Kar­tell­chef er­klärt Me­xi­ko den Krieg

Syn­di­kat ver­übt At­ten­tat auf Po­li­zei­chef in der Haupt­stadt – Prä­ven­ti­ons­stra­te­gie ge­schei­tert

Hannoversche Allgemeine - - POLITIK - Von Klaus Eh­ring­feld

Me­xi­ko-Stadt. „Abra­zos, no ba­la­zos“– mit die­ser knap­pen For­mel fass­te Prä­si­dent An­drés Ma­nu­el López Ob­ra­dor zu Be­ginn sei­ner Amts­zeit vor an­dert­halb Jah­ren sei­ne Stra­te­gie ge­gen das or­ga­ni­sier­te Ver­bre­chen in Me­xi­ko zu­sam­men. „Umar­mun­gen, kei­ne Ku­geln“– so soll­te den Kar­tel­len nach Jah­ren der frucht­lo­sen mi­li­tä­ri­schen Kon­fron­ta­ti­on durch die Vor­gän­ger­re­gie­run­gen der Wind aus den Se­geln ge­nom­men und die un­ge­heu­er­li­che Zahl von mehr als 90 Mor­den pro Tag re­du­ziert wer­den.

Ei­ne an sich lo­bens­wer­te Idee, weil sie doch auf Prä­ven­ti­on und nicht nur auf Re­pres­si­on setzt. Aber seit En­de ver­gan­ge­ner Wo­che ist klar: Die Stra­te­gie ist ge­schei­tert. Seit das größ­te und ge­fähr­lichs­te Kar­tell des Lan­des, Ja­lis­co Neue Ge­ne­ra­ti­on, ver­sucht hat, den Po­li­zei­chef von Me­xi­ko-Stadt zu tö­ten, kann die­se Po­li­tik kaum ei­ne Zu­kunft ha­ben. Nach ein­ein­halb Jah­ren López Ob­ra­dor ist die Bi­lanz zu­dem er­nüch­ternd: Es ster­ben mehr Men­schen denn je im Rin­gen der Kar­tel­le um Rou­ten und Re­vie­re. Die To­des­zah­len stie­gen bis Mai noch­mals um 5 Pro­zent ge­gen­über dem Re­kord­jahr 2019. Selbst in Zei­ten der Pan­de­mie wer­den mehr Mor­de be­gan­gen, Staats­an­wäl­te und Rich­ter hin­ge­rich­tet und flam­men im­mer mehr re­gio­na­le Kon­flik­te auf.

Nie zu­vor hat­te sich ei­ne kri­mi­nel­le Or­ga­ni­sa­ti­on ge­traut, im Her­zen der Haupt­stadt ein At­ten­tat mit Kriegs­waf­fen zu ver­üben. Po­li­zei­chef Omar Gar­cía Har­fuch, ein Be­am­ter mit lan­ger Tra­di­ti­on im Kampf ge­gen die or­ga­ni­sier­te Kri­mi­na­li­tät, über­leb­te den An­griff auf sei­nen Kon­voi am frü­hen Frei­tag­mor­gen in ei­ner ex­klu­si­ven Zo­ne von Me­xi­kos-Stadt ver­letzt, wur­de ope­riert und ist au­ßer

Le­bens­ge­fahr. Drei Men­schen star­ben bei dem An­griff. 13 mut­maß­li­che At­ten­tä­ter wur­den fest­ge­nom­men. Noch aus dem Ope­ra­ti­ons­saal twit­ter­te Gar­cía Har­fuch: „Wir wur­den heu­te Mor­gen fei­ge vom Kar­tell Ja­lis­co Neue Ge­ne­ra­ti­on an­ge­grif­fen.“

Das Car­tel Ja­lis­co Nue­va Ge­ne­r­a­ción (CJNG) ist das am schnells­ten ex­pan­die­ren­de Syn­di­kat Me­xi­kos, das ge­führt wird von Ne­me­sio Ose­gue­ra Cer­van­tes, ali­as „El Men­cho“, dem in­zwi­schen meist­ge­such­ten Dro­gen­boss der Welt. Die USA ha­ben ei­ne Be­loh­nung von 10 Mil­lio­nen Dol­lar auf sei­ne Er­grei­fung aus­ge­lobt und stu­fen sei­ne Or­ga­ni­sa­ti­on als ei­ne der „fünf ge­fähr­lichs­ten trans­na­tio­na­len kri­mi­nel­len Or­ga­ni­sa­tio­nen der Welt“ein.

Das CJNG gilt als be­son­ders ag­gres­siv in sei­ner Ex­pan­si­ons­stra­te­gie, und es schreckt auch nicht da­vor zu­rück, gan­ze Städ­te in Angst und Schre­cken zu ver­set­zen. In Me­xi­ko gilt „El Men­cho“schon seit 2015 als „Staats­feind Num­mer eins“. Da­mals ge­lang es sei­nem Kar­tell am 1. Mai, die Sechs-Mil­lio­nen-Stadt Gua­da­la­ja­ra mit bren­nen­den Stra­ßen­sper­ren so­wie An­grif­fen auf Ge­schäf­te und Si­cher­heits­kräf­te fast ei­nen gan­zen Tag in Gei­sel­haft zu hal­ten. Die Ver­bre­cher schos­sen ei­nen Mi­li­tär­hub­schrau­ber ab. Of­fen­bar ver­fügt die Or­ga­ni­sa­ti­on auch über Kriegs­waf­fen.

Der 54-jäh­ri­ge Ose­gue­ra hat­te als ei­ne Art Ju­ni­or­part­ner des Si­na­lo­aKar­tells im wich­ti­gen Bun­des­staat Ja­lis­co mit sei­ner Me­tro­po­le Gua­da­la­ja­ra be­gon­nen. 2010 aber be­en­de­te „El Men­cho“die Al­li­anz mit dem le­gen­dä­ren Ca­po Jo­aquín „El Ch­a­po“Guz­mán und bau­te sei­ne ei­ge­ne Or­ga­ni­sa­ti­on auf. Wie fast im­mer in sol­chen Fäl­len wur­den aus den eins­ti­gen Part­nern kur­ze Zeit spä­ter er­bit­ter­te Fein­de.

Das CJNG hat nach Ein­schät­zung von Ex­per­ten das Si­na­loa-Kar­tell als füh­ren­de kri­mi­nel­le Or­ga­ni­sa­ti­on ab­ge­löst. Es agie­re als in­ter­na­tio­na­les Syn­di­kat, sagt et­wa Ed­gar­do Bu­s­ca­glia. „Es hat in sei­ner Ex­pan­si­ons­stra­te­gie ei­ne be­un­ru­hi­gen­de Dy­na­mik an den Tag ge­legt und ist jetzt schon in 17 Län­dern ak­tiv.“Das At­ten­tat auf den Po­li­zei­chef sei ver­mut­lich ein Ra­che­akt ge­we­sen, ver­mu­tet Bu­s­ca­glia, der an der Co­lum­bia-Uni­ver­si­tät in New York und der Uni­ver­si­tät von Turin lehrt. An­fang Ju­ni be­schlag­nahm­te das me­xi­ka­ni­sche Fi­nanz­mi­nis­te­ri­um um­ge­rech­net rund 900 Mil­lio­nen Dol­lar auf 2000 Kon­ten, die dem CJNG zu­ge­rech­net wer­den.

Das Syn­di­kat hat in sei­ner Ex­pan­si­ons­stra­te­gie ei­ne be­un­ru­hi­gen­de Dy­na­mik an den Tag ge­legt.

FO­TO: MAR­CO UGARTE/AP

Schwer be­waff­ne­te Po­li­zis­ten si­chern den Tat­ort. Omar Gar­cía Har­fuch über­leb­te das At­ten­tat.

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