Ein Ort,der uns zeigt, was wirk­lich zählt

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Es gibt die­se Or­te, die uns tie­fer be­rüh­ren; die et­was in uns aus­lö­sen, uns für im­mer ver­än­dern. Für Ro­bert Finch ist die­ser Ort der Ou­ter Beach auf Ca­pe Cod. Ei­ne Lie­be, die vor mehr als 40 Jah­ren be­gann – und die den Schrift­stel­ler noch im­mer lehrt, was wirk­lich zählt …

Die­se ver­schwen­de­ri­sche Fül­le er­in­nert uns dar­an, was wirk­lich zählt.“

Tau­send Mei­len und mehr bin ich in all den Jah­ren an die­sem Strand ent­lang ge­wan­dert; im­mer an die­sem Strand, der ei­gent­lich die Rück­sei­te von Ca­pe Cod dar­stellt und ge­mein­hin ein we­nig stief­müt­ter­lich als Ou­ter Beach be­zeich­net wird. Und ich er­in­ne­re mich noch ge­nau, als ich ihn zum ers­ten Mal be­trat. Das war im Früh­jahr 1962, ich war ge­ra­de 19 Jah­re alt. Na­tür­lich hat­te ich zu­vor schon Strän­de ge­se­hen und so­gar un­ter deut­lich an­ge­neh­me­ren Be­din­gun­gen, denn an je­nem April­tag tob­te ein Früh­lings­sturm, der die Wel­len so vol­ler In­brunst ge­gen den Strand peitsch­te, dass ich das Heu­len schon von Wei­tem ver­nahm. Ich war mit mei­nem Zim­mer­ge­nos­sen John her­ge­kom­men, Ca­pe Cod war sei­ne Hei­mat, und wir muss­ten uns re­gel­recht durch Wind und Re­gen kämp­fen, bis wir ei­ne Lü­cke in den Dü­nen fan­den, die den Blick auf den Strand frei­gab. Und in die­sem Mo­ment, weit­ab al­ler Er­war­tun­gen, die ich viel­leicht ge­hegt hat­te – war ich ge­bannt. Über­wäl­tigt von die­sem Strand; die­sem un­zähm­ba­ren, wind­ge­peitsch­ten Strand. Ich weiß noch ge­nau: Ich stell­te mich fron­tal in den Sturm, laut la­chend, hob die Ar­me und be­gann, die Sin­fo­nie des Mee­res zu di­ri­gie­ren; ich spü­re den har­ten Rhyth­mus der Bran­dung, folg­te dem Heu­len des Win­des und gab mich die­sem Strand hin, dem ich nichts be­deu­te­te, der kei­ner­lei No­tiz von mei­ner Exis­tenz nahm. Al­les in dem kläg­li­chen Ver­such, dem ein­dring­li­chen Wunsch, ir­gend­wie ein Teil die­ses über­wäl­ti­gen­den Schau­spiels zu sein.

Von al­ten und neu­en Ge­schich­ten

Seit­dem bin ich nie wie­der wirk­lich fort­ge­gan­gen. Der Strand, die­se knapp 40 Mei­len Sand am At­lan­tik, ist wie der ro­te Fa­den in mei­nem Le­ben. Ich han­ge­le mich dar­an ent­lang, durch Freu­de und Leid; durch Aber­tau­send Ge­schich­ten, die mit den Wel­len von weit­her kom­men. Der Strand und das Meer er­zäh­len mir mehr über mich selbst, als ich je­mals al­lei­ne hät­te ent­de­cken kön­nen. Neh­men wir et­wa den klei­nen Zip­fel, den die Ein­hei­mi­schen ge­mein­hin als North Beach be­zeich­nen. Er ist win­zig, ei­gent­lich kaum der Re­de wert, und doch hat die­ser Strand­ab­schnitt mehr Ve­rän­de­run­gen durch­lebt als die meis­ten an­de­ren. Im Lau­fe der Zeit hat er sich ver­län­gert, dann wie­der ver­kürzt; er wur­de auf­ge­bro­chen und un­ter­teilt, füg­te sich zu ei­nem Gan­zen und form­te sich al­le paar hun­dert Jah­re neu. Ich wan­de­re hier ent­lang, und ob­wohl der North Beach mo­men­tan et­wa zehn Mei­len lang ist, lag hier vor ziem­lich ge­nau 100 Jah­ren noch die Zu­fahrt nach Plea­sant Bay. Tat­säch­lich über­dau­ern die we­nigs­ten Din­ge am Ou­ter Beach lan­ge ge­nug, als dass ih­nen über­haupt ein Na­me ver­lie­hen wird. Denn viel schnel­ler als an an­de­ren Küs­ten löscht das Meer hier die Spu­ren jeg­li­cher Exi­stenz. So kommt es, dass es an der Rück­sei­te des Ca­pes nur we­ni­ge Ab­schnit­te gibt, die tat­säch­lich ei­ne ei­ge­ne Be­zeich­nung ha­ben – et­wa Long Point und Race Point und He­ad of the Mea­dow, und, deut­lich we­ni­ger ein­falls­reich, auch Co­ast Guard Beach. Die Wahr­heit ist: Der weit größ­te Teil des Stran­des bleibt na­men­los. Ge­nau ge­nom­men ist es nicht ein­mal mög­lich, zwei Mal den­sel­ben Strand zu be­tre­ten – der Sand ist wie der Fluss der Zeit, sich ewig wan­delnd, im­mer in Be­we­gung. Ich ha­be oft ver­sucht, die­sen Strom auf­zu­hal­ten, ha­be den al­ten Strand­hüt­ten, den mä­an­dern­den Was­ser­läu­fen, den Dü­nen Na­men ver­lie­hen, die nur ich kann­te. Woll­te et­was fest­hal­ten von dem, was ist. Und wuss­te doch, dass die Flut je­de Nacht un­se­re Ge­schich­te aus­löscht, um uns am Mor­gen er­wa­chen zu las­sen mit Aber­tau­send Mög­lich­kei­ten für Aber­tau­send neue Ge­schich­ten. Vor ei­ni­ger Zeit be­kam ich Be­such von ei­nem al­ten Freund. Er be­fand sich tief in ei­ner Sinn­kri­se; sei­ne Ehe war da­bei, sich

Der Strand lehrt uns, eins zu sein mit der Be­we­gung des Le­bens.“

auf­zu­lö­sen, be­ruf­lich kam er nicht vor­an, und ir­gend­wie woll­te ge­ra­de al­les nicht so recht zu­sam­men­pas­sen. Er hat­te sei­nen Platz in die­ser Welt ver­lo­ren, und als al­les Re­den nicht half, nahm ich ihn mit an den Strand, um ihm vor Au­gen zu füh­ren, dass die­ser ein viel kla­re­res Bild un­se­res Mensch­seins zu zeich­nen ver­mag. Hier bleibt nichts, wie es ist; al­les ver­än­dert sich ste­tig, selbst der Bo­den, auf dem wir ste­hen, un­ser Fun­da­ment, ist im Wan­del be­grif­fen, und im­mer wie­der bricht der Oze­an durch, um zu er­schaf­fen, um Al­tes zu neh­men und neue We­ge auf­zu­zei­gen. Der Strand lehrt uns, die­sen Wan­del an­zu­neh­men, eins zu sein mit der Be­we­gung des Le­bens. In all mei­nen Jah­ren hier ha­be ich ge­lernt, dass es kei­ne Ant­wor­ten gibt auf die gro­ßen Fra­gen des Uni­ver­sums – und mit Si­cher­heit nicht die ei­ne end­gül­ti­ge Wahr­heit.

Das Le­ben ist Wer­den

Ge­le­gent­lich ver­brin­ge ich ei­ni­ge Ta­ge in ei­ner ab­ge­le­ge­nen Strand­hüt­te di­rekt in den Dü­nen am Plea­sant Bay. Nor­ma­ler­wei­se sagt mir die Ein­sam­keit nicht zu, doch hier ist das an­ders. Ich ge­he spa­zie­ren, be­ob­ach­te, wie die Flut an­schwillt. Je­des Mal wün­sche ich mir, das könn­te ein gan­zes Jahr so sein. Dann stel­le ich mir vor, wie ich Wo­chen am Stück nicht schrei­ben wür­de, au­ßer na­tür­lich, um die Ka­prio­len des Wet­ters zu no­tie­ren und viel­leicht, um den ei­nen oder an­de­ren denk­wür­di­gen Mo­ment fest­zu­hal­ten. Den zar­ten Licht­ein­fall am Abend; den Ge­schmack von Salz und See­tang auf der Zun­ge. Ich wür­de al­les Per­sön­li­che los­las­sen, aus mir her­aus­flie­ßen las­sen – und die­se in­ne­re Un­ru­he wür­de ver­ge­hen wie ei­ne Nich­tig­keit am Ran­de der Welt. Ich stel­le mir vor, wie die Son­ne und der Wind mei­nen Geist frei ma­chen. Al­le Emp­fin­dun­gen, all mei­ne Wün­sche und Ängs­te, al­les, was ich be­geh­re, wür­de ich dem Sog der Ge­zei­ten über­ge­ben, wür­de zu­se­hen, wie sie hin­aus­ge­tra­gen wer­den aufs Meer, und am En­de schau­en, was der Oze­an zu mir zu­rück­trägt; was bleibt von al­le­dem. Manch­mal, wenn ich ge­dan­ken­ver­lo­ren hier ent­lang wan­de­re, trifft mich die un­fass­ba­re, bei­na­he schlich­te Er­ha­ben­heit die­ses Stran­des. Ich be­trach­te die Schich­ten des San­des, die so wi­der­stands­fä­hig sind und zugleich so nach­gie­big, und ich den­ke, in nichts tritt die Gleich­gül­tig­keit der Na­tur dem Men­schen ge­gen­über so deut­lich her­vor wie in die­ser nach­läs­si­gen Schön­heit. Ich be­stau­ne die ver­schwen­de­ri­sche Fül­le der Na­tur, die­se Fül­le, die uns dar­an er­in­nert, was wirk­lich zählt. Die un­se­re Per­spek­ti­ve zu­recht­rückt, weil sie all die klei­nen Är­ger­nis­se, die Miss­ge­schi­cke und Strei­te­rei­en als das er­ken­nen lässt, was sie sind: be­deu­tungs­los. Ja, es ist tat­säch­lich so: Ich ken­ne kei­nen an­de­ren Ort, der das Herz zugleich mit der­ar­ti­ger Freu­de und der­ar­ti­gem Leid er­füllt; es ist die Schön­heit des Ge­bo­ren­wer­dens und des Ver­ge­hens im glei­chen Mo­ment. Manch­mal wünsch­te ich, ich könn­te das Ca­pe mit mehr Ab­stand be­trach­ten. Es wä­re um so vie­les leich­ter, wenn es mich ein­fach nicht küm­mern wür­de. Statt­des­sen singt die­ser Strand sein ver­ges­se­nes, schmer­zen­des Lied, und ich weiß, ich wür­de al­les tun, um hier le­ben zu dür­fen. Wenn mich die­se san­di­ge Halb­in­sel ei­nes ge­lehrt hat, dann die­ses: Das Le­ben ist Wer­den. Der Oze­an nimmt je­den Tag ein we­nig, und er gibt ein we­nig. Das Ca­pe wird je­den Tag ver­lo­ren und er­ret­tet, er­ret­tet und ver­lo­ren. Die Wel­len flüs­tern ih­re Ge­heim­nis­se in den Wind, durch­schnitt­lich 14 400 Mal am Tag. Und nur ein Narr wür­de ih­nen kein Ge­hör schen­ken …

Buch­tipp

„The Ou­ter Beach“– wun­der­ba­re Es­say-sammlung von Ro­bert Finch, bis­her lei­der nur auf Eng­lisch er­schie­nen (352 S., WW Nor­ton & Co., 23,99 Eu­ro)

Der Us-schrift­stel­ler Ro­bert Finch lebt seit mehr als 40 Jah­ren auf Ca­pe Cod

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