We­he, der Iran schießt ein Tor ...

Die Re­gie­rung in Te­he­ran fürch­tet hin­ter ver­schlos­se­nen Tü­ren den Er­folg ih­rer Na­tio­nal­mann­schaft

Hannoversche Allgemeine - - FUßBALL−WELTMEISTERSCHAFT - Von Patrick Stras­ser

Na­ta­lie Ami­ri, als im Mai das Bun­des­li­ga-Spiel zwi­schen dem 1. FC Köln und dem FC Bay­ern im TV über­tra­gen wur­de, zeig­te das ira­ni­sche Staats­fern­se­hen Schieds­rich­te­rin Bi­bia­na St­ein­haus nur in der to­ta­len Ka­me­ra­ein­stel­lung, bei Na­h­auf­nah­men blen­de­te man statt­des­sen Zu­schau­er ein. Wer­den die so­zia­len Me­di­en nicht vom Staat zen­siert? Wie groß ist die Eu­pho­rie rund um das Män­ner­team mit Blick auf die WM in Russ­land? Bei al­len vier bis­he­ri­gen WM-End­run­den­teil­nah­men schied Iran in der Grup­pen­pha­se aus. Wie ver­fol­gen die Ira­ner ei­ne WM? In Ca­fés und Re­stau­rants? Gibt es gar Pu­b­lic Viewing?

Te­he­ran/Mos­kau. Der Iran ist das ein­zi­ge WM-Teil­neh­mer­land, in dem Frau­en nicht ins Sta­di­on dür­fen. Im Zu­ge der Is­la­mi­schen Re­vo­lu­ti­on von 1979 setz­ten die schii­ti­schen Geist­li­chen ein ent­spre­chen­des Ge­setz in Kraft. An­geb­lich sei die At­mo­sphä­re auf den Tri­bü­nen zu mas­ku­lin, zu laut, zu vul­gär, so die Be­grün­dung. Die WM stellt die Ge­set­zes­hü­ter vor Pro­ble­me, sagt Na­ta­lie Ami­ri (39), deutsch-ira­ni­sche Hör­funk- und Fern­seh­jour­na­lis­tin der ARD. So­gar ei­ne Re­vo­lu­ti­on droht bei ei­nem er­folg­rei­chen Ab­schnei­den der Ira­ner. Ein an­stren­gen­des Spiel für die Zen­sur­meis­ter im Iran. Ge­ne­rell wird je­des Spiel mit ei­ner zehn- bis 15-se­kün­di­gen Ver­zö­ge­rung über­tra­gen. Auch bei ei­ner WM. So kön­nen sie Frau­en auf den Tri­bü­nen her­au­sund an­de­re Bil­der rein­schnei­den. Bei St­ein­haus hat man auch ver­sucht, die Rea­li­tät her­aus­zu­schnei- den – im 21. Jahr­hun­dert. In Irans so­zia­len Netz­wer­ken wird das mit enorm viel Iro­nie und Sar­kas­mus be­straft. Na­tür­lich. Über­all, wo es geht. Zu­letzt wur­de der Te­le­gram Mes­sen­ger ge­sperrt, den et­wa 40 Mil­lio­nen der 80 Mil­lio­nen Ira­ner ge­nutzt ha­ben. Ei­ne rie­si­ge Ein­schrän­kung. Auch für uns Jour­na­lis­ten. Denn über Staats­me­di­en be­kommt man kei­ne In­for­ma­tio­nen, was et­wa in den Pro­vin­zen des Lan­des pas­siert. Aber die Ira­ner sind fin­dig und ent­de­cken im­mer neue Mög­lich­kei­ten, über VPN, ein vir­tu­el­les pri­va­tes Kom­mu­ni­ka­ti­ons­netz, die Zen­sur zu um­ge­hen. Die ak­tu­el­len Un­ru­hen im Land ha­ben die Eu­pho­rie ge­nom­men, weil die Men­schen in ih­rem All­tag zu vie­le Pro­ble­me und Sor­gen ha­ben. Die ho­he Ar­beits­lo­sig­keit, der Wäh­rungs­ver­fall von 34 Pro­zent, die Preis­stei­ge­run­gen, aus­blei­ben­de Aus­zah­lung der Ge­häl­ter, da­durch be­ding­te Hun­gers­nö­te – das al­les hat Prio­ri­tät. Es bro­delt im Land im­mer mehr, tag­täg­lich gibt es Pro­tes­te. Von Bau­ern, Leh­rern, Lkw-Fah­rern. Ak­tu­ell ent­wi­ckelt sich dar­aus aber kei­ne Be­we­gung, weil es kei­nen Plan und kei­nen An­füh­rer gibt. Nur die hart­ge­sot­te­nen Fuß­ball­fans konn­ten sich wirk­lich auf das Tur­nier freu­en. Aber die Eu­pho­rie könn­te schnell ent­facht wer­den. Soll­te Iran auch nur ein Tor schie­ßen, dann strö­men die Men­schen auf die Stra­ßen und fei­ern – und zwar al­le. Rein sport­lich ha­ben sie ei­ne har­te Grup­pe er­wischt mit Spa­ni­en und Por­tu­gal plus Ma­rok­ko. Man hofft, das Auf­takt­spiel ge­gen Ma­rok­ko ir­gend­wie zu ge­win­nen, um dann we­nigs­tens Drit­ter zu wer­den. Iran ist bei­lei­be kein Ge­heim­fa­vo­rit, baut aber auf ei­ne sta­bi­le De­fen­si­ve. In der Asi­en-Qua­li­fi­ka­ti­on blieb man un­be­siegt, kas­sier­te erst dann zwei Ge­gen­tref­fer, als man das Ti­cket für Russ­land be­reits si­cher hat­te. Nein, Pu­b­lic Viewing kennt man dort nicht, schon gar nicht in den Aus­ma­ßen wie in Deutsch­land. Je­de An­samm­lung von Men­schen, auch wenn es nur 20, 30 Leu­te sind, be­deu­tet im Iran ei­ne Ge­fahr für die na­tio­na­le Si­cher­heit. Des­we­gen hat­te man es so­gar den Ca­fés ver­bo­ten, Fuß­ball zu zei­gen. Dies wur­de wi­der­ru­fen. Die Ca­fés dür­fen jetzt doch Lein­wän­de auf­stel­len und be­rei­ten sich auf die WM vor. Aber man soll­te sich dar­auf nicht ver­las­sen. In letz­ter Se­kun­de könn­te der Geheimdienst das Gan­ze ver­bie­ten. Was sie ge­wohnt sind. Ihr Pri­vat­le­ben fin­det im Grun­de kom­plett zu Hau­se hin­ter ver­schlos­se­nen Tü­ren statt. Fa­mi­li­en­fei­ern, Par­tys – fast al­le Frei­zeit­ak­ti­vi­tä­ten. Soll­te ein Tor fal­len, kom­men die Men­schen auf die Stra­ßen. Das ist ja die größ­te Angst des Ge­heim­diens­tes und der Si­cher­heits­kräf­te. Ja, denn wenn dann Hun­dert­tau­sen­de be­zie­hungs­wei­se Mil­lio­nen Men­schen auf den Stra­ßen sind, kön­nen die Si­cher­heits­kräf­te nichts mehr ma­chen. Bei der WM 1998 ge­wann Iran mit 2:1 ge­gen die USA, da wa­ren die fei­ern­den Mas­sen nicht mehr zu hal­ten. In solch ei­ner eu­pho­ri­schen Stim­mung wird kein Ge­setz mehr be­ach­tet. Bei lau­ter Mu­sik wird auf den Au­tos ge­tanzt, die Frau­en zie­hen sich die Kopf­tü­cher ab. Es ist auch schon vor­ge­kom­men, dass die Men­schen die Si­cher­heits­kräf­te zum Tan­zen auf­ge­for­dert ha­ben. Für ei­nen Mo­ment sind dann al­le Re­strik­tio­nen und Mau­ern ver­ges­sen. Denn ei­gent­lich wol­len al­le nur ei­nes: glück­lich sein und fei­ern.

Dann bleibt den Ira­nern le­dig­lich, zu Hau­se zu schau­en. Könn­te es ge­fähr­lich wer­den, falls re­so­lut da­zwi­schen­ge­gan­gen wird?

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