Die Kanz­le­rin am Wen­de­punkt

Hannoversche Allgemeine - - BLICK IN DIE ZEIT - Von Gor­don Repinski

Als An­ge­la Mer­kel im Herbst 2005 Bun­des­kanz­le­rin wur­de, gab es noch kein iPho­ne, der fran­zö­si­sche Prä­si­dent hieß Jac­ques Chi­rac, und im deut­schen Na­tio­nal­mann­schafts­mit­tel­feld spiel­ten Se­bas­ti­an Deis­ler und Patrick Owo­mo­y­e­la. Seit 13 Jah­ren ist Mer­kel Kanz­le­rin. Es ist ei­ne so lan­ge Zeit, dass man­cher selbst in ih­rer ei­ge­nen Par­tei den End­punkt die­ser Epo­che of­fen­bar gar nicht mehr ab­war­ten kann. Das eins­ti­ge Pe­gi­da-Mot­to „Mer­kel muss weg“ist von Dres­dens Stra­ßen zur AfD ge­si­ckert, von dort zur „Bild“und schließ­lich spä­tes­tens in die­ser Wo­che in der Mit­te der Uni­ons­frak­ti­on an­ge­kom­men. Der Don­ners­tag ist so zum Wen­de­punkt in der Bun­des­po­li­tik ge­wor­den. Die Au­to­ri­tät der Kanz­le­rin ist be­schä­digt.

Dies al­les pas­siert in ei­ner Zeit, in der in Deutsch­land die Wirt­schaft trotz glo­ba­ler Tur­bu­len­zen brummt, Mo­nat für Mo­nat Re­kord­tief­stän­de in der Ar­beits­lo­sen­sta­tis­tik ver­kün­det wer­den, Löh­ne und Ren­ten stei­gen und so­gar die Kin­der­be­treu­ung Stück für Stück kos­ten­frei wird. Wie kann es ei­gent­lich sein, dass sich ein Land in ei­nem der­art gu­ten, ge­sun­den Zu­stand wie Deutsch­land in ei­ner seit ei­nem Jahr na­he­zu pau­sen­lo­sen Re­gie­rungs­kri­se be­fin­det?

Die Ant­wort ist schlicht: Weil die po­li­ti­sche De­bat­te nur noch ein The­ma kennt – die Flücht­lings­po­li­tik. Da­bei spielt es gar kei­ne Rol­le mehr, dass die Po­li­tik der of­fe­nen Gren­zen, über die Mer­kels Geg­ner ger­ne spot­ten, seit Lan­gem gar nicht mehr um­ge­setzt wird. Die De­bat­te um die Flücht­lings­po­li­tik hat sich von der Rea­li­tät ent­kop­pelt, und im po­li­ti­schen Berlin ma­chen al­le da­bei mit, sie für ih­re Zwe­cke zu in­stru­men­ta­li­sie­ren. Ge­gen Mer­kel zu sein funk­tio­niert, ge­gen Mer­kel zu sein ver­kauft sich neu­er­dings auch gut.

Tat­säch­lich be­ginnt in die­sen Ta­gen wohl die letz­te Pha­se ih­rer Kanz­ler­schaft. Mer­kel führt ei­nen na­he­zu aus­sichts­lo­sen Kampf, denn die Sym­bo­lik des Feind­bil­des, das sie selbst dar­stellt, hat sie of­fen­bar un­ter­schätzt. Aber die schlei­chen­de Ent­mach­tung Mer­kels die­ser Ta­ge hin­ter­lässt ei­nen bit­te­ren Bei­ge­schmack. Denn die Art, wie sich die Mi­nis­ter, Lan­des­chefs und Ab­ge­ord­ne­te von der po­pu­lis­ti­schen Angst­ma­che­rei der AfD trei­ben las­sen, kann ei­nem Angst ma­chen. Ja, die Flücht­lings­po­li­tik ist ein wich­ti­ger Teil der all­täg­li­chen De­bat­te, über sie muss ge­run­gen wer­den. Aber dann bit­te auch um Fra­gen der In­te­gra­ti­on statt nur um die der Ab­schie­bun­gen und Grenz­schlie­ßun­gen.

Wenn die­se stür­mi­schen Ta­ge von Berlin vor­bei sind, wä­re es Zeit für ei­nen Mo­ment der Be­sin­nung im Re­gie­rungs­vier­tel. We­ni­ger Ad­re­na­lin, mehr Nüch­tern­heit, mehr The­men. Die kon­struk­ti­ve De­bat­te um Kon­zep­te ist üb­ri­gens auch beim Wäh­ler ein ech­tes Er­folgs­re­zept. Es feh­len nur ge­ra­de die Mu­ti­gen, die an die­se be­son­de­re Form des Po­pu­lis­mus glau­ben.

Ge­gen Mer­kel zu sein funk­tio­niert, ge­gen Mer­kel zu sein ver­kauft sich neu­er­dings auch gut.

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