Weg mit de­er Rou­ti­ne

Ge­schäfts­leu­te in Snea­kers, kunst­voll ge­stal­te­te Lüm­melecken zum Aus­ru­hen, Kon­zer­te für spon­ta­ne Aben fri­schen Schwung sucht. Heu­te geht die Aus­stel­lung zu En­de. Wa­ren

Hannoversche Allgemeine - - HANNOVER - Von Uwe Janssen

Sie klin­gen wie In­sek­ten, de­nen man nicht be­geg­nen möch­te. Und ganz falsch ist der Ver­gleich auch nicht. Denn die Vie­cher, die das ho­he, ag­gres­si­ve Sir­ren ver­ur­sa­chen, sind Cop­ter, die In­sek­ten der di­gi­ta­len Welt. Sie ra­sen mit Tem­po 80 durch ei­nen Par­cours der Mes­se­hal­le 26. Das kann ge­fähr­lich wer­den. Des­halb ste­hen die stau­nen­den Zu­schau­er hin­ter ei­nem Zaun und ei­nem zu­sätz­li­chen Netz, Schil­der war­nen vor dem Be­tre­ten der Renn­stre­cke und schrei­ben vor, den An­wei­sun­gen des Per­so­nals un­be­dingt Fol­ge zu leis­ten.

Zwei Hal­len wei­ter wird rum­ge­lüm­melt. Auf ge­sta­pel­ten, fan­ta­sie­voll be­druck­ten Kis­ten sit­zen und lie­gen jun­ge Snea­k­er­trä­ger mit Kopf­hö­rern vor ih­ren Note­books. Die „Ask-me-Any­thing-Area“, ge­stal­tet von Kunst­stu­den­ten der Hoch­schu­le Han­no­ver, ist nicht nur Ru­he­zo­ne für ei­ne neue Ge­ne­ra­ti­on von Ge­schäfts­leu­ten, son­dern ei­ne zen­tra­le Idee der neu­en Ce­bit. Der Som­mer-Ce­bit. Der In­flu­en­cer-Ce­bit. Der Ce­bit für al­le. Hier sol­len nicht nur Wa­ren und Di­enst­leis­tun­gen ver­kauft wer­den. Son­dern ein Ge­fühl. Das neue Ce­bit-Ge­fühl. Ir­gend­wo zwi­schen Cop­ter und Couch, zwi­schen Ac­tion und Chil­len soll es sein.

War­um? Weil die Zei­ten sich mehr ge­än­dert ha­ben als die Ce­bit. Es gibt kaum mehr was zu zei­gen, al­so heißt das neue Zau­ber­wort Re­den: „Dia­log, In­ter­ak­ti­on, In­spi­ra­ti­on“, sagt Ce­bit-Spre­cher Tho­mas Mosch, ei­ner der Ver­käu­fer die­ses neu­en Ge­fühls. „Sie müs­sen nicht mehr jähr­lich auf ei­ne Mes­se ge­hen, um Neu­hei­ten zu se­hen. Die gibt es al­le sechs Wo­chen beim Me­dia Markt.“

Mosch hat beim neu­en Ziel­pu­bli­kum, den Di­gi­tal Na­ti­ves aus der Co­wor­king-Welt, ei­ne „Sehn­sucht nach Au­then­ti­zi­tät und Er­leb­nis“aus­ge­macht und ori­en­tiert die neue Ce­bit viel mehr an der re:pu­bli­ca in Berlin als an der al­ten Ce­bit. „Das war ein Ar­beits­platz, da ist man hin­ge­gan­gen, weil man muss­te. Wir wol­len wei­ter Bu­si­ness sein, aber das Krea­ti­ve und Dia­lo­gori­en­tier­te rein­drü­cken. Das ist die Me­lan­ge, die wir an­stre­ben.“

Die Zu­sam­men­ar­beit mit den han­no­ver­schen Kunst­stu­den­ten soll be­ste­hen blei­ben. De­ren Prä­si­dent, Heinz von Hel­den, kennt als In­for­ma­ti­ker noch an­de­re Zei­ten. „Ich bin Ce­bit-Gän­ger der ers­ten St­un­de und ha­be zu­erst ge­dacht: Was soll das? Die Ce­bit war doch im­mer gut. Nun se­he ich, dass die Mes­se auch jun­ge Leu­te aus den Be­rei­chen Gestal­tung, Ar­chi­tek­tur und Me­di­en pa­cken will.“Auch sprach­lich. Groß­flä­chi­ge Claims wie „Fuck the Rou­ti­ne!“ha­ben mit Mes­se nichts mehr zu tun und um­schmei­cheln ei­ne Al­ters- und Bil­dungs­klas­se, oh­ne die ei­ne Ce­bit-Zu­kunft nicht denk­bar ist.

Oder jun­ge Red-Bull-Trin­ker, die ab 17 Uhr drau­ßen in Lie­ge­stüh­len war­ten, dass Jan De­lay an­fängt. Live-Mu­sik und Bier­bu­den sol­len den Fes­ti­val­cha­rak­ter stär­ken, sie schrei­en: Al­le mal her­schau­en! Ist doch gar nicht so lang­wei­lig hier zwi­schen den grau­en Mes­se­hal­len! Das Abend­ti­cket hat bei der Ex­po funk­tio­niert, ir­gend­wann je­den­falls, bei der Ce­bit, nun in der out­door­freund­li­chen Jah­res­mit­te, muss es sich noch et­was warm­lau­fen, aber tan­zen­de und sin­gen­de Men­schen pro­du­zie­ren zu­min­dest die ge­wünsch­ten Bil­der, die das neue, coo­le Image bis zur nächs­ten Auf­la­ge 2019 mit Le­ben fül­len sol­len.

Stän­de wie der der Un­ter­neh­mens­grup­pe Is­gus wer­den da­bei ver­mut­lich kei­ne gro­ße Rol­le spie­len. Die Spe­zia­lis­ten für Zei­ter­fas­sungs­sys­te­me ge­ben sich in Hal­le 17 se­ri­ös und tra­di­tio­nell, Her­ren in Bu­si­ness­uni­form war­ten auf Ge­schäfts­kun­den. Auch hier wird ge­re­det, nur eben nicht in Snea­kers auf dem Sitz­sack. Mit­ar­bei­ter Wolf­gang Zuck­schwerdt hat kei­ne gro­ße Ve­rän­de­rung zu den Vor­jah­ren er­lebt. Statt neu­er Ce­bit wür­de er sich ei­ne Ver­schmel­zung mit der In­dus­trie­mes­se wün­schen. „Man kann es ja so­wie­so kaum noch tren­nen. Und wenn man sieht, wie vie­le Hal­len hier leer ste­hen, wür­de wahr­schein­lich ei­ne Mes­se rei­chen.“

Ein Stück wei­ter, auch die al­te Ce­bit: klei­ne, schmuck­lo­se Par­zel­len mit Cool­ness­fak­tor null, ein asia­ti­scher Un­ter­neh­mer­ver­bund, je­weils ein oder zwei Mit­ar­bei­ter war­ten in wei­ßen Hem­den ge­dul­dig auf Kund­schaft. Kei­ne „Ask-me-Any­thing-Area“. Auf die Image­wand­ler der Ce­bit 2.1 war­tet noch viel Ar­beit.

Und in der Ci­ty? Kein neu­es Ge­fühl. Hier und da sind ein paar blaue Hü­te zu se­hen, Gi­ve-aways von der Mes­se. Ein Kell­ner der Süd­stadt­knei­pe Hö­gers sagt: „Ei­gent­lich ist al­les wie im­mer.“

Sur­fen im Netz – oder auf der Wel­le, wie in die­sem Fall am Stand der Fir­ma In­tel.

Bil­der aus der di­gi­ta­len Welt: 300 Flug­d­roh­nen for­men über dem abend­li­chen Ce­bit-Ge­län­de ei­nen Stern. FO­TO: DPA

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