Ro­bert Ha­beck for­dert mu­ti­gen Elek­tro­um­stieg

Grü­nen-Po­li­ti­ker kri­ti­siert zö­ger­li­che Ent­schei­dun­gen

Heilbronner Stimme Stadtausgabe - Heilbronner Stimme Ausgabe Kocher-, Jagst-, Brettachtal - - VORDERSEITE - Von un­se­rem Re­dak­teur Hans-Jür­gen Deg­low

Der Grü­nen-Po­li­ti­ker und schles­wig-hol­stei­ni­sche Um­welt­mi­nis­ter Ro­bert Ha­beck hält die Po­li­tik oft für zu mut­los. Be­zug­neh­mend auf den Um­stieg auf die Elek­tro­mo­bi­li­tät sag­te Ha­beck der Heil­bron­ner Stim­me: „Ganz be­stimmt hat sich die Po­li­tik in den ver­gan­ge­nen Jah­ren zu we­nig zu­ge­traut. Das war Stil der gro­ßen Ko­ali­ti­on. Die Ent­schei­dungs­trä­ger hät­ten viel mu­ti­ger sein kön­nen.“Er füg­te hin­zu: „Si­cher, nie­mand kann sa­gen, wie weit die Elek­tro­mo­bi­li­tät 2030 sein wird, wie lan­ge bei­spiels­wei­se Tank­stel­len­war­te­zei­ten sein wer­den. Aber wir müs­sen jetzt die Vor­ga­ben schaf­fen, an de­nen man sich mes­sen las­sen kann. Wir brau­chen ei­ne Po­li­tik für die Zu­kunft und kei­ne Po­li­tik mehr, die schon vor­ab die Ho­sen voll hat.“

Zur De­bat­te in­ner­halb sei­ner Par­tei über den Zeit­punkt, ab wann kei­ne Ver­bren­nungs­mo­to­ren mehr zu­ge­las­sen sein sol­len, er­klär­te Ha­beck: „Wir müs­sen den Men­schen und ge­nau­so der Au­to­in­dus­trie er­klä­ren, wo­hin die Rei­se geht.“Die Grü­nen sag­ten ja nicht, „dass wir 2030 al­le Au­tos mit Ver­bren­nungs­mo­tor ver­bie­ten wer­den, aber neue Au­tos sol­len dann emis­si­ons­frei fah­ren.“Der Mi­nis­ter er­gänz­te: „Die Au­to­in­dus­trie hat hier­zu­lan­de ei­ne un­fass­bar gro­ße Lob­by.“dl

„Wer jetzt in­ves­tiert und den Durch­bruch schafft, wird ein­mal Markt­füh­rer sein.“ „Als der Ka­ta­ly­sa­tor und die Gurt­pflicht ka­men, da gab es auch ei­nen Auf­schrei.“ „Wir brau­chen kei­ne Po­li­tik mehr, die schon vor­ab die Ho­sen voll hat.“

Ro­bert Ha­beck ist Phi­lo­soph, Buch­au­tor und Po­li­ti­ker. Nach der Land­tags­wahl 2012 in Schles­wig-Hol­stein wur­de er Um­welt­mi­nis­ter. Auch in der Ja­mai­kaKo­ali­ti­on aus CDU, Grü­nen und FDP wird er die­ses Amt be­klei­den. Ha­beck ist zu­dem stell­ver­tre­ten­der Mi­nis­ter­prä­si­dent. Der 47-Jäh­ri­ge gilt als ei­ner der Hoff­nungs­trä­ger der Grü­nen.

Herr Ha­beck, als Um­welt­mi­nis­ter wer­den Sie künf­tig auch für die Di­gi­ta­li­sie­rung in Ih­rem Land zu­stän­dig sein. Wie pas­sen die The­men Di­gi­ta­li­sie­rung und E-Mo­bi­li­tät zu­sam­men?

Ro­bert Ha­beck: Wenn wir über Di­gi­ta­li­sie­rung spre­chen, dann re­den wir zwangs­läu­fig über die nächs­te Pha­se der Ener­gie­wen­de. Bis­lang ging es vor al­lem um den Aus­bau er­neu­er­ba­rer Ener­gi­en und die pas­sen­de In­fra­struk­tur. Wind­müh­len auf­stel­len, Strom ma­chen und Net­ze bau­en – das kön­nen wir jetzt. Die Auf­ga­be der nächs­ten fünf bis zehn Jah­re wird aber sein, grü­nen Strom in die In­dus­trie­pro­duk­ti­on, den Ver­kehr und die Wär­me­ver­sor­gung zu in­te­grie­ren. Die Strom­er­zeu­gung aus Wind­kraft und Son­nen­en­er­gie schwankt. Das Pro­blem wird dann klei­ner, wenn der Ver­brauch und die Spei­che­rung der Ener­gie fle­xi­bel und di­gi­tal ge­steu­ert wer­den. Die­se Op­ti­mie­rung wird al­so auch der ent­schei­den­de Schlüs­sel da­für sein, wenn es dar­um geht, un­se­re Fahr­zeug­flot­ten auf er­neu­er­ba­ren Strom um­zu­stel­len. Op­ti­mie­rung be­deu­tet in die­sem Fall?

Ha­beck: Au­to­bat­te­ri­en soll­ten bei­spiels­wei­se auf­ge­la­den wer­den, wenn die Fahr­zeu­ge nachts ste­hen, da­mit die Ener­gie nicht zu teu­ren Spit­zen­ver­brauchs­zei­ten tags­über aus dem Netz ge­zo­gen wird. Da­für braucht es ei­ne klu­ge Tech­nik. Die Di­gi­ta­li­sie­rung geht aber noch wei­ter. Es hat nicht mehr je­der Bür­ger ein ei­ge­nes Au­to. Im­mer mehr stei­gen auf „Car2Go“um. Wer ein sol­ches Au­to fah­ren möch­te, soll­te auf sei­nem Smart­pho­ne ei­ne Über­sicht be­kom­men, wo er schnell ein ent­spre­chen­des Fahr­zeug fin­den kann. Der Öf­fent­li­che Per­so­nen­nah­ver­kehr und die pri­va­te Au­to­nut­zung wer­den im­mer mehr ver­schmel­zen. Zu­dem wer­den wir in Schles­wi­gHol­stein zu­neh­mend auf elek­tri­fi­zier­te Bus­se set­zen. Die In­fra­struk­tur – al­so die Hard­ware – ha­ben wir in Schles­wig-Hol­stein schon sehr weit­ge­hend ge­schaf­fen. Nun geht es um die rich­ti­ge Soft­ware.

Wie ste­hen sie zum au­to­no­men Fah­ren?

Ha­beck: Ich glau­be, dass die­se Tech­nik we­der Fluch noch Se­gen ist. Wir müs­sen kei­ne Angst vor ihr ha­ben, aber sie ist auch kein All­heil­mit­tel. Klar ist: Der tech­ni­sche Fort­schritt ist schon ge­bo­ren und wird sich schnell durch­set­zen. Al­ler­dings: Es stel­len sich vie­le drin­gen­de ethi­sche und so­zi­al­po­li­ti­sche Fra­gen, die die Po­li­tik klug und gestal­te­risch be­ant­wor­ten muss. Denn was ist mit Lie­fer­wa­gen­fah­rern, Fens­ter­put­zern oder Haus­meis­tern, de­nen Ro­bo­ter die Ar­beit ab­neh- men? Ich se­he hier dra­ma­ti­sche Spalt­po­ten­zia­le für un­se­re Ge­sell­schaft. Was das au­to­no­me Fah­ren be­trifft stellt sich auch die Fra­ge: Kön­nen wir wirk­lich der Tech­nik die Ent­schei­dung über­las­sen, wann das Au­to bremst oder nicht? Kann Tech­nik über­haupt ent­schei­den?

Wie sind Sie beim The­ma Di­gi­ta­li­sie­rung in Schles­wig-Hol­stein auf­ge­stellt?

Ha­beck: Al­len im Ge­samt­be­reich un­se­res Mi­nis­te­ri­ums ha­ben wir fast 2000 Per­so­nal­stel­len. Die­se Mit­ar­bei­ter trei­ben jetzt schon die Di­gi­ta­li­sie­rung vor­an – von Trans­pa­renz bei Da­ten bis hin zu Online-An­trä­gen – , aber wir ha­ben noch viel vor uns. Bis­lang war das The­ma noch nicht fest ver­an­kert. Das än­dert sich jetzt. Erst­mals hat Schles­wig-Hol­stein jetzt ein Di­gi­tal­mi­nis­te­ri­um. Wir wer­den uns in der Lan­des­re­gie­rung in­ten­siv da­mit aus­ein­an­der­set­zen, wel­che Pro­jek­te wir in wel­chen Mo­dell­re­gio­nen an­ge­hen wol­len. Es geht dar­um, die Zu­kunfts­tech­no­lo­gi­en vor­an­zu­trei­ben und zu steu­ern.

Wie kann es ei­gent­lich sein, dass so vie­le Au­to­bau­er beim The­ma Elek­tro­mo­bi­li­tät nun erst los­le­gen?

Ha­beck: Die Au­to­in­dus­trie hat hier­zu­lan­de ei­ne un­fass­bar gro­ße und star­ke Lob­by. Die Chi­ne­sen sind beim The­ma Elek­tro­mo­bi­li­tät schon wei­ter, weil sie auf den Smog in ih­ren Städ­ten re­agiert ha­ben. Aber was mach­te Sig­mar Ga­b­ri­el bei sei­nem Be­such in Chi­na? Er bet­tel­te ge­ra­de­zu um Aus­nah­me­ge­neh­mi­gun­gen für die Ver­bren­nungs­mo­to­ren aus Deutsch­land. Das ist ein in- dus­trie­po­li­ti­scher Ver­gan­gen­heits­blick, den wir uns nicht mehr leis­ten kön­nen. Wer jetzt in­ves­tiert und den Durch­bruch schafft, der wird ir­gend­wann ein­mal Markt­füh­rer sein. Da­von bin ich über­zeugt.

Ist es noch grü­ne Po­li­tik, wenn ein grü­ner Mi­nis­ter­prä­si­dent den Ver­bren­nungs­mo­tor ver­tei­digt?

Ha­beck: Winfried Kret­sch­mann hat die kla­re Po­si­ti­on, dass wir beim The­ma Mo­bi­li­tät auf er­neu­er­ba­re Ener­gi­en um­stel­len müs­sen. Fi­xe Da­ten für die Um­stel­lung lehnt er ab. Ich se­he das – wie ja auch die Par­tei­tags­be­schlüs­se – an­ders und sa­ge: Wir müs­sen den Men­schen und ge­nau­so der Au­to­in­dus­trie er­klä­ren, wo­hin die Rei­se geht. Die Po­li­tik ge­stal­tet nun ein­mal Re­geln und Nor­men, und je­der hat das Recht zu wis­sen, was von den Grü­nen zu er­war­ten ist. Wir sa­gen ja nicht, dass wir 2030 al­le Au­tos mit Ver­bren­nungs­mo­tor ver­bie­ten wer­den, aber neue Au­tos sol­len dann emis­si­ons­frei fah­ren. Als der Ka­ta­ly­sa­tor oder die Gurt­pflicht ka­men, da gab es auch ei­nen Auf­schrei. Na­tür­lich tut so et­was vie­len erst ein­mal weh, aber sol­che Schmer­zen muss die Po­li­tik zu­mu­ten dür­fen.

Ist die Po­li­tik aus Ih­rer Sicht manch­mal zu mut­los?

Ha­beck: Ganz be­stimmt hat sich die Po­li­tik in den ver­gan­ge­nen Jah­ren zu we­nig zu­ge­traut. Das war Stil der gro­ßen Ko­ali­ti­on. Am En­de hat man im­mer die Pro­ble­me mo­de­riert, an­statt sie zu lö­sen. Es war zu oft al­les als al­ter­na­tiv­los er­klärt. Die­sen Be­griff has­se ich. Die Ent­sch­ei- dungs­trä­ger hät­ten viel mu­ti­ger sein kön­nen. Si­cher, nie­mand kann sa­gen, wie weit die Elek­tro­mo­bi­li­tät 2030 sein wird, wie lan­ge bei­spiels­wei­se Tank­stel­len­war­te­zei­ten sein wer­den. Aber wir müs­sen jetzt die Vor­ga­ben schaf­fen, an de­nen man sich mes­sen las­sen kann. Wir brau­chen ei­ne Po­li­tik für die Zu­kunft und kei­ne Po­li­tik mehr, die schon vor­ab die Ho­sen voll hat.

Am Frei­tag soll nun über die Ehe für al­le ab­ge­stimmt wer­den. Wie rich­tungs­wei­send ist das für Sie?

Ha­beck: Bei der Ent­schei­dung über die Ehe für al­le stel­le ich mir die Fra­ge: War­um erst jetzt? Die­se Ent­schei­dung hät­te man schon vor zehn Jah­ren so tref­fen kön­nen. Denn es gibt ei­gent­lich nichts kon­ser­va­ti­ve­res, bes­se­res und sta­bi­le­res, als wenn sich zwei Men­schen zu­ein­an­der be­ken­nen und sich ver­bind­lich das Ja-Wort ge­ben. Das ist doch ein schö­ner Wer­te­ge­dan­ke.

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