Ma­hat­ma Gandhi, mein lie­be­vol­ler Groß­va­ter

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Ma­hat­ma Gandhi war ei­ner der be­deu­tends­ten Wei­sen die­ser Welt. Als „Gro­ße See­le“wur­de er ver­ehrt, weil er von ei­nem Le­ben in Frie­den und Frei­heit träum­te. Von ei­nem Le­ben vol­ler Lie­be und Re­spekt. Arun Gandhi (83) er­leb­te die­sen wei­sen Mann aus ei­ner ganz be­son­de­ren Per­spek­ti­ve: als Groß­va­ter

Wenn Sie die Au­gen schlie­ßen und an Ih­ren Groß­va­ter den­ken: Was kommt Ih­nen zu­erst in den Sinn?

Sei­ne gü­ti­gen Au­gen. Sein sanft­mü­ti­ges Lä­cheln. Und er duf­te­te im­mer so gut nach mei­nen ge­lieb­ten Erd­nüs­sen.

Ha­ben Sie ihn oft ge­se­hen?

Wir leb­ten in Süd­afri­ka. Zu ihm nach In­di­en zu ge­lan­gen, war da­mals ei­ne wo­chen­lan­ge Welt­rei­se. Mit fünf hat­te ich ihn zum ers­ten Mal ge­se­hen – doch dar­an konn­te ich mich über­haupt nicht mehr er­in­nern. Ich war zwölf, als ich ihm wie­der be­geg­ne­te. Be­wusst be­geg­ne­te. Nun soll­te ich so­gar zwei Jah­re bei ihm blei­ben. Mit ihm im Ashram woh­nen. Mei­ne El­tern woll­ten, dass ich von ihm ler­ne. Ich war auf­ge­regt. Neu­gie­rig. Al­le spra­chen ehr­furchts­voll vom gro­ßen Ma­hat­ma. Wie wür­de er wohl sein, mein Opa? Ob es bei ihm Blu­men­bee­te, Pal­men, viel­leicht so­gar ei­nen klei­nen Pool gab?

Und was er­war­te­te Sie?!

Ein Fuß­marsch von acht Mei­len bei sen­gen­der Hit­ze – so ab­ge­le­gen war der Ashram. Wir lan­de­ten an ei­nem stau­bi­gen Ort mit ein paar Lehm­hüt­ten. Öde Tris­tesse! Auf dem Bo­den lag ei­ne dün­ne Baum­woll­mat­te: Dar­auf hock­te Groß­va­ter. Ich ver­beug­te mich ei­lig vor sei­nen Fü­ßen, wie es in In­di­en Tra­di­ti­on ist. Da­von woll­te er nichts wis­sen. Rasch zog er mich an sich, küss­te mich und zwin­ker­te mir zu. Ich spür­te nur ei­nes: Lie­be.

Wie ging es wei­ter?

Am nächs­ten Tag lief ich ins Nach­bar­dorf. Ich traf ein paar gleich­alt­ri­ge Jungs mit ei­nem aus­ge­frans­ten Fuß­ball. St­ei­ne mar­kier­ten un­ser Tor. Sie mach­ten sich über mei­nen frem­den Ak­zent lus­tig. Ich rann­te los, da lag ich auch schon im Dreck. Foul! Mei­ne Knie blu­te­ten. Ich hum­pel­te wü­tend zum Ashram zu­rück und mal­te mir aus, wie ich mich rä­chen wür­de…

…kam es da­zu?!

Nein. Statt­des­sen hock­te ich vor ei­ner Blu­me. Ei­ne Mi­nu­te soll­te ich mich auf sie kon­zen­trie­ren. Da­nach die Au­gen schlie­ßen und sa­gen, wie lan­ge ich das Bild noch vor mei­nem in­ne­ren Au­ge se­hen kön­ne. Es ver­schwand schnell. Schon dach­te ich wie­der an das Foul. Ra­chefan­ta­si­en sei­en sinn­los, sag­te Groß­va­ter. Au­ge um Au­ge, das ma­che blind. Er bat mich, lie­ber wei­ter­zu­üben. Bald ge­lang es mir, die Blu­me län­ger zu se­hen. Nun soll­te ich mei­ne Au­gen schlie­ßen und be­wusst wahr­neh­men, wie ich ein- und aus­at­me. „Das hilft dir, dei­ne Re­ak­tio­nen bes­ser zu kon­trol­lie­ren, du wirst nicht mehr über­stürzt han­deln. Und noch ei­nes: Ver­giss nie, dass du am lau­tes­ten bist, wenn du nicht schreist.“Ich war baff.

War­um?

Ich hat­te be­fürch­tet, Groß­va­ter wür­de mit mir schimp­fen: weil ich so wü­tend war. Er wirk­te doch im­mer voll­kom­men be­herrscht. Aber dann nahm er mich in den Arm und sag­te: „Wut ist ein Ge­schenk, sie treibt uns an. Mo­ti­viert uns. Sie zwingt uns zu ent­sch­ei-

den, was ge­recht ist und was nicht. Wich­tig ist nur, die­se Wut sinn­voll zu nut­zen.“Bis heu­te prak­ti­zie­re ich sei­ne Atem-Übun­gen je­den Tag…

…war das die wich­tigs­te Lek­ti­on, die Ihr Groß­va­ter Sie lehr­te?

Nein. Die lau­tet: „Sei die Ve­rän­de­rung, die du in der Welt se­hen möch­test.“Die wah­re Tie­fe des­sen ver­stand ich erst viel spä­ter. Da­mals wa­ren da die­se ver­zwei­fel­ten El­tern, die in der Nä­he des Ashrams leb­ten. Anil, ihr Sohn, war krank: weil er stän­dig Sü­ßes in sich hin­ein­stopf­te. Sie ba­ten Groß­va­ter, Anil ins Ge­wis­sen zu re­den. Er ent­geg­ne­te bloß: „Kommt in zwei Wo­chen wie­der.“Rat­lo­se Ge­sich­ter. Beim nächs­ten Be­such flüs­ter­te Groß­va­ter Anil et­was ins Ohr. Sie klatsch­ten sich ab. Fort­an mied Anil Sü­ßes.

Wel­chen Zau­ber­spruch hat­te Ihr Groß­va­ter an­ge­wandt?

„Ich muss­te erst selbst die Sü­ßig­kei­ten auf­ge­ben, be­vor ich Anil dar­um bit­ten konn­te“, ver­riet er. „Und da­von er­zähl­te ich ihm dann.“Groß­va­ter lä­chel­te sein ver­schmitz­tes Lä­cheln. Seit­dem weiß ich, was Glaub­wür­dig­keit, Auf­rich­tig­sein meint.

Wie fühl­te sich In­di­en an – Ihr Le­ben jen­seits der Hei­mat?

In­di­en schenk­te mir un­ge­ahn­te Ein­drü­cke. Per­spek­ti­ven. Schenk­te mir Sun­an­da, mei­ne Frau. In­di­en wur­de mein Zu­hau­se. „Lass dei­nen Geist ein Haus sein: mit vie­len ge­öff­ne­ten Fens­tern. Lass über­all den Wind hin­ein­we­hen“, pfleg­te Groß­va­ter zu sa­gen, „ aber lass dich nicht weg­pus­ten.“Manch­mal wä­re es bei­na­he ge­sche­hen, wenn mich die Mo­men­te des Ver­mis­sens, des Heim­wehs nach Süd­afri­ka pack­ten und durch­schüt­tel­ten. Doch dann öff­ne­te sich wie­der ein Fens­ter. In­di­en ließ mich wach­sen. Ließ mich ver­ste­hen, was in­ne­re Stär­ke be­deu­tet.

Was ver­bin­den Sie da­mit?

Dass du her­aus­fin­dest, was in dei­nem tiefs­ten In­ne­ren zählt, und be­reit bist, da­für ein­zu­ste­hen – auch wenn der Strom in die an­de­re Rich­tung zu flie­ßen scheint. Groß­va­ters fes­ter Wil­le, sich ei­nem Sys­tem, das er für falsch hielt, ent­ge­gen­zu­stel­len, ver­lieh ihm un­bän­di­ge Kraft. Er nann­te es „Sa­ty­ag­ra­ha“, „See­len­kraft“. Der po­si­ti­ve, le­bens­be­ja­hen­de Geist, den du in all dei­ne Hand­lun­gen ein­flie­ßen lässt – er ver­leiht dir Kraft. Lei­den­schaft. Groß­va­ter wuss­te, was er woll­te, den­noch blieb er of­fen. Je­den Tag ver­folg­te er neue Ide­en. Hin­ter­frag­te sie. „Das Gu­te be­wirkt das Bes­se­re“, sag­te er oft. Und dass ich MEI­NEM Den­ken fol­gen soll.

Ha­ben Sie auf ihn ge­hört?

Er war mein „Ba­pu­ji“, mein Opa. Ich lieb­te ihn. Trotz­dem emp­fand ich als Ju­gend­li­cher sein Er­be wie ei­nen schwe­ren St­ein, der mich zu er­drü­cken droh­te. Ich wur­de ge­hän­selt, weil er dünn und ich mop­pe­lig war. Das ver­un­si­cher­te mich. Mir ka­men Zwei­fel, ob ich ihm ge­recht wer­den könn­te. Mei­ne Mut­ter riet mir da­mals, Ma­hat­mas Lehre als Licht auf mei­nem Le­bens­pfad zu be­trach­ten. „Es wird dir den Weg wei­sen.“Seit­dem ver­su­che ich, Groß­va­ters An­den­ken zu be­wah­ren – und mei­nen Weg zu ge­hen. In mei­nen Schu­hen.

Wo­hin führ­te er Sie bis­lang?

Zu der Ein­sicht, dass man ei­nen Men­schen nicht 1:1 ko­pie­ren muss, um sei­ne Ge­dan­ken mit Le­ben zu fül­len. Ich woh­ne nicht im Ashram, le­ge kei­ne Gelüb­de ab. Aber ich le­be Groß­va­ters Wer­te: Ich se­he mich als Frie­dens-Gärt­ner. Ein Gärt­ner bringt die Saat in den Bo­den. Er hofft, dass sie auf­geht und reich­lich Früch­te trägt. Mei­ne Saat ist die des Frie­dens, der Ge­walt­lo­sig­keit. Die des Re­spekts, des Mit­ge­fühls. Ich säe sie Tag für Tag aufs neue – mit mei­nen Vor­trä­gen, Se­mi­na­ren, Ar­ti­keln, Bü­chern.

Woran glau­ben Sie, Arun?

Nicht an den ei­nen Gott – ich glau­be an al­le. Je­de Re­li­gi­on ent­hält ein Quänt­chen Wahr­heit. Ich fin­de es pro­ble­ma­tisch, an­zu­neh­men, die­ses Quänt­chen sei die gan­ze, die ein­zi­ge Wahr­heit. Ein Got­tes­dienst wür­de für mich Geist­li­che des Chris­ten­tums, des Hin­du­is­mus, des Bud­dhis­mus und des Is­lams ver­ei­nen. Ich muss kei­ner Re­li­gi­on an­ge­hö­ren,

„ Ich se­he mich als Frie­dens-Gärt­ner. Mei­ne Saat ist die des Frie­dens, des Mit­ge­fühls.“

um die Wun­der des Le­bens zu schät­zen. Mein hei­ligs­ter Ort? Ist mei­ne See­le.

Ha­ben Sie mit Ih­rem Groß­va­ter auch über Re­li­gi­on dis­ku­tiert?

Oh ja! Er sah Re­li­gio­nen als un­ter­schied­li­che Stra­ßen, die auf das­sel­be Ziel zu­lau­fen. „War­um“, frag­te er, „spielt es dann ei­ne Rol­le, wel­che Stra­ße wir neh­men?“Groß­va­ter glaub­te fest dar­an, dass wir die Welt mit Lie­be be­rüh­ren müs­sen, nicht mit Angst. Für ihn zähl­te nur die­se tie­fe, be­din­gungs­lo­se Lie­be…

…und sie wur­de nie auf die Pro­be ge­stellt?

Mei­ne Groß­el­tern hat­ten vier Söh­ne. Ma­nil­al, mein Va­ter, war der Zweit­ge­bo­re­ne. Sein äl­tes­ter Bru­der hieß Ha­ril­al. Der ver­fiel dem Al­ko­hol, wur­de des Dieb­stahls an­ge­klagt. Groß­va­ter ver­such­te be­harr­lich, ihn in den Schoß un­se­rer Fa­mi­lie zu­rück­zu­ho­len. Ha­ril­al leb­te lie­ber auf der Stra­ße, mach­te sich über al­les lus­tig, was Groß­va­ter tat. Schließ­lich kon­ver­tier­te Ha­ril­al vom Hin­du­is­mus zum Is­lam. Da­mit konn­te er Groß­va­ter nicht pro­vo­zie­ren: Der ak­zep­tier­te ja je­de Re­li­gi­on – wenn sie mit dem Her­zen ge­wählt wird. Dann fand Groß­va­ter her­aus, dass Ha­ril­al nur für Geld zum Is­lam ge­wech­selt war. Sein Sohn hat­te sich ver­kauft.

Wie hat Ma­hat­ma re­agiert?

Das tat ihm sehr weh. Weil er spü­ren muss­te, dass Lie­be al­lein manch­mal nicht ge­nug ist. Doch hör­te er nie auf, an sie zu glau­ben. Als wir über mei­nen On­kel Ha­ril­al spra­chen, sag­te er: „Es ist ein­fach, die zu lie­ben, die dich lie­ben. Ver­su­che, auch die zu lie­ben, die dich has­sen. Dar­in liegt das er­ha­be­ne Ge­setz der Lie­be.“

Das klingt nach ei­ner ganz be­son­de­ren Nä­he zwi­schen Ih­nen und Ih­rem Groß­va­ter…

...ich konn­te nicht ge­nug be­kom­men von die­sen St­un­den, die­ser Ver­traut­heit, die nur uns bei­den ge­hör­te. Meist sa­ßen wir da­bei ne­ben­ein­an­der – an un­se­ren Spinn­rä­dern. Re­de­ten. Lach­ten. Schwie­gen. Ir­gend­wann mein­te er: „Jetzt hast du mich über­holt, du bist

Arun Gandhi

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