„Haupt­schu­le war selbst­ver­ständ­lich“

Ex-Leh­re­rin Me­li­sa Er­kurt deckt in ih­rem Buch „Ge­ne­ra­ti­on ha­ram“scho­nungs­los un­glei­che Bil­dungs­chan­cen für Mi­gran­ten auf. Ein In­ter­view über Dis­kri­mi­nie­rung im Klas­sen­zim­mer

Hannoversche Allgemeine - - FAMILIE - In­ter­view: Jut­ta Ri­nas

Frau Er­kurt, das gro­ße The­ma in Ih­rem ak­tu­el­len Buch „Ge­ne­ra­ti­on ha­ram“ist Bil­dungs­un­ge­rech­tig­keit an Schu­len. Ih­re The­se ist: Nur Kin­der mit bil­dungs­na­hen El­tern ha­ben über­haupt ei­ne Chan­ce. War­um?

Die meis­ten Schu­len set­zen vor­aus, dass es zu Hau­se El­tern gibt, die hel­fen. Egal ob bei Haus­auf­ga­ben oder dem Vor­be­rei­ten auf Tests. Als selbst­ver­ständ­lich gilt auch, dass man da­heim ei­nen Schreib­tisch, ei­nen Com­pu­ter, In­ter­net hat. Ge­ra­de Kin­der aus är­me­ren Fa­mi­li­en mit nicht so ge­bil­de­ten El­tern ha­ben das al­les oft nicht – und schei­tern.

Sie ha­ben selbst ei­nen Mi­gra­ti­ons­hin­ter­grund, ka­men als Flücht­lings­kind 1992 wäh­rend des Ju­go­sla­wi­enK­riegs aus Bos­ni­en-Her­ze­go­wi­na. Sie be­to­nen in Ih­rem Buch, dass auch Sie der „Ver­lie­rer­ge­ne­ra­ti­on“ent­stam­men. War­um ist Ih­nen das wich­tig?

Weil man sonst Men­schen wie mich her­nimmt und sagt: Schaut, es geht doch. Das ist die Me­li­sa, 29 Jah­re alt, Leh­re­rin, Jour­na­lis­tin, sie hat es ge­schafft. Die Be­din­gun­gen kön­nen al­so nicht so schlecht sein. Das stimmt aber nicht. Die meis­ten mei­ner Schü­ler und Schü­le­rin­nen wer­den den Auf­stieg nicht schaf­fen. Ver­lie­rer­kin­dern wird zu­dem oft ein­ge­re­det, sie sei­en Ein­zel­fäl­le. Sie sind es aber nicht. Ih­re Dis­kri­mi­nie­rung, der Ras­sis­mus ge­gen sie, hat Sys­tem. Die vie­len Re­ak­tio­nen auf mein Buch zei­gen auch: Fast al­le Mi­gran­ten tei­len – wie ich – die­se Er­fah­run­gen.

Ob­wohl Sie lau­ter Ein­sen auf dem Zeug­nis hat­ten, war nicht klar, ob Sie auf ein Gym­na­si­um oder die Haupt­schu­le kom­men. Wie kann das sein?

Es war selbst­ver­ständ­lich, dass Mi­gran­ten­kin­der auf die Haupt­schu­le oder so­gar, wie mei­ne Cou­sins, auf die Son­der­schu­le ge­schickt wur­den. Da­bei wa­ren sie nicht schlech­ter als ich. Mei­ne El­tern ha­ben ge­dacht, wenn al­le Mi­gran­ten­kin­der in die Res­te­schu­le ge­hen, ist es wohl das Bes­te für sie. Auch die Leh­rer, Mit­schü­ler, die El­tern mei­ner Mit­schü­ler – al­le fan­den das nor­mal. Ich ha­be es mei­ner da­ma­li­gen Leh­re­rin zu ver­dan­ken, dass sie im letz­ten Mo­ment be­stimm­te: Das Mäd­chen ge­hört aufs Gym­na­si­um. Mei­ne ge­sam­te Bil­dungs­kar­rie­re hing im Grun­de von ei­ner Ein­zel­per­son ab.

Ihr Abitur liegt zehn Jah­re zu­rück. Gibt es die­sen Au­to­ma­tis­mus Mi­grant gleich Haupt­schu­le noch?

Er ist da, das zei­gen auch Zah­len. Da­zu kommt: Ich war selbst Leh­re­rin

an ei­nem Gym­na­si­um mit ei­nem An­teil von mehr als 80 Pro­zent Kin­dern aus är­me­ren Fa­mi­li­en oder mit Mi­gra­ti­ons­hin­ter­grund. Klas­se für Klas­se wer­den mehr aus­sor­tiert. Die Lern­be­din­gun­gen zu Hau­se sind ein­fach zu schlecht. Vie­le ha­ben in der Woh­nung kei­nen Platz zum Ler­nen, müs­sen nach­mit­tags dol­met­schen, Be­hör­den­gän­ge ma­chen, auf Ge­schwis­ter auf­pas­sen.

Sie zi­tie­ren ei­nen Brief Ih­rer jün­ge­ren Schwes­ter, die mit zwölf Jah­ren schreibt: „Ich tue al­les, um nicht auf­zu­fal­len, spre­che so­gar mit mei­ner Ma­ma vor mei­nen Freun­den Deutsch. Trotz­dem fin­den sie im­mer et­was, um mich we­gen mei­ner Her­kunft und mei­ner Re­li­gi­on zu är­gern.“

Ja, zur struk­tu­rel­len Dis­kri­mi­nie­rung kommt noch die in­di­vi­du­el­le. Wenn man es ir­gend­wie ge­schafft hat, sich schu­lisch durch­zu­bo­xen, hat man trotz­dem noch mit in­di­vi­du­el­len Dis­kri­mi­nie­run­gen zu kämp­fen.

Nen­nen Sie mal ein Bei­spiel.

Bei mir fing es an, kurz nach­dem ich aufs Gym­na­si­um ge­wech­selt hat­te. Kaum je­mand hat sich die Mü­he ge­macht, mei­nen Na­men rich­tig aus­zu­spre­chen. Ich wur­de von Lehr­per­so­nen ge­fragt, ob ich ein Kopf­tuch tra­gen muss. Mei­ne Schwes­ter wur­de von Mit­schü­lern auf­ge­for­dert, sich hin­zu­kni­en und zu zei­gen, wie wir be­ten. Dann wur­de sich über sie lus­tig ge­macht. Das über­for­dert und ist zu­gleich un­glaub­lich ras­sis­tisch.

Me­li­sa Er­kurt, ge­bo­ren 1991 in Sa­ra­je­vo, ist als Flücht­lings­kind mit ih­ren El­tern aus Bos­ni­en-Her­ze­go­wi­na nach Ös­ter­reich ge­kom­men. An der Stadt­gren­ze von Wi­en be­such­te sie das Gym­na­si­um und stu­dier­te an­schlie­ßend Deutsch, Psy­cho­lo­gie und Phi­lo­so­phie. Ein Jahr lang un­ter­rich­te­te Er­kurt an ei­ner all­ge­mein­bil­den­den hö­he­ren Schu­le in Wi­en. Seit Herbst 2019 ist die Jour­na­lis­tin Re­dak­ti­ons­mit­glied der ORF-Sen­dung „Re­port“.

Sie kri­ti­sie­ren, dass Leh­rer ler­nen, Micha­el zu un­ter­rich­ten, Mu­ham­med aber nicht. Was mei­nen Sie da­mit?

Ich ha­be selbst Lehr­amt stu­diert, ich hat­te kaum Pflicht­ver­an­stal­tun­gen zu Mehr­spra­chig­keit und Mul­ti­kul­tu­ra­li­tät. Wie aber soll der Ras­sis­mus in der Schu­le ver­schwin­den, wenn wir ihn im Stu­di­um gar nicht the­ma­ti­sie­ren? Da­bei brin­gen auch Jun­gen wie Mu­ham­med Res­sour­cen mit, die man nut­zen könn­te: Mehr­spra­chig­keit, Selbst­stän­dig­keit.

Ihr Buch heißt „Ge­ne­ra­ti­on ha­ram“. Wor­auf spielt es an?

Mei­ne ge­sam­te Bil­dungs­kar­rie­re hing im Grun­de von ei­ner Ein­zel­per­son ab.

„Ha­ram“heißt „ver­bo­ten“. Ich ha­be 2016 ei­ne Re­por­ta­ge mit die­sem Ti­tel ge­macht, weil mir in vie­len Brenn­punkt­schu­len im­mer wie­der die­ses Wort be­geg­ne­te. Mus­li­mi­sche Bur­schen woll­ten mus­li­mi­sche Mäd­chen da­mit ein­schrän­ken. Wenn Mäd­chen ei­nen tie­fen Aus­schnitt hat­ten, wenn sie im Bio­lo­gie­un­ter­richt über Mens­trua­ti­on re­de­ten, hieß es „ha­ram“, um sie zum Ver­stum­men zu brin­gen. Sie füh­len sich ver­lo­ren, ab­ge­stem­pelt, von Ar­beits­lo­sig­keit be­droht. Sie nut­zen die ein­zi­ge Chan­ce, Macht zu füh­len, in­dem sie nach unten tre­ten. Die Ge­ne­ra­ti­on ha­ram steht für mich für ei­ne, von der wir den­ken: Sie ist ein Pro­blem. Aber wenn wir tie­fer schau­en, mer­ken wir, sie hat ein Pro­blem, das wir lö­sen müs­sen. Wenn wir den Dis­kurs in die­se Rich­tung dre­hen, ha­ben wir schon et­was er­reicht.

FO­TO: SEBASTIAN GOLLNOW/DPA

Mehr­spra­chig­keit und Mul­ti­kul­tu­ra­li­tät soll­ten fes­te The­men im Lehr­amts­stu­di­um sein, for­dert Me­li­sa Er­kurt.

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