Selbst­ach­tung – die fünf Stu­fen der Frei­heit

Mit­füh­lend, ver­ständ­nis­voll, au­then­tisch, klar. Geht es nach der Fa­mi­li­en­the­ra­peu­tin Vir­gi­nia Sa­tir, soll­ten wir so und nicht an­ders kom­mu­ni­zie­ren. Mit ih­ren fünf Frei­hei­ten zeigt sie uns, wie ein von Ach­tung und Re­spekt für an­de­re und uns selbst ge­tra­ge

Happinez - - Inhalt - Text Chris­tia­ne S. Schö­ne­mann Ba­sie­rend auf Tex­ten von Vir­gi­na Sa­tir Fo­to su­riya photo shutterstock

E s gibt Men­schen, die mir in vie­lem glei­chen, aber nie­mand gleicht mir aufs Haar. Des­halb ist al­les, was von mir kommt, mein Ei­ge­nes, weil ich mich da­zu ent­schlos­sen ha­be. Al­les, was mit mir zu tun hat, ge­hört zu mir. Mein Kör­per, mit al­lem was er tut, mein Kopf, mit al­len Ge­dan­ken und Ide­en, mei­ne Au­gen, mit al­len Bil­dern, die sie er­bli­cken, mei­ne Ge­füh­le, gleich wel­cher Art – Är­ger, Freu­de, Frus­tra­ti­on, Lie­be, Ent­täu­schung, Be­geis­te­rung. Mein Mund und al­le Wor­te, die aus ihm kom­men, höf­lich, lieb oder schroff, rich­tig oder falsch. Mei­ne Stim­me, laut oder lei­se, und al­les, was ich mir selbst oder an­de­ren tue. Mir ge­hö­ren mei­ne Fan­ta­si­en, mei­ne Träu­me, mei­ne Hoff­nun­gen, mei­ne Be­fürch­tun­gen, mir ge­hö­ren all mei­ne Sie­ge und Er­fol­ge und all mei­ne Nie­der­la­gen und Feh­ler. Weil ich mir ganz ge­hö­re, kann ich mich nä­her mit mir ver­traut ma­chen. Da­durch kann ich mich lie­ben und al­les, was zu mir ge­hört, freund­lich be­trach­ten. Da­mit ist es mir mög­lich, mich voll zu ent­fal­ten. Ich weiß, dass es ei­ni­ges an mir gibt, das mich ver­wirrt, und man­ches, das ich noch gar nicht ken­ne. Aber so­lan­ge ich freund­lich und lie­be­voll mit mir um­ge­he, kann ich mu­tig und hoff­nungs­voll nach Lö­sun­gen für Un­klar­hei­ten schau­en und We­ge su­chen, mehr über mich selbst zu er­fah­ren.“Die­se Zei­len stam­men aus ei­nem Ge­dicht von Vir­gi­nia Sa­tir (1916 – 1988), der Mut­ter der Fa­mi­li­en­the­ra­pie. Schon 1955 un­ter­rich­te­te sie das Fach Fa­mi­li­en­dy­na­mik am Il­li­nois Psych­iatric In­sti­tu­te. Und das zu ei­ner Zeit, in der al­le nam­haf­ten The­ra­peu­ten Män­ner wa­ren. Selbst­ach­tung und in­ne­re Frei­heit sind die zwei The­men, die ihr be­son­ders am Her­zen la­gen.

Ge­ra­de­zu mis­sio­na­risch hat sie ver­sucht, Men­schen ein Be­wusst­sein für de­ren Ein­zig­ar­tig­keit zu ver­mit­teln. Für sie ist die Welt ein Ort un­end­li­cher Schön­heit, un­auf­hör­li­cher Ent­wick­lung und Ve­rän­de­rung. Und auch wir sind als Tei­le der Welt et­was Wun­der­ba­res. Sa­tir geht es dar­um, Men­schen ein Be­wusst­sein für den ei­ge­nen Wert zu ver­mit­teln. Die­sen Pro­zess der Selbst­fin­dung ver­gleicht sie mit der Ent­de­ckung der Elek­tri­zi­tät, die schon im­mer exis­tier­te, doch erst nach ih­rem Ent­de­ckung ge­nutzt wer­den konn­te. Vie­le Men­schen fin­den nur schwer Zu­gang zu ih­rem in­ne­ren Reich­tum und ih­rer in­ne­ren Schön­heit. Es braucht Ge­duld, um die­se wahr­zu­neh­men, und noch mehr An­stren­gun­gen und Mü­he bis zu ih­rer Ak­zep­tanz und An­nah­me. Denn oft, so glaub­te Sa­tir, hin­dern uns Blo­cka­den dar­an, uns selbst zu spü­ren und in Kon­takt zu an­de­ren zu tre­ten: „Das größ­te Ge­schenk, das ich von je­man­dem emp­fan­gen kann, ist, ge­se­hen, ge­hört, ver­stan­den und be­rührt zu wer­den. Das größ­te Ge­schenk, das ich ge­ben kann, ist, den an­de­ren zu se­hen, zu hö­ren, zu ver­ste­hen und zu be­rüh­ren. Wenn dies ge­schieht, ent­steht Kon­takt.“

Un­se­re Spiel­re­geln selbst be­stim­men

Be­vor wir nicht da­mit be­gin­nen, uns selbst die Ach­tung zu schen­ken, nach der wir uns im Au­ßen seh­nen, ha­ben wir kei­ne Chan­ce auf wah­res Glück. Denn das kön­nen wir nur spü­ren, wenn wir ver­bun­den sind. Mit uns. Un­se­ren Wur­zeln. Wenn wir uns un­se­ren Ver­let­zun­gen und Ängs­ten stel­len – und sie hei­len. Da­zu müs­sen wir im ers­ten Schritt ver­ste­hen, dass das Ge­fühl und das Be­wusst­sein für un­se­ren ei­ge­nen Wert nicht an­ge­bo­ren, son­dern er­lernt sind. Das wie­der­um be­deu­tet, dass wir uns auch von al­ten Denk­mus­tern lö­sen und aus selbst ge­bau­ten Ge­fäng­nis­sen be­frei­en und un­se­ren Wert neu de­fi­nie­ren kön­nen. Die Fa­mi­lie ist zwar der Ort, an dem wir die­ses Ge­fühl von Wert bzw. Un­wert er­fah­ren – doch nie­mand kann uns zwin­gen, jah­re­lang Op­fer un­se­rer ei­ge­nen Geschichte zu blei­ben. Wir kön­nen un­se­re Ver­gan­gen­heit nicht än­dern, aber durch­aus un­se­re Ge­gen­wart nach für uns stim­mi­gen neu­en Spiel­re­geln ge­stal­ten. Zu­ge­ge­ben, das er­for­dert Mut. Ein­satz. Kon­se­quenz. Aber wir selbst sind es, die ent­schei­den, wie viel Wert wir uns selbst zu­ge­ste­hen wol­len. Wir ha­ben das Recht, uns jeg­li­che da­für er­for­der­li­che Un­ter­stüt­zung zu su­chen, wenn wir uns die­ser Auf­ga­be nicht ge­wach­sen füh­len. Und Hil­fe an­zu­neh­men, uns Ver­bün­de­te zu su­chen, ist kein Zei­chen von Schwä­che, son­dern si­gna­li­siert viel­mehr Stär­ke. Die Stär­ke und Be­reit­schaft, et­was dau­er­haft än­dern zu wol­len. „Kom­mu­ni­ka­ti­on ist wie ein rie­si­ger Re­gen­schirm, der al­les um­fasst und be­ein­flusst, was un­ter mensch­li­chen We­sen vor sich geht. Sie ist der Maß­stab, mit dem zwei Men­schen ge­gen­sei­tig den Grad ih­res Selbst­werts mes­sen, und sie ist auch das Werk­zeug, mit dem die­ser Grad für bei­de ge­än­dert wer­den kann.“Wir al­le ha­ben ein Licht in uns, das nur dar­auf war­tet, uns nach Hau­se zu füh­ren. Es ist die Be­stim­mung un­se­rer See­le, die­ses ein­zig­ar­ti­ge Licht auf die Art zum Leuch­ten zu brin­gen, zu der nur wir selbst in der La­ge sind. Wenn wir das tun, springt der Fun­ke auf je­mand an­de­ren über und in­spi­riert

ihn, das Glei­che zu tun. Wir al­le sind da­zu auf­ge­ru­fen, den tiefs­ten Re­gun­gen un­se­rer See­le zu fol­gen und die tie­fe Ver­bun­den­heit al­ler le­ben­den We­sen zu er­ken­nen.

„If it isn´t fun, fuck it!“

In­dem wir ler­nen, un­se­ren ei­ge­nen Ge­füh­len, Ide­en und Im­pul­sen zu ver­trau­en, ma­chen wir uns un­ab­hän­gig von den Mei­nun­gen an­de­rer. Wir er­ken­nen, wann und wie wir ma­ni­pu­liert wer­den –, und hö­ren auf, den Ein­flüs­te­run­gen an­de­rer zu viel Be­ach­tung zu schen­ken. Und wir wis­sen, wer uns gut­tut und wer un­se­re wah­ren Ver­bün­de­ten sind. Vir­gi­nia Sa­tir hat­te da­für ei­ne be­son­de­re Kör­per­re­gi­on de­fi­niert, die sie „wis­dom box“nann­te, und sie in der Kör­per­mit­te – dem Ha­ra aus dem Zen-Bud­dhis­mus – zu­ge­ord­net. Ihr Man­tra zur ge­sun­den Selbst­für­sor­ge hat in­zwi­schen Kult­sta­tus er­reicht: „If it isn’t fun, fuck it“. Na­tür­lich ist es für die meis­ten von uns un­ge­wohnt, ra­di­kal für die ei­ge­nen In­ter­es­sen ein­zu­ste­hen. Es fühlt sich vi­el­leicht zu­erst auch et­was selt­sam an, wenn wir uns Ge­hör ver­schaf­fen, dar­auf be­ste­hen, wahr­ge­nom­men und re­spekt­voll be­han­delt zu wer­den. Aber die Welt ist un­ser Spie­gel: Je bes­ser wir mit uns selbst um­ge­hen, je selbst­be­wuss­ter wir für uns ein­tre­ten, des­to mehr wer­den es auch un­se­re Mit­men­schen tun. Nur wenn wir uns be­merk­bar ma­chen, wer­den wir be­merkt. Und in­dem wir sa­gen, was wir uns wün­schen, ge­ben wir an­de­ren die Mög­lich­keit, auf uns ein­zu­ge­hen. Vir­gi­nia Sa­tir schreibt: „Al­les, was du bis­her ge­tan hast, hat im Prin­zip funk­tio­niert. Die Fra­ge, die sich wie­der­holt stellt, ist: Wel­chen Preis hast du da­für be­zahlt. Und: Könn­te der Preis ge­rin­ger sein?“So­bald wir auf­hö­ren, uns hin­ter un­aus­ge­spro­che­nen Er­war­tun­gen zu ver­ste­cken, öff­nen wir den Raum für ech­te Kom­mu­ni­ka­ti­on. Wir tre­ten in Kon­takt. Tau­schen uns aus. Sind frei. Sa­tir er­mu­tigt uns, un­se­re ei­ge­ne Wahr­heit zu le­ben. „Wenn ich ei­ne Bot­schaft ha­be, ei­ne Bot­schaft, die ich an so vie­le Men­schen wie mög­lich wei­ter­ge­ben möch­te, be­vor ich ster­be, so ist es die­se: Ein Er­eig­nis be­stimmt nicht al­lein, wie ich dar­auf re­agie­re. Je­der kann Wahl­mög­lich­kei­ten des Re­agie­rens ler­nen, die ein Er­eig­nis be­einflus­sen und len­ken. Das heißt, dass der Um­gang mit ei­nem Er­eig­nis aus­schlag­ge­bend ist und nicht das Er­eig­nis an sich.“Kern­stück ih­rer The­ra­pie­ar­beit sind da­bei die fünf Stu­fen der Frei­heit, die uns ein selbst­be­stimm­tes Le­ben er­mög­li­chen.

Ist das wirk­lich re­al? Die Frei­heit zu se­hen und zu hö­ren, was im Mo­ment wirk­lich da ist – statt das, was sein soll­te, ge­we­sen ist oder erst sein wird.

Für Sa­tir be­deu­tet dies, dass wir durch das Le­ben ge­hen wie ein neu­tra­ler Be­ob­ach­ter und un­se­re Auf­merk­sam­keit auf die Ge­gen­wart kon­zen­trie­ren. Dass wir ge­nau die­sen Au­gen­blick le­ben, nicht mit den Ge­dan­ken ab­schwei­fen, we­der in die Ver­gan­gen­heit, noch die Zu­kunft. Da­zu müs­sen wir nichts wei­ter tun als das Hier und Jetzt auf uns wir­ken zu las­sen, oh­ne so­for­ti­ge Beur­tei­lung und ge­dank­li­ches Kon­stru­ie­ren ei­ner Wirk­lich­keit, von der wir an­neh­men, dass sie für uns bes­ser wä­re. Blei­ben wir ge­gen­wär­tig, gibt uns das die Mög­lich­keit, un­se­re Ener­gie zu bün­deln, sie zu fo­kus­sie­ren und op­ti­mal zu nut­zen. Je bes­ser der Kon­takt zu uns selbst und zu an­de­ren ist, des­to eher füh­len wir uns ge­liebt und ge­schätzt,

Ich möch­te dich lie­ben, oh­ne dich ein­zu­en­gen. Ich möch­te dich wert­schät­zen, oh­ne dich zu be­wer­ten. Ich möch­te dich ernst neh­men, oh­ne dich auf et­was fest­zu­le­gen. Ich möch­te zu dir kom­men, oh­ne mich dir auf­zu­drän­gen. Ich möch­te dich ein­la­den, oh­ne For­de­run­gen an dich zu stel­len. Ich möch­te dir et­was schen­ken, oh­ne Er­war­tun­gen dar­an zu knüp­fen.

sind ge­sund und ler­nen, un­se­re Pro­ble­me selbst­be­wusst zu lö­sen. Le­gen wir un­se­re Mas­ke ab, si­gna­li­sie­ren wir die Be­reit­schaft zu ech­ten Be­geg­nun­gen. Wir hö­ren auf, un­se­re Ge­füh­le zu ver­ste­cken. Und ge­nau das ist ein Zei­chen der Zu­nei­gung – uns pur zu zei­gen, nicht nur in Son­nen­schein­stun­den, son­dern auch dann, wenn es un­be­quem wird. Uns, wenn es sein muss, auf Kon­fron­ta­ti­ons­kurs zu be­ge­ben, egal, wie groß un­se­re Angst vor Ab­leh­nung oder vor an­de­ren Kon­se­quen­zen ist. Dar­auf zu ver­zich­ten, aus Grün­den falsch ver­stan­de­ner Har­mo­nie nicht zu sa­gen, was wir wirk­lich emp­fin­den. Da­zu brau­chen wir ein gu­tes Ge­fühl für un­se­ren ei­ge­nen Wert. Doch viel zu oft hal­ten wir uns so lan­ge zu­rück, bis wir voll­kom­men er­schöpft sind – und kei­ne Kraft mehr ha­ben, für un­se­re Zie­le und Be­dürf­nis­se ein­zu­ste­hen.

Was ist mei­ne Wahr­heit? Die Frei­heit, das aus­zu­spre­chen, was ich wirk­lich füh­le und den­ke – und nicht das, was von mir er­war­tet wird.

Ge­nau das be­deu­tet Au­then­ti­zi­tät, das ist Kom­mu­ni­ka­ti­on. Je­der von uns ist ein In­di­vi­du­um. Und als die­ses ha­ben wir das Recht, mit­un­ter vi­el­leicht so­gar die Pflicht, das aus­zu­spre­chen, was uns be­wegt, was uns auf der See­le brennt. Nie­mand weiß, was wir den­ken, emp­fin­den, mei­nen – es sei denn, wir tei­len es un­se­rem Ge­gen­über mit. Spre­chen wir nur das aus, was von uns er­war­tet wird, be­schnei­den wir un­se­re Per­sön­lich­keit und ver­lie­ren un­se­re Kraft. Nur wenn je­der sagt, was er fühlt und denkt, ge­winnt die Welt an Viel­fäl­tig­keit. Wir kön­nen uns wei­ter­ent­wi­ckeln, Neu­es ent­de­cken, krea­tiv sein. Kom­mu­ni­ka­ti­on ist aus­ge­spro­chen wich­tig: „Wir dür­fen uns nicht durch die be­grenz­ten Vor­stel­lun­gen an­de­rer Leu­te de­fi­nie­ren las­sen“, legt uns Sa­tir ans Herz. Und wir sind es uns selbst schul­dig, klar zu kom­mu­ni­zie­ren. Wenn wir uns über je­man­den ge­är­gert ha­ben, soll­ten wir ihm dies auch klar mit­tei­len, an­statt her­um­zu­druck­sen. Un­se­re Wor­te soll­ten das wi­der­spie­geln, was wir füh­len. Dann sind Kör­per, Mi­mik und Ver­hal­ten im Ein­klang. Und wir sind glaub­wür­dig. Selbst­ach­tung si­gna­li­siert, dass wir es uns wert sind, of­fen zu agie­ren. Die­se Form der Kom­mu­ni­ka­ti­on bringt uns zu­rück in un­se­re Kraft. Weil wir es uns er­lau­ben. Und weil wir es uns selbst wert sind.

Vom Den­ken zum Füh­len Die Frei­heit, zu mei­nen Ge­füh­len zu ste­hen – und nicht et­was an­de­res vor­zu­täu­schen.

Ich darf ich selbst sein, darf mich selbst ver­wirk­li­chen. Und dar­aus Le­bens­freu­de und Schaf­fens­kraft schöp­fen. „In mei­ner Pra­xis und in mei­nem Le­ben stel­le ich fest, dass Men­schen, die sich selbst als Ganz­heit er­le­ben und das Ge­fühl be­sit­zen, selbst et­was wert zu sein, fä­hig sind, mit al­len Her­aus­for­de­run­gen des Le­bens in schöp­fe­ri­scher und an­ge­mes­se­ner Wei­se fer­tig­zu­wer­den.“Wachs­tum be­deu­tet, dass wir das Le­ben, das aus per­ma­nen­ten Ve­rän­de­run­gen be­steht, ak­zep­tie­ren, wie es ist. Auf die Ins­ze­nie­rung un­nö­ti­ger Dra­men ver­zich­ten und in der Rea­li­tät blei­ben, statt uns in Wunsch­träu­me zu flüch­ten. Falls wir krank sind, uns elend füh­len, die Welt über uns zu­sam­men­zu­stür­zen scheint, kön­nen wir un­se­re Lie­ben um Un­ter­stüt­zung bit­ten, wenn wir das Ge­fühl ha­ben, al­lein nicht wei­ter­zu­kom­men. Bit­ten be­deu­tet je­doch, ehr­lich dar­über zu spre­chen, was ist. Nicht zu jam­mern, son­dern klar zu blei­ben. Und zu ak­zep­tie­ren, dass uns an­de­re Men­schen so hel­fen, wie sie es kön­nen – falls das mit un­se­ren Be­dürf­nis­sen nicht über­ein­stimmt, müs­sen wir im Aus­tausch se­hen, was mög­lich ist und was nicht. Nie­mand kann ah­nen, was wir brau­chen oder wie wir es brau­chen, wenn wir es nicht for­mu­lie­ren …

sa­ge dir, was ich wirk­lich brau­che Die Frei­heit, um das zu bit­ten, was ich brau­che – an­statt im­mer erst auf Er­laub­nis zu war­ten.

Wün­schen wir uns et­was, soll­ten wir nicht aus falsch ver­stan­de­nem Hel­den­tum dar­auf war­ten, dass un­se­re Mit­men­schen mer­ken, dass et­was mit uns nicht op­ti­mal läuft – denn sonst lau­fen wir Ge­fahr, über­se­hen zu wer­den und zu kurz zu kom­men. Ge­sun­de zwi­schen­mensch­li­che Be­zie­hun­gen grün­den auf Gleich­wer­tig­keit. Oft ha­ben wir nur des­halb das Ge­fühl, nicht un­ter­stützt zu wer­den, weil wir uns selbst nicht un­ter-

stüt­zen und lieb­los mit uns um­ge­hen. Wir füh­len uns un­ver­stan­den, nicht wert­ge­schätzt und al­lein, weil wir selbst stän­dig den Ruf un­se­rer See­le igno­rie­ren. Erst wenn wir da­mit be­gin­nen, uns auch dann zu ach­ten, wenn wir uns schlecht füh­len, kön­nen wir über un­se­ren elen­den Zu­stand hin­aus se­hen. Und mit­un­ter spü­ren wir dann so et­was wie Gna­de, er­in­nern uns dar­an, wer wir in un­se­rem in­ne­ren Kern sind. Fin­den es wie­der, das Licht in uns; ge­win­nen das Ver­trau­en zu­rück in den Fluss des Le­bens. Ge­nau das sind die wahr­haft kost­ba­ren Mo­men­te – es ist die Heim­kehr zu un­se­rem au­then­ti­schen Selbst jen­seits al­ler fal­schen Bil­der, die wir über uns ha­ben.

Das Le­ben spü­ren Die Frei­heit, in ei­ge­ner Ver­ant­wor­tung Ri­si­ken auf uns zu neh­men – statt im­mer nur auf „Num­mer si­cher“zu ge­hen und nichts Neu­es zu wa­gen.

An un­se­ren Be­wäl­ti­gungs­stra­te­gi­en zeigt sich, wie es um un­ser Selbst­wert­ge­fühl be­stellt ist. Je stär­ker es aus­ge­prägt ist, um­so ge­sün­der sind die­se Stra­te­gi­en in Kri­sen, aber auch die Be­reit­schaft, uns auf Ve­rän­de­run­gen ein­zu­las­sen. Wir selbst ent­schei­den, wel­che neu­en Schrit­te wir ma­chen und wel­che Ri­si­ken wir da­bei ein­ge­hen möch­ten. Geht es um tief­grei­fen­de Ve­rän­de­run­gen, lohnt sich ein Blick auf die Ver­gan­gen­heit und un­se­re sich stän­dig wie­der­ho­len­den Ver­hal­tens­mus­ter. Ei­ne zen­tra­le Fra­ge ist da­bei laut Sa­tir: „Dient mei­ne Ver­gan­gen­heit da­zu, mei­ne Ge­gen­wart zu er­hel­len oder zu ver­gif­ten …?“Ve­rän­de­rung setzt die Be­reit­schaft vor­aus, uns un­se­ren Ge­füh­len ehr­lich zu stel­len. Die­se Ehr­lich­keit ist zum ei­nen das Kern­stück wirk­li­cher Be­geg­nung. Sa­tir nennt sie Kon­gru­enz. Kon­gru­enz be­deu­tet aber auch Ehr­lich­keit uns selbst ge­gen­über – die Be­reit­schaft, Din­ge aus­zu­pro­bie­ren, die wir noch nie ge­tan ha­ben, statt stän­dig auf der Stel­le zu tre­ten. Den Mut, un­se­re Gren­zen zu über­schrei­ten und uns auf neue Er­fah­run­gen, neue Be­geg­nun­gen ein­zu­las­sen. Zu schau­en, wie es uns mit uns selbst geht, wenn wir un­se­re Rah­men­be­din­gun­gen än­dern, un­se­re Kom­fort­zo­ne ver­las­sen. Es ist wich­tig für un­se­ren Selbst­wert, uns stark zu füh­len – wir brau­chen die­ses Ge­fühl, dass wir wich­tig sind. Doch um das zu er­rei­chen, müs­sen wir be­reit sein, per­sön­lich Ver­ant­wor­tung zu über­neh­men. Für uns selbst und für un­se­re Be­geg­nun­gen mit an­de­ren Men­schen. Dann, und nur dann, ist ein Le­ben in Frei­heit mög­lich. Oder wwie Vir­gi­nia Sa­tir fest­stellt: „Ein Mensch, der die fünf Frei­hei­ten wirk­lich lebt, be­sitzt in mei­nen Au­gen die größ­te per­sön­li­che Macht, die ein Mensch über­haupt ha­ben kann. Er be­sitzt die Frei­heit, er selbst zu sein.“ Vir­gi­nia Sa­tir: „Mein Weg zu dir: Kon­takt fin­den und Ver­trau­en ge­win­nen,“Kö­sel Ver­lag, 110 Sei­ten, 12,95 Eu­ro, ISBN-10: 3466305489

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