Vom We­sen der See­le

Happinez - - Spiritualität - Text Do­ro­thee te­ves ilus­tra­ti on Si­las To­ball/ du­ri­waigh.com

Es ist ei­ne der auf­wen­digs­ten Stu­di­en al­ler Zei­ten: In den OP-Sä­len von ins­ge­samt 15 Kran­ken­häu­sern in den USA, Groß­bri­tan­ni­en und Ös­ter­reich lässt der bri­ti­sche Kar­dio­lo­ge Dr. Sam Par­nia auf­fäl­li­ge Bild­ta­feln in­stal­lie­ren. Je­de ein­zel­ne ist so plat­ziert, dass sie un­ter nor­ma­len Um­stän­den we­der für Ärz­te noch für Pa­ti­en­ten sicht­bar ist. War­um? Weil Par­nia mit sei­nem Ver­such den Beweis er­brin­gen will, dass un­ser Be­wusst­sein nach dem Tod be­ste­hen bleibt. Ein Be­wusst­sein, das weit mehr ist als nur die Sum­me kom­ple­xer ge­hirn­stoff­li­cher Ak­ti­vi­tä­ten, weil es eben oh­ne die­ses Ge­hirn exis­tie­ren kann. Sein An­satz: Pa­ti­en­ten, die wäh­rend ei­nes Herz­still­stands ei­ne Nahtod­er­fah­rung ma­chen, be­schrei­ben oft, sie hät­ten ih­ren Kör­per ver­las­sen und das Ge­sche­hen un­ter der De­cke schwe­bend be­ob­ach­tet. An­ga­ben, die bis­her kaum wis­sen­schaft­lich ve­ri­fi­ziert wer­den konn­ten. Das will Par­nia nun er­rei­chen: Sei­ne Bild­ta­feln sind so an­ge­bracht, dass sie aus­schließ­lich aus ei­ner sol­chen Po­si­ti­on her­aus er­kannt wer­den kön­nen – un­ter der De­cke schwe­bend.

Kön­nen wir die Exis­tenz der See­le be­wei­sen?

Die Stu­die läuft vier Jah­re. Ins­ge­samt 2060 Pa­ti­en­ten durch­lei­den wäh­rend die­ser Zeit in ei­nem der 15 Kran­ken­häu­ser ei­nen Herz­still­stand, 140 von ih­nen kann Par­ni­as Team be­fra­gen. Die Er­geb­nis­se? Sind ent­täu­schend: Zwar ge­ben 55 Pa­ti­en­ten an, sich an „et­was“zu er­in­nern wäh­rend ih­rer Be­wusst­lo­sig­keit,

kön­nen aber kei­ne ge­nau­en Aus­sa­gen tref­fen. Kein ein­zi­ger er­wähnt die Bild­ta­feln. Nor­ma­ler­wei­se müss­te Par­ni­as An­satz da­mit als ge­schei­tert gel­ten. Nor­ma­ler­wei­se. In die­sem Fall je­doch sorg­te der Ver­such welt­weit für Auf­se­hen – weil es ne­ben den 55 an­de­ren auch ei­nen Mann gab, der sehr de­tail­liert be­schrei­ben konn­te, was sich wäh­rend sei­nes Herz­still­stands im OP ab­ge­spielt hat­te. Sei­ne Aus­sa­ge ist des­we­gen re­le­vant, weil er nach­weis­lich drei Mi­nu­ten lang kli­nisch tot war – und sich an­hand sei­ner Be­schrei­bun­gen der Mo­ni­t­or­ge­räu­sche ex­akt re­kon­stru­ie­ren lässt, dass er genau die­se Zeit­span­ne be­wusst er­leb­te. „Das ist pa­ra­dox“, sagt Sam Par­nia, „weil das Ge­hirn 20 bis 30 Se­kun­den nach dem Herz­still­stand auf­hört zu ar­bei­ten und nicht fort­fährt, be­vor das Herz wie­der­be­lebt ist.“Die­ser Mann aber konn­te se­hen, hö­ren, wahr­neh­men – ob­wohl sein Ge­hirn nicht ar­bei­te­te. Ist das al­so der Beweis – ha­ben wir ei­ne See­le? Et­was Gro­ßes, Unend­li­ches, Ewi­ges, das die Tie­fen un­se­res Seins er­füllt; das wahr­haf­tig be­ste­hen bleibt, los­ge­löst von al­ler ir­di­schen Exis­tenz? Selbst­ver­ständ­lich nicht! Denn bis heu­te gilt: Ex­pe­ri­men­te, de­ren Er­geb­nis­se sich un­ter glei­chen Um­stän­den nicht zu­ver­läs­sig und be­lie­big oft wie­der­ho­len las­sen, sind wis­sen­schaft­lich kaum halt­bar. Es sind Spie­le­rei­en oh­ne Re­le­vanz. Und das, was sich be­lie­big oft und im­mer zu­ver­läs­sig wie­der­ho­len lässt – un­ter­mi­niert eher die An­sät­ze der See­lenBe­für­wor­ter. Die Ent­de­ckung des Neu­ro­lo­gen Olaf Blan­ke et­wa, der nach­wies, dass die elek­tri­sche Rei­zung be­stimm­ter Hirn­area­le die Il­lu­si­on her­vor­ruft, den Kör­per zu ver­las­sen und Rich­tung De­cke zu schwe­ben; auch die Wahr­neh­mung von Licht­ge­stal­ten kann so aus­ge­löst wer­den – ei­ne See­le, so die Schluss­fol­ge­rung, ist für der­ar­ti­ge Emp­fin­dun­gen al­so gar nicht nö­tig.

Nur ei­ne barm­her­zi­ge Il­lu­si­on un­se­res Ge­hirns?

See­len-Skep­ti­ker füh­ren mitt­ler­wei­le ei­ne Fül­le ver­schie­de­ner Be­le­ge an, die na­he­le­gen sol­len, dass al­lein das Ge­hirn den Men­schen aus­macht. So un­ter­mau­ern et­li­che Stu­di­en die „Ter­ror-Ma­nage­men­tTheo­rie“, die be­sagt, die Vor­stel­lung ei­ner See­le sei le­dig­lich Mit­tel zum Zweck, um die Angst vor dem Tod zu be­zwin­gen. In Ver­su­chen zeig­te sich dem­ent­spre­chend, dass Pro­ban­den, die sub­til mit ih­rer ei­ge­nen Sterb­lich­keit kon­fron­tiert wur­den, et­wa, in­dem sie Tex­te la­sen, die mit Wor­ten wie „Jen­seits“oder „Al­ter“ge­spickt wa­ren, viel eher die Exis­tenz ei­ner See­le be­jah­ten. Der neu­see­län­di­sche Psy­cho­lo­ge Jes­se Be­ring geht so­gar ei­nen Schritt wei­ter – sei­ner An­sicht nach ist die Vor­stel­lung ei­ner See­le die Kom­pen­sa­ti­on da­für, dass wir un­ser ei­ge­nes Nicht­sein schlicht­weg nicht be­grei­fen kön­nen. Wo­mit er nicht un­recht hat – wie der simp­le Selbst­ver­such zeigt. Fra­gen Sie sich: Wie wird es sein, wenn ich fort bin? Was auch im­mer Sie sich nun vor­stel­len – Sie se­hen sich da­bei stets selbst von au­ßen. War­um? Weil al­les an­de­re un­se­re Vor­stel­lungs­kraft über­steigt. Ist un­se­re See­le dem­nach nur ei­ne barm­her­zi­ge Il­lu­si­on? Kaum. Denn auch die kal­ten, wis­sen­schaft­li­chen The­sen ha­ben Ris­se be­kom­men: „Die See­le ist kein Ab­fall­pro­dukt un­se­rer Hirn­strö­me“, räumt Ger­hard Roth, ei­ner der füh­ren­den deut­schen Neu­ro­bio­lo­gen ein. „Wie wich­tig Emp­fin­dun­gen, Selbst­re­flek­ti­on und Ge­füh­le un­se­rem Kör­per sind, er­kennt man schon da­ran, dass die­se see­li­schen Zu­stän­de – oder zu­min­dest ih­re neu­ro­bio­lo­gi­schen Kor­re­la­te – sehr viel Sau­er­stoff und Zu­cker ver­brau­chen. Das Ge­hirn wür­de für ein blo­ßes Ne­ben­pro­dukt gar nicht so vie­le Res­sour­cen ver­schwen­den.“Was al­so ist die­ses Et­was, das in kei­nem wis­sen­schaft­li­chen Ver­such wirk­lich nach­weis­bar ist – und des­sen Exis­tenz sich den­noch durch so vie­le Be­le­ge er­ah­nen lässt? Selbst die gro­ßen Phi­lo­so­phen er­reich­ten kei­ne Ei­nig­keit in die­ser Fra­ge. Die Den­ker der An­ti­ke ge­brauch­ten noch das Wort „Psy­che“, ab­ge­lei­tet von dem alt­grie­chi­schen Be­griff für „Atem“und mein­ten: den Le­bens­hauch, der al­len We­sen in­ne­wohnt. Aris­to­te­les glaub­te, die See­le sei un­trenn­bar mit dem Kör­per ver­bun­den; Pla­ton hin­ge­gen war der

Auf­fas­sung, sie kön­ne ei­gen­stän­dig exis­tie­ren. Der Na­tur­phi­lo­soph Re­né Des­car­tes hielt al­le Vor­gän­ge, die nicht nur beim Men­schen, son­dern auch bei Tie­ren ab­lau­fen, für gänz­lich see­len­los. Dem­nach hät­ten die Tie­re kei­ne See­le, son­dern sei­en viel­mehr ma­schi­nen­ar­tig. Auch die Welt­re­li­gio­nen tun sich schwer mit dem The­ma See­le: Wäh­rend Hin­dus an die Wie­der­ge­burt der See­le nach dem Tod glau­ben, glau­ben Bud­dhis­ten zwar eben­falls an die Wie­der­ge­burt, nicht je­doch an ei­ne See­le. Das, was den neu­en Kör­per be­lebt, ist ih­rer Auf­fas­sung nach le­dig­lich ei­ne lo­se An­samm­lung geis­ti­ger Ei­gen­schaf­ten, her­vor­ge­gan­gen aus den Er­fah­run­gen vor­he­ri­ger Le­ben. Dem Ju­den­tum war die Vor­stel­lung ei­ner un­sterb­li­chen See­le ur­sprüng­lich so­gar voll­kom­men fremd; die Chris­ten wie­der glau­ben an ei­ne See­le, die al­ler­dings fest mit dem Kör­per ver­bun­den ist und nur mit ihm ge­mein­sam zum ewi­gen Le­ben auf­er­ste­hen kann. Und doch: Wie auch im­mer die ge­naue De­fi­ni­ti­on nun aus­fal­len mag – zu al­len Zei­ten glaub­ten die Men­schen stets an et­was, das ihr Mensch­sein aus­mach­te; das über al­le phy­si­ka­li­schen und che­mi­schen Pro­zes­se des Kör­pers er­ha­ben ist. An et­was, das die Es­senz al­ler Er­in­ne­run­gen und Er­fah­run­gen in sich trägt; in dem al­le Freu­de, al­le Lie­be, al­le Trau­er be­wahrt bleibt, um uns zu dem zu ma­chen, was wir wahr­haf­tig sind. „Die See­le be­ein­flusst den Kör­per“heißt es – die­se Aus­sa­ge geht mög­li­cher­wei­se weit tie­fer als bis­her an­ge­nom­men. Den Aus­schlag da­für ge­ben Ex­pe­ri­men­te der mo­der­nen Quan­ten­phy­sik, mit de­nen das Prin­zip der Teil­chen-Ver­schrän­kung nach­ge­wie­sen wer­den konn­te. Die­ses be­sagt, dass zwei Teil­chen, die ei­ne Ver­bin­dung mit­ein­an­der ein­ge­hen, al­so „ver­schränkt“sind, im­mer die­sel­ben phy­si­ka­li­schen Ei­gen­schaf­ten be­sit­zen. Ver­än­dert man nun ei­ne Ei­gen­schaft bei Teil­chen A, kann man die­sel­be Ve­rän­de­rung auch bei Teil­chen B be­ob­ach­ten. Die Ve­rän­de­rung tritt da­bei so­fort und oh­ne je­de Ver­zö­ge­rung ein – selbst, wenn bei­de Teil­chen Licht­jah­re von­ein­an­der ent­fernt sind und auch dann, wenn ih­re Ver­schrän­kung be­reits seit Ur­zei­ten be­steht.

Be­steht un­ser Be­wusst­sein seit An­be­ginn der Zeit?

Die The­se vie­ler Quan­ten­phy­si­ker lau­tet: Seit dem Ur­knall vor 13,7 Mil­li­ar­den Jah­ren sind wei­te Tei­le des Uni­ver­sums mög­li­cher­wei­se mit­ein­an­der ver­schränkt, da sie ei­ner ge­mein­sa­men Qu­el­le ent­spran­gen. Dem­zu­fol­ge sind auch al­le Le­be­we­sen, de­ren Kör­per­zel­len letzt­end­lich aus ato­ma­ren Teil­chen be­ste­hen, auf ir­gend­ei­ne Wei­se mit­ein­an­der ver­bun­den. Ein An­satz, dem sich im­mer mehr Wis­sen­schaft­ler an­schlie­ßen: „Was wir Dies­seits nen­nen, ist im Grun­de die Schla­cke, die Ma­te­rie, al­so das, was greif­bar ist“, er­klärt et­wa Prof. Hans-Pe­ter Dürr, ehe­ma­li­ger Lei­ter des Max-PlanckIn­sti­tuts für Phy­sik in Mün­chen. „Das Jen­seits ist al­les Üb­ri­ge, die um­fas­sen­de Wirk­lich­keit, das viel Grö­ße­re.“Er glaubt an ei­nen uni­ver­sel­len Quan­ten­code, in den die ge­sam­te le­ben­de und to­te Ma­te­rie ein­ge­bun­den ist. Dem pflich­tet auch der US-Phy­si­ker Jack Sar­f­at­ti bei: „Nichts ge­schieht im mensch­li­chen Be­wusst­sein, oh­ne dass ir­gend­et­was im Uni­ver­sum dar­auf re­agiert“, sagt er. „Mit je­dem Ge­dan­ken, je­der Hand­lung be­schrei­ben wir nicht nur un­se­re ei­ge­ne, klei­ne Fest­plat­te, son­dern spei­chern auch et­was im Quan­ten­uni­ver­sum ab, das un­ser ir­di­sches Le­ben über­dau­ert.“Sein Kol­le­ge Je­re­my Hay­ward, Kern­phy­si­ker und Mo­le­ku­lar­bio­lo­ge an der Uni­ver­si­tät von Cam­bridge, bringt es noch dras­ti­scher auf den Punkt: „Das mensch­li­che Be­wusst­sein könn­te ne­ben Raum, Zeit, Ma­te­rie und Ener­gie ei­nes der Grund­ele­men­te die­ser Welt sein, grund­le­gen­der so­gar als Raum und Zeit.“Was al­so ist nun die­ses Et­was, das wir See­le nen­nen? Ganz zwei­fel­los: ei­ne An­samm­lung von Ah­nun­gen, die wir ver­mut­lich nie­mals be­wei­sen wer­den kön­nen, weil ei­ne See­le sich nicht be­ob­ach­ten, nicht stu­die­ren, nicht wie­gen, ver­mes­sen oder fo­to­gra­fie­ren lässt. Und die wir doch er­ken­nen, eben­so zwei­fel­los. Wir spü­ren sie in die­sem ers­ten, ver­schlei­er­ten Blick, mit dem ein Neu­ge­bo­re­nes sei­ne Mut­ter be­trach­tet; beim An­blick ei­nes Un­be­kann­ten, von dem wir wis­sen, dass wir ihn lie­ben, lan­ge be­vor wir es wirk­lich tun. Wir er­ken­nen die See­le in ei­nem Lä­cheln, ei­ner Be­rüh­rung, in ei­ner Er­in­ne­rung. Denn was auch im­mer sie von ih­rem We­sen her sein mag – die See­le ist, was ei­nem Au­gen­blick Uns­terb­lich­keit ver­leiht.

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