„Ein ein­zi­ger Hil­fe­schrei“

Nicht nur an Brenn­punk­ten: Die Zu­stän­de an den Schu­len be­schäf­ti­gen die HAZ-Le­ser

Hannoversche Allgemeine - - LESERFORUM -

Trop­fen auf hei­ßem St­ein

Zum Ar­ti­kel „Hil­fe drin­gend nö­tig“vom 28. Sep­tem­ber: Es ist er­schre­ckend zu le­sen, wel­che Miss­stän­de in Schu­len herr­schen, wie Leh­re­rin­nen sich en­ga­gie­ren, aber nicht viel aus­rich­ten kön­nen. Ihr En­ga­ge­ment ist ein Trop­fen auf den hei­ßen St­ein. Wir brau­chen klei­ne Klas­sen und zwei Lehr­kräf­te pro Klas­se – viel­leicht kann dann al­len Kin­dern ei­ne po­si­ti­ve Zu­kunft er­öff­net wer­den. Das wä­re für un­se­re Ge­sell­schaft wich­tig! Bir­git Cl­aus­sen, Han­no­ver

Po­si­ti­ves Mi­ni­mum

Zum Ar­ti­kel „Der lan­ge Weg der Fuchs­klas­se“vom 28. Sep­tem­ber: Wie­der ein­mal ist die be­drü­cken­de Kom­ple­xi­tät päd­ago­gi­scher Ar­beit in Brenn­punkt­schu­len be­schrie­ben wor­den: ei­ne Leh­re­rin mit 26 pro­blem­be­la­de­nen Kin­dern! Über die not­wen­di­gen Ent­las­tungs­maß­nah­men und ih­re Nicht­ein­lö­sung ist ge­nug ge­schrie­ben und ge­re­det wor­den. Und sie blei­ben na­tür­lich auf der Ta­ges­ord­nung.

Viel­leicht kann ein an­de­res Den­ken Ent­las­tung brin­gen. Das heißt: po­si­ti­ves Be­den­ken der Klei­nig­kei­ten (Mi­ni­mal­päd­ago­gik!). Die her­kömm­li­chen Leis­tungs­er­war­tun­gen füh­ren stän­dig nur zu ei­nem De­fi­zit­den­ken und Ent­täu­schungs­er­leb­nis­sen. Wenn man die sehr an­schau­lich be­schrie­be­nen All­tags­pro­ble­me ei­ni­ger­ma­ßen auf­fan­gen kann, ist viel er­reicht. „Die Kin­der sau­gen je­de Form von Zu­wen­dung auf.“Al­so sind die Grund­er­for­der­nis­se: Zu­wen­dung ge­ben, klei­ne Er­fol­ge wür­di­gen, Ent­las­tung schaf­fen (Aus­zei­ten, Trai­nings­raum), Auf­merk­sam­keit schen­ken, die All­tags­pro­ble­me et­was ver­klei­nern, auf die her­kömm­li­chen Leis­tungs­an­sprü­che ver­zich­ten, An­fän­ge der Ge­mein­sam­keit si­chern – das wä­re sehr viel und auch erst ein­mal ge­nug! Über­höh­te Er­war­tun­gen (Leis­tung brin­gen und funk­tio­nie­ren) kom­men zu früh und füh­ren stän­dig zu Frus­tra­tio­nen und Über­for­de­run­gen auf al­len Sei­ten.

Für be­son­de­re Si­tua­tio­nen gilt ei­ne be­son­de­re Päd­ago­gik. Man kann sie Mi­ni­mal­päd­ago­gik nen­nen: för­dern und for­dern auf ele­men­ta­rem Ni­veau! Dar­aus kann mehr wer­den. De­fi­zit­den­ken darf nicht am An­fang ste­hen! Dies hilft nicht. Vom po­si­ti­vem Mi­ni­mum zu mehr, kann nur die De­vi­se sein! Prof. Dr. Man­fred Bönsch, Han­no­ver

Dank für die kla­ren Wor­te

Zum Ar­ti­kel „Es brennt – ei­ne ver­lo­re­ne Ge­ne­ra­ti­on ...“vom 30. Sep­tem­ber: Dan­ke für die (herz­zer­rei­ßen­den) Be­rich­te über zwei Brenn­punkt­schu­len in Han­no­ver – es sind wahr­lich nicht die ein­zi­gen! Dank an die So­zi­al­ar­bei­ter und Lehr­kräf­te, die sich tag­täg­lich ver­aus­ga­ben und of­fen­sicht­lich von der Po­li­tik al­lein­ge­las­sen wer­den! Dank an die Au­to­rin für ih­re kla­ren Wor­te. Es brennt – wer löscht? Il­ka Som­mer­feldt, Han­no­ver

Richt­li­ni­en feh­len

Zum Ar­ti­kel „Leh­rer for­dern Hil­fe für Kin­der aus Ro­ma-Fa­mi­li­en“vom 9. Ok­to­ber: Als an der IGS Lin­den für die al­ler­dings nur we­ni­gen Ro­ma-Kin­der Zu­stän­di­ger drei An­mer­kun­gen: Es gibt im Raum Han­no­ver kein qua­li­fi­zier­tes päd­ago­gi­sches Per­so­nal mit ent­spre­chend ori­gi­nä­rem Hin­ter­grund. Die Kon­takt­schwie­rig­kei­ten selbst zwi­schen (bes­ser qua­li­fi­zier­ten) Sin­ti und Ro­ma sind hoch.

Zwei­tens: Es gibt kei­ner­lei ko­or­di­nier­te Zu­sam­men­ar­beit zwi­schen den je­weils für ein­zel­ne Ro­ma-Fa­mi­li­en zu­stän­di­gen KSD-Mit­ar­bei­ter un­ter­schied­li­cher Be­zir­ke. Je­der wer­kelt grad so, wie er es für rich­tig hält. Und drit­tens: Es gibt kei­ne päd­ago­gi­schen Richt­li­ni­en sei­tens des Kul­tus­mi­nis­te­ri­ums. Ste­fan Oy­en, Han­no­ver

Nicht in­te­grier­bar

Die­ser Be­richt stellt ei­nen ein­zi­gen Hil­fe­schrei der von die­sen Ver­hält­nis­sen be­trof­fe­nen Päd­ago­gen dar. Bei­spie­le aus an­de­ren Kom­mu­nen ma­chen deut­lich, dass die­se Pro­ble­me mit dem bis­he­rig zur Ver­fü­gung ste­hen­den In­stru­men­ta­ri­um nicht ge­löst wer­den und den Leh­rern und So­zi­al­ar­bei­tern nicht ge­hol­fen wer­den kann. Sämt­li­che so­zia­le In­te­gra­ti­ons­be­mü­hun­gen der Volks­grup­pen wie Ro­ma, Sin­ti, Lo­va­ra, Kaldaresch und Ur­sa­ni ha­ben bis­her über­all ver­sagt und sind selbst in de­ren Her­kunfts­län­dern wie Un­garn, Bul­ga­ri­en, Ru­mä­ni­en, Slo­wa­kei und Tsche­chi­en nicht ein­mal an­satz­wei­se ge­lun­gen.

Auch nicht in Deutsch­land, trotz tat­kräf­ti­ger An­stren­gung sei­tens der Län­der, Kom­mu­nen und vie­ler eh­ren­amt­li­cher, qua­li­fi­zier­ter In­sti­tu­tio­nen. Die Städ­te konn­ten trotz star­ken Ein­sat­zes er­heb­li­cher Fi­nanz­mit­tel und gu­ter Kon­zep­te kei­ne Er­fol­ge zei­ti­gen und ha­ben ka­pi­tu­liert. En­de 2016 hat auch die Stadt Han­no­ver die­sen Zu­stand pu­bli­ziert und zu­ge­ge­ben, dass sie un­ter an­de­rem ge­gen das Schul­schwän­zen der Kin­der die­ser Be­völ­ke­rungs­grup­pen nicht in der La­ge sei, die Schul­pflicht durch­zu­set­zen.

Die tür­ki­sche Groß­stadt Konya hat in ei­nem Neu­bau­ge­biet mo­der­ne Woh­nun­gen für die­se Be­völ­ke­rungs­grup­pen ein­ge­rich­tet, al­ler­dings ver­geb­lich. Der Bür­ger­meis­ter be­klagt, dass die­ses Vier­tel zu ei­ner Kloa­ke mu­tiert sei. Die Stadt Mai­land hat ähn­li­che Er­fah­run­gen ge­macht und die­se Be­völ­ke­rungs­grup­pen schließ­lich we­gen Nicht­in­te­grier­bar­keit zwangs­wei­se in de­ren Ur­sprungs­län­der zu­rück­brin­gen las­sen. Die EU hat eben­so ne­ga­ti­ve Er­fah­run­gen ma­chen müs­sen. Sie hat für die In­te­gra­ti­on die­ser Volks­grup­pen in den oben er­wähn­ten Län­dern ein Son­der­pro­gramm auf­ge­legt. Von den zur Ver­fü­gung ge­stell­ten 26 Mil­li­ar­den Eu­ro (!) wur­den so gut wie kei­ne Mit­tel ab­ge­ru­fen, weil sich ei­ne be­ruf­li­che För­de­rung oder ei­ne so­zia­le In­te­gra­ti­on als un­mög­lich er­wie­sen hat­te. Der Fonds wur­de er­folg­los ein­ge­stellt.

Was bis­her nir­gend­wo er­folg­reich war, wird auch in Han­no­ver nicht ge­lin­gen! Um zu die­ser Fest­stel­lung zu ge­lan­gen, braucht man kein Au­gur zu sein. Dr. Ull­rich West­er­ha­gen, Groß­burg­we­del

Mehr Ach­tung ent­ge­gen­brin­gen

Zum Ar­ti­kel „Schluss mit stin­ken­den Schul­toi­let­ten?“vom 23. Sep­tem­ber: 20 Jah­re die Schul­toi­let­ten der­art ver­gam­meln zu las­sen – das ist be­schä­mend für Han­no­ver. Sol­che Zu­stän­de kann man doch den Kin­dern nicht zu­mu­ten! Und die Mei­nung von Herrn Spie­gel­hau­er, es ma­che kei­nen Sinn, die Toi­let­ten zu sa­nie­ren, wenn in ei­ni­gen Jah­ren ei­ne Schu­le neu ge­baut wird, fin­de ich em­pö­rend. Was heißt das denn kon­kret? Wie lan­ge müs­sen die Kin­der die­se un­halt­ba­ren Zu­stän­de sei­ner Mei­nung nach ein­fach er­tra­gen? Un­se­ren Kin­dern, die un­se­re Zu­kunft sind, soll­te mehr Ach­tung ent­ge­gen­ge­bracht wer­den! Si­grid Bach­mann, Han­no­ver

FO­tO: DPA (Ar­CHIv)

Be­drü­cken­de Si­tua­ti­on: An so­ge­nann­ten Brenn­punkt­schu­len ist viel En­ga­ge­ment der Leh­rer ge­for­dert – und reicht doch bei Wei­tem nicht aus.

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