Bund senkt Steu­er und hilft Fa­mi­li­en

Bun­des­tag be­schließt 130-Mil­li­ar­den-Pa­ket – doch es gibt Zwei­fel, dass es über­haupt wirkt

Hannoversche Allgemeine - - VORDERSEIT­E - Von The­re­sa Münch und Tim Szent-Ivanyi

Ber­lin. We­ni­ger Steu­ern beim Ein­kau­fen und Geld für Fa­mi­li­en: Bun­des­tag und Bun­des­rat ha­ben wich­ti­ge Tei­le des Kon­junk­tur­pa­kets be­schlos­sen, das Kon­sum und Wirt­schaft in der Co­ro­na-Kri­se an­kur­beln soll. Bis Jah­res­en­de fal­len statt 19 nur 16 Pro­zent Mehr­wert­steu­er beim Ein­kauf an. Der er­mä­ßig­te Satz wird von 7 auf 5 Pro­zent re­du­ziert. Vie­le Su­per­märk­te, Au­to- und Mö­bel­häu­ser ha­ben be­reits an­ge­kün­digt, die Er­spar­nis eins zu eins an ih­re Kun­den wei­ter­zu­ge­ben. In Han­no­ver ge­hen die Ein­zel­händ­ler je­doch un­ter­schied­lich mit der Steu­er­sen­kung um.

Ber­lin. Vi­ze­kanz­ler Olaf Scholz (SPD) hat­te ei­nen gro­ßen „Wumms“ver­spro­chen: Beim Ein­kauf zahlt man we­ni­ger Steu­ern, au­ßer­dem fließt ba­res Geld in die Fa­mi­li­en­kas­se – so will die Bun­des­re­gie­rung die Bür­ger in der Co­ro­na-Kri­se wie­der in Kauf­lau­ne brin­gen. Bun­des­tag und Bun­des­rat be­schlos­sen am Mon­tag wich­ti­ge Tei­le des 130 Mil­li­ar­den schwe­ren Kon­junk­tur­pa­kets, das den Kon­sum wie­der an­kur­beln soll.

„Wir ha­ben ein Kraft­pa­ket für Deutsch­land ge­schnürt“, be­ton­te Wirt­schafts­mi­nis­ter Pe­ter Alt­mai­er (CDU). Das größ­te Kon­junk­tur­pa­ket in der deut­schen Ge­schich­te kön­ne Mil­lio­nen von Bür­gern ent­las­ten und die Wirt­schaft wie­der auf Wachs­tums­kurs brin­gen.

Die Maß­nah­men im Ein­zel­nen:

■ Sen­kung der Mehr­wert­steu­er: Vie­le Ein­käu­fe in Su­per­markt, Mö­bel­haus oder Elek­tro­markt sol­len für ein hal­bes Jahr bil­li­ger wer­den. Da­für sinkt der Mehr­wert­steu­er­satz vom 1. Ju­li bis zum 31. De­zem­ber von 19 auf 16 Pro­zent. Der er­mä­ßig­te Satz, der für vie­le Le­bens­mit­tel und Wa­ren des täg­li­chen Be­darfs gilt, wird von 7 auf 5 Pro­zent re­du­ziert. Güns­ti­ger wird es für die Ver­brau­cher je­doch nur, wenn der Ein­zel­han­del die Steu­er­sen­kung auch wei­ter­gibt und die Prei­se senkt. Vie­le Lä­den ha­ben das an­ge­kün­digt, teil­wei­se wa­ren schon am Mon­tag nied­ri­ge­re Prei­se aus­ge­zeich­net. Trotz­dem zwei­felt die Op­po­si­ti­on da­ran, dass ge­nü­gend Ein­zel­händ­ler mit­zie­hen. Die Lin­kenPo­li­ti­ke­rin Sah­ra Wa­genk­necht zi­tier­te im Bun­des­tag Stu­di­en, nach de­nen nur 15 Pro­zent der Steu­er­sen­kung wirk­lich beim Ver­brau­cher an­kom­men.

■ Zu­schlag aufs Kin­der­geld: Fa­mi­li­en be­kom­men zu­sätz­lich ei­nen Zu­schlag aufs Kin­der­geld: im Sep­tem­ber 200 Eu­ro mehr pro Kind, im Ok­to­ber noch ein­mal 100 Eu­ro. Das gilt für al­le Kin­der, die ir­gend­wann in die­sem

Jahr An­spruch auf Kin­der­geld hat­ten oder ha­ben – al­so auch sol­che, die erst im No­vem­ber ge­bo­ren wer­den.

Der Zu­schuss wird in der Steu­er­er­klä­rung mit den Kin­der­frei­be­trä­gen ver­rech­net, aber nicht auf So­zi­al­leis­tun­gen an­ge­rech­net. Da­durch pro­fi­tie­ren vor al­lem Fa­mi­li­en mit we­ni­ger Geld.

■ Hil­fen für Al­lein­er­zie­hen­de: Für sie wird der Ent­las­tungs­be­trag bei der Steu­er in die­sem und dem kom­men­den Jahr mehr als ver­dop­pelt, von der­zeit 1908 auf 4008 Eu­ro. Die­sen Be­trag kön­nen Al­lein­er­zie­hen­de bei der Steu­er­er­klä­rung von der Sum­me ih­rer Ein­künf­te ab­zie­hen, so dass sie we­ni­ger Steu­ern zah­len.

■ Hil­fen für Un­ter­neh­men: Voral­lem vie­le klei­ne und mit­tel­stän­di­sche

Fir­men brau­chen schnell Geld in der Kas­se, um aus­ste­hen­de Rech­nun­gen zu be­zah­len. Des­halb be­kom­men sie bes­se­re Mög­lich­kei­ten, ak­tu­el­le kri­sen­be­ding­te Ver­lus­te mit Ge­win­nen aus dem Vor­jahr zu ver­rech­nen. Da­mit Un­ter­neh­men jetzt wie­der in­ves­tie­ren und An­schaf­fun­gen nicht auf­schie­ben, wer­den die Ab­schrei­bungs­re­geln bis En­de 2021 ver­bes­sert.

Al­ler­dings gibt es Zwei­fel, ob die Hil­fen über­haupt wir­ken. „Ne­ben den breit an­ge­leg­ten steu­er­li­chen Ver­bes­se­run­gen fin­det sich auch ein teu­res Sam­mel­su­ri­um im Kon­junk­tur­pa­ket, das of­fen­bar par­tei­po­li­ti­schen Wün­schen ge­schul­det ist“, sag­te Rei­ner Holz­na­gel, Prä­si­dent des Bun­des der Steu­er­zah­ler, dem Re­dak­ti­ons­Netz­werk Deutsch­land. „Die ho­he An­zahl von 57 Ein­zel­maß­nah­men macht deut­lich, dass die Re­gie­rung lie­ber mit der Gieß­kan­ne vor­geht, als sich auf kon­zen­trier­te und ge­ziel­te Wachs­tums­im­pul­se zu fo­kus­sie­ren“, be­klag­te er. In das Pa­ket sei­en Di­gi­ta­li­sie­rungs­pro­jek­te, Kli­ma­maß­nah­men oder ei­ne for­cier­te Ver­wal­tungs­mo­der­ni­sie­rung auf­ge­nom­men wor­den, die zu den staat­li­chen Dau­er­auf­ga­ben ge­hör­ten und da­mit nicht über neue Schul­den fi­nan­ziert wer­den dürf­ten.

„Ins­ge­samt soll­ten an Kon­junk­tur­pro­gram­me nicht zu ho­he Er­war­tun­gen ge­rich­tet wer­den“, warn­te auch Ifo-Prä­si­dent Cle­mens Fu­est. Die FDP kri­ti­sier­te, die Re­gie­rung pa­cke mit ei­nem „Wumms“die Schrot­flin­te aus – „aber ein lau­ter Knall ist eben noch kein Tref­fer“.

Die Re­gie­rung geht­mit der Gieß­kan­ne vor.

Rai­ner Holz­na­gel, Bund der Steu­er­zah­ler

FO­TOS: W. STEINBERG/DPA, H. KAI­SER/DPA

Fa­mi­li­en er­hal­ten 300 Eu­ro pro Kind; der Ein­kauf, zum Bei­spiel in Mö­bel­lä­den, soll güns­ti­ger wer­den.

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