Tan­zen in un­si­che­ren Zei­ten

„Was bleibt? Was zählt?“fragt das Fes­ti­val „Tanz! Heil­bronn“vom 17. bis 21. Mai

Heilbronner Stimme Stadtausgabe - Heilbronner Stimme Ausgabe Neckar-Zaber-Rundschau - - VORDERSEITE - Von un­se­rer Re­dak­teu­rin Clau­dia Ih­le­feld

Jetzt wird es exis­ten­zi­ell. „Was bleibt? Was zählt?“, fragt das Fes­ti­val „Tanz! Heil­bronn“im Mai. Sel­ten gab es so viel Ve­r­un­si­che­rung welt­weit. Nun kann das fünf­tä­gi­ge Fes­ti­val am Stadt­thea­ter nicht die Welt­ge­schich­te ver­han­deln. Aber nach­den­ken dar­über mit den Mit­teln des Tan­zes und der Per­for­mance, was Be­stand hat, was es zu ver­tei­di­gen lohnt – und wie wir künf­tig le­ben wol­len.

Tän­zer aus Ka­na­da, dem Na­hen Os­ten, Chi­na und Eu­ro­pa wer­den vom 17. bis zum 21. Mai am Heil­bron­ner Thea­ter er­war­tet, dar­un­ter die Com­pa­gnie Ma­rie Choui­nard aus Ka­na­da mit „Hier­ony­mus Bosch: The Gar­den of Earth­ly De­lights“, ei­ner vi­su­ell spek­ta­ku­lä­ren Ko­pro­duk­ti­on mit der Jhe­roni­mus Bosch 500 Foun­da­ti­on aus den Nie­der­lan­den zur Er­in­ne­rung an den 500. To­des­tag des Ma­lers 2016. Und es gibt ein Pro­jekt mit dem tür­ki­schen Break­dan­ce­welt­meis­ter Amigo und tür­ki­schund ara­bisch­stäm­mi­gen jun­gen Män­nern aus Heil­bronn und der Re­gi­on. Der Ar­beits­ti­tel „Ar­ti­kel 1“be­zieht sich auf das deut­sche Grund­ge­setz und sei­ne Prä­mis­se „Die Wür­de des Men­schen ist un­an­tast­bar“. Doch was be­deu­tet Wür­de in an­de­ren Kul­tur­krei­sen, gilt sie auch für Frau­en? Wo lie­gen die Un­ter­schie­de zu Be­grif­fen wie Eh­re und Re­spekt?

Work­shops Zum neun­ten Mal ku­ra­tier t Ka­rin Kirch­hoff, Netz­wer­ke­rin und Pro­duk­ti­ons­lei­te­rin in Sa­chen Tanz aus Berlin, das Fes­ti­val. Ih­re Aus­wahl an Tän­zern und Pro­gram­men zum The­ma „Was bleibt? Was zählt?“führt ein­mal um die Welt und quer durch den zeit­ge­nös­si­schen Zeit mit Schwer­punkt „in­ter­na­tio­na­le Newcomer“. Zwei deut­sche Erst­auf­füh­run­gen sind da­bei, Ein­füh­run­gen und Pu­bli­kums­ge­sprä­che so­wie Work­shops für in­ter­es­sier­te Lai­en mit Pro­fi­tän­zern.

Der Etat liegt wie in den Vor­jah­ren bei rund 100000 Eu­ro, das Au­to­zen­trum Ha­ge­lau­er über­nimmt den Trans­fer der Tän­zer von den Flug­hä­fen Stutt­gart und Frankfurt nach Heil­bronn, das Goe­the In­sti­tut un­ter­stützt die Flü­ge aus Te­he­ran und Bei­rut, zwei För­der­an­trä­ge sind noch of­fen.

Mit 30 plus ist in der Re­gel Schluss mit der Tän­zer­kar­rie­re. Dance On nennt sich die Initia­ti­ve, die Tän­zer­per­sön­lich­kei­ten ver­eint, zwi­schen 40 und 50 Jah­re alt, die einst bei Wil­li­am For­sy­the tanz­ten, bei Lu­cin­da Childs, an der Deut­schen Staats­oper Berlin oder an­ders­wo. Un­ter­schied­li­che Cho­reo­gra­phen ar­bei­ten für und mit Dance On. Zum Fes­ti­va­l­auf­takt am 17. Mai kommt das Stück „Wa­ter bet­ween three hands“ins Gro­ße Haus: ei­ne Tanz- und Text­col­la­ge voll Me­lan­cho­lie und Witz, die der Li­ba­ne­se Ra­bih Mroué als Er­in­ne­rungs­per­for­mance cho­reo­gra­phiert, li­ve be­glei­tet vom Per­kus­sio­nis­ten Phil­ipp Dan­zei­sen.

Cy­ber­mob­bing Der aus der Tür­kei stam­men­de Break­dance-Welt­meis­ter und Ber­li­ner Cho­reo­graph Amigo Ka­dir Me­mis ent­wi­ckelt in den kom­men­den Wo­chen in Heil­bronn das Tanz­thea­ter­pro­jekt, das um den Grund­ge­setz­ar­ti­kel 1 kreist: Am 18. Mai wird es dann im Ko­mö­di­en­haus auf­ge­führt.

Am sel­ben Abend gibt es mit „ToTen­tanz“von der ja­pa­ni­schen Cho­reo­gra­phin Yui Ka­wa­gu­chi ein So­lo für die schwe­di­sche Tän­ze­rin An­na Halm­ström zum The­ma Cy­ber­mob­bing zu se­hen. „La Dan­se Mac­ab­re“, der Toten­tanz von Ca­mil­le Saint-Saëns, der sich auf die Pest im 14. Jahr­hun­dert be­ruft, ist die mu­si­ka­li­sche Grund­la­ge für die Meis­te­rin der rhyth­mi­schen Sport­gym­nas­tik und Fi­na­lis­tin der Fern­seh-Show „Got to dance“.

In der Bo­xx prä­sen­tiert am 19. Mai der Tu­ne­si­er Ham­di Dri­di das So­lo „Tu Meur(s) De Ter­re“. Dri­di lebt in Frank­reich und ver­dich­tet da­rin die Trau­er um sei­nen ver­stor­be­nen Va­ter. Ei­ne kraft­vol­le Be­we­gungs­spra­che um das Wort­spiel „tu meur(s)“– du stirbst und Tumor. Es folgt eben­falls in der Bo­xx das Du­ett „Zaa­fa­ran“, das der li­ba­ne­si­sche Cho­reo­graph Omar Ra­jeh mit der ira­ni­schen Künst­ler­grup­pe MaHa ge­schaf­fen hat. Das Stück, die tän­ze­ri­sche Be­geg­nung zwi­schen Mann und Frau zu ei­nem Trom­mel­so­lo, aber oh­ne jeg­li­che Be­rüh­rung, hat üb­ri­gens im Iran, wo ein strik­tes Tanz­ver­bot herrscht, die staat­li­che Zen­sur nicht pas­siert.

Als Gu­te-Lau­ne-So­lo am 19. Mai im Ko­mö­di­en­haus an­ge­kün­digt: das Stück „Ur­ban Soul Ca­fé“, das der Ber­li­ner Chris­toph Wink­ler dem Tän­zer Alo­alii Ta­pu aus Neu­see­land – so ab­ge­dro­schen es klingt – auf den Leib cho­reo­gra­phiert hat. Die blitz­ge­schei­te und au­gen­zwin­kern­de, ra­san­te Hom­mage an Pi­na Bausch zeigt den mit dem Faust-Preis als bes­ter Tän­zer 2016 aus­ge­zeich­ne­ten Ta­pu als char­ming boy und Be­we­gungs­wun­der.

Al­tar­ge­mäl­de Vor vier Jah­ren gas­tier­te die Com­pa­gnie Ma­rie Choui­nard aus Mon­tre­al mit dem ver­stö­rend-ero­ti­schen Stück „Bo­dy_Re­mix/Gold­ber­g_Va­ria­ti­ons“in Heil­bronn. Im Gro­ßen Haus stellt die Meis­te­rin des kon­zep­tu­el­len und vi­su­ell über­wäl­ti­gen­den Tan­zes am 20. Mai ihr kör­per­be­ton­tes Bil­der­thea­ter für zehn Tän­ze­rin­nen und Tän­zer vor. Von Boschs Ge­mäl­de „Der Gar­ten der Lüs­te“in­spi­riert, ei­nem Al­tar-Tri­pty­chon aus dem 16. Jahr­hun­dert, wer­den der Gar­ten der Lüs­te, Höl­le und Pa­ra­dies le­ben­dig: in fast nai­ver Un­schuld und fan­tas­ti­schem Tu­mult.

Zwei sehr in­di­vi­du­el­le Pro­duk­tio­nen sind am 21. Mai zum Fes­ti­val­ab­schluss zu ent­de­cken. Yang Zhen cho­reo­gra­phiert Tanz­thea­ter über das post­re­vo­lu­tio­nä­re Chi­na. In „Mi­no­ri­ties“lo­ten vier Tän­ze­rin­nen und ei­ne Sän­ge­rin das Ver­hält­nis von Na­tio­na­li­tät und Min­der­hei­ten aus. Und der Nie­der­län­der Joeri Dub­be hat nach sei­nem Er folg im letz­ten Jahr in Heil­bronn sich die Bo­xx für die Deut­sche Erst­auf­füh­rung sei­nes Stü­ckes „Ki­ra­ly“aus­ge­sucht: Um den ver­meint­li­chen Ge­gen­satz von Na­tur und Tech­no­lo­gie geht es da­bei.

Kar­ten­vor­ver­kauf und In­for­ma­tio­nen Ein­zel­kar­ten und Fes­ti­val­card an der Thea­ter­kas­se und un­ter Te­le­fon 07131 563001 oder 563050. Pro­gramm un­ter www.thea­ter-heil­bronn.de

Fo­to: Syl­vie-Ann Pa­ré

Ein Al­tar­bild aus dem 16. Jahr­hun­dert hat die ka­na­di­sche Cho­reo­gra­phin Ma­rie Choui­nard zu ih­rem jüngs­ten Stück „Hier­ony­mus Bosch: The Gar­den of Earth­ly De­lights“in­spi­riert: ein fan­tas­ti­scher Bil­der­tanz im Gar­ten der Lüs­te.

Fo­to: Do­ro­thea Tuch

Er­in­ne­run­gen und Ge­schich­ten, re­al und er­dacht, alb­traum­haft, skur­ril und wit­zig: Die Tän­zer von Mo­ve On sind al­le­samt ehe­ma­li­ge Mit­glie­der gro­ßer Com­pa­gni­en.

Fo­to: Lud­wig

Gu­te-Lau­ne-Stück mit Alo­alii Ta­pu aus Neu­see­land, dem Faust-Preis­trä­ger 2016.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.