Leo­nard Co­hen

Gib dei­ner in­ne­ren Stim­me Raum

Happinez - - Dossier -

Mit neun Jah­ren fing ich an zu schrei­ben“, er­in­nert sich Leo­nard Co­hen. „ Mein Va­ter starb, und ich schrieb ihm ei­nen klei­nen Text, näh­te ihn in sei­ne Flie­ge und be­grub sie im Gar­ten bei den Stief­müt­ter­chen. Denn er trug im­mer ein Stief­müt­ter­chen am Re­vers. Es hat mei­nem Kopf gut ge­tan, al­so schrieb ich wei­ter.“Schrei­ben wird fort­an für Co­hen ein Heil­mit­tel, wird zur Be­ru­fung. Die­sem Ruf zu fol­gen, ein Le­ben in Un­si­cher­heit im ewi­gen Rin­gen um die rich­ti­gen Wor­te zu füh­ren – die Kraft hier­für gibt ihm die Lie­be sei­ner Mut­ter Ma­sha, die ihn stets er­mu­tigt, sei­nem Her­zen zu fol­gen. Co­hens Fa­mi­li­en­zu­sam­men­halt ist stark, lässt ihm den Raum, sich selbst zu ent­de­cken. Er be­kommt Kla­vier­un­ter­richt, spielt Kla­ri­net­te und Gei­ge. Wird in je­der Hin­sicht ge­för­dert. Und er, ob­wohl aus wohl­ha­ben­dem Hau­se stam­mend, wählt das oft ex­trem spar­ta­ni­sche Künst­ler­da­sein, statt in die Tex­til­fa­brik sei­ner Fa­mi­lie ein­zu­stei­gen.

Ent­de­cke, wer du wirk­lich bist

„Die Jah­re ver­ge­hen ra­send schnell, und wir al­le ver­schwen­den so viel Zeit mit der Fra­ge, ob wir uns die­ses oder je­nes trau­en soll­ten. Es geht dar­um, den Ver­such zu star­ten, ein Ri­si­ko ein­zu­ge­hen.“Und her­aus­zu­fin­den, was man wirk­lich will. Das ei­ge­ne Selbst zu er­for­schen – und hat man es denn end­lich ge­fun­den, für sei­nen Er­halt not­falls auch zu kämp­fen. Co­hen hat dies trotz er­heb­li­cher Selbst­zwei­fel, trotz schwe­rer, de­pres­si­ver Pha­sen, ein Le­ben lang ge­tan. Zeug­nis da­von le­gen Hun­der­te Lie­der und drei­zehn Bü­cher ab. Sein Werk ver­schafft uns Zu­gang zu ei­ner Welt, in der Poe­sie und Mu­sik auf ei­ne ein­zig­ar­ti­ge Wei­se ver­schmel­zen. In sei­nen Ge­dich­ten und Songs er­forscht er die gro­ßen Fra­gen der Mensch­heit mit ei­ner Tie­fe und Schön­heit, in ei­ner Spra­che, die in ih­rer Un­ver­kenn­bar­keit zeit­los zu sein scheint. Die­se nie en­den wol­len­de Su­che nach den gu­ten Tex­ten ist ein ein­dring­li­cher Ap­pell an uns, soll uns Mut ma­chen, nie auf­zu­ge­ben, bis auch wir un­se­re Stim­me ge­fun­den ha­ben. Leo­nard Co­hen, der bis heu­te als ei­ner der größ­ten Ly­ri­ker der Pop­ge­schich­te gilt, will Schrift­stel­ler wer­den. Will auf den Spu­ren des von ihm ver­ehr­ten Dich­ters Lor­ca wan­deln. Doch sei­ne ly­ri­schen Erst­lings­wer­ke fin­den nur we­ni­ge Lieb­ha­ber. Gibt er des­halb auf? Nein. Er feilt wei­ter an sei­nem Stil, ringt um Wor­te, kämpft um das, was je­den wirk­lich gu­ten Künst­ler aus­zeich­net, um sei­nen ei­ge­nen Stil – so ein­zig­ar­tig wie ein Fin­ger­ab­druck. Co­hen wid­met sich un­er­müd­lich und kom­pro­miss­los der Er­for­schung sei­nes in­ne­ren Kerns, des­sen, was ihn aus­macht, der Spra­che sei­ner See­le.

Bleib of­fen für Kurs­kor­rek­tu­ren

„Ich füh­le mich bes­ser, wenn ich ar­bei­te, als wenn ich es nicht tue. Manch­mal bin ich mü­de, fra­ge mich, ob es nicht sinn­vol­ler ist, mir ei­nen ehr­li­chen Job zu su­chen“, hat er in sei­nen An­fangs­jah­ren mal ge­sagt. Doch sein Aus­flug in die „nor­ma­le“Ar­beits­welt en­det nach kur­zer Zeit. Zu groß ist die­ser Drang zu schrei­ben, die

Sehn­sucht da­nach, sei­ne ei­ge­nen Gren­zen zu über­schrei­ten und et­was zu schaf­fen, das ei­nen Hauch von Uns­terb­lich­keit be­sitzt. War­um er schließ­lich Sän­ger wird? „Weil ich mei­ne Rech­nun­gen be­glei­chen muss­te.“Sei­ne ers­te Kar­rie­re als Ro­man­au­tor und Ly­ri­ker macht Co­hen zwar zum Kri­ti­ker­lieb­ling, ist aber nicht von grö­ße­ren Er­fol­gen ge­krönt. Und sei­ne Mu­sik be­trach­tet der zu­rück­hal­ten­de Dich­ter an­fangs nur als Zeit­ver­treib. Als Kurs­kor­rek­tur. Und Er­wei­te­rung sei­ner Poe­sie. Ei­nen Groß­teil sei­ner frü­hen Jah­re ver­bringt er in ein­sa­men Ho­tel­zim­mern, schreibt Bü­cher, die kaum je­mand kau­fen will. An­fang der Sech­zi­ger-Jah­re lässt er sich auf der grie­chi­schen In­sel Hy­dra nie­der, wo er die Ro- ma­ne „The Fa­vou­rite Ga­me“und „Be­au­ti­ful Lo­sers“und ers­te Songs ver­fasst, dar­un­ter den spä­te­ren Welt­hit „Su­zan­ne“. Mit der Schwe­din Ma­ri­an­ne Ih­len und ih­rem klei­nen Sohn Axel lebt er dort in ei­ner kar­gen Un­ter­kunft zu­sam­men. Sie ist ei­ne sei­ner gro­ßen Lie­ben, mit dem Stück „So Long, Ma­ri­an­ne“setzt er ihr ein Denk­mal. Doch sein Herz, es zieht ihn wei­ter: 1967 kehrt Co­hen nach Ame­ri­ka zu­rück. Dort ver­öf­fent­licht er sein ers­tes Al­bum: „Songs of Leo­nard Co­hen“. Zu alt? Viel­leicht, aber den 33-Jäh­ri­gen in­ter­es­sie­ren die Re­geln des Mu­sik­busi­ness we­nig. Er geht sei­nen Weg wei­ter. Kon­se­quent. Nach sei­nem Mot­to: Fol­ge dei­ner Stim­me. Tu, was dir gut tut.

Kämp­fe für dein Hal­le­lu­ja

Aber wann ist et­was wirk­lich gut? Dann, wenn dein Herz Ja sagt. Co­hen lebt die­se Lek­ti­on. Al­lein von sei­nem be­we­gen­den Song „Hal­le­lu­jah“gibt es in­zwi­schen mehr als 100 Co­ver-Ver­sio­nen.

Ge­ar­bei­tet hat er an dem Stück vier Jah­re. 80 Stro­phen hat er ge­schrie­ben. Im­mer wie­der neu be­gon­nen. Bis das Lied per­fekt ist. Für ihn. Co­hen gilt ne­ben Bob Dy­lan als wohl be­deu­tends­ter noch le­ben­der Ly­ri­ker im Pop­ge­schäft. Und er schreibt mit über 80 Jah­ren noch im­mer, auch wenn es ihn manch­mal in­ner­lich zer­reißt, er genau wie frü­her lan­ge braucht, um ei­nen Song zu kom­po­nie­ren. Denn in­zwi­schen liebt er sei­ne Lie­der. „Ein Lied spielt sich in ei­ner völ­lig an­de­ren Land­schaft ab. Es gibt zwar Ähn­lich­kei­ten wie Spra­che, Reim und Rhyth­mus, aber es muss den Zu­hö­rer so­fort fes­seln. Hin­ge­gen kann man bei ei­nem Ge­dicht bei ei­ner Zei­le ver­wei­len, wie­der zu ihr zu­rück­keh­ren. Aus­stei­gen, um wie­der ein­zu­stei­gen.“Co­hen wid­met sich der Mu­sik mit Hin­ga­be. Spielt täg­lich und singt, bis er wei­nen muss. „Nicht, dass ich di­cke Trä­nen ver­gie­ße, ich füh­le eher so et­was wie ein Krat­zen in der Keh­le. Dann weiß ich, dass ich mit et­was Kon­takt auf­ge­nom­men ha­be, das ein we­nig tie­fer liegt als der Punkt, von dem aus ich mit der Gi­tar­re in der Hand auf­ge­bro­chen bin.

Wun­der dau­ern et­was län­ger

Es hat lan­ge ge­dau­ert, bis man ihn ver­stan­den hat. Ver­stan­den hat, dass er im Grun­de nie bloß von Schmerz und Leid und De­pres­si­on, Ge­walt und Re­li­gi­on und Sex singt, son­dern von der Frei­heit. Von der Frei­heit, sich in die­sen Tie­fen und Un­tie­fen ret­tungs­los zu ver­lie­ren. Von der Frei­heit, Schmerz an­zu­neh­men, nach der Lie­be oder der Ein­sam­keit zu le­ben. Von der Frei­heit, ein In­di­vi­du­um zu sein. „Du kannst an­de­re täu­schen, aber nie­mals dich selbst“, sagt Co­hen. Die­se Ehr­lich­keit ist mit­un­ter ex­trem schmerz- haft. In sei­nen Ge­dich­ten und Songs wird sie greif­bar, die in­ne­re Zer­ris­sen­heit, die gna­den­lo­se Kon­se­quenz sich selbst ge­gen­über, der Schmerz über den Ver­lust der Lie­be. Das ewi­ge Su­chen und Fin­den der­sel­ben. Nach­dem das Al­bum „Va­rious Po­si­ti­ons“– mit dem be­rühm­ten „Hal­le­lu­jah“– 1984 zu­nächst von Co­hens Plat­ten­fir­ma Co­lum­bia ab­ge­lehnt wird, fällt er in ei­ne Schaf­fens- und Exis­tenz­kri­se, aus der ihn die ihn be­harr­lich um­sor­gen­den Frau­en und ei­ni­ge der größ­ten Lie­der sei­ner Kar­rie­re be­frei­en kön­nen: „I’m Your Man“zeigt 1988 den Trou­ba­dour auf dem Plat­ten­co­ver als läs­si­gen An­zug­trä­ger mit Son­nen­bril­le und ge­schäl­ter Ba­na­ne. Sein Selbst­ver­trau­en – es kehrt zu­rück.

Gib nicht auf, such neue We­ge

Co­hen ist be­reit zu war­ten. Er hat die Un­ge­wiss­heit zu sei­nem per­sön­li­chen Man­tra ge­macht – ist ein Po­et, der nie­mals wirk­lich jung ge­we­sen zu sein scheint, wird mit dem Al­ter nur bes­ser. Gibt be­we­gen­de Kon­zer­te. Im Jahr 2008 kehrt er auf die Büh­ne zu­rück, nach­dem ihn sei­ne Ma­na­ge­rin Kel­ley Lynch um sein gan­zes Ver­mö­gen ge­bracht hat. Und aus dem schlimms­ten Ver­rat, dem dro­hen­den Ru­in, wird das Fun­da­ment für ei­nen Schritt ins Licht. Sei­ne ehe­ma­li­ge Ge­lieb­te ver­un­treut fast fünf Mil­lio­nen Dol­lar, trotz ei­ner rechts­kräf­ti­gen Ver­ur­tei­lung kann Co­hen die Sum­me bis heu­te nicht zu­rücker­lan­gen. Mehr noch: 2012 wird Lynch zu 18 Mo­na­ten Haft ver­ur­teilt, weil sie ihn – trotz ei­nes be­ste­hen­den Kon­takt­ver­bots – im­mer wie­der be­läs­tigt. Co­hens Re­ak­ti­on auf den Rich­ter­spruch zeugt von wah­rer Grö­ße: „Es be­frie­digt mich

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.