„Hoff­nung ist die Grund­me­lo­die des Le­bens“

Fleur Sa­ku­ra Wöss (64) träumt von ei­ner stei­len Kar­rie­re, von ei­ner glück­li­chen Fa­mi­lie. Als sie al­les er­reicht hat, fühlt sie sich leer. Bis sie in ei­ner ein­sa­men Berg­hüt­te die Kraft des Nichts­tuns ent­deckt – und wah­re Er­fül­lung fin­det

Happinez - - Interview -

Wor­an glau­ben Sie?

„Du musst an Gott glau­ben“, hör­te ich als Kind häu­fig und grü­bel­te nach dem War­um. Spä­ter wur­de mir klar, dass wir ziem­lich viel glau­ben: der For­schung, der Me­di­zin, den Zei­tun­gen – wir kön­nen ja nicht al­les selbst nach­prü­fen. Glau­ben ist ein fes­ter Be­stand­teil un­se­res All­tags. Heu­te be­deu­tet Glau­be für mich Ver­trau­en. Ich at­me ein, ich at­me aus. Ich ver­traue dar­auf, im nächs­ten Mo­ment wie­der ein­zu­at­men. So ver­traue ich dem Rhyth­mus des Le­bens – der mir je­doch ab­han­den ge­kom­men war …

In­wie­fern?

Ich woll­te al­les. Wirk­lich al­les. Stu­di­um. Kar­rie­re. Part­ner, Fa­mi­lie, auf­re­gen­de Ur­lau­be. Und tat­säch­lich wur­den mei­ne Träu­me wahr: Ich un­ter­rich­te­te an der Uni­ver­si­tät, war Do­zen­ten­ver­tre­te­rin, pu­bli­zier­te wis­sen­schaft­li­che Ab­hand­lun­gen, reis­te zu Kon­gres­sen. Da­heim war­te­ten drei klei­ne Kin­der auf mich. Ich koch­te, wusch, räum­te Le­go­stei­ne weg, be­vor ich mich bis Mit­ter­nacht wie­der an den Schreib­tisch setz­te. Ich tanz­te auf al­len Hoch­zei­ten – im per­fek­ten Tan­gos­chritt.

Und dann?

War ich Pro­fes­so­rin. Als das Schild an mei­ne Tür ge­schraubt wur­de, emp­fand ich Ge­nug­tu­ung. Stolz. Den­noch fühl­te ich mich leer und lee­rer – wie ei­ne Rau­pen­hül­le. Ich frag­te mich oft, ob mein Le­ben mit dem Pro­fes­so­ren-ti­tel an­ders ge­wor­den war. Er­füll­ter, glück­li­cher? Nein! Die Zie­le, de­nen ich hin­ter­her­ge­rannt bin, hat­ten mich in ei­ne Sack­gas­se ge­führt. All­mäh­lich ver­stand ich, dass es die Zie­le mei­ner El­tern wa­ren, die ich ge­lebt hat­te. Es war das, was sie von mir er­war­tet hat­ten. Ich kün­dig­te. Am Abend ging ich mit mei­nem Mann und un­se­ren drei Söh­nen zum letz­ten Mal ins Bü­ro: Wir lie­ßen Knall­frö­sche sprin­gen. Ich war in Fei­er­lau­ne! Denn ich hat­te nun be­grif­fen, dass ein Ti­tel nur sinn­voll ist, wenn ich ihn auch le­be. Das Ha­ben­wol­len al­lein, das ge­nügt nicht. Mir war die Ver­bun­den­heit zu mir selbst ver­lo­ren ge­gan­gen. Ich konn­te mich nicht mehr spü­ren.

Wie fan­den Sie zu sich zu­rück?

Da war die­se Wo­che in der Alm­hüt­te. Al­lein. Oh­ne Com­pu­ter, Bü­cher, Schreib­block. Das Han­dy – aus­ge­schal­tet. Die Hüt­te roch nach tro­cke­nem Holz, nach Sen­ne­rei, nach Ein­sam­keit. Die ers­ten zwei Ta­ge war ich un­ru­hig. Kribb­lig. Ich wan­der­te. Es tat gut, das mil­de Licht der Son­ne zu be­ob­ach­ten. Stun­den­lang ins Tal zu bli­cken. Das Rat­tern in mei­nem Kopf wur­de lei­ser. Ver­schwand schließ­lich ganz. Die Wie­sen duf­te­ten zart nach Gras und Blu­men. Ich konn­te den Atem des Tals spü­ren – und so et­was wie Her­zens­frie­den. Es ent­wi­ckel­te sich ein Ge­fühl des Bei-mir-seins, ei­ner tie­fen in­ne­ren Stil­le. Aus dem Nichts­tun hat­te sich ein voll­kom­men an­de­res Le­bens­ge­fühl ge­bil­det. Erst hier oben ver­stand ich mich. Ich kam mir und mei­nem Le­ben nä­her, fühl­te wie­der die­se Ver­bun­den­heit. Den Rhyth­mus des Le­bens. Ich wur­de of­fen für das Un­ge­sag­te, Un­ge­schrie­be­ne, Un­ge­plan­te. Of­fen für den Frei­raum, das In­ne­hal­ten. Das führ­te mich schließ­lich zum Zen, wo ich bis heu­te Klar­heit und gro­ße Kraft fin­de.

Was ist Lie­be?

Ihr Licht wohnt in uns al­len. Als Kind lä­cheln wir un­be­schwert die Welt an. Das wird dann we­ni­ger. Ent­täu­schun­gen wer­fen ih­ren Schat­ten auf das Licht der Lie­be. Wir le­gen uns Schutz­rin­ge zu. Je äl­ter wir wer­den, des­to här­ter wird ih­re Scha­le. Doch Lie­be bringt sie zum Schmel­zen, so­dass un­ser Licht wie­der nach au­ßen scheint.

Was be­deu­tet Ih­nen Hoff­nung?

Hoff­nung ist die Grund­me­lo­die des Le­bens. Je­der Mor­gen spielt für mich ein neu­es, wun­der­ba­res Lied. Ich ste­he auf, hof­fe und ver­traue dar­auf, dass der Tag ein gu­ter wird. Hoff­nung heißt nicht Er­war­tung. Ich er­war­te nichts vom Tag. Er wird sich so ent­wi­ckeln, wie es gut ist. Dr. Fleur Sa­ku­ra Wöss ist Ja­pa­no­lo­gin, lehr­te 14 Jah­re in Wi­en, Zü­rich, Ber­lin. Stu­dier­te Zen in Ja­pan und Eu­ro­pa. 2008 grün­de­te sie das Zen-me­di­ta­ti­ons­zen­trum Mis­ho­an in Wi­en und un­ter­rich­tet dort. In Deutsch­land gibt sie Se­mi­na­re. Ihr Buch: „In­ne­hal­ten. Zen üben, Atem ho­len, Kraft schöp­fen“– sehr ehr­lich be­schreibt sie ih­ren Weg, die Kraft des Zen und gute Übun­gen (Kö­sel Ver­lag; 16,99 €). In­fo: www.fleur­szen­blog.com, www.koe­sel.de

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