ist ei­ne gu­te Vor­be­rei­tung für mei­nen spä­te­ren Job. Auch mei­ne El­tern un­ter­stüt­zen mich bei der Stu­di­en­fi­nan­zie­rung.

Pa­pen­brock: Wir le­gen un­se­re Prak­ti­kums­ter­mi­ne schon nicht mehr in Mes­se­zei­ten – weil dann sehr vie­le Stu­die­ren­de dort ar­bei­ten.

Schu­le und Stu­di­um sol­len auf den pas­sen­den Be­ruf vor­be­rei­ten. Geht die­se Rech­nung auf?

Pa­pen­brock: Ich freue mich auf je­den neu­en Jahr­gang, der hier an der Uni mit dem Stu­di­um be­ginnt. Mein Be­ruf macht mir Spaß, es ist mo­ti­vie­rend und be­rei­chernd, jun­gen Men­schen et­was bei­zu­brin­gen und wei­ter­zu­ge­ben.

Mech­ler: In mei­ner Tä­tig­keit im Stadt­ar­chiv und im His­to­ri­schen Mu­se­um ha­be ich im­mer gern schon Schul- und Stu­den­ten­prak­ti­kan­ten in die Ma­te­rie ein­ge­führt. Das hat in man­chen Fäl­len Er­fol­ge ge­zei­tigt. Mei­ne per­sön­li­che Be­rufs­be­ra­tung sah fol­gen­der­ma­ßen aus: Kurz vor dem Abi kam ein Ver­tre­ter vom Ar­beits­amt in die Bis­marck­schu­le und sag­te zu mir: Du musst Leh­rer wer­den – am bes­ten in Ma­the und Phy­sik! Die­sen Rat ha­be ich wohl­weis­lich nicht wei­ter ver­folgt.

El-Na­wab: Mich ha­ben die Be­rufs­in­for­ma­ti­ons­blät­ter, die sei­ner­zeit ver­teilt wur­den, nicht wei­ter­ge­bracht – es war noch die Zeit vor dem In­ter­net. Ich hat­te ganz vie­le In­ter­es­sen und war er­staunt, das man­che schon in der Schu­le ge­nau wuss­ten, dass sie BWL stu­die­ren woll­ten. Ich muss­te erst mal gu­cken, was sich hin­ter die­sem Kür­zel über­haupt ver­barg.

Lat­zel: Ich den­ke, dass ich die rich­ti­ge Ent­schei­dung ge­trof­fen ha­be. Im Ide­al­fall bleibt man im­mer auf dem Weg, den man ein­ge­schla­gen hat – und der ei­nem Spaß macht.

Ich ha­be das Ge­fühl, dass mit den Stu­di­en­mo­du­len die Schul­zeit heu­te ins Er­wach­se­nen­al­ter ver­län­gert wird – und das kri­ti­sche Be­wusst­sein ver­lo­ren geht. Su­san­ne El-Na­wab, ehe­ma­li­ge stu­den­tin

FO­tO: FrANsON

Im In­ter­view: Su­san­ne El-Na­wab (v. l.), Pia Lat­zel, Wolf Die­ter Mech­ler und Jut­ta Pa­pen­brock er­in­nern sich an ih­re Stu­di­en­zeit.

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