Der­zwei­teBlick

In Del­men­horst wird die qua­li­fi­zier­te Lei­chen­schau prak­ti­ziert – ei­ne Leh­re aus dem Fall Niels Hö­gel

Hannoversche Allgemeine - - NIEDERSACHSEN & DER NORDEN - Von Ga­b­rie­le Schul­te

Del­men­horst. Kli­nik Del­men­horst, da den­ken vie­le zu­erst an Niels Hö­gel. Der Kran­ken­pfle­ger soll mehr als 100 Men­schen mit Me­di­ka­men­ten ge­tö­tet ha­ben, erst in Ol­den­burg und dann hier, im Jo­sef-Kran­ken­haus, wo ihn ei­ne Kran­ken­schwes­ter 2005 schließ­lich auf fri­scher Tat er­tapp­te. 13 Jah­re ist das her. Doch erst jetzt steht Hö­gel, 2015 zu­nächst we­gen sechs Ta­ten zu le­bens­lan­ger Haft ver­ur­teilt, we­gen der bei­spiel­lo­sen To­des­se­rie vor Ge­richt.

Bis heu­te ist der Ruf der Kli­nik an­ge­schla­gen, in der über Jah­re nicht auf­fiel, dass mög­li­cher­wei­se bis zu 64 Pa­ti­en­ten Op­fer des To­des­pfle­gers wur­den – und in der ei­ni­ge da­ma­li­ge Mit­ar­bei­ter laut Staats­an­walt­schaft so­gar be­wusst weg­schau­ten. Wohl auch des­halb be­müht sich das Jo­sef-Ho­s­pi­tal Del­men­horst, das nach der In­sol­venz der ka­tho­li­schen Trä­ger­stif­tung von der Stadt über­nom­men wur­de, nach Kräf­ten, dass so et­was nie wie­der mög­lich ist.

„Del­men­horst ist in die­ser Hin­sicht heu­te ein Vor­bild“, meint Prof. Micha­el Birk­holz. Auf­ga­be des Rechts­me­di­zi­ners ist der Blick auf die gera­de Ver­stor­be­nen, die Leich­na­me im „L-Raum“im Un­ter­ge­schoss des Kran­ken­hau­ses. Un­ter dem Dröh­nen des Kühl­sys­tems streift der 68-Jäh­ri­ge ei­nen grü­nen OP-Kit­tel und ein Paar Ein­mal­hand­schu­he über. Er schließt Kühl­fach Num­mer 3 auf, schiebt ei­nen Roll­wa­gen vor und zieht ei­nen blas­sen Kör­per aus der La­de. „Herz­ver­sa­gen“hat ein Ober­arzt in die Ak­te des al­ten Man­nes ge­schrie­ben. Birk­holz soll mit ei­ner so­ge­nann­ten qua­li­fi­zier­ten Lei­chen­schau prü­fen, ob auf der Sta­ti­on al­les mit rech­ten Din­gen zu­ge­gan­gen ist. Der frei­be­ruf­lich für die Kli­nik tä­ti­ge Gut­ach­ter be­trach­tet den Leich­nam von oben bis un­ten, dreht ihn nach drei Mi­nu­ten um, guckt nun über die Rück­sei­te. Äu­ßer­li­che Auf­fäl­lig­kei- ten kom­men bei To­ten im Kran­ken­haus sel­ten vor. Wür­ge­ma­le et­wa hat Birk­holz dort noch an kei­ner Lei­che ent­deckt. Ein­stich­stel­len hin­ge­gen, die an­dern­orts auf ei­nen Gift­mord hin­deu­ten könn­ten, sind in ei­ner Kli­nik nor­mal.

Un­ab­hän­gi­ger zwei­ter Blick

„Wir gu­cken vor al­lem, ob die an­ge­ge­be­ne To­des­ur­sa­che plau­si­bel ist“, sagt Birk­holz. Gründ­lich über­prüft er ei­nen ärzt­li­chen Do­ku­men­ta­ti­ons­bo­gen, der zei­gen soll, ob vi­el­leicht ärzt­li­che oder pfle­ge­ri­sche Feh­ler dem Pa­ti­en­ten ge­scha­det ha­ben. Wur­den Me­di­ka­men­te ver­ab­reicht, die sich nicht ver­tru­gen? Wur­de ei­ne Lun­gen­ent­zün­dung vor­her in ei­nem Al­ten­heim igno­riert und der Be­trof­fe­ne erst in letz­ter Mi­nu­te in die Kli­nik ge­bracht? „Wich­tig ist der un­ab­hän­gi­ge zwei­te Blick auf den To­ten“, be­tont der Rechts­me­di­zi­ner – so schnell wie mög­lich. Und durch ei­nen Fach­mann. Er­wei­ter­te Mel­de­pflich­ten beim Ver­dacht auf ei­ne Straf­tat brin­gen sei­ner An­sicht nach nur dann et­was, wenn ein ge­schul­tes Au­ge weiß, auf wel­che Un­stim­mig­kei­ten es zu ach­ten hat. Das neue nie­der­säch­si­sche Be­stat­tungs­ge­setz se­he gera­de das lei­der nicht vor.

An­ge­hö­ri­ge wüss­ten die be­son­ders gründ­li­che Lei­chen­schau zu schät­zen, sagt Axel Schmidt – als An­ge­stell­ter ei­nes Del­men­hors­ter Be­stat­tungs­un­ter­neh­mens hat er gera­de mit ei­nem Kol­le­gen ei­nen schwe­ren Ei­chens­arg aus dem „LRaum“ge­holt. „Die Fa­mi­li­en sind froh, dass da ge­nau­er hin­ge­schaut wird.“Das sei so­gar in der Nach­bar­stadt Bremen so, wo ei­ne der To­des- fest­stel­lung nach­ge­la­ger­te Lei­chen­schau seit gut ei­nem Jahr ver­pflich­tend ist und von den An­ge­hö­ri­gen be­zahlt wer­den muss. In Del­men­horst über­nimmt die Kli­nik die Kos­ten von 120 Eu­ro pro un­ab­hän­gi­ger Lei­chen­schau, pro Jahr kom­men et­wa 50 000 Eu­ro zu­sam­men.

Ei­ne sol­che qua­li­fi­zier­te Lei­chen­schau hat­te auch in Nie­der­sach­sen der Son­der­aus­schuss Pa­ti­en­ten­si­cher­heit ge­for­dert, den der Land­tag in­fol­ge der Hö­gel-Mord­se­rie ein­ge­setzt hat­te. Kran­ken­haus­ärz­te soll­ten bloß den Tod des Pa­ti­en­ten fest­stel­len, heißt es im Ab­schluss­be­richt, und wei­ter: „In je­dem Fal­le be­dürf­te es bei Ster­be­fäl­len in Kran­ken­häu­sern ei­ner Über­tra­gung der äu­ße­ren Lei­chen­schau auf ex­ter­ne Ärz­tin­nen und Ärz­te." Doch Nie­der­sach­sen ver­zich­tet auf die­sen zwei­ten Blick.

50 000 Ver­dachts­fäl­le pro Jahr?

Das Del­men­hors­ter Mo­dell des Jo­sef-Ho­s­pi­tals war bei der An­hö­rung zum Be­stat­tungs­ge­setz au­ßen vor ge­blie­ben, was un­ter an­de­rem der Bund Deut­scher Kri­mi­nal­be­am­ter kri­ti­siert. „Vor­sätz­li­che und fahr­läs­si­ge Tö­tun­gen in deut­schen Kran­ken­häu­sern und Al­ten­hei­men wer­den in meh­re­ren Stu­di­en mit mehr als 50 000 Fäl­len pro Jahr an­ge­ge­ben“, sagt der stell­ver­tre­ten­de Lan­des­vor­sit­zen­de Ste­phan Schrie­ver. Die meis­ten da­von be­ruh­ten auf Me­di­ka­men­ten­fehl­do­sie­run­gen oder Kunst­feh­lern: „Mit ei­ner klas­si­schen Lei­chen­schau er­fasst man sol­che Fäl­le nicht.“Bei der Über­prü­fung im Kre­ma­to­ri­um, wie sie vor Feu­er­be­stat­tun­gen Pflicht ist, sei es längst zu spät.

Das So­zi­al­mi­nis­te­ri­um in Han­no­ver ver­weist dar­auf, dass bis­her kei­ne of­fi­zi­el­le Aus­wer­tung des Del­men­hors­ter Mo­dells vor­lie­ge. Ei­ne Tren­nung von To­des­fest­stel­lung und Lei­chen­schau sei zu­dem in ei­nem Flä­chen­land nicht sinn­voll durch­führ­bar. Wür­de die an­schlie­ßen­de Lei­chen­schau von der To­des­fest­stel­lung ent­kop­pelt, wä­re zu­sätz­li­ches ärzt­li­ches Per­so­nal ge­bun­den, sagt ein Mi­nis­te­ri­ums­spre­cher: „Die­ses Per­so­nal fehlt dann in der me­di­zi­ni­schen Ver­sor­gung.“

Sol­che Ar­gu­men­te will man in Del­men­horst nicht gel­ten las­sen. Bei den gera­de per Ge­setz ein­ge­führ­ten Sta­ti­ons­apo­the­kern ha­be sich das Land von mög­li­chen per­so­nel­len Eng­päs­sen doch auch nicht ab­schre­cken las­sen, sagt Frank Starp, ärzt­li­cher Di­rek­tor des Jo­se­fHo­s­pi­tals. „Kei­ne Maß­nah­me reicht für sich al­lein“, er­gänzt der Chef­arzt. „Es geht dar­um, ein mög­lichst eng­ma­schi­ges Si­cher­heits­netz für die Pa­ti­en­ten zu we­ben.“

Da­zu ge­hört be­reits vie­les, was Nie­der­sach­sen nun im gera­de ver­ab­schie­de­ten neu­en Kran­ken­haus­ge­setz vor­schreibt: fach­über­grei­fen­de Mor­ta­li­täts­kon­fe­ren­zen mit ei­ner Er­ör­te­rung al­ler To­des­fäl­le, so­wie die Mög­lich­keit für Mit­ar­bei­ter, sich im Fall von Miss­stän­den an­onym an ei­ne Ver­trau­ens­per­son in der Kli­nik zu wen­den; hin­zu kom­men sta­tis­ti­sche Aus­wer­tun­gen von Arz­nei­mit­tel­ver­brauch und To­des­ur­sa­chen.

Hin­wei­se auf Straf­ta­ten ha­be es nach Niels Hö­gel nie mehr ge­ge­ben. An die­sem Nach­mit­tag er­wie­sen sich die To­des­um­stän­de des Man­nes aus Kühl­fach Num­mer 3 als völ­lig un­auf­fäl­lig.

FO­TOS: GA­B­RIE­LE SCHUL­TE (2)

„Wir gu­cken vor al­lem, ob die an­ge­ge­be­ne To­des­ur­sa­che plau­si­bel ist“: Prof. Micha­el Birk­holz bei der Lei­chen­schau im Jo­sef-Kran­ken­haus Del­men­horst.

FO­TO: IN­GO WA­GNER/DPA

„Es geht dar­um, ein mög­lichst eng­ma­schi­ges Si­cher­heits­netz zu we­ben“: Chef­arzt Frank Starp (links) be­dau­ert, dass das Land das Del­men­hors­ter Mo­dell nicht für al­le Kli­ni­ken ver­pflich­tend ma­chen will.

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