Rei­ne Ka­pi­täns­sa­che

Wie führ­ten Neu­ers Vor­gän­ger die DFB-Aus­wahl zum Ti­tel – und wie er­ging es ih­nen da­nach?

Hannoversche Allgemeine - - FUßBALL−WELTMEISTERSCHAFT - Von Patrick Stras­ser

Watutinki. Noch vor we­ni­gen Wo­chen hät­ten Ex­per­ten das nicht für mög­lich ge­hal­ten: Ma­nu­el Neu­er steht in Mos­kau auf dem Trai­nings­platz, hech­tet, springt, kickt. Acht Mo­na­te hat­te der Na­tio­nal­tor­wart nach sei­nem drit­ten Fuß­bruch ge­lit­ten, ge­kämpft, ge­hofft. Er ge­wann den Wett­lauf ge­gen die Zeit, ge­gen die Zweif­ler – und ver­traut wie­der sei­nem Kör­per. „Ma­nu hat au­ßer­ge­wöhn­li­che Fä­hig­kei­ten. Ich ge­be zu, dass auch wir zu Be­ginn nicht wuss­ten, wie er ei­ne solch lan­ge Pau­se weg­ste­cken kann, in wel­cher Form er über­haupt sein kann“, ver­riet Bun­des­trai­ner Joa­chim Löw dem „Ki­cker“.

Es ging gut. Ein­ein­halb Test­spie­le ge­gen Ös­ter­reich (1:2) und Sau­diA­ra­bi­en (2:1) müs­sen rei­chen, am Sonn­tag ge­gen Me­xi­ko geht Neu­er in sein drit­tes WM-Tur­nier, be­strei­tet sein 14. WM-End­run­den­spiel. Als Ti­tel­ver­tei­di­ger. Und erst­mals als Ka­pi­tän.

Der 32-Jäh­ri­ge will in die Fuß­stap­fen von Phil­ipp Lahm tre­ten, der vor vier Jah­ren in Rio den Po­kal ent­ge­gen­neh­men durf­te. Noch nie ge­lang ei­ner DFB-Elf die WM-Ti­tel­ver­tei­di­gung, Neu­er, seit Sep­tem­ber 2016 Ka­pi­tän mit bis­her 76 Län­der­spiel­ein­sät­zen, könn­te al­so in die His­to­rie ein­ge­hen. Im Fall der Fäl­le wä­re er ei­ner von dann neun Spie­lern im ak­tu­el­len Löw-Ka­der, die nach Bra­si­li­en 2014 zum zwei­ten Mal höchs­te Fuß­bal­ler-Wei­hen er­füh­ren.

Wer wa­ren die bis­he­ri­gen vier Ka­pi­tä­ne der Welt­meis­ter­mann­schaf­ten des DFB – in den Jah­ren 1954, 1974, 1990, 2014? Und wa­ren die Spie­ler mit der Spiel­füh­rer­bin­de vier Jah­re spä­ter bei der Ti­tel­ver­tei­di­gung über­haupt noch da­bei? Ein Rück­blick:

Fritz Wal­ter (WM 1954): Sei­ne Mit­spie­ler tru­gen den Kai­sers­lau­te­rer Spiel­ma­cher, der 2002 ver­starb, nach dem über­ra­schen­den 3:2-Tri­umph über Fa­vo­rit Un­garn auf den Schul­tern. Da­mit sorg­te die Her­ber­ger-Elf bei der ers­ten Tur­nier­teil­nah­me ei­ner deut­schen Mann­schaft nach dem Zwei­ten Welt­krieg für Eu­pho­rie in der Hei­mat. Für ei­ni­ge His­to­ri­ker mar­kiert das Wun­der von Bern so­gar den ei­gent­li­chen Grün­dungs­tag der Bun­des­re­pu­blik. Bei der WM 1958 in Schwe­den war Wal­ter mit 37 Jah­ren, ge­pei­nigt von vie­len Ver­let­zun­gen, nicht mehr der Al­te. Un­ter Ka­pi­tän Hans Schä­fer vom 1. FC Köln gab es im­mer­hin Platz vier.

Franz Be­cken­bau­er (WM 1974): „Kai­ser“Franz führ­te die Schön-Elf, an­ge­trie­ben vom Bay­ern-Block, zum Ti­tel. Im Fi­na­le von München ge­wan­nen Gerd Müller, Paul Breit­ner und Co. 2:1 ge­gen die Nie­der­lan­de. 1977 trat US-Le­gio­när Be­cken­bau­er im Streit mit dem DFB aus der Na­tio­nal­elf zu­rück. Mit Nach­fol­ger Ber­ti Vogts ver­bin­det man die „Schmach von Cór­do­ba“bei der WM 1978 in Ar­gen­ti­ni­en. Das 2:3 ge­gen Ös­ter­reich be­deu­te­te – oh­ne Be­cken­bau­er – das Aus in der Zwi­schen­run­de.

Lothar Mat­thä­us (WM 1990): Sei­ne Krö­nungs­ze­re­mo­nie fand nach dem 1:0 im Fi­na­le ge­gen Ar­gen­ti­ni­en in Rom statt, Be­cken­bau­er kai­ser­te sich als Te­am­chef zum Ti­tel. Mat­thä­us, fort­an un­ter Bun­des­trai­ner Vogts um­strit­ten, kehr­te 1994 bei der End­run­de in den USA als Ka­pi­tän – und wie sei­ne Mann­schaft zu früh in die Hei­mat zu­rück: Bla­ma­bles Vier­tel­fi­nal­aus ge­gen Bul­ga­ri­en (1:2). Phil­ipp Lahm (WM 2014): Kurz vor der WM 2010 ver­letz­te sich Micha­el Bal­lack, von Klins­mann einst „Ca­pi­ta­no“ge­ru­fen. Löw mach­te den Münch­ner Lahm zum Ka­pi­tän. Da­mit wur­de der 26-Jäh­ri­ge jüngs­ter DFB­Spiel­füh­rer bei ei­ner WM, am En­de stand in Süd­afri­ka Rang drei. 2014 hol­te er sich das Ding, trat an­schlie­ßend zu­rück.

In Russ­land Ka­pi­tän: Ma­nu­el Neu­er. FO­TO: GET­TY

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