Lie­bes­brief an un­se­re Mus­keln

Mit ih­nen kön­nen wir la­chen, tan­zen und durchs Le­ben schwe­ben: Un­se­re Mus­keln durch­zie­hen un­se­ren Kör­per, sie tra­gen und schüt­zen ihn, gleich­zei­tig er­mög­li­chen sie ihm Frei­heit und Aus­druck. Schen­ken wir ih­nen lie­be­vol­le Zu­wen­dung und ihr wich­tigs­tes Le­be

Happinez - - Inhalt - Text Blan­che Ra­dom Il­lus­tra­ti­on lin­da mon­fort Bar­to­lo­mé Ra­mis de Ay­re­flor

Un­se­re Mus­keln ver­lei­hen uns An­mut, Stär­ke und Be­weg­lich­keit; sie las­sen uns ge­hen, at­men und spre­chen; sie wär­men und sie hal­ten uns. Die Mus­ku­la­tur ist ein wah­rer Ver­wand­lungs­künst­ler mit et­li­chen Ta­len­ten, ein Su­per­or­gan, das aus vie­len Ein­hei­ten be­steht, die in ih­rer Ge­samt­heit Er­staun­li­ches leis­ten – und zwar weit über die rei­ne Be­we­gung hin­aus! Je nach Form, Grö­ße und Fa­ser-ar­chi­tek­tur, über­neh­men sie ganz be­schei­den im Hin­ter­grund, aber äu­ßerst ef­fi­zi­ent, vie­le wich­ti­ge Funk­tio­nen in un­se­rem Kör­per: Sie be­ein­flus­sen den Stoff­wech­sel, ver­bren­nen Nähr­stof­fe und er­zeu­gen Ener­gie für al­le Be­we­gun­gen, pro­du­zie­ren Bo­ten­stof­fe, re­gu­lie­ren die Ge­hirn­funk­ti­on, för­dern die Im­mun­ab­wehr, schüt­zen die in­ne­ren Or­ga­ne und vie­les mehr. Doch Mus­kel ist nicht gleich Mus­kel. Es wird zwi­schen glat­tem und quer ge­streif­tem Mus­kel­ge­we­be un­ter­schie­den, wo­bei die glat­ten Mus­keln, zu de­nen Herz und Darm ge­hö­ren, au­to­nom ar­bei­ten, al­so nicht be­wusst von uns ge­steu­ert wer­den kön­nen. Die quer ge­streif­te Mus­ku­la­tur, auch Ske­lett­mus­ku­la­tur ge­nannt, kön­nen wir so­wohl be­ein­flus­sen als auch trai­nie­ren. Und sie ver­fügt über wahr­lich ed­le Tu­gen­den: Fle­xi­bel, stark und treu führt sie un­mit­tel­bar un­se­re Wün­sche aus – und ist da­bei so­gar be­strebt, stets noch bes­ser zu wer­den.

„Das See­li­sche hat sei­ne Ent­spre­chung im Kör­per­li­chen“

Han­ne See­mann

Ins­ge­samt ver­fügt je­der von uns über 656 die­ser klei­nen Hel­den, wo­bei kein Mus­kel al­lein ar­bei­tet, son­dern be­vor­zugt im Team. Denn ih­re größ­te Kraft ent­fal­ten Mus­keln im Ver­bund – wo­bei ihr „Ver­hal­ten“, al­so An­span­nung und Ent­span­nung, ex­akt auf­ein­an­der ab­ge­stimmt sein muss. Da­mit die­ses Zu­sam­men­spiel funk­tio­niert, be­ste­hen Mus­keln aus lang ge­streck­ten Mus­kel­fa­sern, die sich zu­sam­men­zie­hen kön­nen und so die Be­we­gung er­mög­li­chen und Kräf­te ent­wi­ckeln. Über ihr zu­ge­hö­ri­ges Bin­de­ge­we­be (die Fas­zi­en), üben die Ske­lett­mus­keln Druck und Zug auf die mit ih­nen ver­bun­de­nen Kno­chen und Ge­len­ke aus. Aus­ge­löst wird die­ses Ge­sche­hen durch Ner­ven-im­pul­se, die bis zu den Mus­keln rei­chen.

Ge­fühl­vol­les Mus­kel­spiel

Ei­nes ha­ben al­le Mus­keln ge­mein­sam: Sie sind äu­ßerst sen­si­bel, da sie auf das Engs­te mit un­se­ren see­li­schen Stim­mun­gen ver­wo­ben ist. Ob wir uns är­gern, freu­en, fürch­ten, lang­wei­len oder ob wir trau­ern – un­se­re Mus­keln ge­hen mit un­se­ren ver­schie­dens­ten Ge­fühls­zu­stän­den mit. Sie schrei­ben uns un­se­re Stim­mun­gen als Mi­mik ge­ra­de­zu ins Ge­sicht. Doch nicht nur die Ge­sichts­mus­keln re­agie­ren auf Ge­füh­le, auch die Mus­keln von Na­cken, Ar­men, Rü­cken so­wie die glat­te Mus­ku­la­tur der Blut­ge­fä­ße und Ver­dau­ungs­or­ga­ne re­agie­ren auf Stim­mun­gen und Af­fek­te. Doch wie kommt es zu der Wech­sel­wir­kung zwi­schen Emo­tio­nen und Mus­keln?

Wie der Kummer in den Rü­cken kommt

Un­se­re Mus­ku­la­tur ist mit dem Hirn­stamm ver­bun­den, dem ent­wick­lungs­ge­schicht­lich äl­tes­ten Teil un­se­res Ge­hirns. Und wie ein Baum­stamm hat auch die­ser Be­reich ei­ne tra­gen­de Rol­le: Er kon­trol­liert Blut­druck und Herz­fre­quenz, re­gu­liert die At­mung und die Kör­per­tem­pe­ra­tur, steu­ert Wa­chen, Schla­fen so­wie ei­ni­ge le­bens­wich­ti­ge Re­fle­xe. Als „wa­chen­de Zen­tra­le“für all die­se viel­fäl­ti­gen Auf­ga­ben gilt die im Hirn­stamm be­find­li­che For­ma­tio re­ti­cu­la­ris. So­bald of­fen­sicht­li­che Ge­fahr oder auch un­ter­schwel­lig zu vie­le Sin­nes­ein­drü­cke bei ihr an­kom­men, lässt sie die Stress­hor­mo­ne Ad­re­na­lin und Cor­ti­sol aus­schüt­ten. Da­durch wird un­ser Kör­per alar­miert und in die Be­reit­schaft zu Kampf oder Flucht ver­setzt: Das Herz schlägt schnel­ler, der Blut­druck steigt, die At­mung wird fla­cher – und die Mus­keln span­nen sich an. Denn die For­ma­tio re­ti­cu­la­ris ist auch für die Mus­kel­span­nung, den so­ge­nann­ten Mus­kel­to­nus, ver­ant­wort­lich. Doch sie re­agiert nicht nur auf Sin­nes­rei­ze, son­dern auch auf Stim­mun­gen, so­dass an­dau­ern­der Stress, Angst oder Über­las­tung eben­falls den Mus­kel­to­nus er­hö­hen, was zu Ver­span­nun­gen und Schmer­zen führt. Be­trifft es die glat­te Mus­ku­la­tur des Ma­gen-darm-be­rei­ches, der Ge­fä­ße, des Her­zens und Atem­trakts, kann das Ver­dau­ungs­be­schwer­den, Blut­hoch­druck oder ei­nen Hus­ten­krampf zur Fol­ge ha­ben. Ei­ne ver­spann­te Ske­lett­mus­ku­la­tur hin­ge­gen ist häu­fig der Aus­lö­ser für Rü­cken­schmer­zen, Mi­grä­ne, Span­nungs­kopf­schmer­zen und vie­les mehr. Kurz­um: See­li­sche An­span­nung über­trägt sich auf die Mus­keln. Aber war­um macht un­ser Kör­per das? War­um lässt er uns ver­kramp­fen, so­bald un­an­ge­neh­me Ge­füh­le ent­ste­hen? Das er­klärt uns Dr. med. Mat­vei Tob­mann im fol­gen­den In­ter­view an­hand un­se­res gro­ßen Len­den­mus­kels, des Mus­cu­lus Ili­op­soas.

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