Ro­man

Klaus Wan­nin­ger: Schwa­ben-fest (Fol­ge 11)

Heidenheimer Zeitung - - HEIDENHEIM -

„Wenn Sie mir ei­nen Augenblick Zeit ge­ben, mich zu kon­zen­trie­ren“, hör­te er den Staats­an­walt mit sanf­ter Stim­me ant­wor­ten.

Sö­der­ho­fer ver­lang­te nach ei­nem Pa­pier­ta­schen­tuch, tupf­te sich den Schweiß von der Stirn. An­schlie­ßend wisch­te er sich übers gan­ze Ge­sicht, den Hals und die Hän­de. Er reich­te das Ta­schen­tuch zu­rück, zurr­te sein Hemd und die Ho­se zu­recht, rich­te­te den Ober­kör­per auf. Der ge­wohnt mie­se­pe­tri­ge Ge­sichts­aus­druck war in­ner­halb ei­nes Se­kun­den­bruch­teils ver­schwun­den. Strah­len­des Lä­cheln ver­zau­ber­te sei­ne Mie­ne.

„So, dann wol­len wir mal un­se­re staats­bür­ger­li­che Pflicht er­fül­len, nicht wahr“, er­klär­te er mit pa­the­ti­scher Stim­me. Er mach­te sich mit den Hän­den in sei­nen Haa­ren zu schaf­fen, reck­te den Kopf in die Hö­he. Braig hat­te kei­ne Lust, das Schau­spiel län­ger zu ver­fol­gen. Der Mann war der ge­bo­re­ne Po­lit­schlei­mer. „Was möch­ten Sie denn ger­ne wis­sen?“, hör­te er sei­ne Stim­me. So­bald er sich der Auf­merk­sam­keit ei­ner Ka­me­ra si­cher wuss­te, blüh­te er auf.

Braig lief an die Ab­sper­rung, er­kun­dig­te sich bei ei­nem der Kol­le­gen nach den Blu­men­züch­tern, die an­geb­lich ei­nen ih­rer Freun­de ver­miss­ten. Der Be­am­te wies auf zwei Män­ner mitt­le­ren Al­ters, die mit be­sorg­ten Mie­nen un­mit­tel­bar hin­ter ihm stan­den. Braig nick­te, wand­te sich den Bei­den zu, bat sie, ihm ein Stück von der Ab­sper­rung weg zu fol­gen.

„Jetzt saget doch end­lich, was da los isch!“, schall­te es hin­ter ihm. Er re­agier­te nicht, lief fünf, sechs Me­ter von der Men­ge weg, war­te­te, bis die bei­den Män­ner bei ihm an­ge­langt wa­ren. „Mein Name ist Braig. Ich bin Kom­mis­sar beim LKA. Dürf­te ich bitte Ih­re Na­men wis­sen?“

„Her­bert Men­zin­ger“, er­klär­te der äl­te­re der bei­den Män­ner. Er trug ein bun­tes Frei­zeit­hemd, hat­te sei­ne Ja­cke um die Hüf­te ge­schlun­gen. Die grau­en Haa­re rag­ten ihm bürs­ten­ar­tig vom Kopf.

Er hat was von un­se­rem Mi­nis­ter­prä­si­den­ten, über­leg­te Braig, schätz­te ihn auf Mit­te Fünf­zig.

„Ich woh­ne in Lud­wigs­burg“, setz­te Men­zin­ger hin­zu.

Braig si­gna­li­sier­te mit kur­zem Kopf­ni­cken, dass er ihn ver­stan­den hat­te, wand­te sich dem schät­zungs­wei­se zehn Jah­re Jün­ge­ren zu.

„Mar­kus Klut­ter aus Vai­hin­gen. Stuttgart-vai­hin­gen“, er­klär­te der Mann. Er war mit ei­nem wei­ßen Po­lo-hemd und ei­ner grü­nen Wes­te be­klei­det, ver­steck­te sei­ne Au­gen hin­ter ei­ner leicht ge­tön­ten Bril­le.

„Sie sind mit­ein­an­der be­freun­det?“, er­kun­dig­te sich der Kom­mis­sar.

Men­zin­ger nick­te. „Ich ha­be ei­nen Gar­ten­bau­be­trieb.

Wir ken­nen uns von der Ro­sen­zucht.“

„Und heu­te Abend be­su­chen Sie das Volks­fest“, kam Braig auf sein zen­tra­les An­lie­gen zu spre­chen. „Ge­mein­sam mit ?“Er ließ den Satz un­voll­endet, weil er den ge­nau­en Sach­ver­halt von ei­nem der bei­den Män­ner per­sön­lich hö­ren woll­te. „Ge­mein­sam mit un­se­rem Freund Micha­el. Micha­el Kreit­sch­mer“, er­gänz­te Men­zin­ger, die fra­gen­de Mie­ne sei­nes Ge­gen­über im Blick. „Er ist eben­falls ?“

„Wir züch­ten Ro­sen, ja. Aber jetzt ist Micha­el spur­los ver­schwun­den.“

„Wo ha­ben Sie ihn zu­letzt ge­se­hen?“, frag­te Braig.

„Vor dem Rie­sen­rad“, er­klär­te sein Ge­sprächs­part­ner. „Er woll­te zur Toi­let­te und weil er nicht schwin­del­frei ist ? Mar­kus und ich be­schlos­sen, ei­ne Run­de in der Luft zu dre­hen, wäh­rend Micha­el ? Na ja, Sie ver­ste­hen?“

„Ja. Und wo woll­ten Sie sich wie­der tref­fen?“

„Vor dem Rie­sen­rad. Das ist ein mar­kan­ter Punkt, da kann man sich trotz des Ge­drän­ges nicht ver­feh­len. Aber Micha­el ist nicht auf­ge­taucht und an sein Han­dy geht er auch nicht.“

„Wann war das?“, hak­te Braig nach. „Vor dem Rie­sen­rad, als sie sich trenn­ten?“

„Ge­gen Acht“, misch­te sich Klut­ter ins Ge­spräch. „Ich hat­te we­ni­ge Mi­nu­ten vor­her ei­nen An­ruf mei­ner Frau er­hal­ten, da­her weiß ich das.“

Vor et­wa zwei St­un­den al­so, über­leg­te Braig, das stimmt mit der Aus­sa­ge des Arz­tes über­ein. „Herr Kreit­sch­mer war al­lein, als er sich von ih­nen trenn­te“, ver­ge­wis­ser­te er sich.

Die Män­ner nick­ten. „Viel­leicht hat er je­mand ge­trof­fen und dann ver­ges­sen, was er mit Ih­nen aus­ge­macht hat­te. Und jetzt sitzt er in ei­nem Zelt und un­ter­hält sich präch­tig.“

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