By­ron Ka­tie über die Kraft ei­nes hei­li­gen Ver­spre­chens

Happinez - - Inhalt - In­ter­view Syl­via Nau­se-meier Fo­to PR Pat­tern www .poe­ticwan­der­lust.com Tra­cy Porter

Ih­re Ge­schich­te ver­än­dert bis heu­te das Le­ben von Mil­lio­nen Men­schen – weil sie selbst er­fah­ren hat, dass al­les Lei­den ein­zig in un­se­ren Ge­dan­ken exis­tiert. Zum ers­ten Mal seit 15 Jah­ren spricht By­ron Ka­tie (74) über die Kraft ei­nes Ver­spre­chens, wah­re Lie­be und die Kunst des Ab­wa­schens – ex­klu­siv in hap­pi­nez …

Wel­che Fra­ge hat Ihr Le­ben von Grund auf ver­än­dert, Ka­tie?

„Ist das wirk­lich wahr?“– nur vier Wor­te, aber sie ha­ben al­les auf den Kopf ge­stellt. Al­les.

Wie fühl­te sich das an?

Als ob ich jah­re­lang al­lein in der Wüs­te un­ter­wegs ge­we­sen wä­re – und wä­re stän­dig ei­ner ge­wal­ti­gen Klap­per­schlan­ge be­geg­net. Je­des Mal schlug mein Herz bis zum Hals. Die Furcht lähm­te mich. Ich war ein­sam. Ge­fan­gen. Doch ei­nes Ta­ges wag­te ich ei­nen Blick di­rekt in die Au­gen des gif­ti­gen Tie­res und stell­te fest: Die­se Schlan­ge, das ist ja ein Seil! Jah­re­lang hat­te ich mir et­was ein­ge­bil­det. Ja: ein­ge­re­det. In je­nem Mo­ment wur­de mir klar: Un­ser Kopf ist vol­ler sol­cher „Schlan­gen“– Ge­dan­ken, die uns da­von ab­hal­ten, uns ge­liebt, er­füllt und glück­lich zu füh­len.

Und da­bei hel­fen uns vier Wor­te? War­um?

Weil wir un­se­ren Ge­dan­ken, Schluss­fol­ge­run­gen und Schuld­zu­wei­sun­gen ei­sern glau­ben. Wir se­hen nicht, was tat­säch­lich ist – son­dern wie es un­se­res Erach­tens nach sein soll­te. Wir bli­cken durch un­se­re Bril­le. Wenn wir je­doch ein­fach mal fra­gen: „Ist das wirk­lich wahr?“, er­ken­nen wir die Rea­li­tät. Der be­droh­li­che Ge­dan­ke ver­liert sei­ne Kraft, sei­ne Macht über uns. Die al­ten Ängs­te ver­schwin­den. Wenn wir hin­ter­fra­gen, was wir zu wis­sen glau­ben, er­ken­nen wir un­ser wah­res Ge­sicht. Se­hen uns selbst klar und deut­lich wie in ei­nem Spie­gel. Bis ich das ka­piert ha­be, sind 43 Jah­re ver­gan­gen. Seit­dem ha­be ich zwei Le­ben – das da­vor und das da­nach.

Wo­durch kam es über­haupt zum „da­nach“?

Ich war Im­mo­bi­li­en­mak­le­rin in Ka­li­for­ni­en. Er­folg­rei­che Ge­schäfts­frau. Ich hat­te drei Kin­der, ein hüb­sches Haus und war in zwei­ter Ehe glück­lich ver­hei­ra­tet. All­mäh­lich je­doch schli­chen sich Zwei­fel in mei­nen All­tag; ich trank zu viel, nahm Ta­blet­ten, wur­de im­mer di­cker, un­zu­frie­de­ner, ge­reiz­ter und ängst­li­cher. Ich hass­te mich, mein Le­ben. Wur­de schwer de­pres­siv. Konn­te schließ­lich mein Haus nicht mehr ver­las­sen. Ich war 43 – und um mich her­um tiefs­te Dun­kel­heit.

Was führ­te Sie zu­rück ins Licht?

Das mag jetzt et­was ko­misch klin­gen, aber ei­nes Mor­gens spür­te ich ei­nen Kä­fer auf mei­nem Fuß krab­beln. Ich öff­ne­te mei­ne Au­gen – und nahm so­fort wahr, dass sich et­was Grund­le­gen­des ver­än­dert hat­te. Mei­ne De­pres­si­on, die Ängs­te, mei­ne quä­len­den Ge­dan­ken wa­ren ver­schwun­den. Statt­des­sen emp­fand ich ei­ne nie ge­kann­te Freu­de. Dank­bar­keit. Lie­be. Es war wie ei­ne Wie­der­ge­burt – denn ich ent­deck­te, dass ich litt, wenn ich mei­nen Ge­dan­ken glaub­te. Und dass ich nicht litt, so­bald ich sie in­fra­ge stell­te, sie als falsch ent­tarn­te und ih­nen nicht glaub­te. So ein­fach ist, nun ja: Frei­heit.

Wel­che Ge­dan­ken wa­ren es, die Sie so sehr quäl­ten?

„ Mein Mann soll­te auf­rich­ti­ger sein.“Der Be­last­ends­te je­doch war: „ Mei­ne Mut­ter liebt mich nicht.“Ich hin­ter­frag­te ri­go­ros je­den Ge­dan­ken, je­des Er­eig­nis, das mich aus der Ba­lan­ce zu rei­ßen schien: „Ist das wirk­lich wahr?“Ich hör­te lan­ge in mich hin­ein. Da­bei stell­te ich mir das ge­naue Ge­gen­teil vor, dreh­te den quä­len­den Ge­dan­ken ins Po­si­ti­ve.

Mit wel­chem Er­geb­nis?

Aus „ Mei­ne Mut­ter liebt mich nicht“wur­de nun: „Ich soll­te mich lie­ben.“Und „Ich soll­te mei­ne Mut­ter lie­ben.“Oder auch: „Mei­ne Mut­ter MUSS mich nicht lie­ben.“Das war un­glaub­lich heil­sam für mich. Ich lern­te, mei­nen Ge­dan­ken mit Ver­ständ­nis zu be­geg­nen. Zu lie­ben, was ist. Mich flu­te­te ei­ne nie ge­kann­te Klar­heit …

… fühl­ten Sie sich er­leuch­tet?

Was ge­nau ist denn Er­leuch­tung? Ein spi­ri­tu­el­les Kon­zept? Da­mit ken­ne ich mich nicht aus. „Er­leuch­tung“– wie ich sie se­he – be­zeich­net nicht ir­gend­ei­nen er­ha­be­nen Be­wusst­seins­zu­stand. Son­dern: die sehr mach­ba­re, bo­den­stän­di­ge Er­fah­rung des Ver­ste­hens stres­si­ger Ge­dan­ken. Der Ge­dan­ke „Mei­ne Mut­ter liebt mich nicht“quäl­te mich je­den­falls nie wie­der. Ja, in Be­zug auf die­sen ei­nen Ge­dan­ken bin ich er­leuch­tet; von ihm be­freit. Doch es fol­gen be­reits die nächs­ten stres­si­gen Ge­dan­ken – die wir ent­we­der glau­ben oder hin­ter­fra­gen kön­nen.

Wo­her weiß ich, wann mich ein Ge­dan­ke stresst?

Die meis­ten der 70 000 bis 90 000 Ge­dan­ken, die uns täg­lich in den Sinn kom­men, sind harm­los. Was uns wirk­lich stresst, ist der Wunsch – und vor al­lem die Er­war­tung –, an­de­re könn­ten uns hel­fen, un­se­re Pro­ble­me zu lö­sen. Doch das ver­magst nur du al­lein. Und die­se Nachricht fin­de ich ziem­lich gut! Weil sie be­deu­tet, dass du so­fort und selbst et­was än­dern kannst. Die Grund­re­gel ist sim­pel: Wenn dir ein Ge­dan­ke weh­tut, hin­

Die ein­zi­ge Be­zie­hung, die wich­tig ist, ist dei­ne Be­zie­hung zu dir selbst.“

ter­fra­ge ihn. Und zwar jetzt … jetzt … jetzt. Es gibt nichts an­de­res als ge­nau jetzt, ge­ra­de jetzt und wie­der jetzt.

War­um?

Weil es der ein­zi­ge Ort ist, an dem wir glück­lich sein kön­nen. Nicht mor­gen, nicht in zehn Mi­nu­ten.

Was ge­nau ist für Sie Glück?

Frie­de und Klar­heit. Das, was bleibt, wenn wir un­se­rem Ver­stand mit Ver­ständ­nis be­geg­nen. Glück kann nicht er­run­gen wer­den. Es ist nicht durch Geld, Sex oder An­er­ken­nung zu be­kom­men …

… Mo­ment: Macht uns An­er­ken­nung nicht glück­lich?

Da ist ein klei­nes Mäd­chen drau­ßen, voll­kom­men in sei­nem Spiel ver­sun­ken. Plötz­lich macht es ei­nen Pur­zel­baum. Für sich. Ein­fach so. Die Kin­der rings­ her­um klat­schen und la­chen. Nun ver­sucht das Mäd­chen, noch mehr Pur­zel­bäu­me zu schla­gen. Es blickt er­war­tungs­voll in die Ge­sich­ter der an­de­ren – doch nie­mand klatscht mehr. Als Er­wach­se­ne ver­su­chen wir es im­mer noch mit Pur­zel­bäu­men. Wol­len Part­ner, Kin­der, El­tern, den Chef und die Kol­le­gen be­ein­dru­cken. So funk­tio­niert Glück nicht. In­dem wir uns stän­dig be­mü­hen, lie­bens­wert zu sein, las­sen wir un­se­rem Le­ben kei­ne Frei­räu­me, in de­nen wir Luft ho­len und wahr­neh­men kön­nen, was wir ha­ben – und was nicht.

Was heißt das?

Wir be­rau­ben uns der Chan­ce, uns auf die un­be­grenz­ten Mög­lich­kei­ten ein­zu­las­sen, die­se Frei­räu­me zu fül­len. Glück ist nur in uns zu fin­den: un­ver­än­der­lich, un­er­schüt­ter­lich, all­ge­gen­wär­tig. Im­mer war­tend. Wenn wir ihm hin­ter­her­lau­fen, rennt es da­von.

Und wie fin­den wir es?

Du möch­test die Lie­be dei­nes Le­bens ken­nen­ler­nen? Sieh in den Spie­gel. Die ein­zi­ge Be­zie­hung, die wich­tig ist, ist dei­ne Be­zie­hung zu dir selbst. Liebst du dich selbst, liebst du im­mer auch die Per­son, mit der du zu­sam­men bist. Liebst du dich nicht, wirst du dich auch mit an­de­ren nicht wohl­füh­len.

Sie sind zum drit­ten Mal ver­hei­ra­tet, ha­ben mit Ste­phen Ih­re gro­ße Lie­be ge­fun­den. Was macht Sie so si­cher, dass es die­ses Mal hält?

Ich möch­te, dass er denkt, wie er denkt. Liebt, wen er liebt. Das ist für mich wahr­haf­ti­ge Lie­be. Lie­be sucht nichts, will nichts, braucht nichts. Sie kennt kein „soll­te“. Kein „woll­te“. Egal, ob Ste­phen mich ei­nes Ta­ges ver­lässt oder nicht – ich lie­be ihn von gan­zem Her­zen. Und nie­mand, den du liebst, kann dich

ver­las­sen. Das kannst nur du. Egal, was dir der an­de­re ver­spro­chen hat – du kannst nur auf DEIN Ver­spre­chen zäh­len.

Was ha­ben Sie Ste­phen ver­spro­chen?

„Ich ver­spre­che dir, dich so lan­ge zu lie­ben, bis ich dich nicht mehr lie­be“– mein Hei­rats­ver­spre­chen.

Ka­tie, wenn Sie zu­rück­bli­cken: Was soll­ten Ih­re Kin­der un­be­dingt ver­ste­hen ler­nen?

Ab­wa­schen …

… das klingt recht prak­tisch …

Nein, nicht weil ich ei­ne ru­hi­ge Ku­gel schie­ben woll­te. Mir ging es um et­was an­de­res: Ab­wa­schen ist ei­ne me­di­ta­ti­ve Er­fah­rung. Ich er­mun­ter­te mei­ne Kin­der, den Duft der Zi­tro­ne zu rie­chen, das war­me Was­ser zu spü­ren. Die Ober­flä­che der Tel­ler und Töp­fe. Ich sag­te ih­nen: „Seht es nicht als läs­ti­ge Pflicht an, son­dern als Chan­ce, als Spaß – und ihr wer­det spü­ren, wie eu­re Ner­vo­si­tät ver­schwin­det, wie ihr plötz­lich krea­ti­ver seid, in Ba­lan­ce kommt.“Mei­ne Kin­der soll­ten nicht dem Au­ßer­ge­wöhn­li­chen hin­ter­her­ja­gen. Son­dern ver­ste­hen ler­nen: Der Frie­de liegt im Ge­wöhn­li­chen. Wei­ter weg ist er nicht.

Ein wei­ser Ge­dan­ke.

Wirk­lich wei­se bist du, wenn du auf­hörst zu pre­di­gen. Ich lie­be mei­ne Kin­der, mei­ne En­kel sehr. Doch sie müs­sen ih­ren ei­ge­nen Weg fin­den. Das ist das Bes­te, das ich für sie tun kann. Mei­ne Er­fah­run­gen da­ge­gen tei­le ich gern.

Sie sind ins ka­li­for­ni­sche Ojai ge­zo­gen – der Ort, in dem der in­di­sche Phi­lo­soph Krish­na­mu­tri leb­te. Ist er Ihr Le­bens­leh­rer?

Er ist hier im Fe­bru­ar 1986 ge­stor­ben – in dem Mo­nat, in dem ich mein Er­we­ckungs­er­leb­nis hat­te. Zu­fall? Schick­sal? Bin ich mit ihm ver­bun­den? Ich mag die­sen traum­haf­ten Ort, in dem Krish­na­mur­tis Geist schwebt. Mei­ne En­kel be­su­chen hier die Krish­na­mur­ti-schu­le. Aber Le­bens­leh­rer? Das ist er nicht. Je­der kann mein Leh­rer sein. Mei­ne Kin­der, mei­ne En­kel­kin­der, Freun­de, Be­kann­te, mei­ne Le­ser – ich selbst.

Was ist für Sie wah­re Er­fül­lung?

Die Stil­le zu er­fah­ren. In mich hin­ein­zu­hö­ren. Zu lie­ben, was ist: das Fens­ter, die Holz­bank da­vor. Ein blau­er Him­mel. Ste­phen. Mei­ne En­kel. Die Wirk­lich­keit – wun­der­schön.

Der Frie­de liegt im Ge­wöhn­li­chen. Wei­ter weg ist er nicht.“

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