Mit dem Ta­cho im Ge­hirn

Mo­tor­rad­renn­sport, Fahr­tech­nik und Ge­hirn­trai­ning sind eng mit­ein­an­der ver­knüpft

Hannoversche Allgemeine - - MOBILITÄT - Von Markus Beims

Ein­beck. Emo­tio­nen und Lei­den­schaft zäh­len zu den zen­tra­len Be­weg­grün­den des Mo­tor­rad­fah­rens. Trotz­dem gilt es, auf dem Zwei­rad ei­nen küh­len Kopf zu be­wah­ren und sich nicht von Ge­fühls­emp­fin­dun­gen lei­ten zu las­sen. Das heut­zu­ta­ge zu­meist als Hob­by­fahr­zeug be­weg­te Zwei­rad er­for­dert von sei­nem Pi­lo­ten ein Höchst­maß an Kon­zen­tra­ti­on, Kör­per­be­herr­schung und nicht zu­letzt auch Stra­te­gie, sagt die pro­mo­vier­te Ar­beits­wis­sen­schaft­le­rin und Renn­sport­in­struk­to­rin Christiane Potz­ner: „Au­to- und Mo­tor­rad­fah­ren sind Leis­tungs­sport für un­ser Ge­hirn.“

Kup­peln, schal­ten, brem­sen, len­ken und fah­ren – bis zu 124 In­fo­bits pro Se­kun­de kön­nen da­bei vom mensch­li­chen Ge­hirn ver­ar­bei­tet wer­den. Die Zah­len wer­den noch im­po­san­ter. Bis zu 80 Mil­li­ar­den Ge­hirn­zel­len weist das rund 1,3 Ki­lo­gramm schwe­re mensch­li­che Ge­hirn auf, bis zu 100 Bil­lio­nen Sy­nap­sen sor­gen für je­ne elek­tri­schen Im­pul­se, die jeg­li­ches mensch­li­che Tun be­wir­ken. Ins­ge­samt drei Be­rei­che des Ge­hirns sind beim Mo­tor­rad­fah­ren in­vol­viert. Das Groß­hirn (Den­ken und Ana­ly­sie­ren), das lim­bi­sche Hirn (Emo­tio­nen) so­wie das

Klein­hirn (Be­we­gung und Ko­or­di­na­ti­on).

Die Renn­fah­rer der Zwei­ra­dKö­nigs­klas­se Mo­toGP rau­schen mit bis zu 350 km/h über den Rund­kurs, auf der Is­le of Man in der Iri­schen See ra­sen die Zwei­rad­ver­rück­ten bei den so­ge­nann­ten Road Races („Stra­ßen­ren­nen“) mit 280 km/h durch ab­ge­sperr­te Ort­schaf­ten, knapp vor­bei an St­ein­mau­ern, Stra­ßen­la­ter­nen und Bord­stein­kan­ten. Wer hier nur für den Mo­ment ei­nes Wim­pern­schlags die Kon­zen­tra­ti­on ver­nach­läs­sigt, be­kommt ernst­haf­te Pro­ble­me. „Ins­be­son­de­re im Renn­sport ge­hört stra­te­gi­sches Den­ken zum Mo­tor­rad­fah­ren da­zu“, sagt

Potz­ner. „Denn 90 Pro­zent beim Mo­tor­rad­fah­ren sind Kopf­sa­che.“

Wenn die Renn­pro­fis mit rund 60 Grad Schräg­la­ge durch die Kur­ven dü­sen, be­darf es nicht nur ei­ner gut haf­ten­den Rei­fen­mi­schung. „So­bald das Ge­hirn schräg liegt und Be­we­gung hin­zu­kommt, kann es nicht mehr al­les wie ge­wohnt ver­ar­bei­ten“, warnt Potz­ner, die als Mo­tor­rad­test­fah­re­rin auch schon mal 10 000 Ki­lo­me­ter im Sat­tel ei­nes Bi­kes in­ner­halb von zwei Wo­chen ab­sol­viert. Das mensch­li­che Ge­hirn ver­mag nur ei­nen klei­nen Kopf­nei­gungs­win­kel zu ver­kraf­ten, des­halb sind Pro­fis wäh­rend ei­nes Ren­nens um ei­ne zu­meist senk­rech­te Kopf­stel­lung be­müht. Be­reits bei rund 20 Grad Schräg­la­ge schla­ge das Ge­hirn Alarm und kön­ne nicht mehr al­le Be­feh­le in ge­wohn­tem Ma­ße aus­füh­ren.

Be­schleu­ni­gung und Ge­schwin­dig­keit sind nicht nur für Renn­pro­fis ele­men­ta­re Pa­ra­me­ter. Der Hob­by­bi­ker fährt eben­so mit sei­nem „Ta­cho im Ge­hirn“, wirbt Potz­ner für pro­fes­sio­nel­le Fahr­trai­nings in Theo­rie und Pra­xis. Je öf­ter das mensch­li­che Ge­hirn die­sel­be Übung ab­sol­viert, des­to si­che­rer und bes­ser klappt es dann, so­bald die­se In­for­ma­tio­nen wie­der ab­ge­ru­fen wer­den.

Es sind die Fin­ger der rech­ten Gas­hand, die die ma­the­ma­ti­schen Be­rech­nun­gen des Ge­hirns um­set­zen müs­sen. Ras­ter­zel­len lei­ten den Ori­en­tie­rungs­sinn, Speed­zel­len ge­ben Si­gna­le in hö­he­rer Fre­quenz wei­ter, je schnel­ler wir uns be­we­gen. Das gilt für Au­to- und Zwei­rad­fah­rer glei­cher­ma­ßen. Wer lan­ge Zeit mit 130 km/h auf der Au­to­bahn ge­fah­ren ist und an­schlie­ßend mit nur mehr Tem­po 50 die lang­ge­zo­ge­ne Ab­fahrt nimmt, denkt mit­un­ter, er steht. Den­noch ist ins­be­son­de­re ei­ne rich­ti­ge Blick­füh­rung wich­tig. „Den Blick weit vor­aus zu rich­ten, be­darf Trai­ning und Er­fah­rung“, sagt Potz­ner. Und so­mit kommt auch der mensch­li­chen Au­gen­mus­ku­la­tur ei­ne be­son­de­re Be­deu­tung zu. Beim Mo­tor­rad­fah­ren ist die­se ex­trem ge­for­dert, stän­dig hat der Bi­ker ei­ne Viel­zahl von vi­su­el­len Ein­drü­cken zu ver­ar­bei­ten und dem­ent­spre­chend dar­auf zu re­agie­ren.

FO­TOS: POTZ­NER

Lust an der Ge­schwin­dig­keit: Da­mit es in Schräg­la­ge nicht ge­fähr­lich wird, muss das Ge­hirn Schwerst­ar­beit leis­ten. „90 Pro­zent beim Mo­tor­rad­fah­ren sind Kopf­sa­che“, sagt Christiane Potz­ner.

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