Glücks­sa­che Ki­ta­platz?

We­gen des Per­so­nal­man­gels sind die War­te­lis­ten in Kin­der­ta­ges­stät­ten lang. Oft wird auf un­durch­sich­ti­gen We­gen ent­schie­den, wer den Zu­schlag be­kommt. El­tern for­dern kla­re Kri­te­ri­en.

Heidenheimer Zeitung - - SÜDWESTUMSCHAU - Von Pia Rei­ser

Der Va­ter aus Hei­del­berg ist nicht sehr op­ti­mis­tisch, dass er bis Mai noch ei­nen Ki­ta-platz für sei­nen knapp ein­jäh­ri­gen Sohn be­kommt. Bei drei Ki­tas steht er seit Som­mer auf der War­te­lis­te. Do­ro­thee Sp­an­na­gel hat­te in der be­son­ders um­kämpf­ten Stadt Stuttgart Glück: Sie hat­te sich bei 50 Ein­rich­tun­gen be­wor­ben, und dann ei­nen Platz für Sohn Jo­nas in der Be­triebs­ki­ta ih­res Man­nes be­kom­men. Ei­ne Mut­ter aus Ulm spricht eben­falls von „un­glaub­li­chem Glück“, dass sie ei­nen Platz ge­fun­den hat. Das Glück scheint ei­ne gro­ße Rol­le zu spielen, wenn es dar­um geht, ei­nen Ki­ta­platz zu er­gat­tern.

Fakt ist: Trotz Rechts­an­spruchs gibt es in man­chen Städ­ten im Land zu we­ni­ge Ki­ta­plät­ze. Al­lein in Stuttgart ste­hen rund 3000 Kin­der un­ter drei Jah­ren auf der War­te­lis­te. Im­mer mehr El­tern wol­len ihr Kind schon mit ei­nem oder zwei Jah­ren in die Ki­ta brin­gen. Doch es feh­len Er­zie­her. In Stuttgart et­wa konn­ten we­gen un­be­setz­ter Stel­len 520 Ki­ta­plät­ze nicht ver­ge­ben wer­den. Die Lan­des­re­gie­rung hat be­reits Maß­nah­men er­grif­fen, um mehr Er­zie­her aus­zu­bil­den. Aber es sind im­mer noch zu we­ni­ge.

Wunsch nach zen­tra­ler Ver­ga­be

Ein­heit­li­che oder recht­li­che Vor­ga­ben, nach wel­chen Kri­te­ri­en die Ki­tas ih­re Plät­ze ver­ge­ben, gibt es im Land nicht. Je­de Kom­mu­ne hand­habt die Re­geln zur Platz­ver­ga­be an­ders. „Es ist ab­so­lut un­durch­sich­tig, wie die Plät­ze ver­ge­ben wer­den“, kri­ti­siert Mar­kus Kür­sch­ner, Vor­sit­zen­der des Lan­des­el­tern­rats Kin­der­ta­ges­stät­ten. Er be­män­gelt, dass die El­tern­bei­rä­te in Kin­der­gär­ten nicht so in­sti­tu­tio­na­li­siert sei­en wie in Schu­len – und so­mit die Rech­te der El­tern und Pflich­ten der Trä­ger nicht klar fest­ge­legt. „So ma­chen die Kin­der­gär­ten, was sie wol­len.“

In Hei­del­berg kann je­der der über 40 Ki­ta­trä­ger ei­ge­ne Kri­te- ri­en fest­le­gen. Der jun­ge Va­ter er­zählt, dass in ei­ner Ki­ta die Zu­sam­men­set­zung der Grup­pen und das Al­ter ent­schei­dend sei, bei ei­ner an­de­ren ge­he es streng nach War­te­lis­te. „Man kann sich dort so­gar auf die Lis­te set­zen las­sen kann, wenn man nur plant, schwan­ger zu wer­den. Das ist schon be­fremd­lich.“Er wünscht sich ei­ne zen­tra­le Ver­ga­be der Ki­ta­plät­ze. Ak­tu­ell ha­be sei­ne Fa­mi­lie kei­ne pla­ne­ri­sche Si­cher­heit, es könn­te ja je­der­zeit ei­ne Ki­ta zu­sa­gen. Ei­ne zen­tra­le Ver­ga­be gibt es laut Stadt nicht, weil das Wunsch- und Wahl­recht der El­tern be­rück­sich­tigt wer­de.

In man­chen Städ­ten wie Ulm oder Sin­del­fin­gen ha­ben die Kom­mu­nen mit al­len Trä­gern ein­heit­li­che und trans­pa­ren­te Kri­te­ri­en ver­ein­bart. Bei den städ­ti­schen Ki­tas in Stuttgart gibt es ein Punk­te­sys­tem. Ent­schei­dend ist hier et­wa, ob die Mut­ter al­lein­er­zie­hend ist oder bei­de El­tern ar­bei­ten. Auch wenn ein Ge­schwis­ter­kind in der Ki­ta ist, lan­det man weiter oben auf der Lis­te. An­ders bei den frei­en Trä­gern: Die ein­zi­ge Vor­ga­be, die das Ju­gend­amt macht: Kin­der aus Stuttgart ha­ben Vor­rang. Hier müs­se man teils rich­ti­ge Be­wer­bun­gen als El­tern schrei­ben, er­zählt Do­ro­thee Sp­an­na­gel, die Mut­ter aus Stuttgart. „Da soll man klar ma­chen, wie en­ga­giert man ist und dass der Va­ter bei der Re­no­vie­rung hel­fen und die Mut­ter bei der PR un­ter­stüt­zen kann“, er­zählt sie. Ih­rer Mei­nung nach ein Un­ding.

Dass viel el­ter­li­ches En­ga­ge­ment ge­for­dert wird, be­rich­tet auch ei­ne Mut­ter aus Ulm. „Man­che Ki­tas er­war­ten, dass man re­gel­mä­ßig an­ruft und sich weiter in­ter­es­siert an dem Platz zeigt“, er­zählt sie. Gün­ther Schef­fold, bei der Stadt zu­stän­dig für Kin­der­be­treu­ung, be­tont, dass der per­sön­li­che Kon­takt zur Ki­ta wich­tig ist. Au­ßer­dem sei­en mehr­ma­li­ge In­ter­es­sen­be­kun­dun­gen hilf­reich: „El­tern mel­den sich in meh­re­ren Ein­rich­tun­gen an, ver­ges­sen aber oft die Rück­mel­dung, wenn sie ei­nen Platz nicht mehr möch­ten.“

Ein­heit­li­che Kri­te­ri­en lan­des­weit sind schwie­rig durch­zu­set­zen, sagt Mat­thi­as Schnei­der, Spre­cher der Ge­werk­schaft GEW. „Aber der Knack­punkt ist doch: Die Trä­ger müs­sen ge­nü­gend Plät­ze an­bie­ten und mehr Leu­te aus­bil­den. Dann ei­ne sol­che Dis­kus­si­on nicht nö­tig.“

Fo­to: Mo­ni­ka Sko­li­mow­s­ka/dpa

Die­ses Kind hat ei­nen Ki­ta­platz. Al­lein in Stuttgart ste­hen Tau­sen­de auf der War­te­lis­te.

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