OB Kuhn: Das ist Tor­schluss­pa­nik

Vom Vor­stoß des Bun­des für kos­ten­lo­sen ÖPNV wur­den auch die Mo­dell­städ­te über­rascht. Die Kri­tik ist groß – doch in Tü­bin­gen hat man schon ein fer­ti­ges Kon­zept.

Heidenheimer Zeitung - - SÜDWESTUMSCHAU - Von Do­mi­ni­que Leib­brand und Ma­de­lei­ne We­ge­ner

Kos­ten­los mit Bus und Bahn durch die Stadt? In Her­ren­berg fin­det man die­se Idee gut – wur­de die 30 000-Ein­woh­ner-kom­mu­ne doch als ei­ne von fünf Mo­dell­städ­ten aus­ge­wählt, in de­nen der Null­ta­rif ge­tes­tet wer­den könn­te. „Wir se­hen das als Chan­ce, dass un­se­re Be­mü­hun­gen um ei­ne nach­hal­ti­ge Mo­bi­li­tät be­schleu­nigt wer­den“, sagt OB Thomas Spriß­ler (Freie Wäh­ler). Über­rascht wur­de er aber eben­so wie die Öf­fent­lich­keit: Er ha­be erst am Sonn­tag da­von er­fah­ren.

Die Bun­des­re­gie­rung er­wägt, zur Ver­bes­se­rung der Luft­qua­li­tät kos­ten­lo­sen ÖPNV fi­nan­zi­ell zu för­dern. Das sol­le zu­nächst in Her­ren­berg, Mann­heim, Reut­lin­gen so­wie Bonn und Es­sen ge­tes­tet wer­den. Laut Bun­des­um­welt­mi­nis­te­ri­um wur­den die Städ­te so aus­ge­wählt, dass ei­ne Band­brei­te „un­ter­schied­li­cher Luft­be­las­tungs­si­tua­tio­nen“ab­ge­bil­det wird, al­so nied­ri­ge­re, mitt­le­re und hö­he­re Über­schrei­tun­gen von Grenz­wer­ten da­bei sind.

Nicht nur Groß­städ­te kämpf­ten mit schlech­ter Luft, sagt auch Spriß­ler. Die Idee sei „ver­lo­ckend“, das bis­he­ri­ge Nah­ver­kehrs­an­ge­bot müs­se je­doch aus­ge­baut wer­den. „Dann be­kom­men wir si­cher ei­ni­ge Au­to­fah­rer da­zu, um­zu­stei­gen.“De­tails sei­en in­des noch nicht mit Ber­lin ge­klärt.

In Reut­lin­gen kennt man eben­falls nur die Idee. Vie­le Fragen sei­en of­fen, sag­te Stadt­spre­cher Wolf­gang Löff­ler. Was fi­nan­ziert der Bund? Was das Land und die Kom­mu­nen? Dass die Stadt Teil des Pi­lot­pro­jekts ist, wun­dert ihn der­weil nicht: „Wenn ei­ne Stadt da­bei wä­re, dann Reut­lin­gen.“Die Kom­mu­ne kämpft mit ho­hen Stick­stoff­di­oxid­wer­ten, die Deut­sche Um­welt­hil­fe hat des­halb be­reits ge­klagt, und das Tü­bin­ger

Re­gie­rungs­prä­si­di­um drängt auf

Ent­schei­dun­gen, die die Luft­qua­li­tät ver­bes­sern. Um den Luf­t­rein­hal­te­plan wird im Ge­mein­de­rat ge­strit­ten, für den Aus­bau des

Bus­ver­kehrs ge­be es aber ei­nen

Mas­ter­plan, be­tont Löff­ler. „Und na­tür­lich sind wir an dem Mo­dell­pro­jekt in­ter­es­siert.“

Bei Ex­per­ten herrscht Skep­sis. „Ei­ne Di­enst­leis­tung muss ei­nen Wert ha­ben, sonst wird sie nicht ge­wür­digt“, sagt Ul­ri­ke Weiß­in­ger, Spre­che­rin des Stutt- gar­ter Ver­kehrs­ver­bunds. Es sei sinn­vol­ler, das Geld in die In­fra­struk­tur zu ste­cken. Der Stutt­gar­ter OB Fritz Kuhn (Grü­ne) blies ins sel­be Horn: „Bis­lang klingt das ziem­lich un­aus­ge­go­ren. Man soll­te nicht den drit­ten Schritt vor dem ers­ten ma­chen.“In Stuttgart und Re­gi­on sei­en Bah­nen und Bus­se voll, des­halb müs­se der Bund erst Geld für den Aus­bau ge­ben und dann hel­fen, die Fahr­prei­se zu sen­ken. Die Ein­füh­rung der Blau­en Pla­ket­te wür­de je­doch kurz­fris­tig noch mehr hel­fen. Mit Blick auf „die Un­fä­hig­keit der bis­he­ri­gen Bun­des­re­gie­rung“, die­se ein­zu­füh­ren, „klingt die Idee vom kos­ten­lo­sen Nah­ver­kehr wie Tor­schluss­pa­nik an­ge­sichts der dro­hen­den Kla­ge vor dem Eu­ro­päi­schen Ge­richts­hof “, so Kuhn.

Auch der Lan­des­chef des Ver­kehrs­clubs Deutsch­land, Mat­thi- as Lieb, be­zeich­net den Null-ta­rif als zu „kurz ge­grif­fen“. Das Geld – im Süd­wes­ten ge­he es um rund 1,5 Mil­li­ar­den Eu­ro feh­len­de Fahr­geld­ein­nah­men pro Jahr – kön­ne der Bund bes­ser in Takt­ver­dich­tung, neue Fahr­zeu­ge und Stre­cken in­ves­tie­ren. Ver­kehrs­ex­per­te Bas­ti­an Chlond vom Karls­ru­her In­sti­tut für Ver­kehrs­we­sen warnt so­gar vor ne­ga­ti­ven Fol­gen: „Noch stär­ker über­füll­te Bus­se und Bah­nen zu den Spit­zen­zei­ten wür­den bei den Kun­den zu un­glaub­li­cher Frus­tra­ti­on füh­ren.“Die In­fra­struk­tur sieht Thomas Müg­ge, Chef des Do­nau-il­ler-nah­ver­kehrs­ver­bunds, als Na­del­öhr: „Der Ul­mer Haupt­bahn­hof et­wa wä­re für ei­nen sol­chen An­sturm an neu­en Fahr­gäs­ten gar nicht aus­ge­legt.“

Pal­mer preist Tü­bin­gen an

Um so grö­ßer die Be­geis­te­rung in Tü­bin­gen: OB Bo­ris Pal­mer (Grü­ne) warb ges­tern da­für, sei­ne Kom­mu­ne ins Pro­jekt auf­zu­neh­men: Seit fast zehn Jah­ren ar­bei­te die Stadt an dem The­ma. In ei­nem Brief an Um­welt­mi­nis­te­rin Bar­ba­ra Hend­ricks, Ver­kehrs­mi­nis­ter Chris­ti­an Schmidt und an Kanz­ler­amts­chef Pe­ter Alt­mai­er schreibt Pal­mer: „Wir ha­ben et­was an­zu­bie­ten, das kei­ne an­de­re Stadt in Deutsch­land der­zeit vor­lie­gen hat: ein fer­ti­ges, vom Ge­mein­de­rat in­ten­siv dis­ku­tier­tes Kon­zept für den kos­ten­lo­sen Nah­ver­kehr.“Seit Sams­tag kann be­reits je­der in Tü­bin­gen sams­tags kos­ten­los die Stadt­bus­se nut­zen. Zur Fi­nan­zie­rung plä­diert Pal­mer für ei­ne so­li­da­ri­sche Fi­nan­zie­rung per „Nah­ver­kehrs­ab­ga­be“für al­le Bür­ger.

Fo­to: Bernd Weiß­brod/dpa

Hoch­be­trieb an ei­ner Stutt­gar­ter Hal­te­stel­le: Bei ei­nem kos­ten­lo­sen Nah­ver­kehr könn­te es zu Spit­zen­zei­ten pro­ble­ma­tisch wer­den, war­nen Skep­ti­ker.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.