„Ich kann den Kin­dern kein Deutsch bei­brin­gen“

Für Fa­mi­li­en in Müh­len­berg sind Ki­tas ein Schlüs­sel zur Bil­dung – doch ge­ra­de hier man­gelt es an Plät­zen

Hannoversche Allgemeine - - HAN­NO­VER - Von Jut­ta Ri­nas

Del­ven Mos­to hat ge­schafft, wo­von an­de­re Müt­ter träu­men. Die Müh­len­ber­ger Mut­ter hat ih­re drei Kin­der bra­vou­rös durch die Schu­le ge­bracht. 14, 13 und sie­ben Jah­re sind sie alt. Die bei­den Gro­ßen be­su­chen mitt­ler­wei­le die Hum­boldt­schu­le, ein Gym­na­si­um in Lin­den-Süd. Das ist um­so be­mer­kens­wer­ter, weil Mos­to selbst kaum Schul­bil­dung hat. Nur vier Jah­re sei sie zur Schu­le ge­gan­gen, er­zählt die 38-Jäh­ri­ge, die als so­ge­nann­te Stadt­teil­mut­ter ei­nen El­tern­treff im Fa­mi­li­en­zen­trum Müh­len­berg im Ca­na­ris­weg 2 be­treut. Als sie vor 20 Jah­ren als jun­ge Flücht­lings­frau aus dem Irak nach Deutsch­land kam, sprach sie über­dies kein Wort Deutsch. Was al­so ist ihr Er­folgs­re­zept? Wie­so sind ih­re Kin­der so gut der Schu­le? „Ich ha­be ih­nen ge­sagt, dass Schu­le sehr wich­tig ist“, ant­wor­tet Del­ven Mos­to schlicht. „Man muss gut in der Schu­le sein“, be­tont sie noch ein­mal ernst, dann lacht sie und er­zählt stolz von den No­ten ih­rer Kin­der. In Ma­the, in Kunst, auch in Deutsch ha­be ih­re gro­ße Toch­ter in der Grund­schu­le im­mer ei­ne Eins ge­habt. Das Mäd­chen möch­te stu­die­ren – und vi­el­leicht In­nen­ar­chi­tek­tin wer­den.

Hil­fe im Fa­mi­li­en­zen­trum Ge­hol­fen hat si­cher auch, dass Mos­tos Kin­dern et­was zu­teil wur­de, das in Deutsch­land un­ter dem so be­hörd­lich klin­gen­den Na­men früh­kind­li­che Bil­dung fir­miert. Al­le drei hat­ten ei­nen Kin­der­gar­ten­platz, et­was, das vie­len Kin­dern aus­ge­rech­net in ei­nem so ar­men Stadt­teil wie Müh­len­berg fehlt. 301 Kin­der wür­den sich in die­sem Jahr im Fa­mi­li­en­zen­trum Müh­len­berg an­ge­mel­det. Dar­un­ter sind 25 Kin­der, die 2017 ge­bo­ren, al­so ge­ra­de ein­mal Jahr oder jün­ger sind. 209 der an­ge­mel­de­ten Kin­der wur­den zwi­schen 2013 und 2016 ge­bo­ren. Für 67 Kin­der ist die An­mel­dung die letz­te Chan­ce, über­haupt noch vor­schu­li­sche Bil­dung zu er­lan­gen. Ihr Ge­burts­da­tum liegt im Jahr 2012, sie müs­sen al­so 2019 in je­dem Fall in die Schu­le.

Doch die Chan­cen, ei­nen Kin­der­gar­ten­platz zu be­kom­men, ste­hen nicht gut. Ge­ra­de ein­mal 13 Kin­der kann das di­rekt ge­gen­über der Be­ton­hoch­bur­gen des Ca­na­ris­wegs lie­gen­de Fa­mi­li­en­zen­trum in evan­ge­li­scher Trä­ger­schaft auf­neh­men. In der städ­ti­schen Woh­nungs-Ki­ta am Ca­na­ris­weg 21 – 2017 sorg­te sie für Auf­se­hen, weil An­woh­ner re­gel­mä­ßig Müll von den Bal­ko­nen auf die Au­ßen­spiel­flä­che war­fen – sieht es kaum bes­ser aus. 20 Plät­ze gibt es hier – auf der War­te­lis­te ste­hen 130 Kin­der. Auch wenn mitt­ler­wei­le der Müh­len­ber­ger Vier-Punk­tePlan zu grei­fen be­ginnt, mit dem die Stadt neue Ki­ta­plät­ze in dem stark von Ar­mut be­trof­fe­nen Stadt­teil schaf­fen will, auch wenn man ein­rech­net, dass vie­le Fa­mi­li­en ih­re Kin­der in meh­re­ren Müh­len­ber­ger Kin­der­gär­ten an­ge­mel­det ha­ben – die Zah­len be­le­gen den­noch ein­drucks­voll: Die Not am Ca­na­ris­weg ist im­mer noch groß.

Lan­ge War­te­lis­ten Das ist um­so be­drü­cken­der, weil die ho­hen An­mel­de­zah­len auch zei­gen, dass die Müt­ter am Ca­na­ris­weg ver­stan­den ha­ben, wie wich­tig früh­kind­li­che Bil­dung ist. Da­bei hat­ten sie selbst oft kaum oder kei­ne Schul­bil­dung, ge­schwei­ge denn ei­nen Kin­der­gar­ten­platz. Kin­der­gär­ten ha­be es im Irak nur in den gro­ßen Städ­ten ge­ge­ben – und sie sei­en teu­er ge­we­sen, er­zählt die 23-jäh­ri­ge Ais­han Nou­ri Su­lei­man. Die jun­ge Mut­ter aus dem Irak trifft sich re­gel­mä­ßig mit an­de­ren Flücht­lings­frau­en im El­tern­treff des Fa­mi­li­en­zen­trums, mit Ki­ta-Müt­tern und Müt­tern, die kei­nen der ra­ren Plät­ze er­gat­tern konn­ten. Die Mi­schung ist ge­wollt: Der El­tern­treff will Treff­punkt für al­le Be­woh­ner des Stadt­teils sein, Sprach­bar­rie­ren ab­bau­en, Hil­fe­stel­lun­gen bei Ämter­fra­gen leis­ten. Stadt­teil­mut­ter Del­ven Mos­to über­nimmt da­bei ei­ne wich­ti­ge Brü­cken­funk­ti­on zwi­schen Er­zie­hern und El­tern. Sie spricht Ara­bisch, Kur­disch und Deutsch. Sie über­setzt und un­ter­stützt bei Be­hör­den­gän­gen.

Dass Bil­dung im Irak oft den Jun­gen vor­be­hal­ten war, be­rich­ten die Müt­ter an die­sem Mor­gen. Ei­ne durf­te ge­nau wie der Bru­der in die Dorf­schu­le ge­hen. Aber als ein Schul­wech­sel in ei­ne grö­ße­re Stadt be­vor­stand, muss­te sie, an­ders als der Bru­der, zu Hau­se blei­ben. Ei­ne an­de­re wei­ger­te sich, als klei­nes Mäd­chen aus Angst vor dem Schul­weg in die Schu­le zu ge­hen. Als sie es spä­ter doch woll­te, sag­te ih­re Mut­ter: „Du bist äl­ter ge­wor­den, jetzt brauchst du kei­ne Schu­le mehr.“

War­um ist den Frau­en, die zum Teil An­alpha­be­tin­nen sind, die Bil­dung ih­rer Kin­der so wich­tig? „Wir er­le­ben je­den Tag, wie schwie­rig es ist, wenn man nicht mal sei­nen Na­men schrei­ben kann“, sa­gen die Müt­ter – beim Arzt, bei Be­hör­den, im Sprach­kurs. Ih­re sprachmäch­ti­ge­ren Kin­der neh­men sie des­halb zu wich­ti­gen Ter­mi­nen mit, not­ge­drun­gen auch in der Schul­zeit. Es ist ein Teu­fels­kreis, der da oft be­ginnt, weil Kin­der für ih­re Fa­mi­li­en im Ein­satz sind und in der Schu­le feh­len.

Und es gibt wei­te­re Teu­fels­krei­se. Sie ent­ste­hen, wenn Kin­der­gär­ten die ge­rin­ge Schul­bil­dung und die schlech­ten Deutsch­kennt­nis­se von El­tern nicht kom­pen­sie­ren. Die Müt- ter vom Ca­na­ris­weg kön­nen von Kin­dern er­zäh­len, die oh­ne Deutsch­kennt­nis­se in die ers­te Klas­se ei­ner Grund­schu­le kom­men und statt mit Buch­sta­ben und Zah­len mit per­ma­nen­ter Über­for­de­rung kämp­fen. „Da­bei ist es ge­ra­de am An­fang so wich­tig, dass man al­les mit­be­kommt“, sagt Ais­han Nou­ri Su­lei­man. „Sonst ist man so­fort im Hin­ter­tref­fen“, fügt sie an. Müt­ter wie sie müs­sen zu­dem schmerz­lich ler­nen, dass sie ih­ren Kin­dern in ent­schei­den­den Fra­gen kei­ne Hil­fe sind. „Ich kann mei­nen Kin­dern ein­fach kein Deutsch bei­brin­gen, das kön­nen nur Kin­der­gar­ten oder Schu­le“, sagt Jo­vin Kha­lil Alil, 23, Mut­ter zwei­er Kin­der. Die deut­sche Spra­che sei ganz an­ders auf­ge­baut als die kur­di­sche. Das sei für sie min­des­tens ge­nau so schwer wie für ih­re Kin­der.

Es ist kein Wun­der, dass Frau­en wie Na­wal Chi­cho Ma­do mehr­mals in der Wo­che im Fa­mi­li­en­zen­trum Müh­len­berg vor­bei­kom­men, um zu fra­gen, ob es end­lich ei­nen Ki­taPlatz für ih­re Kin­der gibt. Vor drei Jah­ren kam die 31-Jäh­ri­ge aus dem Irak nach Deutsch­land. Vier Kin­der hat sie, zwei sind in der Schu­le, die Klei­nen sind not­ge­drun­gen zu Hau­se. Auch sie wünscht sich drin­gend, dass ih­re Kin­der schnell Deutsch ler­nen. Ge­ra­de der drei Jah­re al­te Sohn, lang­wei­le sich oh­ne Spiel­ka­me­ra­den. Da­zu kommt: Na­wal Chi­cho Ma­do kann nicht ar­bei­ten ge­hen – und als nicht Be­rufs­tä­ti­ge rutscht sie auf den War­te­lis­ten der Ki­tas wie­der wei­ter nach hin­ten. Was kann sie tun, au­ßer stän­dig nach­zu­fra­gen? „Nichts“, sagt die 31-Jäh­ri­ge bit­ter. „Aber wenn man ei­nen Platz mit Geld kau­fen könn­te – ich wür­de es ver­su­chen.“

FO­TOS: FRAN­SON (2)

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