„Je­des Stück Holz ist an­ders“

Hand­werk Ro­ber­to Tra­mon­tin ist ei­ner der bei­den letz­ten Gon­del­bau­er in Ve­ne­dig. Sei­ne Fa­mi­lie hat je­des Vier­te die­ser Boo­te in der La­gu­nen­stadt her­ge­stellt. Von Bet­ti­na Gab­be

Heidenheimer Zeitung - - Blick In Die Welt -

An der Me­tall­tür mit der ab­ge­blät­ter­ten grü­nen Far­be ver­rät kein Schild, dass sich da­hin­ter ei­ne der letz­ten bei­den tra­di­tio­nel­len Gon­del­bau­er-werk­stät­ten von Ve­ne­dig ver­birgt. Nur wer vom Ka­nal aus über das Was­ser oder die ge­gen­über­lie­gen­de Brü­cke kommt, sieht den Boots­schup­pen mit dem Wap­pen des Kö­nigs­hau­ses der Sa­voy­er, des­sen Hof­lie­fe­ran­ten die Tra­mon­tins einst wa­ren. Im In­nern schmir­gelt der ein­zi­ge Mit­ar­bei­ter von Ro­ber­to Tra­mon­tin, dem Uren­kel des Grün­ders, ge­ra­de ei­ne Lu­xusgon­del ab, um sie neu zu la­ckie­ren.

„Der Be­sit­zer hat ein Fai­b­le für Ro­lex-uh­ren, des­halb lässt er sei­ne Gon­del mit Mar­ken­zei­chen der Kro­ne ver­zie­ren, na­tür­lich in Blatt­gold“, sagt Tra­mon­tin mit ei­nem Schul­ter­zu­cken. Vie­le Gon­do­lie­ri ge­ben ei­nen Jah­res­ver­dienst von ge­ra­de mal 15 000 Eu­ro an. Doch es heißt, wer ei­ne Li­zenz für 500 000 Eu­ro er­wer­be, kön­ne sie dank Steu­er­hin­ter­zie­hung nach drei Jah­ren ab­zah­len.

Nur Schwarz ist er­laubt

„Ei­gent­lich bin ich schon in Ren­te“, sagt der 63-Jäh­ri­ge. Ein Vier­tel der 400 Gon­deln in Ve­ne­dig stammt von ihm und sei­nem Va­ter. Heu­te baut er nur ei­ne im Jahr. „Je­des Mal, wenn ei­ne Gon­del zum ers­ten Mal zu Was­ser ge­las­sen wird, hab ich ei­nen Kloß im Hals.“

Tra­mon­tin ver­steht nicht, wie man es lang­wei­lig fin­den kann, im­mer nur die glei­che Art Boot zu bau­en. „Je­des Stück Holz ist an­ders, je nach­dem, ob es von der Süd- oder der Nord­sei­te des Baums stammt“, sagt er und streicht über den Rumpf der Gon­del im Boots­haus, die bald ei­nen neu­en An­strich be­kommt. Für Gon­deln ist nur schwar­ze Far­be zu­ge­las­sen.

Ei­ne Gon­del hält et­wa 15 Jah­re, dann muss die Un­ter­sei­te er­neu­ert wer­den, um wei­te­re 15 Jah­re zu hal­ten. „Län­ger als ei­ne Ehe“, sagt Tra­mon­tin und lacht. Zwi­schen­durch müs­sen aber im­mer wie­der der Lack aus­ge­bes­sert und der Rumpf von Mu­scheln und Al­gen ge­rei­nigt wer­den.

Un­ter der schwar­zen Au­ßen­haut ver­ber­gen sich acht Holz­sor­ten. „Ei­che für den Rumpf, Ma­ha­go­ni für den Bug, Lin­de für das Heck.“Für die Auf­bau­ten kom­men Lär­chen-, Kir­schen-, Ul­men­und Nuss­baum­holz hin­zu. Der cha­rak­te­ris­ti­sche ge­zack­te Bug be­steht un­ter dem Me­tall­be­schlag we­gen der be­son­de­ren Sta­bi­li­tät viel­fach aus Sperr­holz.

Ein­mal zu Was­ser ge­las­sen, müs­se der Bo­den al­le sechs Wo­chen ge­rei­nigt wer­den, sagt Tra­mon­tin. Am Rumpf sie­deln sich Mu­scheln an, für Gon­do­lie­ri sei es aber wich­tig, das der Un­ter­bo­den glatt ist, da­mit sie mit ih­rem ein­zi­gen Rie­men nicht zu viel Mü­he ha­ben, den lan­gen Rumpf durch die Ka­nä­le zu be­we­gen.

An­ge­fan­gen hat Tra­mon­tin of­fi­zi­ell mit 16, aber schon mit 14 hat­te er nach der Schu­le sei­nem Va­ter ge­hol­fen. Wie der asym­me­tri­sche Rumpf ge­baut wird, lernt man nicht in der Schu­le, son­dern im Fa­mi­li­en­be­trieb. Denn da der Gon­do­lie­re rechts nur ei­nen Rie­men als An­trieb und Steu­er nutzt, ist die lin­ke Sei­te zum Aus­gleich stär­ker ge­wölbt.

Für ei­ne noch oh­ne Com­pu­ter­tech­nik ge­bau­te Gon­del ver­langt Tra­mon­tin rund 40 000 Eu­ro. Bei 80 Eu­ro pro hal­ber St­un­de Fahrt muss der Be­sit­zer 250 St­un­den lang ar­bei­ten, um den Kauf­preis auf­zu­brin­gen, nicht ein­ge­rech­net die nö­ti­ge Boots­pfle­ge.

Tra­mon­tin ver­dient we­ni­ger als die als reich gel­ten­den Gon­do­lie­ri. Trotz ho­her Kos­ten will er je­doch nicht wie die meis­ten an­de­ren Ve­ne­zia­ner aufs Fest­land zie­hen. „Ich muss das Ge­räusch der Stil­le hö­ren, wenn der Rie­men das Was­ser teilt“, sagt der Va­ter zwei­er Töch­ter. Er es­se lie­ber nur Brot und Zwie­beln, als Ve­ne­dig zu ver­las­sen. „Das kann man nicht er­klä­ren, eben­so­we­nig wie die Lie­be.“

Fo­tos: Bet­ti­na Gab­be

Hand­ar­beit: Ro­ber­to Tra­mon­tin an sei­nem ak­tu­el­len Stuck. Un­ten: die Werk­statt, gut ver­steckt.

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