Ur­tei­le im Ak­kord

Jus­tiz Zehn­tau­sen­de Asyl­be­wer­ber kla­gen vor Ge­richt ge­gen ih­re Be­schei­de. Wie lau­fen sol­che Pro­zes­se ab? Sind die Kam­mern wirk­lich über­las­tet? Be­ob­ach­tun­gen vor Ge­richt von Axel Ha­ber­mehl

Heidenheimer Zeitung - - Hintergrund -

Ein Mitt­woch­mor­gen um 9 Uhr im Ver­wal­tungs­ge­richt Sig ma­rin­gen. Durch das of­fe­ne Fens­ter dringt Vo­gel­ge­san aus dem na­he­ge­le­ge­nen Par ins Ver­hand­lungs­zim­mer 1.0 als Rich­ter Klaus-pe­ter Wol­rath die Si zung er­öff­net. Ihm ge­gen­über sit­zen ein Dol­met­sche­rin und ein ner­vö­ses jung Ehe­paar aus dem Ko­so­vo. Auf dem Sch der Frau zap­pelt und brab­belt fröh­li die ein­jäh­ri­ge Toch­ter.

Ih­re El­tern ver­kla­gen die Bun­des­rep blik Deutsch­land, be­zie­hungs­wei­se st ver­tre­tend für sie das Bamf, das Bund amt für Mi­gra­ti­on und Flücht­lin­ge. D vom Amt ist kei­ner ge­kom­men. „Da nicht un­ge­wöhn­lich, die ha­ben nich nug Per­so­nal, um je­man­den zu schick sagt Rich­ter Wol­rath. Auch der Rec an­walt der Klä­ger ist nicht da. „Wä teu­er ge­we­sen“, über­setzt die Dol­met­sche­rin. „400 Eu­ro, das hät­ten sie sich nicht leis­ten kön­nen.“Der Klä­ger lä­chelt un­si­cher. Macht nichts, ein An­walt ist nicht vor­ge­schrie­ben und das Bamf war ge­la­den, al­so ver­han­delt Wol­rath die Sa­che jetzt. Das Ver­fah­ren dau­er schon lan­ge ge­nug, und bis zur Mit tags­pau­se hat der Rich­ter drei we te­re Pro­zes­se an­ge­setzt.

Die Flücht­lings­wel­le der ver­gang nen Jah­re hat die Ver­wal­tungs­ge­ric te er­reicht. 2015 und 2016 be­an­trag gut 130 000 Men­schen in Ba­den-wü tem­berg Asyl. Das Bamf prüft je­den trag und ent­schei­det. Wer ab­gel wird oder sonst un­zu­frie­den ist, k kla­gen. Tau­sen­de ma­chen von di Recht Ge­brauch. Al­lein in Ba­den-w tem­berg gin­gen im ers­ten Halb­jah ge­nau 25 493 Kla­gen we­gen Asylv ren ein – mehr als im gan­zen Jahr

Das Paar aus dem Ko­so­vo hat v ei­nem Jahr Kla­ge er­ho­ben. Im Fe 2015 war es nach Deutsch­land g men, auf der Su­che nach Ar­beit, S heit, ei­nem bes­se­ren Le­ben. Man g nen ei­nen Asyl­an­trag, der wur­de a fen­sicht­lich un­be­grün­det“ab­ge Al­so be­an­trag­ten sie sub­si­diä­ren S Auch ab­ge­lehnt. Dann Ab­schie­bes ab­ge­lehnt. Vor­läu­fi­ger Rechts­schut ge­lehnt. Die münd­li­che Ver­hand jetzt ist die nächs­te Etap­pe. Der M sagt, egal wie es aus­ge­he, er sei deut­schen Volk dank­bar. „Da­für, man uns be­han­delt.“

Deutsch­land hat das Ko­so­vo vo Jah­ren als „si­che­ren Her­kunfts­staa ge­stuft. Seit­dem ha­ben des­sen B kaum Chan­cen auf Asyl, schon gar wenn sie, wie das Ehe­paar, mit dem durch lau­ter „si­che­re Dritt­staa­ten ge­fah­ren sind. Die bei­den wis­sen d be­haup­ten auch nicht, ver­folgt zu den. Aber die Ge­samt­si­tua­ti­on in Hei­mat sei eben sehr schlecht.

Da­zu ge­hört das Ge­sund­heits­sys­tem. Wenn je­mand schwer krank ist und ärzt­li­che Ver­sor­gung in der Hei­mat nicht ge­währ­leis­tet, kann das ein Ab­schie­be­hin­der­nis sein. Der Mann hat Nie­ren­stei­ne, zwei­mal wur­de er in Deutsch­land ope­riert. Zu­dem hat ein Arzt chro­ni­sche Na­sen­ne­ben­höh­len­ent­zün­dun­gen at­tes­tiert. Um kurz vor 10 Uhr sagt Rich­ter Wohl­rath: „Ich kann Ih­nen kei­ne Hoff­nung ma­chen auf An­er­ken­nung als Flücht­ling oder auf sub­si­diä­ren Schutz. Aber ich muss mir noch Ge­dan­ken über Ih­re Ge­sund­heit ma­chen.“Dann schließt er die Ver­hand­lung. Sei­ne Ent­schei­dung wird er schrift­lich mit­tei­len. Sel­ber Saal, ein paar Ta­ge spä­ter. Auf der Klä­ger-bank sit­zen ein 43-jäh­ri­ger Ira­ker und sei­ne An­wäl­tin. Der Mann sagt, er sei im Irak Ge­heim­dienst­of­fi­zier ge­we­sen, dann aber ha­be er flie­hen müs­sen. Die Ge­schich­te, die er dem Bamf-ent­schei­der im Auf­nah­me­zen­trum Meß­stet­ten er­zählt hat, ist film­reif. Sie han­delt von Kor­rup­ti­on und Öl­schmug­gel im ira­kisch-ira­ni­schen Grenz­ge­biet, von Dro­hun­gen, mäch­ti­gen Män­nern und er­mor­de­ten Jour­na­lis­ten. Das Bamf lehn­te den Asyl­an­trag trotz­dem ab, al­so klagt der Mann vom Ge­heim­dienst jetzt.

„Frau Rechts­an­wäl­tin, ich ent­neh­me der Ak­te, Sie be­an­tra­gen in An­füh­rungs­zei­chen das vol­le Pro­gramm“, sagt Rich­ter Ju­ha­ni Korn. „Vol­les Pro­gramm“heißt: Der Klä­ger for­dert Asyl nach dem deut­schen Grund­ge­setz oder Flücht­lings­schutz nach der Gen­fer Kon­ven­ti­on. Er­satz­wei­se be­an­tragt er sub­si­diä­ren Schutz – al­so Schutz vor ei­nem „ernst­haf­ten Scha­den“in der Hei­mat, aus Grün- den, die nicht vom Grund­ge­setz oder von der Gen­fer Kon­ven­ti­on um­fasst sind. Falls es auch da­für nicht reicht, will er we­nigs­tens Schutz vor Ab­schie­bung.

Je nach Sta­tus ha­ben Be­trof­fe­ne mehr oder we­ni­ger Rech­te, dür­fen schnel­ler ar­bei­ten, Fa­mi­lie nach­ho­len, ir­gend­wann un­be­fris­tet blei­ben. Des­halb be­an­tra­gen fast al­le Klä­ger das „vol­le Pro­gramm“.

Ver­wal­tungs­rich­ter müs­sen sich nicht nur mit den Ge­set­zen aus­ken­nen, son­dern auch mit den Her­kunfts­staa­ten. Sie müs­sen ja wis­sen, wo­hin sie je­man­den ge­ge­be­nen­falls zu­rück­schi­cken. Des­halb ha­ben die Sig­ma­rin­ger Rich­ter die Welt un­ter sich auf­ge­teilt. Korn be­ar­bei­tet Fäl­le aus Al­ba­ni­en, Ser­bi­en, Ko­so­vo, Ni­ge­ria, Sy­ri­en und Irak. Zum Irak hat er seit En­de 2015 ei­nen Leitz-ord­ner mit Dos­siers an­ge­legt: vol­ler La­ge­be­rich­te vom Aus­wär­ti­gen Amt, von Men­schen­rechts-or­ga­ni­sa­tio­nen oder aus­län­di­schen Be­hör­den. Dies­mal hilft ein Pa­pier des ös­ter­rei­chi­schen „Bun­des­amts für Asyl und Frem­den­we­sen“, es be­stä­tigt Tei­le der Ge­schich­te des Ira­kers.

Korn stellt nun zwei St­un­den lang De­tail­fra­gen, um die Sto­ry auf ih­ren Wahr­heits­ge­halt ab­zu­klop­fen. „Wel­chen Di­enst­grad hat­ten Sie?“Das Pro­blem: Die Dol­met­sche­rin, die eher mä­ßig Deutsch spricht, kann mi­li­tä­ri­sche Rän­ge nicht über­set­zen. Oder der Mann weiß es nicht. Am En­de wird fest­ge­stellt, dass er ei­nen Stern auf den Schul­ter­klap­pen trug und zwei oder drei am Kra­gen­spie­gel.

Rich­ter Korn, der selbst mal beim Mi­li­tär war, bohrt nach: „Wel­ches Ka­li­ber hat­ten die Ka­lasch­ni­kows der Ih­nen un­ter­stell­ten Sol­da­ten?“Zwi­schen Klä­ger und Dol­met­sche­rin ent­spinnt sich nun ein län­ge­rer Dia­log auf Ara­bisch. Das Er­geb­nis: „Er weiß es nicht“, sagt die Über­set­ze­rin. „Un­ge­fähr vier Mil­li­me­ter.“Der Ira­ker zeigt mit den Fin­gern, wie groß die Pa­tro­nen ge­we­sen sei­en. Korn wird bis zum nächs­ten Tag ent­schei­den: „Das wird wohl auf sub­si­diä­ren Schutz her­aus­lau­fen.“Pau­se. „Al­so, wenn ich die Ge­schich­te glau­be.“ Der­weil sind in Saal 2.8 Rich­ter Cle-mens Fein­äug­le und ei­ne Dol­met­sche­rin zum War­ten ver­dammt. Fünf Ver­fah­ren wa­ren von 9 bis 14 Uhr an­ge­setzt, je­de St­un­de ei­nes. Der ers­te Klä­ger kam nicht, die zwei­te Sa­che ist be­en­det, aber jetzt, um 11.20 Uhr, fehlt der Klä­ger-An­walt. Er hat an­ge­ru­fen, sein Zug sei ver­spä­tet. Fein­äug­les Zeit­plan ist rui­niert, da­bei muss er sich heu­te noch um zwei drin-gen­de Bau­rechts­sa­chen küm­mern. In ei-nem Fall droht ein Schup­pen ein­zu­stür-zen, es eilt al­so ge­hö­rig. Asyl­sa­chen ma­chen un­ter den Ein­gän-gen der vier Ver­wal­tungs­ge­rich­te Ba-den-Würt­tem­bergs der­zeit 84 Pro­zent aus. Weil nicht we­ni­ger sons­ti­ge Kla­gen an­fal­len, Bau- oder Po­li­zei­rechts­sa­chen, weil wei­ter Stu­den­ten auf Stu­di­en­plät­ze kla­gen oder Bür­ger ge­gen ir­gend­ei­ne Be-hör­de, sind die Ge­rich­te am Li­mit. Jus-tiz­mi­nis­ter Gui­do Wolf (CDU) spricht von ei­ner „au­ßer­ge­wöhn­li­chen Be­las-tungs­si­tua­ti­on". Die Po­li­tik hat re­agiert. 2016 wur­den 26 Rich­ter­stel­len ge­schaf-fen und 18 für Ser­vice­kräf­te. Im Dop­pel-haus­halt 2018/2019 ste­hen noch­mal 31 Rich­ter­stel­len und 24 Ser­vice­kräf­te. Weil der Land­tag noch zu­stim­men muss, hat Wolf an­ge­kün­digt, wei­te­re Rich­ter über-gangs­wei­se aus dem all­ge­mei­nen Per­so-nal­bud­get zu fi­nan­zie­ren. Es hilft ja nichts, Rechts­staat ist Rechts­staat, der Kla­ge­berg muss ab­ge­tra­gen wer­den.

Um 11.40 Uhr ist der An­walt end­lich da, aber sein Man­dant, ein jun­ger Tu­ne­si­er, fühlt sich nicht gut. „Ich bin krank, mir ist schwin­de­lig, ich ha­be Kopf­schmer­zen“, über­setzt die Dol­met­sche­rin. Dem Mann sind vie­le Lei­den at­tes­tiert, ein Arzt hat ihn schon ein­mal ver­hand­lungs­un­fä­hig ge­schrie­ben, heu­te aber liegt kein At­test vor. Rich­ter Fein­äug­le un­ter­bricht kurz, der Klä­ger mö­ge sich aus­ru­hen. Als es wei­ter­geht, soll er sein Schick­sal schil­dern, das ge­lingt zäh, er sagt, er ha­be al­les schon so oft er­zählt.

Um 12.30 Uhr muss der An­walt wie­der weg, zu ei­nem an­de­ren Man­dan­ten, drü­ben, bei Rich­ter Korn. Al­so un­ter­bricht Fein­äug­le wie­der und ruft so­lan­ge den nächs­ten Fall auf. Wie­der ein jun­ger Tu­ne­si­er, dies­mal klappt es bes­ser, der Mann ist an­walt­los, top­fit und gut ge­launt. Er fürch­tet in sei­ner Hei­mat die Ra­che von Ter­ro­ris­ten, ge­gen die er bei der Po­li­zei aus­ge­sagt ha­be. Die Ver­hand­lung läuft flüs­sig, nach 35 Mi­nu­ten spricht der Klä­ger das letz­te Wort: „Ich möch­te ger­ne in Deutsch­land blei­ben, ich ha­be ei­ne Freun­din und möch­te hier le­ben.“

Drau­ßen war­tet schon der Nächs­te, ein 23-jäh­ri­ger Ma­rok­ka­ner, der wäh­rend der Ver­hand­lung bald an­fan­gen wird zu wei­nen. Er wird sa­gen, er sei Voll­wai­se und Ex-stra­ßen­kind, in Ma­rok­ko ha­be er nie­man­den. Wenn er zu­rück­müs­se, kom­me er si­cher ins Ge­fäng­nis. Er ist in neu­ro­lo­gi­scher und psych­ia­tri­scher Be­hand­lung, neh­me Schlaf­ta­blet­ten, ein Arzt hat Zu­kunfts­ängs­te be­schei­nigt und rät zu ei­ner Trau­ma­the­ra­pie.

Rich­ter Fein­äug­le be­ginnt mit der Be­fra­gung. Er wird auch die­sen Fall prü­fen und dann ein Ur­teil fäl­len. Am En­de geht es im­mer um die­sel­be ein­fa­che Fra­ge: Blei­ben dür­fen oder ge­hen müs­sen? Aber ein­fach ist hier gar nichts. Nicht die Rechts­la­ge, nicht die Ver­fah­rens­ab­läu­fe, nicht die Um­set­zung der Ur­tei­le und schon gar nicht die gan­zen Schick­sa­le.

Das wird wohl auf sub­si­diä­ren Schutz her­aus­lau­fen. Al­so, wenn ich die Ge­schich­te glau­be. Ju­ha­ni Korn Rich­ter am Ver­wal­tungs­ge­richt

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