Stirbt das Gre­at Bar­ri­er Reef?

Stu­die zeigt: In 20 Jah­ren hat das Riff mehr als die Hälf­te sei­ner bun­ten Koral­len ver­lo­ren

Hannoversche Allgemeine - - WELT IM SPIEGEL - Von Bar­ba­ra Bark­hau­sen

Towns­vil­le. Bun­te Koral­len, die wie Skulp­tu­ren das Meer durch­zie­hen, bil­den die Hei­mat un­zäh­li­ger Fi­sch­ar­ten, See­ane­mo­nen, See­ster­ne und Schild­krö­ten. Koral­len­rif­fe gel­ten als ei­nes der viel­fäl­tigs­ten Öko­sys­te­me der Er­de. Das Gre­at Bar­ri­er Reef in Aus­tra­li­en ist ein Welt­na­tur­er­be von un­schätz­ba­rem Wert – in den 3000 Ein­zel­rif­fen le­ben 1500 Fisch­spe­zi­es und 400 Koral­len­ar­ten. Um­so schwe­rer wiegt die Nach­richt, dass die­ses Na­tur­wun­der in­ner­halb von rund 20 Jah­ren mehr als die Hälf­te sei­ner Koral­len ver­lo­ren hat.

Die­se er­schüt­tern­de Bi­lanz zieht ei­ne ak­tu­el­le Stu­die des ARC-Kom­pe­tenz­zen­trums für Koral­len­riff­stu­di­en (Coral­coe) an der

Ja­mes Cook Uni­ver­si­tät in Towns­vil­le: Die Stu­die, die im Fach­ma­ga­zin „Pro­cee­dings of the Roy­al So­cie­ty“ver­öf­fent­licht wur­de, zeigt auf, wie sämt­li­che Koral­len­po­pu­la­tio­nen am Riff in den letz­ten Jahr­zehn­ten dras­tisch ge­schrumpft sind.

„Wir ha­ben fest­ge­stellt, dass die An­zahl der klei­nen, mitt­le­ren und gro­ßen Koral­len am Gre­at Bar­ri­er Reef seit den 1990er-Jah­ren um mehr als 50 Pro­zent zu­rück­ge­gan­gen ist“, sag­te Koral­len­ex­per­te Ter­ry Hug­hes. Frü­her ha­be man ge­dacht, das Gre­at Bar­ri­er Reef sei al­lein durch sei­ne Grö­ße ge­schützt, sag­te Hug­hes. „Aber un­se­re Er­geb­nis­se zei­gen, dass selbst die­ses re­la­tiv gut ge­schütz­te und größ­te Riff­sys­tem der Welt zu­neh­mend ge­fähr­det und im Nie­der­gang be­grif­fen ist.“

Das Gre­at Bar­ri­er Reef ist das größ­te Riff der Welt und er­streckt sich auf ei­ner Flä­che von mehr als 344 000 Qua­drat­ki­lo­me­tern. Es ist grö­ßer als Ita­li­en und so­gar vom Welt­raum aus zu se­hen. Zum Riff ge­hö­ren auch Hun­der­te In­seln. Seit 1981 ist es of­fi­zi­el­les Welt­na­tur­er­be der Unesco. Be­son­ders gra­vie­rend ist , dass die Koral­len groß­flä­chig ab­ge­baut ha­ben. „Der Rück­gang trat so­wohl im fla­chen als auch im tie­fe­ren Was­ser und bei prak­tisch al­len Ar­ten auf“, sag­te Hug­hes. Be­son­ders

Ter­ry Hug­hes, Koral­len­ex­per­te

schlimm ste­he es um ver­zweig­te und ta­fel­för­mi­ge Koral­len. „Sie wa­ren am schlimms­ten von den Re­kord­tem­pe­ra­tu­ren be­trof­fen, die 2016 und 2017 zu Mas­sen­blei­chen führ­ten“, sag­te der For­scher.

Im Rah­men der Stu­die hat Haupt­au­tor An­dy Diet­zel, ein deut­scher Öko­lo­ge und Koral­len­ex­per­te, der an der Ja­mes Cook Uni­ver­si­tät ar­bei­tet, die Ve­rän­de­run­gen der Ko­lo­ni­en­grö­ße ge­mes­sen. „Die­se Po­pu­la­ti­ons­stu­di­en sind wich­tig, um die De­mo­gra­fie und die Brut­fä­hig­keit der Koral­len zu ver­ste­hen“, sag­te Diet­zel. Aus­ge­wer­tet wur­den Da­ten von 1995 bis 2017. Sie um­fas­sen die vol­le Län­ge des Gre­at Bar­ri­er Reef.

Die Stu­die der aus­tra­li­schen For­scher könn­te die an­ste­hen­de Ent­schei­dung der Unesco be­ein­flus­sen, ob das Riff of­fi­zi­ell als „ge­fähr­det“ein­ge­stuft wird. Das hie­ße, dass das Wel­ter­be­ko­mi­tee das Gre­at Bar­ri­er Reef in die so­ge­nann­te „Ro­te Lis­te“der ge­fähr­de­ten Ar­ten auf­nimmt.

„Ei­ne viel­fäl­ti­ge Koral­len­po­pu­la­ti­on hat Mil­lio­nen klei­ne so­wie zahl­rei­che gro­ße Koral­len“, er­klär­te der For­scher. Die gro­ßen Koral­len sei­en „die Ma­mas, die die meis­ten Lar­ven pro­du­zie­ren“. Die ak­tu­el­len Er­geb­nis­se zei­gen des­we­gen nicht nur ei­nen Rück­gang der Koral­len­zah­len, son­dern auch ei­ne ver­rin­ger­te Wi­der­stands­fä­hig­keit des Riffs. „Die Fä­hig­keit des Gre­at Bar­ri­er Reef, sich zu er­ho­len, ist im Ver­gleich zu frü­her be­ein­träch­tigt, da we­ni­ger Ba­bys und we­ni­ger gro­ße er­wach­se­ne Züch­ter vor­han­den sind“, er­klär­te Diet­zel.

Die Ge­sund­heit der Koral­len ist seit Jah­ren ein The­ma: Ne­ben Ab­wäs­sern aus der Land­wirt­schaft und den ge­frä­ßi­gen Dor­nen­kro­nen­see­ster­nen schwä­chen Stür­me und Se­di­men­te aus Ha­fen­an­la­gen die Nes­sel­tie­re. Seit Jah­ren feu­ert auch der Kli­ma­wan­del die Er­wär­mung der Mee­re an. Die er­höh­ten Wassertemp­eraturen füh­ren zu häu­fi­ge­ren Blei­chen, ein Pro­zess, bei dem die Sym­bio­se der Nes­sel­tie­re mit ei­ner Al­gen­art, die die Koral­len mit Ener­gie ver­sorgt und ih­nen die bun­ten Far­ben ver­leiht, un­ter­bro­chen wird. Zwar kön­nen sich die Tie­re von Blei­chen auch wie­der er­ho­len, doch wenn sie zu lan­ge an­dau­ern oder zu häu­fig wie­der­keh­ren, ster­ben die Koral­len oft ganz ab.

Selbst die­ses re­la­tiv gut ge­schütz­te und größ­te Riff­sys­tem der Welt ist zu­neh­mend ge­fähr­det und im Nie­der­gang be­grif­fen.

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