Po­li­ti­sche Oper

Heidenheimer Zeitung - - THEMEN DES TAGES / POLITIK - Jür­gen Ka­nold zum Staats­thea­ter in Stutt­gart leit­ar­ti­kel@swp.de

Das öf­fent­li­che Bau­en in Deutsch­land ist gro­ße Oper: Dra­ma, Tra­gö­die, Kla­ge­ge­sang. Die Wer­ke wer­den nicht fer­tig, ger­ne platzt in letz­ter Mi­nu­te die Pre­mie­re. Wo­bei Opern­häu­ser selbst ein un­be­lieb­tes The­ma sind in die­sem Mil­lio­nen­spiel.

Stutt­gart hat sehr ge­nau ver­folgt, was in Ber­lin pas­sier­te oder in Köln noch im­mer Un­heil ver­ur­sacht. Und rech­ne­te und war­te­te und rech­ne­te. Aber im März leg­ten Mi­nis­ter­prä­si­dent Win­fried Kret­sch­mann und der Stutt­gar­ter OB Fritz Kuhn fürs Land und die Stadt ein fei­er­li­ches Be­kennt­nis für die Würt­tem­ber­gi­schen Staats­thea­ter ab, end­lich die Sa­nie­rung (und Er­wei­te­rung) des Opern­hau­ses in An­griff neh­men zu wol­len. Doch jetzt muss die Opern­sa­nie­rung, die noch gar nicht be­gon­nen hat, schon po­li­tisch sa­niert wer­den, weil das Aus­weich­quar­tier ab­han­den ge­kom­men ist. Ein De­sas­ter, das kein gu­tes Licht wirft auf staat­li­che und städ­ti­sche Pla­ner. Der Ver­wal­tungs­rat der Staats­thea­ter wird heu­te in sei­ner Sit­zung zu­nächst mal die Scher­ben zu­sam­men­keh­ren müs­sen . . .

Dass ein für 55 Mil­lio­nen Eu­ro als Opern- und Bal­lett­büh­ne er­tüch­tig­tes Pa­ket­post­amt in der Eh­mann­stra­ße hin­ter­her ab­ge­ris­sen wer­den soll, da­mit für ei­nen S-21-de­al Er­satz-grün­flä­chen im Un­te­ren Schloss­gar­ten ent­ste­hen, hat­te nie­mand ernst­haft glau­ben wol­len: Nach­hal­tig­keit sieht an­ders aus. Bei den jetzt plötz­lich ge­schätz­ten Kos­ten von 116 Mil­lio­nen Eu­ro wä­re die Sa­che so­wie­so ab­surd. Ber­lin hat­te re­la­tiv Glück, weil es die Staats­oper ins Schil­ler­thea­ter aus­la­gern konn­te – aber selbst die­ses Aus­weich­quar­tier kos­te­te gut 30 Mil­lio­nen Eu­ro. Al­so zum Spar­preis ist kein In­te­rim zu ha­ben. Und Stutt­gart be­sitzt lei­der kei­ne ähn­lich prak­ti­ka­ble Im­mo­bi­lie.

Ein in­ter­na­tio­nal be­deu­ten­des Staats­thea­ter mit ei­nem 110-Mil­lio­nen-eu­ro-bud­get kann aber nicht ein­fach fünf bis sie­ben Jah­re lang den Opern- und Bal­lett­be­trieb ein­stel­len; und meis­tens dau­ert ei­ne Sa­nie­rung so­wie­so län­ger als kal­ku­liert. Man stel­le sich nur mal vor: Daim­ler stopp­te jah­re­lang sei­ne Pro­duk­ti­on, bis ei­ne neue Hal­le fer­tig ist! Was ist zu tun? Es muss ein Aus­weich­quar­tier ge­baut wer­den, das hin­ter­her sinn­voll

Gibt es noch ein­mal ei­nen Neu­start der Pla­nun­gen? Ein Kon­zert­haus als In­te­rim?

wei­ter ge­nutzt wer­den kann. Aber da­für gibt es zwei Va­ri­an­ten.

Zu­nächst könn­te der Ver­wal­tungs­rat am In­te­rim Pa­ket­post­amt fest­hal­ten – aber mit der Ein­sicht, viel Geld in die Hand neh­men zu müs­sen. Die kul­tur­po­li­ti­sche Auf­ga­be be­stün­de dar­in, ein über­zeu­gend zu­kunfts­fä­hi­ges Nut­zungs­kon­zept sich aus­zu­den­ken. Vor­teil: Die Opern­sa­nie­rung kann ir­gend­wann be­gin­nen.

Die an­de­re Mög­lich­keit wä­re der Neu­start: der gro­ße Wurf, der neue Blick, der die ver­kehrs­be­las­te­te Kul­tur­mei­le mit­ein­be­zieht. Viel­leicht wä­re tat­säch­lich das Kat­ha­ri­nen-stift zu ver­schie­ben, da­mit Platz frei wä­re di­rekt an den Staats­thea­tern, um ein spek­ta­ku­lä­res Kon­zert­haus zu bau­en, das zu­nächst – mit Ein­schrän­kun­gen, mit we­ni­ger Büh­nen­tech­nik – als In­te­rim der Oper dient. Nach­teil: Die Opern­sa­nie­rung be­ginnt ir­gend­wann in wei­ter Zu­kunft. Tem­po aber muss das po­li­ti­sche Stutt­gart jetzt in je­dem Fall ma­chen.

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