Co­me­di­an In­go Ap­pelt über Ka­ba­rett, Po­pu­lis­mus und die Gür­tel­li­nie: Ein Ge­spräch.

INTERVIEWIn­go Ap­pelt über Ka­ba­rett, Po­pu­lis­mus, Dro­gen und die Gür­tel­li­nie

Heilbronner Stimme Stadtausgabe - Heilbronner Stimme Ausgabe Kocher-, Jagst-, Brettachtal - - VORDERSEITE - Von Leo­no­re Wel­zin

In­go Ap­pelt, En­fant ter­ri­b­le der Ka­ba­rett-Sze­ne, kommt an­läss­lich des Ju­bi­lä­ums 1250 Jah­re Neckar­gartach mit sei­ner „Come­dy­night“am Frei­tag, 7. Ju­li, in die Neckar­hal­le. Der Ko­mi­ker, der be­kannt ist für den ta­bu­lo­sen Griff un­ter die Gür­tel­li­nie, hat sich am Te­le­fon un­se­ren Fra­gen ge­stellt.

Sie ha­ben vor kur­zem ih­ren 50. Ge­burts­tag ge­fei­ert. Wenn die Fünf vor die Null rückt, ist das ein ko­mi­sches oder eher ein an­ge­neh­mes Ge­fühl? In­go Ap­pelt: Die 50 ist kei­ne er­schre­cken­de Zahl, eher cool. Die Leu­te, die jetzt 50 sind, sind ‘ne coo­le Ge­ne­ra­ti­on. Wir sind die­je­ni­gen, die das In­ter­net er­fun­den ha­ben, mit Tech­no und Tral­la­la.

Man nennt Sie gern den Ta­bu­bre­cher. Ist das ihr Al­lein­stel­lungs­merk­mal? Ap­pelt: Come­dy ist ei­gent­lich im­mer Ta­bu­bruch. Grund­sätz­lich. Das muss auch so sein. Ich kann’s bei an­de­ren nicht nach­voll­zie­hen, weil ich de­ren Pro­gram­me nicht ken­ne. Da­durch, dass ich so laut bin und durch die mas­ku­li­ne Ener­gie, die ich ha­be, galt ich in den An­fän­gen viel­leicht als En­fant ter­ri­b­le, mitt­ler­wei­le ist das aber nicht mehr so. Aber na­tür­lich re­de ich über Din­ge, die an­de­re nur sel­ten an­spre­chen. Das ha­be ich auch in Mün­chen wie­der ge­merkt: Da hat­te ich auch Leu­te im Pu­bli­kum, die mich gar nicht rich­tig kann­ten. Die wa­ren am An­fang schon et­was kon­ster­niert (lacht). Ich ge­he mit Sex und Kör­per­lich­keit ganz of­fen um. Auch bei The­men wie De­pres­sio­nen und Schwu­len­feind­lich­kei­ten bei Män­nern merkst du, wie es im Saal knackt. Wenn du sagst: Beim Fuß­ball sind al­le schwul, dann kriegst du ei­gent­lich meis­tens La­cher. Aber in Bay­ern ha­ben sie ge­schluckt: Meint der das jetzt ernst oder will der uns ver­gack­ei­ern? Die­ses Spiel mit dem Pu­bli­kum mag ich. Am liebs­ten mein ich’s na­tür­lich ernst auf ‘ne lus­ti­ge Art und Wei­se.

Als in­ves­ti­ga­ti­ver Part­ner wa­ren Sie in der Steu­er-Ver­schwen­dungs-Show „Ma­rio Barth deckt auf“. Des­halb die Fra­ge: Po­li­tisch auf­klä­ren oder Eier zei­gen? Ap­pelt: Eier zei­gen klingt so nach Ex­hi­bi­tio­nis­mus. Was ich am al­ler­liebs­ten ma­che, ist na­tür­lich auf der Büh­ne ste­hen. Das ist we­der das ei­ne noch das an­de­re. Die In­ter­ak­ti­on mit dem Pu­bli­kum, ich brauch’ das. Ich hat­te drei Wo­chen Pau­se, war ein Wo­che­n­en­de in Mün­chen, hat­te Hus­ten, Schnup­fen, war al­so lei­dend. Soll ich lie­ber zu­hau­se blei­ben und mich aus­ku­rie­ren? Ich dach­te nein! Ich bin dann auf die Büh­ne ge­gan­gen und ha­be drei St­un­den durch­ge­spielt. Al­so län­ger als nor­mal. Je län­ger, des­to woh­ler ha­be ich mich ge­fühlt. Ich bin al­so mehr oder we­ni­ger krank auf die Büh­ne ge­hum­pelt und re­la­tiv ge­sund wie­der run­ter­ge­hum­pelt. Die Büh­ne gibt mir was, das baut mich auf, das ist mein Eli­xier.

Den Po­li­ti­kern wird Po­pu­lis­mus vor­ge­wor­fen. Ist nicht die gan­ze En­ter­tain­ment-Bran­che pu­rer Po­pu­lis­mus? Ap­pelt: Des­halb bin ich ja Ko­mi­ker ge­wor­den und nicht Po­li­ti­ker. Po­pu­lis­mus heißt ja erst­mal Ge­fäl­lig­keit. Es geht dar­um, dass du dei­nem Pu­bli­kum ge­fällst, um je­den Preis. Es geht nicht dar­um, ei­ne be­stimm­te po­li­ti­sche oder hu­ma­nis­ti­sche Ziel­rich­tung fest­zu­le­gen, son­dern in ers­ter Li­nie ha­ben die Leu­te be­zahlt, da­mit sie gut gelaunt nach Hau­se ge­hen. Das ist na­tür­lich Po­pu­lis­mus pur, aber die Fra­ge ist ja: Was steckt da­hin­ter? Wie er­klä­ren Sie, dass Come­dy und Ka­ba­rett im­mer mehr aus dem Bo­den sprie­ßen? Ap­pelt: Ich se­he das eher rück­läu­fig. Grund­sätz­lich glau­be ich, dass Hand­ge­mach­tes, weg von die­sem com­pu­ter­ge­ne­rier­ten Kram, ein Be­dürf­nis ist: Poe­try-Slam, Sin­ger/ Song­wri­ting und hand­ge­mach­tes Ka­ba­rett. Die Men­schen ha­ben ja ein biss­chen das Ge­fühl, dass sie durch Tech­nik er­setz­bar wä­ren. Zum Bei­spiel durch So­ci­al­bots: Du weißt gar nicht mehr, ob es die Leu­te, mit de­nen du über Face­book re­dest, gibt oder nicht. Es kann dir pas­sie­ren, dass du dich mit ‘nem Ro­bo­ter un­ter­hältst. Ma­ni­pu­la­ti­ons­mög­lich­kei­ten durch die Tech­nik ver­un­si­chern. Auf der ei­nen Sei­te ha­ben wir die­ses total Tech­ni­sier­te über Han­dy und In­ter­net, auf der an­de­ren Sei­te, und das spü­re ich auch auf der Büh­ne, ist da ein Mensch und kei­ne Ma­schi­ne! Die Men­schen, die am Abend kom­men, sind echt da. Und ich bin auch echt da! Des­we­gen ge­nie­ße ich die In­ter­ak­ti­on.

Bei Ih­rem letz­ten Auf­tritt in der Re­gi­on wa­ren 600 Fans da. Die ha­ben be­geis­tert ge­klatscht. Hin­ter­her be­schwer­ten sie sich aber, weil es kein kli­nisch rei­nes Po­lit­ka­ba­rett war, son­dern un­ter die Gür­tel­li­nie ging. Ap­pelt: Wir wer­den im­mer in­to­le­ran­ter. Das Ka­ba­rett wird im­mer li­be­ra­ler, ist mir manch­mal zu be­lie­big. Der Grund mei­nes Schaf­fens ist es, die Be­lie­big­keit zu durch­bre­chen. Un­ter­schwel­lig sind wir Men­schen oft noch ver­sau­ter, frau­en­feind­li­cher, aus­län­der­feind­li­cher, schwu­len­feind­li­cher als es die of­fi­zi­el­le zi­vi­li­sa­to­ri­sche Mas­ke er­laubt.

Sie kom­men am 7. Ju­li wie­der ins Länd­le. Mit wel­cher Dro­ge brin­gen Sie sich vor dem Auf­tritt in Form? Ap­pelt: Ge­sang. Meis­tens sin­ge ich vor dem Auf­tritt. Grund­sätz­lich kei­ne Dro­gen.

Mu­sik ist ja auch ’ne Dro­ge… Ap­pelt: Das ist tat­säch­lich so. Die­ses Ad­re­na­lin, ich lauf’ vorm Auf­tritt ner­vös im Kreis und geh’ dann voll Ad­re­na­lin und Tes­to­ste­ron auf die Büh­ne und steh’ da wie ein Lö­we und spie­le mein Pro­gramm. Ich brau­che das, da­nach bin ich süch­tig.

Letz­te Fra­ge: Von In­go Ap­pelt ler­nen heißt…? Ap­pelt: Lo­cker sein.

Singt vor dem Auf­tritt: Co­me­di­an In­go Ap­pelt. Fo­to: Fe­lix Ra­chor

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