„Rap ist nur ein Spie­gel“

Dan­ger Dan von der An­ti­lo­pen Gang hasst an­ti­se­mi­ti­sche und se­xis­ti­sche Tex­te im deut­schen Hip-Hop. Sein ers­tes So­lo­al­bum zeigt, dass es auch an­ders geht.

Hannoversche Allgemeine - - ZISH - In­ter­view: Ma­rio Mo­ers und Loui­sa Viet­mey­er

Hal­lo Dan­ger Dan, wir sind hier am For­schungs­in­sti­tut für Phi­lo­so­phie in Han­no­ver. Wie­so die­ser Ort? Der Lei­ter des In­sti­tuts ist ein HipHop-Ken­ner. Er forscht zu Grenz­re­gio­nen von Hip-Hop und Phi­lo­so­phie und hat sich in dem Zu­sam­men­hang zum Bei­spiel mit Lie­dern von der An­ti­lo­pen Gang aus­ein­an­der­ge­setzt. Nun macht das In­sti­tut ei­ne Ver­an­stal­tung an­läss­lich des 50. Jah­res­ta­ges der 68er, die „Pro­test und Be­we­gung“heißt, und zu der wur­de ich ein­ge­la­den, um an ihr mit­zu­wir­ken. Des­we­gen bin ich hier im In­sti­tut. Wel­chen Be­zug hast du zur 68er-Be­we­gung? Ich ha­be kaum Be­zug zu den 68ern. Aber ein wich­ti­ger Theo­re­ti­ker der 68er-Be­we­gung ist zum Bei­spiel Theo­dor Ador­no: Ador­nos Buch „Mi­ni­ma Mora­lia“trägt den Sub­ti­tel „Re­fle­xio­nen aus dem be­schä­dig­ten Le­ben“. Mein ak­tu­el­les Al­bum heißt „Re­fle­xio­nen aus dem be­schö­nig­ten Le­ben“. Da kann man zum Bei­spiel ei­ne Brü­cke schla­gen. Du bist al­so über Ador­no auf den Al­bum­ti­tel ge­kom­men? Der Ti­tel be­zieht sich nur be­dingt auf ihn. Ich ha­be letz­tes Jahr ei­ne Psy­cho­the­ra­pie an­ge­fan­gen, saß bei der The­ra­peu­tin auf der Couch und sie frag­te mich: „Wer bist du ei­gent­lich?“Ich soll­te ihr aus mei­nem Le­ben er­zäh­len und ha­be zum ers­ten Mal re­flek­tiert, wer ich bin, oh­ne da­bei et­was zu be­schö­ni­gen. In den meis­ten an­de­ren Si­tua­tio­nen gibt man auf die­se Fra­ge erst mal ei­ne be­schö­nig­te Ant­wort. Auf dem Al­bum ist auch ein ziem­lich un­er­war­te­tes Rap-Fea­tu­re mit Se­bas­ti­an Krum­bie­gel von den Prin­zen. Wie kam es da­zu? Ich war als Kind ein rie­sen Prin­zenFan. Dann ha­be ich letz­tes Jahr die­ses Lied ge­schrie­ben, was da­von han­delt, dass ich im­mer schö­ner und bes­ser wer­de, wäh­rend es bei Se­bas­ti­an Krum­bie­gel an­ders­her­um läuft. Auf ein­mal klin­gel­te dann das Te­le­fon, und Se­bas­ti­an Krum­bie­gel woll­te mit der An­ti­lo­pen Gang spre­chen. Ups.

Ich dach­te: Ach du Schei­ße, er hat et­was von dem Song er­fah­ren. Aber er ist ein­fach ein An­ti­lo­pen-Gang- Fan und woll­te ger­ne mal auf ein Kon­zert vor­bei­kom­men. Und dann ha­be ich mir ein biss­chen Mut an­ge­trun­ken und ihm das Lied selbst ge­zeigt. Er hat sich ka­putt­ge­lacht und er­kannt, dass es kein be­lei­di­gen­der Diss-Track ist, son­dern ei­ne lie­be­vol­le, klei­ne Back­pfei­fe. Er hat ge­sagt: „Da ma­che ich mit.“Und er ist sich selbst noch mal viel kri­ti­scher an­ge­gan­gen, als ich das je ge­macht hät­te. Und so ist das Lied ent­stan­den. In „Sand in den Au­gen“geht es um Fe­mi­nis­mus. Wor­an er­kennt man, dass Frau­en nicht gleich­be­rech­tigt sind? Wir le­ben ganz klar noch in ei­ner pa­tri­ar­cha­len Welt. Zwi­schen Frau­en und Män­nern be­steht eben noch kei­ne Chan­cen­gleich­heit – und das ein­fach zu Un­recht. In mei­nen Au­gen kann man ei­nem Men­schen nie­mals ge­recht wer­den, wenn man ihn nur auf Ba­sis sei­nes Ge­schlechts be­trach­tet. Da­für sind wir al­le ein­fach viel zu in­di­vi­du­ell und ver­schie­den. In den Songs von ei­ni­gen deut­schen Rap­pern wer­den Frau­en als Ob­jekt be­trach­tet. Ist das ein Grund, wie­so du und die An­ti­lo­pen Gang sich von der Rap-Sze­ne dis­tan­zie­ren? Das ist ein Grund, war­um ich mit der Rap-Sze­ne nicht viel am Hut ha­be. Wo­bei ich das nicht nur auf die Ra­pSze­ne re­du­zie­ren wür­de. Ich glau­be, was in­ner­halb der Rap-Sze­ne statt­fin­det, fin­det man ge­nau­so im Fuß­ball­sta­di­on, im Kar­ne­vals­ver­ein, im SPD-Bü­ro. Rap ist in mei­nen Au­gen ein Spie­gel der Ge­sell­schaft. Fin­dest du die Eti­ket­tie­rung, die dein Al­bum in Re­zen­sio­nen be­kom­men hat, rich­tig? Was ich auf je­den Fall nicht mag, ist, dass ich als der po­si­ti­ve Ge­gen­ent­wurf zu ei­ner Hip-Hop-Sze­ne ge­se­hen wer­de, der, so wie die Sze­ne dar­ge­stellt wird, wahr­schein­lich gar nicht exis­tiert. Die Sze­ne steht un­ter ganz be­son­de­rer Be­ob­ach­tung. Ich will bei­spiels­wei­se Fa­rid Bang für sei­ne an­ti­se­mi­ti­schen Punch­li­nes über­haupt nicht in Schutz neh­men. Das ist un­ter al­ler Sau, und ich bin auch froh, dass es da ei­nen Rie­sen­auf­schrei ge­ge­ben hat. Ich fra­ge mich aber gleich­zei­tig, war­um so ein Auf­schrei zum Bei­spiel fehlt, wenn die „Süd­deut­sche Zei­tung“an­ti­se­mi­ti­sche Ka­ri­ka­tu­ren ver­öf­fent­licht. Manch­mal ha­be ich das Ge­fühl, da schwingt auch ein ge­wis­ser Ras­sis­mus mit: Das Bild von dem bö­sen, mi­gran­ti­schen Rap­per, den man streng be­ob­ach­ten muss. Die­ses Spiel möch­te ich nicht mit­spie­len. In der Do­ku „Die dunk­le Sei­te des deut­schen Rap“geht es um Ju­den­feind­lich­keit in der Rap-Sze­ne. Die An­ti­lo­pen Gang wur­de so­zu­sa­gen als die gu­te Sei­te dar­ge­stellt. Wie be­ur­teilst du das? Es gibt ganz we­ni­ge Leu­te in­ner­halb der Rap-Sze­ne, die sich öf­fent­lich ge­gen An­ti­se­mi­tis­mus po­si­tio­nie­ren. Sehr auf­fäl­lig ist, dass sich die­se Do­ku als ers­te über­haupt da­mit aus­ein­an­der­ge­setzt hat, ob­wohl an­ti­se­mi­ti­sche Tex­te kein neu­es Phä­no­men sind. Ich ha­be vor zehn Jah­ren mei­ne ers­te So­lo-EP her­aus­ge­bracht. Dar­auf war laut der „Jü­di­schen All­ge­mei­nen“das ers­te deutsch­spra­chi­ge Lied über­haupt, das sich da­mit aus­ein­an­der­ge­setzt hat. Das The­ma wird in der deut­schen Pop­kul­tur an­ge­strengt über­se­hen.

Dan­ger Dan heißt ei­gent­lich Da­ni­el Pon­gratz und wur­de 1983 in Aa­chen ge­bo­ren. Be­vor Dan die HipHop-Com­bo An­ti­lo­pen Gang grün­de­te, klim­per­te er im Al­ter von sechs Jah­ren das ers­te Mal auf dem Ak­kor­de­on sei­nes Opas. In sei­nem Le­bens­lauf ste­lan­de­te hen Jobs als An­zug­ver­käu­fer, als Fi­li­al­lei­ter ei­nes Mo­bil­funk­an­bie­ters und ein ab­ge­bro­che­nes Mu­sik­the­ra­pie­stu­di­um in den Nie­der­lan­den. Strin­gen­ter ist Dan­ger Dans mu­si­ka­li­sche Lauf­bahn: Die ak­tu­el­le Plat­te der An­ti­lo­pen Gang , „An­ar­chie und All­tag“, auf Platz eins der Charts. So­eben er­schien sein ers­tes So­lo­al­bum „Re­fle­xio­nen aus dem be­schö­nig­ten Le­ben“. Ein Han­no­ver-Kon­zert ist vor­erst nicht ge­plant. Am 4. Sep­tem­ber tritt Dan­ger Dan live im Ham­bur­ger Ha­fen­klang auf.

FO­TO: DPA

2009 wur­den die drei Rap­per durch das In­ter­net­lied „Fick die Uni“als An­ti­lo­pen Gang be­kannt: Dan­ger Dan (von links), Pa­nik Pan­zer und Kol­jah.

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