ES

Ei­ne der größ­ten Ki­no-über­ra­schun­gen des letz­ten Jah­res war zwei­fels­oh­ne die Neu­ver­fil­mung von Ste­phen Kings „Es“, die ge­nug Hor­ror bot, um Gen­re-fans an­zu­lo­cken und zugleich aber auch kei­nes­wegs das Main­stream-pu­bli­kum mit zu viel Gru­sel zu ver­schre­cken.

HD TV - - Inhalt - FALKO THEUNER

Te­enager ha­ben’s schwer. Ihr Kör­per ver­wan­delt sich, die Hor­mo­ne spie­len ver­rückt und sie hin­ter­fra­gen plötz­lich so ziem­lich al­les, was ih­re El­tern als selbst­ver­ständ­lich er­ach­ten und ih­nen bei­zu­brin­gen ver­su­chen. Es ist die Zeit des Aus- bzw. Auf­bre­chens. Lo­gisch, dass wäh­rend die­ser auf­re­gen­den Pha­se Ängs­te zum Vor­schein kom­men, die viel­leicht schon vor­her un­ter­schwel­lig da wa­ren oder die sich erst jetzt mit dem Pro­zess des Er­wach­sen­wer­dens ein­ge­stellt ha­ben. Ste­phen Kings „Es“be­schäf­tigt sich mit die­ser Pro­ble­ma­tik auf ei­ne recht ex­tre­me Art und ver­packt dies in ei­ner alb­traum­haf­ten Ge­schich­te

über ein Angst­we­sen und sei­ne Op­fer. Er zeigt ei­ne hand­voll Te­enager, die al­le­samt ein Trau­ma durch­lebt ha­ben oder ge­ra­de durch­le­ben:en: Da wä­re bei­spiels­wei­se Bill (Ja­eden Lie­ber­her),r), des­sen klei­ner Bru­der ver­schwand, Ed­die (Jackk Dy­lan Gra­zer), des­sen über­für­sorg­li­che Mut­ter nicht los­las­sen kann, Be­ver­ly (So­phia Lil­lis), die von ih­rem Va­ter be­läs­tigt und miss­han­delt wird, Ben (Je­re­my Ray Tay­lor), der vom Klas­sen-bul­lie drang­sa­liert wird, Mi­ke (Cho­sen Ja­cobs), des­sen Fa­mi­lie ver­brannt ist, und St­an­ley (Wyatt Oleff), des­sen Va­ter ihn un­ter per­ma­nen­ten Leis­tungs­druck setzt. Ein­zig Ri­chie (Finn Wolf­hard) scheint kein Trau­ma zu be­sit­zen, au­ßer, dass er ei­ne kom­plett ir­ra­tio­na­le Angst vor Clowns hat, die ihm ge­wiss nie­mals zum Ver­häng­nis wer­den könn­te … oder?

Pen­ny­wi­se der Clown

Na­tür­lich könn­te man auch auf die Ei­gen­schaf­ten der Kin­der ein­ge­hen, die sie in­ner­halb ih­rer (hier bru­ta­len) ge­sell­schaft­li­chen Um­ge­bung zu Ein­zel­gän­gern ma­chen und zugleich da­zu füh­ren, dass sie ih­ren „Club der Ver­lie­rer“er­öff­nen – ein Hort der Hoff­nung und Zuflucht. Aber ES in­ter­es­siert nur be­dingt, ob jetzt je­mand stot­tert, ei­ne di­cke Bril­le trägt, arm, jü­disch, asth­ma­tisch oder dun­kel­häu­tig ist. In die­sem Sin­ne er­scheint das Hor­ror-we­sen in­tel­li­gen­ter und to­le­ran­ter zu sein, als so manch hin­ter­wäld­le­ri­scher Mensch. Wür­de ES nicht die Angst so­wie das Fleisch von Kin­dern fres­sen, könn­te man dem schwarz­hu­mo­ri­gen Gestalt­wand­ler viel­leicht so­gar ein paar Sym­pa­thi­en ent­ge­gen brin­gen. Das ES, was King be­schreibt, ist ei­ne be­droh­li­che Ver­kör­pe­rung der mensch­li­chen Urängs­te, die in der Ka­na­li­sa­ti­on un­ter der Kle­in­stadt Der­ry haust und von dort aus po­ten­zi­el­les Fut­ter an­lockt, um es wie ei­ne Spin­ne im Netz zu fan­gen und zu ver­spei­sen. Hier­für nutzt ES jeg­li­che Stra­te­gie, die es auch in der In­sek­ten­welt zu be­ob­ach­ten gibt: Mi­mi­kry, al­so die Nach­ah­mung von an­de­ren Le­be­we­sen, ver­wen­det der Gestalt­wand­ler so­wohl zum An­lo­cken der Kin­der als auch zum Her­vor­lo­cken der Ängs­te. Dass ES dann meist in der Gestalt des tan­zen­den Clowns Pen­ny­wi­se (Bill Skars­gård) auf­tritt, scheint an dem Irr­tum zu lie­gen, dass sich Kin­der wie selbst­ver­ständ­lich von Clowns an­ge­zo­gen füh­len. Ei­ne zwei­te Ei­gen­schaft ist die Fä­hig­keit, an­de­ren den ei­ge­nen Wil­len auf­zu­zwin­gen, da­mit die­se für nach­hal­ti­ge Angst sor­gen kön­nen. So er­hält der von sei­nem Va­ter un­ter­drück­te Klas­sen-schlä­ger Hen­ry Bo­wers (Ni­cho­las Ha­mil­ton) bei­spiels­wei­se bei­spie von ei­ner Kin­der­sen­dung aus dem Ffern­se­hen durch­aus selt­sa­me Si­gna­le …

King nnicht gleich Er­folg

Dass Sste­phen-king-ver­fil­mun­gen eher ein schwie­ri­ges Na­tu­rell be­sit­zen, das ih­nen meist den kom­mer­zi­el­len Er­folg ver­wei­gert, zeig­te zu­letzt „Der dunk­le Turm“, der zwar sein Bud­get lo­cker wie­der ein­spie­len konn­te, aber den­noch weit hin­ter den Er­war­tun­gen zu­rück blieb. Um­so über­ra­schen­der war es, dass das im glei­chen Jahr er­schie­ne­ne „Es“-re­make ei­nen solch enor­men An­sturm der Ki­no­gän­ger be­wirk­te. Of­fen­bar ha­ben die bei­den Dreh­buch-au­to­ren Cha­se Pal­mer und Ca­ry Fu­ku­na­ga („True De­tec­tive“, „Sin Nom­bre“), der Re­gis­seur An­dy Mu­schiet­ti („Ma­ma“) so­wie die Schau­spiel­be­set­zung ge­nau den rich­ti­gen Ton ge­trof­fen, um für ih­re In­ter­pre­ta­ti­on des Pen­ny­wi­se viel Fut­ter … Ent­schul­di­gung, vie­le Zu­schau­er ins Ki­no zu lo­cken. Ge­ra­de Fu­ku­na­ga und Mu­schiet­ti ha­ben schon im Vor­feld be­wie­sen, dass sie Meis­ter im Auf­bau be­droh­li­cher und düs­te­rer Sze­na­ri­en sind. Mit den cha­rak­te­ris­ti­schen Jung­dar­stel­lern und dem sehr wan­del­ba­ren Bill Skars­gård („An­na Ka­reni­na“) ge­lang ih­nen zu­dem bei der Be­set­zung ein wah­rer Glücks­griff. So ver­setzt Skars­gårds Mi­mik die Be­trach­ter schon oh­ne Ma­ke-up und Com­pu­ter-ef­fek­te in Schre­cken, wenn er ei­nen sei­ner Aug­äp­fel ab­s­preizt, wäh­rend sich sei­ne Un­ter­lip­pe wie ein krum­mer Schna­bel her­vor schiebt und der Spei­chel dar­an ent­lang tropft. Über­haupt scheint sein Ge­sicht so ver­form­bar zu sein, scheint er so viel Kör­per­kon­trol­le zu be­sit­zen, dass die un­heim­lichs­ten Sze­nen des Films eben­je­ne sind, die oh­ne gro­ße Ef­fek­te aus­kom­men. Dass sein Pen­ny­wi­se hier und da win­ken­der- oder tan­zen­der­wei­se ei­nen Gag am Ran­de plat­ziert, liegt nur in der Na­tur sei­nes Clowns- Cha­rak­ters. Den­noch möch­te man die­sem ge­schmink­ten Zeit­ge­nos­sen wirk­lich nie­mals per­sön­lich be­geg­nen. Und auch wenn sich der Gru­sel für hart­ge­sot­te­ne Hor­ror-fans in Gren­zen hält, so ist die Gestal­tung der alb­traum­haf­ten Ge­scheh­nis­se mehr als ge­lun­gen und es macht sich ein woh­li­ger Schau­er im Emp­fin­den des Zu­schau­ers breit. Die Kin­der­dar­stel­ler wie­der­um las­sen im Film­fan die­ses ty­pi­sche 1990er-jah­re- Ge­fühl à la „E. T.“, „Die Goo­nies“und „Stand By Me – Das Ge­heim­nis ei­nes Som­mers“auf­kom­men. Mit dem Ziel et­was Un­heim­li­ches aus­fin­dig zu ma­chen, zie­hen sie durch ei­ne som­mer­li­che Kle­in­stadt- Ge­gend, ler­nen ein­an­der bes­ser ken­nen, un­ter­stüt­zen sich und le­gen ein Stück ih­rer Ado­les­zenz-rei­se ge­mein­sam zu­rück. Und da das Haupt­the­ma von „Es“nun­mal die Angst höchst­selbst ist, gilt es die­se zu be­sie­gen. Doch be­sit­zen die Kin­der wirk­lich schon die Kraft, ei­nen solch über­mäch­ti­gen Dä­mon, der alle 27 Jah­re von neu­em auf­taucht, in die ewi­gen Jagd­grün­de zu schi­cken? Der in der Ge­gen­wart spie­len­de zwei­te Teil soll je­den­falls be­reits für 2019 ge­plant sein. Über die Tech­nik der Blu-ray lässt sich viel Gu­tes sa­gen. Der zu­meist vor­herr­schen­de 1990er-jah­re-look (ent­sät­tig­te Far­ben, leich­te Über­be­lich­tung, ge­le­gent­lich wei­ches Licht) wird von ei­ner sehr gu­ten Schär­fe be­glei­tet. Ob­wohl der Kon­trast samt Schwarz­wert größ­ten­teils per­fekt ist, fal­len den­noch dunk­le Sze­nen z. B. in der Ka­na­li­sa­ti­on auf, in de­nen das Schwarz tie­fer hät­te sein kön­nen. An die­sen Stel­len wä­re ein Ver­gleich mit der par­al­lel er­schei­nen­den Uhd-blu-ray durch­aus in­ter­es­sant. Die letz­te Sze­ne wie­der­um zeigt aus­ge­spro­chen kräf­ti­ge Far­ben und ist so­mit als Über­lei­tung zur Fort­set­zung zu ver­ste­hen. Noch viel wich­ti­ger als das Bild ist der Dol­by-at­mos-sound, der den Gru­sel über die Oh­ren zum Hirn trans­por­tiert. Al­lein die Ge­räusch­ku­lis­se in der Ka­na­li­sa­ti­on war die auf­wen­di­ge Ab­mi­schung wert. Ei­ne groß­ar­ti­ge Dy­na­mik stei­gert die In­ten­si­tät bei je­dem Hor­ror-mo­ment und die im Raum plat­zier­ten Ge­räu­sche las­sen den groß­ar­tig de­si­gne­ten Alb­traum re­al wer­den. Tech­nisch ist die Blu-ray al­so auf der Hö­he der Zeit und lässt die eben­falls von War­ner ver­öf­fent­lich­te Blu-ray zum 1990er-jah­re Tv-zwei­tei­ler im wahrs­ten Sin­ne des Wor­tes alt aus­se­hen.

Sa­ma­ra aus den „Ring“-fil­men ist nicht die ers­te Hor­ror- Gestalt, die aus ei­nem Bild­schirm krab­belt. Auch Pen­ny­wi­se ver­steht es, die vier­te (Lein-)wand zu durch­bre­chen

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.