Pa­ra­dies der al­ten Äp­fel

Im Amt Neu­haus an der El­be wach­sen so vie­le Obst­bäu­me an den Stra­ßen wie sonst nir­gends

Hannoversche Allgemeine - - NIEDERSACHSEN & DER NORDEN - VON CA­RO­LIN GE­OR­GE

Ko­nau. Hoch­stäm­mi­ge Obst­bäu­me säu­men die mit Kopf­stein ge­pflas­ter­te Auf­fahrt, die zu ei­nem präch­ti­gen Fach­werk­haus führt.Gleich da­hin­ter trennt der Deich das Dorf Ko­nau von der El­be. Durch ei­ne ho­he Glas­tür geht es hin­ein in die Die­le des Hau­ses, und auf dem lan­gen Tisch ste­hen körb­chen­wei­se Äp­fel – gel­be und ro­te, ge­streif­te und ge­scheck­te. Sie hei­ßen Bau­manns Re­net­te, Wend­län­di­sches Sei­den­hemd­chen, Gold­par­mä­ne, und ei­ner trägt den Na­men Lan­ger grü­ner Gül­der­ling. All die­se Sor­ten wach­sen in der Ge­gend, an öf­fent­li­chen Stra­ßen. Ein Pa­ra­dies der al­ten Äp­fel.

Das Pro­jekt, das hier im nord­öst­lichs­ten Teil des Land­krei­ses Lü­ne­burg ent­lang der El­be in­iti­iert wur­de, ist ein­ma­lig in Nie­der­sach­sen: Eh­ren­amt­li­che Obst­baum­war­te pfle­gen rund 3500 Obst­bäu­me. Ins­ge­samt gibt es in der Re­gi­on mehr als 13 000 Ap­fel-, Birn- und Zwetsch­gen­bäu­me – sie wach­sen an den Ge­mein­de- und Kreis­stra­ßen auf ei­ner Ge­samt­län­ge von rund 80 Ki­lo­me­tern so­wie auf den zahl­rei­chen Streu­obst­wie­sen. „Wir wis­sen von et­wa 150 ver­schie­de­nen Sor­ten, die­se Viel­falt ist ein­ma­lig“, sagt Ju­lia Gerd­sen. Die Kul­tur­wis­sen­schaft­le­rin ar­bei­tet für den Ver­ein Ko­nau 11 Na­tur und hat vor drei Jah­ren das Pro­jekt Obst­baum­war­te mit auf den Weg ge­bracht.

Mit Ca­fé und Most­kü­che 25 Frau­en und Män­ner sor­gen da­für, dass die öf­fent­li­chen Obst­bäu­me gut wach­sen, in­dem sie sie im Win­ter fach­ge­recht be­schnei­den und pfle­gen. Als Dan­ke­schön für ih­re Ar­beit dür­fen die Pfle­ger die Früch­te ih­rer Zög­lin­ge ern­ten. „Wir sind be­geis­tert, wie vie­le Men­schen un­se­rem Auf­ruf ge­folgt sind“, sagt Ju­lia Gerd­sen. Ein Ko­ope­ra­ti­ons­ver­trag zwi­schen Ver­ein, Land­kreis und Kom­mu­nen re­gelt das Bü­ro­kra­ti­sche, für die Fi­n­an- zie­rung sorgt die hie­si­ge Spar­kas­sen­stif­tung.

Die von der Spar­kas­se Lü­ne­burg gut aus­ge­stat­te­te Stif­tung hat nicht nur den his­to­ri­schen Hof mit der Haus­num­mer 11 in dem Elb­dorf Ko­nau ge­kauft und dort ein Ca­fé und ei­ne Most­kü­che für das Pres­sen von re­gio­na­lem Saft ein­ge­rich­tet, sie fi­nan­ziert auch vier Teil­zeit­kräf­te, die für den Ver­ein ar­bei­ten. Seit die­sem Jahr gibt es zu­dem ei­nen Platz für ein Frei­wil­li­ges Öko­lo­gi­sches Jahr. Für be­son­de­re Ide­en wirbt der Ver­ein ex­ter­ne Mit­tel ein, so fi­nan­zie­ren der Land­kreis Lü­ne­burg und die Bingo-Um­welt­stif­tung über zwei Jah­re ein Pro­jekt, mit dem al­te, re­gio­na­le Obst­sor­ten er­hal­ten wer­den sol­len. „Wir wol­len den Men­schen zei­gen, wie ein­fach es ist, Obst­bäu­me zu ver­meh­ren und zu ver­edeln“, sagt Ju­lia Gerd­sen. In Mit­mach­werk­stät­ten ler­nen Gar­ten­be­sit­zer, wie die Me­tho­den der Ko­pu­la­ti­on, des Auf­prop­fens oder des Oku­lie­rens funk­tio­nie­ren.

Der Ver­ein pflegt nicht nur die Obst­bäu­me, er er­fasst sie auch. „Wir ha­ben be­reits 2500 Bäu­me kar­tiert und di­gi­ta­li­siert“, be­rich­tet Gerd­sen, „dar­un­ter auch un­be­kann­te Sor­ten, für die wir noch kei­nen Na­men ha­ben. Ei­nen von ih­nen ha­ben wir we­gen sei­nes Aus­se­hens erst ein­mal Schnurr­bartap­fel ge­nannt.“Mit­tel­fris­tig will der Ver­ein die An­woh­ner der Re­gi­on be­fra­gen, ob sie mehr wis­sen über die Ge­schich­te be­stimm­ter lo­ka­ler Sor­ten – um den noch na­men­lo­sen Äp­feln ih­re kor­rek­te Be­zeich­nung ge­ben zu kön­nen.

Doch jetzt steht erst ein­mal die Pfle­ge der Stra­ßen­bäu­me an: Ab No­vem­ber kra­xeln die Ver­eins­mit­glie­der wie­der auf ih­re Lei­tern, mit Müt­zen auf den Köp­fen und Sche- ren in den Hän­den. Und Die­ter Schrö­der ist der­je­ni­ge, der den 25 eh­ren­amt­li­chen Obst­baum­war­ten zeigt, wie sie die al­ten Herr­schaf­ten zu pfle­gen ha­ben. Der ge­prüf­te Na­tur- und Land­schafts­pfle­ger stammt aus ei­ner land­wirt­schaft­li­chen Fa­mi­lie und stand schon als Kind stau­nend un­ter den Obst­bäu­men auf dem Hof. „Die Fas­zi­na­ti­on ei­nes Obst­baums vol­ler Früch­te hat mich nie los­ge­las­sen.“

Die­ses Jahr al­ler­dings müs­sen die eh­ren­amt­li­chen Baum­freun­de von der El­be ge­nau­so wie die er­werbs­mä­ßi­gen Obst­bau­ern mit ei­ner äu­ßerst ma­ge­ren Ern­te aus­kom­men. „Wir ha­ben viel­leicht 5 Pro­zent von dem, was mög­lich wä­re“, sagt Schrö­der. Grün­de sind ne­ben dem Frost wäh­rend der Blü­te­zeit die ins­ge­samt nied­ri­gen Tem­pe­ra­tu­ren im Früh­ling: Zu we­nig Bie­nen sind ge­flo­gen.

Hat ein Herz für al­te Sor­ten: Ju­lia Gerd­sen. An­lauf­stel­le für Obst­freun­de: Das Haus mit der Num­mer 11 in Ko­nau.

FO­TOS: GE­OR­GE Darf es ein Wend­län­di­sches Sei­den­hemd­chen oder doch lie­ber ein klas­si­scher Cox Oran­ge sein? Die Ap­fel­sor­ten tra­gen zum Teil sehr fan­ta­sie­rei­che Na­men.

Obst­baum­war­te bei der Pfle­ge ih­rer Schütz­lin­ge.

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