Sturm „Her­wart“trifft den Nor­den: Zwei To­te, Bahn stellt Be­trieb ein

Cam­per von Sturm­flut über­rascht und er­trun­ken / Im Zug­ver­kehr ist auch heu­te und mor­gen noch mit Ver­zö­ge­run­gen zu rech­nen / Han­no­ver kommt ver­gleichs­wei­se glimpf­lich da­von

Hannoversche Allgemeine - - VORDERSEITE - Von Ste­fan Knopf und Ma­nu­el Behrens

Han­no­ver. Knapp vier Wo­chen nach „Xa­vier“ist der nächs­te Herbst­sturm über Deutsch­land hin­weg­ge­fegt. Das Sturm­tief „Her­wart“hat am Sonn­tag ei­nem Cam­per an der Nord­see­küs­te und ei­ner Frau in Meck­len­burg-Vor­pom­mern das Le­ben ge­kos­tet. Die Bahn stell­te den Zug­ver­kehr in Nord­deutsch­land we­gen des Sturms weit­ge­hend ein. Wich­ti­ge Fern­ver­bin­dun­gen wie Han­no­ver–Dort­mund oder Han­no­ver–Bre­men sol­len erst am Mon­tag oder Di­ens­tag wie­der frei­ge­ge­ben wer­den – Rei­sen­de müs­sen mit Ver­spä­tun­gen rech­nen.

In Han­no­ver wur­de der S-Bahn­Ver­kehr am Sonn­tag­mor­gen ein­ge­stellt, am spä­te­ren Vor­mit­tag fuh­ren die ers­ten Nah­ver­kehrs­zü­ge wie­der. Am Haupt­bahn­hof stell­te die Bahn ei­nen Ho­tel­zug für war­ten­de Rei­sen­de be­reit. Ins­ge­samt kam die Re­gi­on ver­gleichs­wei­se glimpf­lich da­von: Die Feu­er­wehr im Stadt­ge­biet muss­te 16-mal aus­rü­cken, meist we­gen ab­ge­bro­che­ner Äs­te oder weil sich Dach­zie­gel ge­löst hat­ten. In Wül­fel stürz­te ein Baum auf meh­re­re Au­tos. Mel­dun­gen über Ver­letz­te la­gen nicht vor.

Här­ter traf „Her­wart“Ham­burg und die Küs­te. Im Kreis We­ser­marsch stell­ten zwei Cam­per ih­ren Bul­li am Ja­de­bu­sen ab und igno­rier­ten nach Aus­kunft der Po­li­zei ein Warn­schild mit der Auf­schrift „Über­flu­tungs­ge­biet“. In der Nacht zu Sonn­tag wur­den die bei­den Brü­der von der Sturm­flut über­rascht. Die 59 und 63 Jah­re al­ten Män­ner ver­such­ten, sich zu Fuß vor den Was­ser­mas­sen zu ret­ten. Der Jün­ge­re konn­te sich an ei­nen Mast klam­mern und wur­de von der DLRG mit ei­nem Schlauch­boot ge­ret­tet, sei­nen Bru­der konn­ten die Hel­fer nur noch tot aus der Nord­see ber­gen. Auf dem Pee­ne­strom in Meck­len­burg-Vor­pom­mern ken­ter­te ein Mo­tor­boot mit drei Ur­lau­bern. Ein Mann und ei­ne Frau wur­den ge­ret­tet, die Frau starb spä­ter im Kran­ken­haus. Der drit­te Pas­sa­gier wur­de am Abend noch ver­misst.

Der Ham­bur­ger Ha­fen wur­de am Sonn­tag­mor­gen von der Sturm­flut er­fasst. Ei­ne Tief­ga­ra­ge in der Nä­he der Elb­phil­har­mo­nie lief voll. Der Was­ser­stand stieg bis auf 1,50 Me­ter an; ob in der Ga­ra­ge Au­tos stan­den, war zu­nächst un­klar. Im Be­reich des Fisch­markts stan­den Stra­ßen un­ter Was­ser, Hel­fer muss­ten Au­tos aus den Flu­ten schlep­pen. Die El­be er­reich­te laut Bun­des­amt für See­schiff­fahrt und Hy­dro­gra­phie vor­über­ge­hend ei­nen Höchst­stand von mehr als drei Me­tern über mitt­le­rem Hoch­was­ser.

Vor Lan­geoog trieb ein Frach­ter ma­nö­vrier­un­fä­hig in der Deut­schen Bucht. Meh­re­re Ver­su­che, das 225 Me­ter lan­ge Schiff ins Fahr­was­ser zu schlep­pen, schei­ter­ten we­gen des See­gangs. Me­dien­be­rich­ten zu­fol­ge lief der Frach­ter am Abend auf Grund. 22 Be­sat­zungs­mit­glie­der be­fin­den sich auf dem Schiff. Der Frach­ter ist zwar un­be­la­den, al­ler­dings hat er 1800 Ton­nen Schwer­öl und 140 Ton­nen Ma­ri­ne­die­sel als Treib­stoff an Bord.

Im Harz wur­den et­li­che Stra­ßen we­gen um­ge­stürz­ter Bäu­me ge­sperrt. Die Na­tio­nal­park­ver­wal­tung warnt da­vor, die Wäl­der im Harz zu be­tre­ten: Auch nach Ab­flau­en des Sturms könn­ten Äs­te von den Bäu­men bre­chen, hieß es.

Bahn­rei­sen­de müs­sen sich auch heu­te und mor­gen auf Ver­zö­ge­run­gen ein­stel­len. Un­ter an­de­rem blie­ben die Ver­bin­dun­gen Han­no­ver– Dort­mund, Han­no­ver–Bre­men, Ham­burg–Ber­lin, Ber­lin–Frank­furt, Ber­lin–Leip­zig, Ber­lin–Dres­den und Dort­mund–Ham­burg ge­sperrt. Auf ei­ni­gen Stre­cken, dar­un­ter Ham­burg–Ber­lin, sol­len die Zü­ge erst am Di­ens­tag wie­der rol­len.

sper­run­gen zum teil bis Di­ens­tag: Bahn­rei­sen­de in Han­no­ver.

Der Sonn­tag be­gann für vie­le Han­no­ve­ra­ner ges­tern un­ru­hig. In Stadt und Um­land be­gru­ben stür­zen­de Bäu­me Au­tos un­ter sich, mehr­fach fiel der Stadt­bahn­ver­kehr aus, und be­reits um 6.45 Uhr wur­de der Bahn­ver­kehr aus Si­cher­heits­grün­den ein­ge­stellt – erst ab dem spä­ten Vor­mit­tag fuh­ren zu­min­dest ei­ni­ge S-Bah­nen wie­der ins Um­land. Für vie­le Rei­sen­de am Haupt­bahn­hof wur­de das Sturm­tief zur Ge­dulds­pro­be.

Zu den War­ten­den ge­hör­te auch der 20-jäh­ri­ge Oleg Mi­su­na aus der Ukrai­ne. Mit sei­ner Freun­din hat­te er sich sei­nen ers­ten Auf­ent­halt in Han­no­ver an­ders vor­ge­stellt. Auf ei­nen Stadt­spa­zier­gang bei kal­tem Re­gen und star­ken Bö­en hat­te das Paar kei­ne Lust. Statt­des­sen rei­hen sich die bei­den not­ge­drun­gen in die Schlan­ge vor dem In­fo­schal­ter der Bahn ein: „Wir ha­ben Fahr­kar­ten für ei­nen Zug nach Ber­lin – aber das wird wohl erst mal nichts.“

An Gleis 9 hat­te die Bahn ei­nen Ho­tel­zug für war­ten­de Rei­se­gäs­te be­reit­ge­stellt. Auch der S-Bahn­Ver­kehr war von der Stre­cken­sper­rung be­trof­fen. Be­reits am Vor­mit­tag wur­den je­doch die Stre­cken der Li­ni­en S1, S2 und S4 wie­der frei­ge­ge­ben.

Auch Fahr­gäs­te der Stadt­bah­nen muss­ten sich am Sonn­tag mehr­fach in Ge­duld üben: Gleich zwei­mal wa­ren Gleich­rich­ter­wer­ke aus­ge­fal­len, was zum Still­stand auf meh­re­ren Li­ni­en führ­te. Am Nach­mit­tag fie­len die Li­ni­en 3, 7, 9 und 17 für et­wa zwei St­un­den aus. Ob das Sturm­tief schuld am Ver­sa­gen der Tech­nik war? Un­ter­neh­mens­spre­cher Udo Iwan­nek woll­te sich nicht fest­le­gen, hielt das aber für „vor­stell­bar.“

Die Stadt­feu­er­wehr hat­te der­weil ei­nen deut­lich ent­spann­te­ren Ar­beits­tag als bei Sturm „Xa­vier“: Wa­ren am 5. Ok­to­ber mehr als 300 Ein­sät­ze nö­tig, muss­ten die Kräf­te im Stadt­ge­biet nur 16-mal aus­rü­cken. Größ­ten­teils han­del­te es sich um her­ab­ge­stürz­te Äs­te und durch den Wind ge­lös­te Dach­zie­gel. An der Mat­thäi­kirch­stra­ße in Wül­fel fiel ein Baum auf meh­re­re Au­tos. Be­son­ders är­ger­lich: Ei­ner der Wa­gen war nach An­ga­ben des Be­sit­zers gera­de ein­mal ein paar Ta­ge alt.

Auch in der Stra­ße am Stö­cke­ner Bach kipp­te ein gro­ßer Baum um und be­schä­dig­te ei­nen ab­ge­stell­ten Au­di Q7. In Laat­zen fiel ein Baum auf drei Au­tos. Ein Ver­kehrs­schild aber mil­der­te die Wucht des Auf­pralls, so­dass laut Feu­er­wehr nur ein ge­rin­ger Scha­den ent­stand. In kei­nem der Au­tos saß oder fuhr zu dem Zeit­punkt je­mand.

Der Flug­ver­kehr in Lan­gen­ha­gen war nicht be­trof­fen. Ob­wohl „Her­wart“Sonn­tag­nach­mit­tag ab­schwäch­te, rät die Feu­er­wehr zur Vor­sicht: In Wäl­dern könn­ten wei­ter lo­se Äs­te ei­ne Ge­fahr dar­stel­len.

FO­TOS: DPA (2)

900 Feu­er­wehr­ein­sät­ze al­lein in Ham­burg: Die sturm­flut setz­te stra­ßen in der Ha­fen­ci­ty un­ter was­ser, ei­ne tief­ga­ra­ge lief voll.

FO­TO: DILLENBERG

Stür­mi­scher Sonn­tag: An der Mat­thäi­kirch­stra­ße in Wül­fel fiel ein Baum auf meh­re­re Au­tos.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.