Die ur­ei­ge­ne Stim­me im Traum wahr­neh­men

Nach der Psy­cho­ana­ly­ti­ke­rin Cla­ris­sa Pin­ko­la Es­tés tau­chen in weib­li­chen Träu­men be­stimm­te Arche­ty­pen im­mer wie­der auf, um uns zu er­mu­ti­gen, zu war­nen, zu stär­ken. Mit sechs Le­se­rin­nen be­ga­ben wir uns auf die Rei­se in un­ser Un­ter­be­wusst­sein, um die­se Bots

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Der Traum lehr­te mich, auf mei­ne ur­ei­ge­ne Stim­me zu hö­ren.“Cor­du­la Gehm

„In mei­nen Träu­men be­wah­re ich ei­nen na­men­lo­sen Schatz, be­hü­te und be­schüt­ze ihn mit mei­nem Le­ben, ge­he bis ans En­de mei­ner Kraft. Wo­für? Das weiß ich nicht ein­mal selbst …“Nach C.G. Jung ist Cor­du­las „Schatz­t­raum“das ar­che­ty­pi­sche Sinn­bild für ver­bor­ge­ne Ta­len­te, Stär­ken – oder für Ei­gen­schaf­ten, de­ren Wert wir bis­her nicht er­kannt ha­ben. „Die­se Träu­me for­dern uns auf, den Schatz in uns selbst zu he­ben“, er­klärt Cla­ris­sa Pin­ko­la Es­tés. „Um das zu tun, müs­sen wir meis­tens nur ge­nau hin­schau­en.“Cor­du­la ahnt: Ih­re Sen­si­bi­li­tät – in ih­rem da­ma­li­gen Job kom­plett fehl am Platz – ist in Wahr­heit ei­ne ih­rer größ­ten Stär­ken. Sie ori­en­tiert sich be­ruf­lich kom­plett neu, be­treut heu­te Angst­pa­ti­en­ten. „Ich ha­be mei­nen Schatz ge­bor­gen“, sagt sie.

Hier kann ich los­las­sen, wahr­haf­ti­ge Ver­bun­den­heit spü­ren.“Manya­na Som­mer

„Wenn ich in mei­nen Träu­men flie­ge, dann nicht bloß über Fel­der und Städ­te. Ich stei­ge hö­her und hö­her, las­se den Mond, die Ster­ne hin­ter mir, ge­lan­ge bis in die Tie­fen des Uni­ver­sums, las­se al­les los – und spü­re wahr­haf­ti­ge Ver­bun­den­heit mit al­lem.“Flug­träu­me wie der von Manya­na, so no­tier­te be­reits C.G. Jung, zäh­len zu den äl­tes­ten der Mensch­heit. Da­bei sym­bo­li­siert das Flie­gen die Su­che nach neu­en Per­spek­ti­ven, nach noch un­be­kann­ten We­gen. „Wir bli­cken mit Weit­sicht auf die Din­ge, die vor uns lie­gen, kön­nen end­lich al­les klar er­ken­nen“, er­läu­tert Cla­ris­sa Pin­ko­la Es­tés. Zugleich aber tra­gen die­se Träu­me auch ei­ne War­nung in sich: Sie mah­nen uns, kei­nen Hö­hen­flug an­zu­steu­ern, nicht über­heb­lich zu wer­den. Son­dern of­fen zu blei­ben für die Wun­der, die das Le­ben uns of­fen­bart …

Manch­mal ist ei­ne ein­zi­ge Idee der Be­ginn von et­was Wun­der­ba­rem.“Jen­ni­fer Kal­lies

„Seit mei­ner Schwan­ger­schaft träu­me ich in­ten­siv von der be­vor­ste­hen­den Ge­burt, von den Mo­men­ten da­nach. Ein neu­es Le­ben hat be­gon­nen, und da­mit be­ginnt al­les“, sagt Jen­ni­fer. Tat­säch­lich durch­que­ren Bil­der ei­ner Ge­burt un­se­re Träu­me im­mer dann, wenn es an der Zeit ist, ei­ne Idee in die Rea­li­tät zu ent­las­sen – mu­tig zu sein und un­se­rer In­tui­ti­on, un­se­ren Zie­len zu fol­gen. „Die Ge­burt ist ei­nes der stärks­ten ar­che­ty­pi­schen Sym­bo­le in den Träu­men ei­ner Frau“, er­klärt Cla­ris­sa Pin­ko­la Es­tés. „Ein Bild, das uns ver­si­chert: Wir dür­fen un­se­re Angst bei­sei­te las­sen, dür­fen auf das Ge­lin­gen ver­trau­en. Ein Kind ist ei­ne Idee der Schöp­fung selbst. Was auch im­mer wir pla­nen oder vor­ha­ben – es hat längst be­gon­nen, und die­ser Traum sagt uns: Es wird gut wer­den.“

Ich selbst bin zur Schöp­fe­rin mei­ner Zu­kunft ge­wor­den.“Car­me­la Den­ti­ce

„In­ein­an­der ver­wo­ben lie­gen die Schlan­gen dort, di­rekt vor mir. Sie se­hen mich an, un­ver­wandt und ab­schät­zend. Dann, ei­ne nach der an­de­ren, be­gin­nen sie sich zu er­he­ben, als tanz­ten sie zu ei­ner Me­lo­die, die nur sie selbst zu hö­ren ver­mö­gen.“Seit je­her ein Sym­bol der Ur­kraft und ver­knüpft mit den höchs­ten Din­gen, stellt die Schlan­ge vor al­lem die Fä­hig­keit dar, mü­he­los durch das Le­ben zu glei­ten. „Ihr Er­schei­nen im Traum kann oft als Fin­ger­zeig ver­stan­den wer­den, dass wir selbst die­se Fä­hig­keit ver­lo­ren ha­ben“, sagt Cla­ris­sa Pin­ko­la Es­tés. „Et­was blo­ckiert uns – das kann ei­ne fal­sche Be­rufs­wahl sein, ei­ne ver­lo­re­ne Hoff­nung, an der wir noch hän­gen. Auf je­den Fall ist es et­was, auf das die Schlan­ge auf­merk­sam ma­chen möch­te.“In Car­me­las Fall ist es ei­ne lieb­lo­se Be­zie­hung, die ihr die Luft zum At­men nimmt. Sie sagt: „Ich spür­te, dass sich in mei­nem In­ne­ren die Fä­hig­keit ver­barg, es der Schlan­ge gleich­zu­tun. Vor­an­zu­schrei­ten und wie­der glück­lich zu sein. Mein Un­ter­be­wusst­sein er­in­ner­te mich dar­an, sel­ber zur Schöp­fe­rin mei­ner Zu­kunft zu wer­den. Und ge­nau das tat ich …“

„Ich lau­fe und lau­fe, oh­ne zu wis­sen, wo­vor – oder vor wem – ich ei­gent­lich flüch­te. Ich weiß nur ei­nes: Nie­mand darf von mei­nem Ge­heim­nis er­fah­ren.“An­na be­schreibt das, was C.G. Jung als „Schat­ten­t­raum“be­zeich­ne­te – ei­nen Traum, in dem sich ver­dräng­te Tei­le un­se­rer Per­sön­lich­keit Ge­hör ver­schaf­fen und zwar mit Bil­dern, die oft so angst­ein­flö­ßend sind, dass uns die­ses Ge­fühl lan­ge nach dem Er­wa­chen noch be­glei­tet. Der schwar­ze Mann, das un­heim­li­che Haus, der dunk­le Wald, die Flucht vor dem Un­be­kann­ten – sie al­le sind ei­ne Va­ri­an­te des Glei­chen. „Die­se Träu­me ver­lan­gen nach Ant­wor­ten“, sagt Cla­ris­sa Pin­ko­la Es­tés. „Und zwar auf Fra­gen wie: Wer bin ich jen­seits al­ler Vor­stel­lun­gen da­von, wie ich sein soll­te? Vor wel­chem Teil mei­ner Per­sön­lich­keit fürch­te ich mich so sehr, dass ich ihn un­ter­drü­cke?“Zwei­fel­los trägt je­der Schat­ten­t­raum ei­ne star­ke Bot­schaft. Sie lau­tet: Trau dich – trau dich und flu­te die dun­kels­ten Schat­ten dei­ner See­le mit Licht …

Sie be­glei­ten uns in der Nacht, neh­men uns mit auf ei­ne Rei­se – ei­ne Rei­se, auf die nur wir uns be­ge­ben kön­nen; die uns zu den ent­le­gens­ten Ecken un­se­res Selbst füh­ren wird. Wir be­geg­nen Wor­ten, Bil­dern, die nur un­ser Un­ter­be­wusst­sein kennt; durch­strömt von blü­hen­der Fan­ta­sie, Un­wirk­lich­keit – manch­mal auch Schre­cken.

Vom Ur-ge­dächt­nis un­se­res Un­ter­be­wusst­seins

Wir wer­den ge­lei­tet von ei­nem In­stinkt, der schon im­mer ge­we­sen ist, nie­mals ver­lo­ren ging. Träu­me, so heißt es, sind im­mer ehr­lich und be­din­gungs­los. Sie sind Brie­fe, ver­fasst in ei­ner frem­den Spra­che – in Rät­seln ver­steckt, doch oft fin­den wir in ih­nen die Ant­wor­ten auf un­se­re Le­bens­fra­gen. Um die Kraft, die in un­se­ren Träu­men ver­bor­gen liegt, wuss­te be­reits Carl Gus­tav Jung, der Be­grün­der der ana­ly­ti­schen Psy­cho­lo­gie. Nachts, wenn wir glau­ben, die Wirk­lich­keit hin­ter uns zu las­sen, so sag­te er, ge­ben Träu­me un­se­re Un­si­cher­heit, manch­mal so­gar un­se­re Schwä­chen preis – zei­gen uns je­doch auch, wel­che un­ge­ahn­ten Fä­hig­kei­ten in uns ver­bor­gen lie­gen. Die­se ver­bor­ge­nen Bot­schaf­ten zu ent­rät­seln, dar­auf hat sich die Psy­cho­ana­ly­ti­ke­rin und Post­trau­ma-spe­zia­lis­tin Cla­ris­sa Pin­ko­la Es­tés spe­zia­li­siert. In den ver­gan­ge­nen 20 Jah­ren ent­wi­ckel­te sie die Traum­deu­tung C.G. Jungs maß­geb­lich wei­ter und wer­te­te da­für Tau­sen­de Träu­me aus. Mit span­nen­den Er­geb­nis­sen, denn sie stell­te un­ter an­de­rem fest: In weib­li­chen Träu­men tre­ten ge­wis­se Arche­ty­pen im­mer wie­der in ei­nem be­stimm­ten Kon­text auf. Voll­kom­men un­ab­hän­gig von ih­rem Hin­ter­grund und ih­rer Her­kunft tei­len Frau­en in al­ler Welt of­fen­bar ei­ne ge­mein­sa­me Sym­bolSpra­che, die äl­ter ist als al­le My­then und Sa­gen. Auch der Schwei­zer Psy­cho­ana­ly­ti­ker und Jung-schü­ler Ernst Aepp­li er­kann­te die­ses Phä­no­men: In sei­nem Werk „Der Traum und sei­ne Be­deu­tung“be­schreibt er das Un­ter­be­wusst­sein als „Ar­chi­var der Träu­me“, das die Ver­gan­gen­heit der Welt ab­ge­spei­chert ha­be, mit ar­che­ty­pi­schen Ur­bil­dern, die im Grun­de al­le Er­fah­run­gen dar­stel­len, die die Psy­che der Men­schen seit dem An­be­ginn der Mensch­heit durch­lebt hat.„ar­che­ty­pi­sche Bil­der sind wie ei­ne Ga­le­rie al­ler we­sent­li­chen Le­bens­si­tua­tio­nen“, so Aepp­li. „Ei­ne gro­ße Le­bens­macht, die auf die Traum­wand gro­ße Schat­ten wirft.“ Laut C.G. Jung fin­den die­se macht­vol­len Sym­bo­le vor al­lem dann den Weg in un­se­re Träu­me, wenn sich das Un­ter­be­wusst­sein in Dis­har­mo­nie be­fin­det. Ein Per­sön­lich­keits­as­pekt, der zu we­nig be­ach­tet oder un­ter­drückt wird, macht sich in ir­gend­ei­ner Form be­merk­bar; oft­mals sind ar­che­ty­pi­sche Bil­der auch Zei­chen ei­nes in­ne­ren Kon­flikts, ei­ner viel­leicht un­spe­zi­fi­schen Angst vor be­stimm­ten Cha­rak­ter­zü­gen. „Wir kön­nen die Kraft die­ser Träu­me nut­zen, wenn wir uns ih­ren Bot­schaf­ten öff­nen“, sagt Cla­ris­sa Pin­ko­la Es­tés. „Doch um das zu tun, müs­sen wir wie­der zu un­se­ren ur­ei­ge­nen In­stink­ten zu­rück­fin­den.“

Die Weis­heit der ver­ges­se­nen Le­gen­den

Es­tés’ Ar­beit zielt ins­be­son­de­re dar­auf, die Ur­sprün­ge – und da­mit auch die Ur-be­deu­tung – die­ser Sym­bo­le zu ent­schlüs­seln. „Ich fra­ge: Wo­her stam­men die­se Bil­der – was ist ih­re Ge­schich­te?“Tat­säch­lich ha­ben sich vie­le Arche­ty­pen in My­then und Sa­gen ma­ni­fes­tiert; sie sind als All­ge­mein­gut in un­se­ren Wis­sens­schatz über­ge­gan­gen, oft wur­de ih­nen da­bei im Lauf der Jahr­hun­der­te ei­ne miss­ver­ständ­li­che Be­deu­tung zu­teil. Die Schlan­ge zum Bei­spiel, oft fälsch­li-

cher­wei­se als rein se­xu­el­les Bild in­ter­pre­tiert, hat ei­nen frü­hen Ur­sprung et­wa in der me­xi­ka­ni­schen Le­gen­de der Schöp­fungs­göt­tin Coat­li­cue, die ei­nen Rock aus le­ben­den Schlan­gen trug. Es wird er­zählt, dass vie­le Män­ner ka­men, die al­le um Coat­li­cue war­ben und sie da­zu zu ver­füh­ren such­ten, dass sie ih­ren ge­fürch­te­ten Schlan­gen­rock ab­legt. Doch die Göt­tin blieb stand­haft. Sie wies al­le Ver­eh­rer zu­rück, wis­send, dass ge­ra­de die Schlan­gen die Qu­el­le ih­rer Macht wa­ren. So steht die Schlan­ge seit je­her für die ur­tüm­li­che Schöp­fungs­kraft; für das Gött­li­che. Aber auch für die Fä­hig­keit, das Le­ben zu meis­tern, un­auf­halt­sam und oh­ne Kraft mit Nich­tig­kei­ten zu ver­schwen­den.

Lau­schen wir der dunk­len Sei­te un­se­rer See­le!

Heu­te ver­steht sich Cla­ris­sa Pin­ko­la Es­tés als Über­set­ze­rin der ar­che­ty­pi­schen Bil­der. Sie sagt: „Es gibt bei der Traum­deu­tung nicht den ei­nen, rich­ti­gen Weg.“Was zählt, ist ih­rer Mei­nung nach im­mer die Per­sön­lich­keit des Träu­men­den – und die in­di­vi­du­el­len Ge­füh­le, die ein Sym­bol bei uns aus­löst. In die­sen Emo­tio­nen liegt oft be­reits der Schlüs­sel zur Bot­schaft des Arche­ty­pus. Hor­chen wir al­so auf­merk­- sam in uns hin­ein – was löst das Ge­träum­te in mir aus? Ganz me­tho­disch kön­nen wir die Ant­wort im­mer wei­ter her­un­ter­bre­chen: Wel­che Sze­ne, wel­ches De­tail im Traum lös­te die­se Ge­füh­le aus – und war­um? Was as­so­zi­ie­re ich da­mit? „Wich­tig ist, dass wir ab­so­lut un­vor­ein­ge­nom­men blei­ben“, so Es­tés, „und ganz ehr­lich un­se­rer in­ne­ren Stim­me lau­schen, ihr ver­trau­en. Denn in je­der Frau gibt es die­sen wil­den Kern; ei­ne star­ke Kraft, die von In­stink­ten, lei­den­schaft­li­cher Krea­ti­vi­tät und zeit­lo­sem Wis­sen er­füllt ist.“

Nimm die Ge­schich­te – und er­fül­le sie mit dei­nem La­chen

So wer­den un­se­re Träu­me zum Werk­zeug un­se­res Geis­tes; be­hut­sam, ide­en­reich, manch­mal voll­kom­men fan­tas­tisch ma­chen sie uns auf je­ne Stär­ken auf­merk­sam. „Geh vor­an“, er­klärt Es­tés in ih­rem Werk „The Hou­se of the Ridd­le Mo­ther“, „lass Ge­schich­ten auf dich zu­kom­men – denn ge­nau das ist das wah­re Le­ben. Nimm die­se Ge­schich­ten an, be­rei­che­re sie mit dei­nem La­chen, mit dei­nen Trä­nen, bis sie blü­hen, bis du selbst er­blü­hen magst.“ Wer­den wir al­so zu un­se­rer ei­ge­nen Über­set­ze­rin; las­sen wir un­se­re Ide­en frei in die Rea­li­tät. Fin­den wir neue Ta­len­te und Fä­hig­kei­ten, fin­den wir die Ener­gie, die uns durch­strömt – die wir selbst sind …

Zum Wei­ter­le­sen

Cla­ris­sa Pin­ko­la Es­tés: „In the Hou­se of the Ridd­le Mo­ther“– Er­for­schung der häu­figs­ten Arche­ty­pen in weib­li­chen Träu­men, bis­her nur als E-book oder CD auf Eng­lisch er­schie­nen, 300 Min., Sounds True, ab 7,83 Eu­ro. C.G. Jung: „Sym­bo­le und Traum­deu­tung – ein ers­ter Zu­gang zum Un­be­wuss­ten“, 120 S., Pat­mos, 14,90 Eu­ro.

Wir dan­ken: Cor­du­la, Manya­na, Jen­ni­fer, Car­me­la, An­na und An­ni­na! Ihr seid groß­ar­tig – vol­ler Mut und Le­bens­freu­de. Hört nie­mals auf zu träu­men!

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