Be­gib dich auf dei­ne Hel­den­rei­se

Es gibt ei­ne Rei­se, die un­ser Le­ben für im­mer ver­än­dern kann. Ei­ne Rei­se, die Men­schen schon seit Jahr­tau­sen­den an­ge­tre­ten sind. Sie al­le ha­ben ihn ge­wählt: den Weg der Hel­den, der uns über uns selbst hin­aus­wach­sen lässt

Happinez - - Inhalt - Text Chris­tia­ne S. Schö­ne­mann il­lus­tra­ti­on Da­ni­el Eg­néus

Es heißt, dass sich hin­ter je­der Ge­schich­te, je­dem My­thos und Mär­chen ein ge­heim­nis­vol­ler Zy­klus ver­birgt, der in vie­len Kul­tu­ren und in al­len Zei­ten die Grund­la­ge für die In­te­gra­ti­on von Ve­rän­de­run­gen war. Sei­en es Odys­seus, die Schö­ne und das Biest, Mo­mo oder Har­ry Pot­ter – im­mer geht es um ei­ne Art Hel­den­rei­se. Ei­ne Rei­se, die den Über­gang von ei­nem Le­bens­ab­schnitt zum nächs­ten kenn­zeich­net. Doch was hat das mit uns zu tun? Der Be­griff der Hel­den­rei­se ist als Me­ta­pher zu ver­ste­hen für den hin­der­nis­rei­chen Weg ei­nes Men­schen zu sich selbst. Ähn­lich wie all je­ne Hel­den durch­lau­fen auch wir Ver­än­de­rungs- und Rei­fe­pro­zes­se. Und wir al­le wer­den im Lau­fe un­se­res Le­bens im­mer wie­der mit Her­aus­for­de­run­gen, mit Kri­sen kon­fron­tiert. Die­se Über­gän­ge be­gin­nen mit der Ge­burt und set­zen sich mit un­se­rem Wachs­tum fort. Ob Pu­ber­tät, Hei­rat, El­tern­schaft, Tren­nung von ei­nem Part­ner, das Plat­zen von Träu­men oder der Ver­lust des Ar­beits­plat­zes, im­mer wie­der kon­fron­tiert uns das Le­ben mit Prü­fun­gen und Schick­sals­schlä­gen, da­mit wir uns wei­ter­ent­wi­ckeln.

Die Mut­ter al­ler Ge­schich­ten

So­mit ist die Hel­den­rei­se viel mehr als ein Kon­zept, das al­len er­folg­rei­chen Ge­schich­ten zu­grun­de liegt. In Wahr­heit ist es so, dass je­de Ge­schich­te, die uns be­rührt und aus der wir et­was ler­nen, die­sem Mus­ter folgt. Ent­schlüs­selt hat ih­re Dra­ma­tur­gie der ame­ri­ka­ni­sche My­then­for­scher Jo­seph Camp­bell. Auf sei­nen Rei­sen hat er fest­ge­stellt, dass al­le Na­tur­völ­ker ei­ne Ge­mein­sam­keit auf­wie­sen: Die Men­schen er­zähl­ten sich Ge­schich­ten, um von­ein­an­der zu ler­nen. Und je öf­ter er die­sen Er­zäh­lun­gen lausch­te, des­to mehr fiel Camp­bell auf, dass al­le ei­ne ty­pi­sche Si­tua­ti­ons­ab­fol­ge hat­ten und ähn­li­che Cha­rak­te­re auf­wie­sen. Dar­auf in­ten­si­vier­te er sei­ne For­schun­gen und ent­deck­te, dass schon in den äl­tes­ten Über­lie­fe­run­gen der Mensch­heit – den Sa­gen von In­an­na und Gil­ga­mesch – der Weg des Hel­den be­schrie­ben wird. Mehr noch: In sämt­li­chen Kul­tu­ren wie­der­holt sich die Rei­se des Hel­den mit den­sel­ben grund­le­gen­den Arche­ty­pen. Im­mer gibt es ein Un­ge­heu­er, ei­nen Dä­mon oder ei­nen Wäch­ter am Tor des Über­gangs. Es tau­chen Ver­bün­de­te auf, und der Held be­kommt zur Be­loh­nung ei­nen Schatz, ein Eli­xier oder ei­ne spe­zi­el­le Fä­hig­keit. Die Form der Hand­lung setz­te Camp­bell da­bei mit dem Ablauf von Initia­ti­ons­ri­ten in Ver­bin­dung. In sei­nem Werk „Der He­ros in tau­send Ge­stal­ten“zeigt er, dass die Hel­den­rei­se als „Mut­ter al­ler Ge­schich­ten“nicht nur zu al­len Zei­ten iden­tisch war, son­dern dass wir sie al­le prak­tisch von Ge­burt an in uns tra­gen. Denn die ein­zel­nen My­then set­zen zwar ver­schie­de­ne Schwer­punk­te, aber sie fol­gen al­le der­sel­ben Ge­schich­te. Und bei die­ser Ge­schich­te, so er­kann­te Camp­bell, muss es sich um ein Ab­bild des mensch­li­chen Be­wusst­seins han­deln. Schau­en wir uns un­se­re ei­ge­ne Bio­gra­fie an, wer­den wir fest­stel­len, wie eng sie mit den Struk­tu­ren von Er­zäh­lun­gen und den Funk­tio­nen der Arche­ty­pen ver­knüpft ist. Mehr noch: wie viel wir über uns und das Le­ben be­grei­fen kön­nen, wenn wir die Struk­tur, die Ab­läu­fe und Bot­schaf­ten von Ge­schich­ten ken­nen. Und so kann uns die Hel­den­rei­se da­bei hel­fen, Erlebnisse und Ge­scheh­nis­se bes­ser ein­zu­ord­nen und mit dem, was uns aus­macht, mit un­se­ren be­son­de­ren Ta­len­ten in Ein­klang zu le­ben. „Die Er­fah­rung dei­nes Le­bens, ist das Pri­vi­leg, zu wis­sen, wer du bist“sagt Cam­pell. Und for­dert uns auf, uns auf ei­ne Rei­se zu uns selbst zu be­ge­ben, uns von dem Le­ben zu ver­ab­schie­den, das wir für uns ge­plant ha­ben, da­mit wir das Le­ben füh­ren kön­nen, für das wir ge­bo­ren wur­den.

Von der Heil­kraft der My­then

Be­reits in der An­ti­ke wur­den My­then für the­ra­peu­ti­sche Zwe­cke ge­nutzt. So konn­ten im hei­len­den Thea­ter von Epidau­ros Men­schen mit ih­ren Hel­den Dra­men iden­ti­fi­zie­ren und durch­le­ben. Das er­mög­lich­te ei­ne Kat­har­sis, ei­ne Ent­la­dung auf­ge­stau­ter Ener­gie. Vie­le Zu­schau­er ver­spür­ten da­durch so­gar ei­ne Ver­bin­dung zu ei­ner Art gött­li­cher Kraft, denn im Ver­lauf wur­den sie ein­ge­weiht in den Kult der ver­schie­de­nen Gott­hei-

Es gibt ein gro­ßes und doch ganz all­täg­li­ches Ge­heim­nis. Al­le Men­schen ha­ben dar­an teil, je­der kennt es, aber die we­nigs­ten den­ken je dar­über nach. Die meis­ten Leu­te neh­men es ein­fach so hin und wun­dern sich kein biss­chen dar­über. Die­ses Ge­heim­nis ist die Zeit. Es gibt Ka­len­der und Uh­ren, um sie zu mes­sen, aber das will we­nig be­sa­gen, denn je­der weiß, dass ei­nem ei­ne ein­zi­ge St­un­de wie ei­ne Ewig­keit vor­kom­men kann, mit­un­ter kann sie aber auch wie ein Au­gen­blick ver­ge­hen – je nach­dem, was man in die­ser St­un­de er­lebt. Denn Zeit ist Le­ben. Und das Le­ben wohnt im Her­zen.“aus „ Mo­mo“von Michael En­de

ten von Zeus bis Athe­ne. In An­leh­nung an je­ne al­ten My­then hat der The­ra­peut und Thea­ter­re­gis­seur Paul Re­bil­lot ein in­ten­si­ve­s­Selb st er­fah­rungs pro­gramm –„ Die Hel­den rei­se “– kon­zi­piert. Ein Se­mi­nar, das Ele­men­te der Gestalt­the­ra­pie, Me­di­ta­tio­nen, Kör­per­ar­beit, Fan­ta­sie­rei­sen und krea­ti­ve Tech­ni­ken ein­setzt, um den Teil­neh­mern da­bei zu hel­fen, ei­ge­ne Zie­le, Wün­sche und Vor­stel­lun­gen zu er­ken­nen. Ver­dräng­te see­li­sche Kon­flik­te und Pro­ble­me kom­men da­bei an die Ober­flä­che und kön­nen ge­löst wer­den. Bei der Um­set­zung der Hel­den­rei­se lässt Re­bil­lot die Teil­neh­mer in al­le Rol­len des My­thos schlüp­fen. Sie wer­den ihr ei­ge­ner Held, ihr in­ne­rer Füh­rer, ihr Wi­der­sa­cher und treu­er Freund. Da­durch kön­nen sie die un­ter­schied­li­chen An­tei­le ins sich selbst wahr­neh­men, et­wa den Kon­flikt zwi­schen Sehn­sucht und Angst spü­ren, Span­nun­gen lö­sen. „Hei­lung ge­schieht ganz tief im In­ne­ren. In­dem wir uns ver­ge­ben, uns ak­zep­tie­ren, ein Stück weit auf den in­ne­ren Hei­ler ver­trau­en, re­ge­ne­riert sich un­se­re See­le von in­nen her­aus“, er­klärt Chris­ti­na Hoff­mann, die selbst sol­che Se­mi­na­re durch­führt. „Bei der Hel­den­rei­se geht es um Grenz­er­fah­run­gen – und Über­schrei­tun­gen. Wir zei­gen un­se­re Emo­tio­nen, tren­nen uns von Be­wer­tun­gen. Und wir ler­nen Stär­ke und Schwä­che als Po­le in uns an­neh­men.“

Umar­me dei­nen Schat­ten und hei­le

Im Ver­lauf ei­nes sol­chen Se­mi­nars ge­hen wir auf die span­nends­te Ent­de­ckungs­rei­se und er­ken­nen: Wir sind Mons­ter, sind Dä­mon, aber eben auch strah­len­de Licht­ge­stalt. Al­le uns über­lie­fer­ten Er­zäh­lun­gen zei­gen es uns: Be­vor die Hel­den und Hel­din­nen die höchs­ten Gip­fel des Er­folgs er­klim­men, müs­sen sie zu­nächst in die Un­ter­welt ab­stei­gen, an den Ort der größ­ten Angst. Auch wir sind ge­for­dert, vor­zu­drin­gen in die Tie­fen un­se­res Un­ter­be­wusst­seins. Bis auf den Grund un­se­rer See­le, um dort nicht nur den größt­mög­li­chen Schmerz, son­dern auch die größ­te Ek­s­ta­se in uns zu fin­den. Hier, in un­se­rem Schat­ten­reich, wer­den wir mit un­se­ren in­ne­ren Dä­mo­nen kon­fron­tiert – stel­len wir uns ih­nen er­folg­reich, of­fen­bart sich uns ein enor­mes Po­ten­zi­al, ei­ne tie­fe Weis­heit, eben je­ner Schatz, der in je­dem von uns ver­bor­gen liegt. Nur durch die voll­stän­di­ge Hin­ga­be an un-ser wah­res Selbst kön­nen wir un­ser Licht frei­set­zen. In der Be­geg­nung und dem An­neh­men der dun­kels­ten Fa­cet­ten un­se­rer Per­sön­lich­keit öff­net sich uns das Tor zur Hei­lung. Tief­grei­fen­de Ve­rän­de­run­gen sind mög­lich, wenn wir uns ein­las­sen auf das Spiel mit all un­se­ren Mög­lich­kei­ten. Denn dann be­wirkt die Hel­den­rei­se ei­ne Trans­for­ma­ti­on – sie zeigt, wie wir die er­schüt­tern­den Er­fah­run­gen ei­ner dunk­len Nacht der See­le in et­was ver­wan­deln kön­nen, das nicht nur uns selbst heilt, son­dern auch dem Wohl an­de­rer die­nen kann. Ob und wann wir uns die­ser Rei­se stel­len, ist un­se­re Ent­schei­dung. Doch wenn wir sie ein­mal be­gon­nen ha­ben, gibt es kei­nen Weg mehr zu­rück in un­ser al­tes Ich. Wie je­de Rei­se, bei der wir be­reit sind, neu­es, un­be­kann­tes Ter­rain zu be­tre­ten, wird sie uns ver­än­dern, so­gar zeich­nen. Sie ist ein

Pro­zess, der un­ser per­sön­li­ches Wachs­tum för­dert. Die mit ihr ver­bun­de­nen Ri­tua­le he­ben uns auf ei­ne al­les ver­bin­den­de Ebe­ne, auf der wir Kon­takt auf­neh­men zur spi­ri­tu­el­len Exis­tenz un­se­res Seins. Und es ist die­se Hin­ga­be an et­was Grö­ße­res, die je­den Hel­den aus­zeich­net.

Wie weit wür­dest du ge­hen?

Im­mer wie­der wer­den wir mit Gren­zen kon­fron­tiert – und die­se gilt es zu über­win­den. Im­mer wie­der wer­den wir von un­se­ren Wi­der­stän­den aus­ge­bremst, wenn wir es zu­las­sen. Und ge­nau dar­um geht es bei der Hel­den­rei­se: ein­fach wei­ter­zu­ma­chen. Nur über Wi­der­stand ent­steht Mut. Von be­son­de­rer Be­deu­tung ist der spi­ri­tu­el­le Be­glei­ter, der al­les in sei­ner Macht Ste­hen­de da­für tut, dass der Held sein Ziel er­rei­chen kann. Im über­tra­ge­nen Sinn ist er der Re­prä­sen­tant un­se­res ver­wirk­lich­ten Selbst – des­halb be­schäf­tigt er sich auch mit den dä­mo­ni­schen An­tei­len un­se­rer Per­sön­lich­keit. Un­ser Weg­ge­fähr­te kann tief in un­se­re Psy­che bli­cken, un­ter­stützt uns, wenn wir zö­gern, den nächs­ten Schritt zu tun. Der Held ist nichts an­de­res als der Aspekt un­se­rer Per­sön­lich­keit, der Ja zum Aben­teu­er sagt, der für sei­ne Mis­si­on brennt und der an Wun­der glaubt. Je­der Held tut das. Uns selbst als Held zu ak­zep­tie­ren, ist schwer – da gibt es so viel Auf­be­geh­ren in uns, so viel Selbstsabo­ta­ge, so vie­le Kom­ple­xe. Im­mer wie­der tau­chen sie auf, die­se schwarz­ma­gi­schen Bot­schaf­ten „Du schaffst das nie“, „ Du bist zu ego­is­tisch“oder „Du bist zu alt“. Die Lis­te al­ler uns selbst klein ma­chen­den Sät­ze ist lang. Und wir kom­men nur dann wei­ter, wenn wir uns sa­gen: „Ich ma­che das trotz­dem!“Die­ses Trotz­dem ist das ent­schei­den­de Si­gnal zum Auf­bruch. In­dem wir un­se­rer Be­stim­mung fol­gen, wa­gen wir ein selbst­ver­ant­wort­li­ches Le­ben. Und wer ein selbst­be­stimm­tes Le­ben führt, führt auch im­mer ein hel­den­haf­tes und ver­sucht, die mit sei­ner Be­ru­fung ver­bun­de­nen Auf­ga­ben zu er­fül­len. Die Su­che nach Er­kennt­nis ist es, die uns da­zu treibt, je­ne Auf­ga­ben zu meis­tern, die wir uns für un­ser Le­ben ge­stellt ha­ben. Es ist un­ser Selbst, das un­er­müd­lich und fan­ta­sie­voll an der Ge­schich­te un­se­res in­di­vi­du­el­len Schick­sals mit­wirkt, um es letzt­end­lich in die ei­ne, gro­ße Ge­schich­te der Mensch­heit ein­flie­ßen zu las­sen. In sol­chen Au­gen­bli­cken der wah­ren Selbst­ver­bun­den­heit er­le­ben wir, dass sich un­se­re See­le – un­ser Ich – mit an­de­ren ver­eint. Wir spü­ren, dass in die­sen kost­ba­ren Mo­men­ten al­le Schick­sa­le mit­ein­an­der ver­wo­ben sind – sie al­le sind Trop­fen im un­end­li­chen See­le­no­ze­an.

… und die­ser Wolf ent­puppt sich als Dä­mon, der Rot­käpp­chen ver­nich­ten will

... doch Rot­käpp­chen be­siegt mit der Hil­fe des Jä­gers ih­ren Wi­der­sa­cher

Die zwölf Sta­tio­nen der Hel­den­rei­se

1. Die ge­wohn­te Welt Die Rei­se star­tet zu Hau­se. Un­se­re Welt ist si­cher, aber al­les ist er­wart­bar. Was fehlt, ist das Be­son­de­re, Auf­re­gen­de, Über­ra­schen­de – da ist die­ses Ge­fühl von „Das kann doch nicht al­les sein“. Na­tür­lich gibt es auch Stör­fel­der: Viel­leicht ist die Be­zie­hung nicht er­fül­lend, der Job öde. Oder wir le­ben Ta­len­te nicht aus. Ge­füh­le und Ge­dan­ken, die oft auf­blit­zen, zei­gen, dass wir nicht un­ser vol­les Po­ten­zi­al aus­schöp­fen. Wir seh­nen uns da­nach, un­se­ren Traum zu le­ben. 2. Ruf zum Aben­teu­er

Dies ist der Mo­ment, in dem uns klar wird, dass wir aus un­se­rer ge­wohn­ten Welt aus­bre­chen, un­se­re Kom­fort­zo­ne ver­las­sen wol­len. Von au­ßen kom­men – in Form ei­ner Be­geg­nung, ei­nes Brie­fes, Ge­sprächs oder Vor­schlags – An­re­gun­gen. Wir ver­neh­men den „Ruf“. Oder es han­delt sich um un­se­re in­ne­re Stim­me, wie bei Prinz Sid- dhar­tha, der dar­auf­hin sei­ne spi­ri­tu­el­le Er­we­ckungs­rei­se be­ginnt. In bei­den Fäl­len lau­tet die Bot­schaft: Da drau­ßen war­tet et­was auf dich. Oder wie Jo­seph Camp­bell fest­stellt, ent­schei­det sich an die­sem Punkt al­les, denn: „Die gro­ße Fra­ge ist, ob Du zu Dei­nem Aben­teu­er wirk­lich und von Her­zen JA sagst.“ 3. Die Wei­ge­rung

Jetzt kommt die ers­te Fal­le: Wenn un­ser Weg ganz deut­lich vor uns liegt, wir be­reits je­den Schritt vor­her­sa­gen kön­nen, ist es nicht un­ser Weg. Denn den müs­sen wir ge­hen, oh­ne sein En­de zu ken­nen. Er er­schließt sich uns erst mit je­dem Schritt, den wir wa­gen. Das macht das Aben­teu­er aus. Doch plötz­lich sind da al­le mög­li­chen Be­den­ken, ist es wirk­lich ver­nünf­tig, was wir vor­ha­ben? Zwei­fel mel­den sich: Ist es nicht doch gut, so wie es ist? Wir fin­den Aus­flüch­te, Ent­schul­di­gun­gen. Je un­an­ge­neh­mer die mög­li­chen Fol­gen un­se­res Aben­teu­ers schei­nen, des­to ernst­zu­neh­men­der ist un­ser Ruf. Zu un­se­ren ei­ge­nen Wi­der­stän­den ge­sel­len sich dann noch die Stim­men so­ge­nann­ter Schwel­len­hü­ter, das sind meist uns na­he­ste­hen­de Men­schen, die uns da­von ab­hal­ten wol­len, et­was zu ver­än­dern. Men­schen, wie un­se­re Mut­ter, die uns da­zu rät, den Job in Zei­ten der In­sta­bi­li­tät zu be­hal­ten. Auch wenn es un­ser Um­feld noch so gut

meint, es geht dar­um, un­se­ren Traum zu schüt­zen und das zu tun, was für uns wich­tig und rich­tig ist, egal, wie viel Angst wir ha­ben.

4. Be­geg­nung mit dem Men­tor

In dem Mo­ment, in dem wir dem Men­tor ge­gen­über­ste­hen, hö­ren wir auf, den Ruf zum Aben­teu­er zu ver­wei­gern. An ihn kön­nen wir uns mit un­se­ren Fra­gen wen­den, denn er ist ei­ne Qu­el­le des Wis­sens und un­ge­mein wert­voll für un­se­re Ent­wick­lung. Er hilft uns, oh­ne da­für et­was zu er­war­ten. Be­rühm­te Men­to­ren aus Ge­schich­ten sind et­wa der Ho­tel­di­rek­tor in „Pretty Wo­man“, Gan­dalf im „Herrn der Rin­ge“oder Meis­ter Yo­da in „Star Wars“. Wich­tig: Wir soll­ten uns fern­hal­ten von Men­schen, die ver­su­chen, un­se­re Am­bi­tio­nen zu er­sti­cken, und an je­ne hal­ten, die dar­an glau­ben, dass wir groß­ar­tig sein kön­nen.

5. Über­schrei­ten der ers­ten Schwel­le

Dies ist der ers­te Wen­de­punkt un­se­rer Rei­se, der Mo­ment, in dem wir han­deln und et­was tun, das sich nicht mehr kor­ri­gie­ren lässt. Vor­her ha­ben wir mit Ge­dan­ken, mit Kon­zep­ten ge­spielt. Jetzt wird es ernst. Wir sa­gen, was wir wirk­lich den­ken. Wir tren­nen uns, fan­gen ein neu­es Stu­di­um an oder schrei­ben ein Buch. An die­sem Punkt be­gin­nen wir zu ah­nen, wie un­ser neu­es Ich viel­leicht sein könn­te. Wir wa­gen den Schritt in ei­ne neue Welt.

6. Be­wäh­rungs­pro­ben

Plötz­lich teilt sich die Welt in Gut und Bö­se. Es tau­chen Ge­gen­spie­ler auf. Die Zwei­fel am Er­folg un­se­res Vor­ha­bens wach­sen. Wir müs­sen her­aus­fin­den, wer un­se­re Freun­de und wer un­se­re Fein­de sind. Dann sind da noch Gestalt­wand­ler – Men­schen die erst Freun­de sind, sich dann aber als Fein­de ent­pup­pen und um­ge­kehrt. Das Um­feld re­agiert auf die Ve­rän­de­rung, und wir müs­sen trotz An­fein­dun­gen un­se­ren Zie­len treu blei­ben. Wir ler­nen die Spiel­re­geln ei­ner neu­en Welt.

7. Vor­drin­gen zur tiefs­ten Höh­le

Es ist je­ner Au­gen­blick, in dem wir zum ers­ten Mal un­se­re Si­tua­ti­on er­fas­sen und un­ser Kern­pro­blem er­ken­nen. Denn jetzt wer­den wir mit un­se­ren schlimms­te Ängs­ten kon­fron­tiert, müs­sen uns un­se­ren dunk­len An­tei­len stel­len. Wir be­tre­ten die Welt der Schat­ten. Und nur in­dem wir uns so an­neh­men, wie wir sind, un­se­ren in­ne­ren Feind in­te­grie­ren, wer­den wir „ganz“. Das Vor­drin­gen in die tiefs­te Höh­le ist der Tag vor dem Fi­na­le. Uns wird klar, was al­les ge­sche­hen könn­te. Wir brau­chen Zeit an die­sem Punkt un­se­rer Rei­se, um all das auf­neh­men und ver­ar­bei­ten zu kön­nen, was ge­schieht. Und wir müs­sen un­se­re Kräf­te sam­meln für den gro­ßen Kampf – es geht um un­se­re Idea­le, Träu­me. Um un­ser Le­ben. „Die Höh­le, die du zu be­tre­ten fürch­test, birgt den Schatz, nach dem du suchst“, er­klärt Jo­seph Camp­bell.

Wohl­an denn, Herz, nimm Ab­schied und ge­sun­de“Her­mann Hes­se

8. Ent­schei­den­de Prü­fun­gen

Nun spitzt sich die La­ge zu: In den My­then ist es jetzt Zeit für den Dra­chen­kampf. Wir müs­sen uns ent­schei­den. Die­ser Part ist be­son­ders hart, mit­un­ter so­gar schmerz­haft. Wir müs­sen die­se Stre­cke oh­ne Freun­de auf uns selbst ge­stellt meis­tern. Der Ent­schei­dungs­kampf fin­det nach zwei Drit­teln des We­ges statt. Wir sind ge­zwun­gen, un­se­re in­ne­re Wahr­heit zu le­ben. In „Not­ting Hill“nimmt Ju­lia Ro­berts all ih­ren Mut zu­sam­men und sagt zu Hugh Grant, dass sie ein ganz nor­ma­les Mäd­chen ist, das von ihm ge­liebt wer­den will. Das hier ist Le­ben oder Tod. Schwarz oder Weiß. Es ist der Wen­de­punkt. Wir müs­sen dem ins Au­ge schau­en, wo­vor wir uns am meis­ten fürch­ten, wer­den mit dem Dä­mon in uns kon­fron­tiert. Und wis­sen: Was wir jetzt tun, wird un­se­re Welt für im­mer ver­än­dern.

9. Be­loh­nung

Wir dür­fen uns freu­en: Für un­se­ren Sieg er­hal­ten wir jetzt ei­ne Be­loh­nung, die un­se­re Wand­lung zum strah­len­den Hel­den do­ku­men­tiert. Der Ne­bel hat sich ge­lich­tet, wir se­hen wie­der kla­rer und füh­len uns wie be­freit. Doch un­se­re Rei­se ist noch nicht zu En­de: Jetzt be­ginnt die wich­tigs­te Etap­pe – die Rei­se zu un­se­rem wirk­li­chen Selbst. An die­sem Punkt kön­nen wir auf der Land­kar­te des Le­bens un­se­re zu­künf­ti­ge Rou­te fest­le­gen und wis­sen, was wir von nun an tun möch­ten. Es ist, wie Oprah Win­frey sa­gen wür­de, ein „„Bing Bing Bing Aha Mo­ment“. Wir füh­len uns wun­der­bar le­ben­dig. Un­ser Selbst­ver­trau­en wächst.

10. Rück­weg

Wir ma­chen uns mit neu­en Er­kennt­nis­sen auf den Weg zu­rück in die ge­wohn­te Welt. Lei­der ent­puppt sich auch der Rück­weg kei­nes­falls als eben und leicht, viel­mehr steht uns noch ei­ne letz­te Prü­fung be­vor. Wir ha­ben zwar den Feind be­siegt, aber die geg­ne­ri­schen Kräf­te for­mie­ren sich zum neu­en An­griff. Wir müs­sen noch ei­ne wei­te­re Prü­fung be­ste­hen, uns even­tu­ell noch von be­stimm­ten Din­gen oder Men­schen tren­nen. Denn jetzt geht es dar­um, uns in un­se­rer neu ge­fun­de­nen Rol­le ge­gen ma­xi­ma­len Ge­gen­druck zu be­wäh­ren. Die­se er­neu­te Un­ge­wiss­heit treibt die Span­nung wie­der nach oben. Wie stark ist un­ser neu­es Ich? Wer­den wir wei­ter­ge­hen?

11. Ver­wand­lung oder Wie­der­ge­burt

Wir tre­ten an zur letz­ten gro­ßen Prü­fung: Dies­mal geht es dar­um zu be­wei­sen, dass wir die Lek­tio­nen un­se­rer Rei­se ver­in­ner­licht ha­ben. Dies ist der Hö­he­punkt un­se­rer Rei­se: Al­les steht auf dem Spiel. Und wenn wir auch die­se Schlacht ge­win­nen, ha­ben sich die bes­ten Sei­ten un­se­rer Per­sön­lich­keit mit un­se­ren neu er­wor­be­nen ver­eint. Es fin­det ei­ne Art in­ne­re Rei­ni­gung statt, in de­ren Ver­lauf wir uns von al­lem tren­nen, was nicht mehr zu uns passt. In den My­then hat jetzt das Gute über das Bö­se ge­siegt.

12 . Rück­kehr mit dem Eli­xier

Zum Zei­chen un­se­res end­gül­ti­gen Sie­ges und un­se­rer un­wi­der­ruf­li­chen Ver­wand­lung emp­fan­gen wir ei­ne ultimative Tro­phäe. Camp­bell nennt sie das „Eli­xier“und meint da­mit den In­be­griff all des­sen, was den Hel­den vor den Au­gen der gan­zen Welt als den­je­ni­gen aus­weist, der er durch sein Aben­teu­er ge­wor­den ist: ein Herr­scher, ein Wei­ser, ein Kämp­fer, ein Wis­sen­der oder kurz ge­sagt der Held und Meis­ter sei­nes ei­ge­nen Le­bens. Wir ha­ben nun den Punkt er­reicht, an dem wir mit dem höchs­ten Nut­zen all das, was wir auf un­se­rer Rei­se ge­lernt ha­ben, zu un­se­rem ei­ge­nen Wohl und zu dem der Ge­mein­schaft ein­set­zen kön­nen. Die Stu­fe 12 ist die Auf­lö­sung, das En­de der Ge­schich­te und die Voll­en­dung des Krei­ses. Und wor­an er­ken­nen wir, dass wir in un­se­rem Le­ben auf Stu­fe 12 an­ge­kom­men sind? Ganz ein­fach: Wir ha­ben un­se­re Auf­ga­be ge­meis­tert.

Tipps * Hel­den­rei­sen und spe­zi­el­le Coa­chings bie­tet SOUL EVENT an. Kon­takt: Chris­tia­ne Hoff­mann, Mo­bil 0176/83 20 18 17 Te­le­fon 02203/942 24 42, kon­takt@soul-event.de * Paul: Re­bil­lot: „Die Hel­den­rei­se: Das Aben­teu­er der krea­ti­ven Selbst­er­fah­rung“, Eag­le Books, 271 S., 29,80 Eu­ro * Jo­seph Camp­bell: „Der He­ros in tau­send Ge­stal­ten“, In­sel Ver­lag, 486 S., 16,00 Eu­ro * www.sto­ry­tel­ling­mas­ter­class.de/wp-con­tent/uploads/ Die-hel­den­rei­se.pdf

Und es kam der Tag, da das Ri­si­ko, in der Knos­pe zu ver­har­ren, schmerz­li­cher wur­de als das Ri­si­ko, zu blü­hen.“Anaïs Ni n

Es war ein­mal ein Mäd­chen, das sich auf­mach­te, sei­ne Groß­mut­ter zu be­su­chen...

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