Som­mer­fri­sche in Jagst­hau­sen

Wal­ter Pla­the über die Fas­zi­na­ti­on Frei­heit im „Götz“, Ber­lin und An­ge­la Mer­kel

Heilbronner Stimme Stadtausgabe - Heilbronner Stimme Ausgabe Kocher-, Jagst-, Brettachtal - - VORDERSEITE - Von un­se­rer Re­dak­teu­rin Clau­dia Ih­le­feld

Vom Götz über Schil­ler zu An­ge­la Mer­kel und zu­rück: Wal­ter Pla­the im Ge­spräch.

Der Schwa­be kann auch to­le­rant sein. Und groß­zü­gig. Aber man muss lan­ge bud­deln.“Für die Ber­li­ner Ur­ge­walt Wal­ter Pla­the lie­gen die Par­al­le­len zu Ham­burg da schon nä­her. Von 1989 bis 1998 hat er in der Han­se­stadt ge­lebt. „Det is mir jut be­kom­men“, er­in­nert sich Pla­the. „Ham­burg und Ber­lin, das sind to­le­ran­te und welt­of­fe­ne Städ­te.“Seit An­fang Mai hat der Schau­spie­ler in Jagst­hau­sen ei­ne Woh­nung „mit ei­ner wun­der­ba­ren Kü­che “gleich um die Ecke vom Ro­ten Schloss ge­mie­tet, mit ei­ner „wun­der­ba­ren Wir­tin“. „Seit we­ni­gen Ta­ge bin ich pro­ben­frei.“Nach der Pre­mie­re des „Götz“vor ei­ner Wo­che lässt es Wal­ter Pla­the ru­hig an­ge­hen. Zum zwei­ten Mal nach 2015 gibt er den Raub­rit­ter mit dem aus­ge­präg­ten Ge­rech­tig­keits­sinn „bis hin zur Un­ge­rech­tig­keit“. Und ist zu­dem als Va­ter in dem Mu­si­cal „Catch me if you can“zu se­hen. Dass er bei ei­ner wei­te­ren Pro­duk­ti­on der Burg­fest­spie­le mit­spielt, war sei­ne Be­din­gung. „Ich ver­sit­ze da sonst zu viel Zeit zwi­schen den Vor­stel­lun­gen.“

Of­fe­ner Voll­zug Bis En­de Au­gust nun al­so länd­li­che Idyl­le an der Jagst – und das oh­ne ei­ge­nes Au­to: „Ich füh­le mich wie im of­fe­nen Voll­zug“, ko­ket­tiert der Le­be­mann beim Bier­chen im Ro­ten Schloss am frü­hen Abend ei­nes spiel­frei­en Ta­ges. „Ich kom­me nicht raus.“Wenn er nicht auf der Büh­ne steht, lässt sich Pla­the von der Re­gie­as­sis­ten­tin in sei­ne be­vor­zug­te Metz­ge­rei fah­ren, am Abend steht der pas­sio­nier­te Koch in der Kü­che. Ne­ben­bei stu­diert Pla­the Text für den nächs­ten Dreh der ARD-Se­rie „Fa­mi­lie Dr. Kleist“.

„Schaun Se“, zeigt Wal­ter Pla­the ein hal­bes Dut­zend Fo­tos auf sei­nem Smart­pho­ne und freut sich, dass just die­ser Ta­ge ein über­hol­tes Lot­sen­boot aus Ham­burg an­ge­kom­men ist und am Zeu­the­ner See an der Gren­ze zu Bran­den­burg liegt, wo Pla­the ein Haus hat. Mor­gen fährt er für ei­ne Wo­che nach Ber­lin, „dann wird ge­tu­ckert“. „Bar­nie“heißt sein Boot, wie Bar­nie aus der Se­sam­stra­ße. In Ber­lin lebt Pla­the seit vier Jah­ren wie­der in Mit­te, in der Nä­he des Fried­rich­stadt­pa­lasts.

Von dort kann er zu Fuß ins Deut­sche Thea­ter ge­hen, ins Ber­li­ner En­sem­ble, ins Gor­ki. Zeit sei­nes Schau­spiel­l­e­bens hat er bei­des ge­macht, erns­tes Thea­ter und Un­ter­hal­tung. Als er Mit­te der 80er Jah­re ne­ben Brecht-Aben­den mit Ek­ke­hard Schall ein „Kes­sel Bun­tes“mo­de­riert, die wohl be­lieb­tes­te Un­ter­hal­tungs­sen­dung der DDR, rümp­fen ei­ni­ge Kol­le­gen die Na­se. „Al­les, was wir ma­chen auf der Büh­ne, dient letzt­lich der Un­ter­hal­tung“, er­wi­dert Pla­the frei nach Brecht.

Run­ter vom ho­hen Ross und sich nicht er­he­ben über an­de­re, lau­tet Pla­thes Le­bens­de­vi­se. „Ich ha­be nichts aus­ge­las­sen“, pro­kla­miert der Ti­tel sei­ner Au­to­bio­gra­fie, die er En­de März auf der Leip­zi­ger Buch­mes­se prä­sen­tiert hat und mit der er ab Herbst wie­der auf Le­se­rei­se geht.

Seit den 70er Jah­ren schlüpft Wal­ter Pla­the in die ver­schie­dens­ten Rol­len, kurz vor der Wen­de sie­delt er in die Bun­des­re­pu­blik über, dem brei­ten Pu­bli­kum ist er aus der ZDFSe­rie „Der Lan­d­arzt“be­kannt, von 1992 bis 2008 gibt er den Dok­tor Ul­rich Te­schner. War­um er auf­ge­hört hat? „Weil den Dreh­buch­schrei­bern nichts mehr ein­fiel. Au­ßer dem Lan­d­arzt ei­ne neue Frau zu ge­ben.“Bei sechs Frau­en in 17 Jah­ren und 4,5 Mil­lio­nen Zu­schau­ern steigt Pla­the aus. Als die Se­rie 2013 ein­ge­stellt wird, sind es 2,2 Mil­lio­nen.

Hu­ma­nis­mus Kaum ein The­ma dürf­te es ge­ben, wo­zu der Schau­spie­ler nichts zu sa­gen hät­te, der mit glän­zen­den Au­gen Fried­rich Schil­lers „Pro­me­theus“zi­tiert und den der Frei­heits­ge­dan­ke und das Hu­ma­nis­mus­ver­ständ­nis des jun­gen Goe­the im „Götz von Ber­li­chin­gen“fas­zi­niert. Mer­kels Coup, die Ehe für al­le zur Ab­stim­mung im Bun­des­tag frei zu ge­ben? „Ich stau­ne über An­ge­la Mer­kel. Die macht das, um an der Macht zu blei­ben. Da­ge­gen ha­be ich nichts zu sa­gen. Aber sie soll es sa­gen.“„Das Volk“, hat Pla­the den Ein­druck, „mag die Ol­le, die bei mir um die Ecke wohnt, beim Bo­deMu­se­um.“Der Kanz­le­rin zollt er Re­spekt, „die mit dem rei­ten­den Ma­cho Pu­tin“um­ge­hen kann, nicht aber mit dem „hoch­nä­si­gen Ame­ri­ka­ner“. Hoch­nä­si­ger Ame­ri­ka­ner? Ist das nicht zu mil­de für Do­nald Trump? „Blei­ben wir da­bei“, winkt Pla­the ab und fasst sich an den Hut.

Als Stu­dent hat er Marx’ „Ka­pi­tal“und die Bi­bel ge­le­sen. Aus In­ter­es­se. „Der Kelch des So­zia­lis­mus ist nicht aus­ge­trun­ken“, sagt der Götz des Jah­res 2017. Was er vom ko­mö­di­an­ti­schen Zu­griff von Re­gis­seur Pe­ter Deh­ler auf das Stur­mund-Drang-Dra­ma hält? „Ich wä­re noch kon­se­quen­ter ge­we­sen.“

Schau­spie­ler aus Über­zeu­gung, pas­sio­nier­ter Koch, Frei­geist: Wal­ter Pla­the. Fo­to: Clau­dia Ih­le­feld

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