Kur­naz ver­misst Auf­stand der Mus­li­me ge­gen den Ter­ror

Der Bre­mer Ex-Guan­ta­na­mo-Häft­ling mahnt jun­ge Mi­gran­ten in Deutsch­land zu In­te­gra­ti­on und Ge­duld

Hannoversche Allgemeine - - NIEDERSACHSEN & DER NORDEN - Von ECk­hOrS Sten­a­el

Bre­men. Der ehe­ma­li­ge Häft­ling im US-Ge­fan­ge­nen­la­ger Guan­ta­na­mo auf Ku­ba, Mu­rat Kur­naz, wünscht sich ei­nen „Auf­stand“der in Deutsch­land le­ben­den Mus­li­me ge­gen den is­la­mis­ti­schen Ter­ror. „Wo sind sie, die hier le­ben­den Tür­ken oder Ma­rok­ka­ner oder Tu­ne­si­er, die die­sen Ter­ror laut ver­ur­tei­len? Wo ist der Auf­stand der Mus­li­me, die in Deutsch­land le­ben? Was ist los mit euch? Das ist un­ser Gott, des­sen Na­me be­schmutzt wird. Und vor al­lem: Das ist un­ser Land!“, schreibt der 35-Jäh­ri­ge in der ak­tu­el­len Aus­ga­be der Wo­chen­zei­tung „Die Zeit“.

Fünf Jah­re Ge­fan­gen­schaft Der in Bre­men ge­bo­re­ne Sohn tür­ki­scher Gas­t­ar­bei­ter war 2001, bald nach den An­schlä­gen vom 11. Sep­tem­ber, als 19-Jäh­ri­ger nach Pa­kis­tan ge­reist, „um den Is­lam zu stu­die­ren“, wie er sag­te. Dort wur­de er En­de 2001 als mög­li­cher Ter­ro­rist fest­ge­nom­men. Fast fünf Jah­re lang saß er im af­gha­ni­schen USStütz­punkt Kan­da­har und im USLa­ger Guan­ta­na­mo Bay. Mehr­fach wur­de er nach ei­ge­nen An­ga­ben ge­fol­tert. Ge­gen den streng­gläu­bi­gen Mos­lem gab es le­dig­lich va­ge In­di­zi­en, die we­der in Deutsch­land noch in den USA für ei­ne An­kla­ge reich­ten. Bun­des­kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel (CDU) be­wirk­te 2006 sei­ne Frei­las­sung. Die vor­her am­tie­ren­de rot-grü­ne Bun­des­re­gie­rung woll­te ihn da­ge­gen nicht nach Deutsch­land zu­rück­keh­ren las­sen.

Kur­naz ar­bei­tet in­zwi­schen als Kul­tur- und Sprach­mitt­ler für Flücht­lin­ge in Sprach­lern­klas­sen und in Hei­men. Au­ßer­dem hält er Vor­trä­ge in al­ler Welt. „Mit mei­ner Ar­beit ha­be ich es ge­schafft, aus mei­nen Er­fah­run­gen Sinn zu schöp­fen“, schreibt er in der „Zeit“. „Ich tref­fe häu­fi­ger mal Jungs, de­ren größ­tes Ziel es ist, reich zu wer­den, auch auf kri­mi­nel­le Wei­se.“Ih­nen sa­ge er, dass sie zwei Mög­lich­kei­ten hät­ten: „Ihr macht euch das Le­ben sel­ber ka­putt. Oder ihr in­te­griert euch, ver­dammt noch mal!“

Vie­le ara­bisch- und tür­kisch­stäm­mi­ge Ju­gend­li­che ha­ben laut Kur­naz das Ge­fühl, sie wür­den nie da­zu­ge­hö­ren und hät­ten kei­ne Chan­ce in Deutsch­land. „De­nen sa­ge ich: Hört auf mit dem Quatsch! Ihr habt al­le Chan­cen. Strengt euch an in der Schu­le. Macht ei­ne ver­nünf­ti­ge Aus­bil­dung.“Das Wich­tigs­te da­bei sei Ge­duld. „Es geht im Le­ben um den lan­gen Atem.“Und es ge­he dar­um „zu schät­zen, was man hat“. In Deutsch­land müs­se nie­mand um sein Le­ben fürch­ten, je­der kön­ne sei­ne Mei­nung sa­gen. „Ich le­be im wahr­schein­lich frei­es­ten Land die­ser Er­de.“

„Ich ha­be kei­ne Wut“Kur­naz wie­der­hol­te auch sei­ne Fol­ter­vor­wür­fe, die er be­reits in ei­nem Buch über sei­ne In­haf­tie­rung er­ho­ben hat­te. Aber er ha­be im La­ger auch po­si­ti­ve Er­fah­run­gen ge­macht, die sei­nen Glau­ben an die Men­schen ge­fes­tigt hät­ten. Zum Bei­spiel ha­be er ei­nen Ara­ber ken­nen­ge­lernt, dem die US-Ame­ri­ka­ner bei­de Bei­ne am­pu­tiert hät­ten. „Der dre­cki­ge Ver­band um sei­ne Stümp­fe wur­de nie ge­wech­selt. Er be­kam kei­ne Me­di­zin und hat­te furcht­ba­re Schmer­zen.“Trotz­dem ha­be er nur dann ge­weint, wenn an­de­re ge­schla­gen wur­den. „Er hat­te Mit­ge­fühl, ob­wohl er selbst so un­mensch­lich be­han­delt wur­de.“

Trotz der Haft und der jah­re­lang ver­zö­ger­ten Frei­las­sung „ha­be ich kei­ne Wut in mir“, schreibt der ver­hei­ra­te­te Va­ter zwei­er Kin­der. Be­reits zum zehn­ten Jah­res­tag sei­ner Frei­las­sung 2006 hat­te er im ver­gan­ge­nen Jahr ge­sagt, kei­nen Hass zu emp­fin­den, denn „dann wä­re ich ja wie die Men­schen, die mich ge­fol­tert ha­ben“. Statt­des­sen setz­te er sich da­für ein, dass der Ra­che­kreis­lauf, wie er sich auch beim is­la­mis­ti­schen Ter­ror zei­ge, end­lich ein En­de ha­ben müs­se.

FO­TO: STEN­GEL

„Was ist los mit euch?“: Mu­rat Kur­naz

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