„Ei­ne Spielwiese für Ideo­lo­gen“

Der Är­ger um die Um­be­nen­nung von Stra­ßen in Han­no­ver nimmt kein En­de. Die HAZ-Le­ser dis­ku­tie­ren wie­der ein­mal – et­wa über den Ab­schluss­be­richt des Wis­sen­schaft­li­chen Bei­rats zu Eh­run­gen.

Hannoversche Allgemeine - - LESERFORUM - Wolf­gang Roux, Han­no­ver Klaus Schnei­der, Laat­zen Uwe Hitz­mann, Han­no­ver Dietrich Hö­per, Han­no­ver Pe­ter Schill­ho­fer, Uet­ze Eck­hard Mar­tens, We­de­mark

der An­lie­ger ganz zu schwei­gen.

Den Maß­stab ver­lo­ren

Nun al­so auch Hans Pfitz­ner! Auch sein Na­me soll nach dem Wil­len des Bei­rats im öf­fent­li­chen Stra­ßen­raum Han­no­vers der Ver­ges­sen­heit an­heim­fal­len. Es war lei­der zu be­fürch­ten. Pfitz­ner war schwie­rig, war auch – trotz ei­ni­ger jü­di­scher Freun­de – An­ti­se­mit. Dies kann je­doch kein hin­rei­chen­der Grund sein, ei­ne schöp­fe­ri­sche Per­sön­lich­keit sol­chen Ka­li­bers durch be­que­men Druck auf die Lösch­tas­te aus der Ge­schich­te zu ent­fer­nen. Wie bil­lig! Hier ist wohl der rech­te Maß­stab ver­lo­ren ge­gan­gen. Wer sind die nächs­ten? Richard Wa­gner? Wil­helm Busch? Wil­helm Ra­a­be?

Bit­te, lie­be Bei­rats­mit­glie­der, las­sen Sie ab von Ih­ren „kul­tur­re­vo­lu­tio­nä­ren“Am­bi­tio­nen und wen­den Sie sich den wirk­li­chen Pro­ble­men un­se­rer Zeit zu.

Er­läu­te­run­gen wä­ren wir­kungs­vol­ler

Man steht nicht zur ei­ge­nen, manch­mal un­be­que­men Ge­schich­te. Klei­ne Er­läu­te­run­gen un­ter den Stra­ßen­schil­dern wä­ren wir­kungs­vol­ler. Die­ser Bei­rat ist nebst sei­ner „Na­mens­lis­te“fehl am Plat­ze!

Mehr als nai­ve Schlitz­oh­rig­keit

Zum Ar­ti­kel „Be­zir­ke wol­len Stra­ßen­na­men be­hal­ten“vom 3. No­vem­ber:

Sich aus der Ent­schei­dung steh­len zu wol­len, in­dem man bei der Be­nen­nung des Por­sche­wegs nur die Au­to­mar­ke und nicht den dar­auf zu­rück­ge­hen­den Au­to­bau­er sieht, wie Bru­no Gill vom Be­zirks­rat Vah­ren­wald-List vor­schlägt, zeugt schon von mehr als nur von nai­ver Schlitz­oh­rig­keit.

In Por­sche nur die Sport­wa­gen­fir­ma des Kon­struk­teurs Fer­di­nand Por­sche zu se­hen – und dar­über den Wehr­wirt­schafts­und SS-Ober­füh­rer zu ver­ges­sen, der nicht nur per­sön­lich KZHäft­lin­ge zur Ar­beit in sei­nem Werk be­stell­te, son­dern auch als Vor­sit­zen­der der Pan­zer­kom­mis­si­on und im Rüs­tungs­rat des NS-Re­gimes ver­ant­wort­lich für den Ein­satz von et­wa 20 000 Kriegs­ge­fan­ge­nen und KZ-Häft­lin­gen bei Volks­wa­gen war, lässt sich für das Jahr 1958, als die Stra­ße an­ge­legt wur­de, vi­el­leicht noch aus ei­ner „Un­fä­hig­keit zu trau­ern“er­klä­ren. Heu­te, 60 Jah­re spä­ter, kann es nur ak­ti­ve Ge­schichts­ver­leug­nung ge­nannt wer­den.

Ein neu­er Volks­sport

Ty­pisch Han­no­ver: Stra­ßen­na­men zu än­dern ist an­schei­nend der neue Volks­sport. Ein Bei­rat und Gre­mi­en mit „Re­prä­sen­tan­ten aus Kir­chen, Ge­werk­schaf­ten so­wie Ver­tre­ter jü­di­scher Ge­mein­den“klingt ge­wal­tig. Mei­ne Emp­feh­lung: Küm­mert euch lie­ber um wich­ti­ge­re Din­ge in eu­ren Stadt­vier­teln. Wel­che Le­gi­ti­ma­ti­on hat die­ses Gre­mi­um über­haupt? Gott sei Dank woh­ne ich in Uet­ze, und wir ha­ben hier auch ei­nen Hin­den­burg­platz.

Al­so lie­besG­re­mi­um: Kommt mal vor­bei. Es gibt noch viel zu tun – und das be­stimmt welt­weit.

Spielwiese für Ideo­lo­gen

Jetzt reicht es! Die Hin­den­burg­stra­ße war der Auf­takt bei den Stra­ßen­um­be­nen­nun­gen, und jetzt ist man da­bei, den Bo­gen zu über­span­nen. Hier ent­wi­ckelt sich ei­ne Spielwiese für Ideo­lo­gen, auf der oh­ne Rück­sicht auf ei­ne ge­bo­te­ne Ab­wä­gung der In­ter­es­sen nur das Prin­zip im Vor­der­grund steht. Nur Haa­re in der Sup­pe zu su­chen ist zu we­nig! Was in al­ler Welt rei­tet den Bei­rat, et­wa den Na­men Por­sche auf die ro­te Lis­te des brau­nen Ter­rors zu set­zen? Der Bei­rat woll­te Fer­di­nand Por­sche tref­fen, stellt jetzt aber ei­ne gan­ze In­dus­tri­el­len­fa­mi­lie an den Pran­ger. Das ist zu kurz ge­sprun­gen! Der Vor­schlag von Bru­no Gill, den Por­sche­weg nach der Au­to­mar­ke zu be­nen­nen, ist mehr als ein gu­ter Kom­pro­miss. Ne­ben den 17 jetzt vom Bei­rat auf­ge­führ­ten Stra­ßen­na­men fal­len mir spon­tan vie­le wei­te­re ein, bei de­nen die Na­mens­ge­ber auch kei­nen aus­schließ­lich ma­kel­lo­sen Le­bens­lauf vor­wei­sen kön­nen – rech­te wie auch lin­ke.

Wir ha­ben wahr­lich an­de­re Pro­ble­me zu lö­sen.

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