„ Füh­le, was du wirk­lich fühlst, nicht, was du füh­len soll­test“

John St­relecky (46) moch­te sein Le­ben so, wie es war. Bis er auf Welt­rei­se ging und auf ein­mal al­les ganz an­ders wur­de … Über sei­ne Er­leb­nis­se schrieb er ein Buch: „Das Ca­fé am Ran­de der Welt“– ein in­ter­na­tio­nal ge­fei­er­ter Best­sel­ler

Happinez - - Interview - In­ter­view Syl­via Nau­se-Mei­er ILlus­tra­ti­on root leeb Foto ddp images

„ Wa hrer Reich­tu m? Sind die Mi­nu­ten, n ge, die ich mit den Din gen ver­bri die ich wirk­lich tun möch­te …“

Was kann ich ei­gent­lich Un­ge­wöhn­li­ches ler­nen, wenn ich im Ca­fé sit­ze, John?

Fra­gen zu stel­len. An kei­nem an­de­ren Ort kommst du so leicht mit wild­frem­den Leu­ten ins Ge­spräch – wenn du es zu­lässt. Du er­fährst Ge­schich­ten und An­sich­ten, die jen­seits dei­nes All­tags lie­gen. Das öff­net dich. Gibt dir neue Blick­win­kel. Es mag mäch­tig ba­nal klin­gen: Doch das ist ei­ne für mich im­mens wich­ti­ge, ja ge­ra­de­zu be­frei­en­de Er­kennt­nis.

War­um?

Wenn un­se­re Hei­zung ka­putt ist oder das Au­to, fra­gen wir ei­nen Fach­mann. Aber un­se­re ei­ge­nen Wün­sche, un­se­re Zwei­fel und Pro­ble­me fech­ten wir zu oft mit uns al­lein aus: Wie schaf­fe ich bloß dies, wie ma­che ich nur das? Wir füh­len uns da­bei, als wür­den wir vor ei­nem Berg ste­hen und nicht wis­sen, wie wir hin­auf­kom­men. Zu sel­ten fra­gen wir: Wer kennt den Weg? Wer war da oben – und kann mir hel­fen?

Wie sind Sie zu die­ser Er­kennt­nis ge­langt?

Durch mei­ne Welt­rei­se. Da­von hat­te ich schon als Kind ge­träumt. Ich woll­te nachts die Ster­ne über der Sa­ha­ra zäh­len, er­fah­ren, wie La­ven­del­fel­der duf­ten, ich woll­te Gi­raf­fen träu­men se­hen, ver­schlun­ge­nen Dschun­gel er­kun­den …

… Sie träum­ten da­von, ein­fach mal aus­zu­stei­gen.

Nein, über­haupt nicht. Ich moch­te mei­nen Job. Stand kurz da­vor, Part­ner in ei­ner an­ge­se­he­nen, in­ter­na­tio­nal tä­ti­gen Con­sul­ting-Fir­ma zu wer­den. In mir aber saß die­ser win­zi­ge Welt­rei­se-Ko­bold, der sich stän­dig zu Wort mel­de­te. Ich war 33 und woll­te nicht war­ten, bis ich Rent­ner bin. Al­so nahm ich mir ein Jahr frei. Mei­ne Kol­le­gen und ei­ni­ge Freun­de wa­ren ent­setzt: „Es läuft doch ge­ra­de so toll für dich, wie kannst du jetzt weg­ge­hen?“Ich ver­kauf­te das Au­to und die Mö­bel und flog los – mit ei­nem Ruck­sack und ei­nem Bud­get von 30 Eu­ro pro Tag. Die­se Rei­se, sie ver­än­der­te mein Le­ben. Nicht nur in den Ca­fés traf ich un­glaub­li­che Men­schen, hör­te Un­ver­gess­li­ches, Tra­gi­sches, Lus­ti­ges, Wun­der­vol­les. Tauch­te in all die fremden Kul­tu­ren ein. Kos­te­te von die­sem Ge­fühl der Frei­heit, mich in den Tag fal­len zu las­sen. Wahr­zu­neh­men. Zu stau­nen. All das hin­ter­ließ sei­ne Spu­ren in mir.

Ver­ra­ten Sie uns ein Bei­spiel?

Auf Ha­waii war ich schnor­cheln, gut 30 Me­ter vom Strand ent­fernt, als ich ei­ne grü­ne Mee­res­schild­krö­te ent­deck­te. Sie schwamm ne­ben mir her. Ich war au­ßer mir vor Freu­de! Sie hat­te so ein fried­vol­les Lä­cheln. Mei­ne Schwimm­flos­sen lie­ßen mich zü­gig vor­an­kom­men. Zehn Mi­nu­ten spä­ter je­doch muss­te ich mir ein­ge­ste­hen: Die Schild­krö­te hat­te mich gna­den­los ab­ge­hängt. Ob­wohl sie ganz lang­sam un­ter­wegs war! Hier, mit­ten im un­end­li­chen Pa­zi­fik, er­teil­te mir ei­ne klei­ne Schild­krö­te ein Stück Le­bens­kun­de: Wäh­rend ich mich völ­lig um­sonst ab­ge­stram­pelt hat­te, ließ sie sich trei­ben, sie schwamm mit den Wel­len. Und ich? Hat­te mei­ne Ener­gie da­mit ver­schwen­det, ge­gen die Strö­mung an­zu­schwim­men – statt sie für mich zu nut­zen.

Was war an­ders, als Sie wie­der zu Hau­se wa­ren?

Ir­gend­ei­ne in­ne­re Stim­me schick­te mich di­rekt zum Com­pu­ter, und ich schrieb – 21 Ta­ge non­stop. Es floss aus mei­nen Fin­gern. Ich hat­te we­der Er­fah­run­gen im pro­fes­sio­nel­len Schrei­ben noch Plä­ne, Schrift­stel­ler zu wer­den. Ich kann­te kei­nen Ver­lag. Ich hat­te mir nicht mal ei­ne Sto­ry über­legt: Ich saß ein­fach nur da und ver­such­te fest­zu­hal­ten, wie ich – an­ge­regt durch die Ge­sprä­che, die vie­len Er­leb­nis­se – plötz­lich über mei­nen Weg, über den Sinn des Le­bens nach­dach­te. Und das woll­te ich mit an­de­ren tei­len, war an ih­ren Be­trach­tun­gen in­ter­es­siert. Ich ver­öf­fent­lich­te mei­ne Er­zäh­lung schließ­lich im Selbst­ver­lag: „Das Ca­fé am En­de der Welt“. Nach ei­nem Jahr hat­te ich Be­stel­lun­gen aus 14 Län­dern, bis ein re­nom­mier­ter Ver­lag auf mich auf­merk­sam wur­de …

… dann ha­ben Sie mit dem Schrei­ben den Sinn Ih­res Le­bens ge­fun­den?

Zu­erst ein­mal fand ich ei­ne an­de­re De­fi­ni­ti­on von Reich­tum. Ich be­griff, dass sei­ne Wäh­rung die Mi­nu­ten sind: Wie viel Pro­zent mei­nes Le­bens ver­brin­ge ich mit den Din­gen, die ICH WIRK­LICH tun will – und zwar so, wie ich es gern möch­te? Die Ant­wort dar­auf führ­te mich zu dem, was mein Le­ben heu­te

sinn­voll macht: Es be­steht nicht nur dar­in, Au­tor zu sein. Es ist mehr als das. Ich will die Ener­gie, den Geist fin­den, der je­dem Ort in­ne­wohnt. Ich will das Le­ben ent­de­cken, Er­fah­run­gen ma­chen – und sie wei­ter­ge­ben. Dis­ku­tie­ren.

Woran ha­ben Sie ge­merkt, dass Sie auf dem rich­ti­gen Weg sind?

Al­bert Ein­stein hat ein­mal ge­sagt: „Je­der ist ein Ge­nie! Aber wenn du ei­nen Fisch da­nach be­ur­teilst, ob er auf ei­nen Baum klet­tern kann, wird er sein gan­zes Le­ben glau­ben, dass er dumm ist.“Ich war der Fisch. Erst jetzt füh­le ich mich in mei­nem Ele­ment. Ha­be mehr Schwung. Mehr Spaß. Ja, ich moch­te mei­nen Job in der Con­sul­ting-Fir­ma. In­zwi­schen aber weiß ich, dass ich da­für nicht ge­nug ge­brannt ha­be. Was, wenn ich erst als Rent­ner zu mei­ner Welt­rei­se auf­ge­bro­chen wä­re? Ich hät­te 30 Jah­re ver­schenkt. Da­ran den­ke ich, wenn ich mich mal wie­der beim Zö­gern, beim Her­aus­schie­ben er­tap­pe. Mein Mot­to lau­tet: „Mach es! Jetzt!“Auf die­se Wei­se ha­be ich mich selbst ent­deckt. Mein wah­res Ich ge­fun­den.

Was ra­ten Sie den­je­ni­gen, die sich mit ih­rer Sinn­su­che schwer tun?

Sucht Ant­wor­ten auf fol­gen­de Fra­gen: Was genau wä­re das Le­ben oder der Job, von dem ich träu­me – und war­um? Wer lebt es? Wer hat ihn? Ge­he auf die­se Leu­te zu und fra­ge sie um Rat. Ler­ne von ih­nen, ar­bei­te mit ih­nen. Trau dich! Die Fra­ge lau­tet nicht: Wer bin ich schon, dass ich die­ses oder je­nes tun könn­te? Die Fra­ge lau­tet: Wer bin ich, es nicht zu ver­su­chen?

Ge­ben Sie uns noch ei­nen wei­te­ren, ganz kon­kre­ten Tipp?

Schrei­be dei­ne drei Lieb­lings­fil­me oder Lieb­lings­kin­der­bü­cher auf – und er­klä­re, war­um sie es sind. Das hilft dir zu er­ken­nen, was für dich wich­tig ist, wel­che Ei­gen­schaf­ten du be­wun­derst, wo es dich hin­zieht und wer dir als leuch­ten­des Vor­bild dient. Es gräbt tie­fer, zwingt dich zum Re­flek­tie­ren. Du musst in dir selbst stö­bern.

Und wel­chen Lieb­lings­film ha­ben Sie?

„Der mit dem Wolf tanzt“.

Was sagt das über Sie aus?

Ers­tens: Der Film spielt im Wil­den Wes­ten, wur­de in der atem­be­rau­ben­den Land­schaft von South Da­ko­ta und Co­lo­ra­do ge­dreht. Das spricht mich an, weil ich to­tal gern drau­ßen bin. Ich lie­be die Na­tur. In ihr füh­le ich mich be­hü­tet, bin mir selbst na­he. Au­then­tisch. Zwei­tens: Ke­vin Cost­ner hilft den In­dia­nern – ob­wohl ihm furcht­ba­re Kon­se­quen­zen dro­hen. Das be­wun­de­re ich. Hel­fen, das woll­te ich auch: Mit dem Schrei­ben, mit mei­nen Se­mi­na­ren und Vor­trä­gen ha­be ich nun mei­nen Weg ge­fun­den.

Wie ge­hen Sie mit stres­si­gen Ta­gen um? Mit je­nen, an de­nen al­les schief­zu­lau­fen scheint?

Und ich das ärms­te, kleins­te Ha­scherl bin? Klar, sol­che Ta­ge ken­ne ich. Dann schlie­ße ich ei­nen Mo­ment die Augen und er­in­ne­re mich an Men­schen, die mich sehr be­we­gen. An­nie zum Bei­spiel. Sie wohnt ein paar Häu­ser wei­ter. Mit 20 Jah­ren be­gann sie, all­mäh­lich zu er­blin­den. Sie wuss­te, dass sie ei­nes Ta­ges von ewi­ger Nacht um­ge­ben sein wür­de. Den­noch wünsch­te sie sich nichts sehn­li­cher, als Mut­ter zu wer­den. Ja, es gab Stim­men, die sie warn­ten. Doch An­nie wur­de Mut­ter. Sie ist ver­narrt in ih­re Ma­ry, zieht sie al­len Wi­der­stän­den zum Trotz al­lein groß. Ich hö­re An­nie stets la­chen. Nie kla­gen. Wenn ich an sie den­ke, ist mein Selbst­mit­leid au­gen­blick­lich ver­schwun­den. Und, ganz ehr­lich: Ich schä­me mich dann im­mer ein we­nig.

An­nie ist ei­ne mu­ti­ge, star­ke Frau …

… die uns zugleich mahnt, nicht an­de­re dar­über ent­schei­den zu las­sen, was wir er­rei­chen kön­nen. Denn das wis­sen nur wir al­lein. Lass dir al­so nicht ein­re­den, der Berg, den du be­stei­gen möch­test, sei zu hoch. Ma­hat­ma Gandhi nahm es mit En­g­land, ei­nem der macht­volls­ten Im­pe­ri­en der Welt auf. Er be­frei­te In­di­en von den Ko­lo­ni­al­her­ren – oh­ne Ge­walt. „Stär­ke“, sag­te Gandhi, „ent­springt nicht phy­si­scher Kraft, son­dern ei­nem un­beug­sa­men Wil­len.“Das hat er ziem­lich be­ein­dru­ckend un­ter Beweis ge­stellt.

Se­hen Sie in An­nie und Gandhi Ih­re Le­bens­leh­rer?

Ja, aber nicht aus­schließ­lich. An dem Tag, an dem mei­ne Toch­ter ge­bo­ren wur­de, gab ich ihr zwei Ver­spre­chen. Ich hielt sie in mei­nen Ar­men. Sie schlief, so ro­sig, weich und warm. Ich flüs­ter­te ihr zu, dass ich sie im­mer lie­ben wer­de. Und dass ich nie­mals mei­ne Stim­me ge­gen sie er­he­be. Die­ses klei­ne We­sen hat mir bei­ge­bracht, erst nach­zu­den­ken, be­vor ich mich von mei­nen Emo­tio­nen über­rol­len las­se. Seit­dem be­sit­ze ich so­zu­sa­gen ei­ne in­ne­re Stopp-Tas­te. Heu­te ist So­phia neun. Ich ha­be Wort ge­hal­ten.

Wie er­klä­ren Sie Ih­rer Toch­ter das Le­ben?

Wir wa­ren schon et­was, be­vor wir ge­bo­ren wur­den. Geist, Ener­gie … ir­gend­et­was. Un­ser Le­ben ist nicht der An­fang und nicht das En­de. Sta­tis­tisch ge­se­hen, be­fin­den wir uns 29 500 Ta­ge auf der Er­de. Wir al­le sind See­len, die er­fah­ren wol­len, wie es ist, Mensch zu sein. Sei neu­gie­rig! Füh­le, was du wirk­lich fühlst, und nicht, was du füh­len soll­test. Und manch­mal, wenn du denkst, al­les bricht aus­ein­an­der, fügt es sich in Wahr­heit nur zu et­was Bes­se­rem zu­sam­men.

Le­se- Tipps

John St­relecky: „Das Ca­fé am Ran­de der Welt. Ei­ne Er­zäh­lung über den Sinn des Le­bens“(7,95 Eu­ro) und „Wie­der­se­hen im Ca­fé am Ran­de der Welt. Ei­ne in­spi­rie­ren­de Rei­se zum ei­ge­nen Selbst“(14,90 Eu­ro). Eben­falls ein Best­sel­ler: „Sa­fa­ri des Le­bens“über die Big Fi­ve for Li­fe – die fünf gro­ßen Zie­le (9,90 Eu­ro). Schon vor­mer­ken: Am 24. Ju­ni 2016 kommt John St­releckys neu­es­tes Buch – „Das Le­ben ge­stal­ten mit den Big Fi­ve for Li­fe. Das Aben­teu­er geht wei­ter“(16,90 Eu­ro). Al­le Bü­cher er­schei­nen im dtv. Mehr In­fos: www.dtv.de

„ Lass dir nicht ein­re­den, der Berg, den du be­s­tei gen möch­test, sei zu hoch …“

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