Mu­tig in die Ver­hand­lun­gen

Heilbronner Stimme Stadtausgabe - Heilbronner Stimme Ausgabe Kocher-, Jagst-, Brettachtal - - MEINUNGEN - Von Re­to Bosch

Ei­ne Re­form der Agrar­för­de­rung könn­te deut­schen Bau­ern hel­fen. Die Kanz­le­rin, der Fach­mi­nis­ter, ein EU-Kom­mis­sar und vie­le Ver­tre­ter der Bun­des­tags­par­tei­en ha­ben dem Bau­ern­ver­band ih­re Auf­war­tung ge­macht. Sie ha­ben so viel Lob aus­ge­bracht, dass das Selbst­be­wusst­sein des Be­rufs­stan­des ge­wal­tig wach­sen müss­te. Es wä­re wün­schens­wert, wenn die Po­li­ti­ker dies ge­tan ha­ben, um den Land­wir­ten auf­rich­ti­ge Wert­schät­zung zu si­gna­li­sie­ren. Auch wenn die ein­zel­nen po­li­ti­schen La­ger un­ter­schied­li­che Vor­stel­lun­gen da­von ha­ben, wie ei­ne zeit­ge­mä­ße Land­wirt­schaft aus­se­hen soll. Al­le ha­ben an­zu­er­ken­nen, dass die Bau­ern un­ter schwie­ri­gen Be­din­gun­gen ar­bei­ten und al­les in al­lem si­che­re und qua­li­ta­tiv hoch­wer­ti­ge Le­bens­mit­tel pro­du­zie­ren. Und das un­ter den stren­gen Au­gen der Öf­fent­lich­keit, die oft we­nig weiß, sich aber da­für um­so schnel­ler ei­ne Mei­nung bil­det.

Wäh­ler Der 24. Sep­tem­ber hat selbst­ver­ständ­lich auch da­zu bei­ge­tra­gen, dass die Po­lit-Pro­mi­nenz ger­ne zum Bau­ern­tag ge­kom­men ist. Der Ver­band ver­tritt die In­ter­es­sen von rund 300 000 Mit­glie­dern, die mehr­heit­lich der CDU/CSU na­he­ste­hen. Da kann man schon ver­su­chen, ent­we­der Wäh­ler­bin­dun­gen zu ver­tie­fen oder neue zu schaf­fen. Viel wich­ti­ger aber ist: Land­wirt­schaft ist ein Ver­brau­cher­the­ma. Die Bür­ger wol­len wis­sen, wie ih­re Nah­rungs­mit­tel pro­du­ziert, wie Nutz­tie­re ge­hal­ten wer­den. Wenn sich die­ses In­for­ma­ti­ons­in­ter­es­se auch noch nicht in der grund­le­gen­den Be­reit­schaft wi­der­spie­gelt, an der La­den­the­ke an­ge­mes­se­ne Prei­se zu be­zah­len. Vor die­sem Hin­ter­grund wol­len die Par­tei­en für ih­re Po­si­tio­nen wer­ben.

Die rei­chen von ei­nem mo­di­fi­zier­ten „Wei­ter so“der Uni­on bis zu ei­nem ra­di­ka­len Wan­del der Grü­nen. Den ei­nen fehlt noch der Mut, die Land­wirt­schaft auf dem Weg in die Zu­kunft stär­ker an­zu­spor­nen, den an­de­ren die Ein­sicht, dass die gut­ge­mein­ten und im Grund sinn­vol­len Zie­le na­tio­nal nicht zu er­rei­chen sind. Wer­den die Stan­dards zu streng, kön­nen die deut­schen Bau­ern nicht mehr aus­kömm­lich pro­du­zie­ren. Aus­län­di­sche, wo­mög­lich un­ter schlech­te­ren Be­din­gun­gen pro­du­zier­te Wa­re wür­de die Lü­cken schlie­ßen. Al­so: Der Ein­satz von Che­mie muss ein­ge­schränkt wer­den, Nutz­tie­re ha­ben in vie­len Fäl­len ei­ne deut­lich bes­se­re Hal­tung ver­dient. Die Lö­sung muss aber min­des­tens ei­ne eu­ro­päi­sche sein.

Zah­lun­gen Stichwort Eu­ro­pa. Die Ge­mein­sa­me eu­ro­päi­sche Agrar­po­li­tik (GAP) ist ein Grund, war­um die Wahl 2017 so wich­tig ist für die deut­schen Land­wir­te. In die kom­men­de Le­gis­la­tur­pe­ri­ode fal­len die Ver­hand­lun­gen über die nächs­te För­der­pe­ri­ode, die 2020 be­ginnt. Der­zeit ge­hen mehr als sechs Mil­li­ar­den Eu­ro pro Jahr nach Deutsch­land. Im Schnitt ma­chen die­se 40 Pro­zent der Ge­samt­ein­nah­men ei­nes Bau­ern­hofs aus. Und die­ses Geld, das an vie­le Vor­ga­ben ge­bun­den ist, ha­ben sich die Land­wir­te red­lich ver­dient: Es ver­gü­tet die Pfle­ge der Kul­tur­land­schaft, hilft, Pro­duk­ti­ons­stan­dards zu er­fül­len, gleicht Wett­be­werbs­nach­tei­le aus. Der in­di­rek­te Nutz­nie­ßer ist im Üb­ri­gen der Ver­brau­cher. Gä­be es die Zah­lun­gen nicht, müss­ten die Prei­se stei­gen.

Mit Zäh­nen und Klau­en ver­tei­digt der Bau­ern­ver­band die Di­rekt­zah­lun­gen und da­mit ein Sys­tem, das die grö­ße­ren Be­trie­be be­vor­teilt. Trotz­dem kann ei­ne re­for­mier­te GAP ei­ne wirk­sa­me Mög­lich­keit sein, die bäu­er­li­che Land­wirt­schaft so­wie Um­welt- und Na­tur­schutz zu stär­ken. Die In­ter­es­sen­ver­tre­ter der Bau­ern brau­chen da­zu Mut, Phan­ta­sie, Über­zeu­gungs­kraft. Zei­gen sie Re­form­wil­len, darf der nicht be­straft wer­den, in­dem die För­der­töp­fe ab 2020 klei­ner wer­den.

Die Lö­sung muss aber min­des­tens ei­ne eu­ro­päi­sche sein.

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