Bach-Abend beim WKO

Va­ter Frank Pe­ter und Sohn Ser­ge Zim­mer­mann (Fo­to) über­zeug­ten in der Har­mo­nie Heil­bronn.Kul­tur

Heilbronner Stimme Stadtausgabe - Heilbronner Stimme Ausgabe Neckar-Zaber-Rundschau - - VORDERSEITE - Von Ul­rich En­zel

Ei­nen gan­zen Abend lang nur Wer­ke von Jo­hann Se­bas­ti­an Bach! Aus­schließ­lich Kon­zer­te für So­lo­vio­li­ne(n) und Strei­cher! Das muss, kann nur in pu­rer Lan­ge­wei­le en­den. Doch die Heil­bron­ner wis­sen es bes­ser, bis fast auf den letz­ten Platz ist die Har­mo­nie be­setzt, in der fes­ten Er­war­tung, dass Frank Pe­ter Zim­mer­mann mit sei­nem eben­so hoch­in­tel­li­gen­ten wie un­eit­len In­ter­pre­tie­ren auch aus fünf Vio­lin­kon­zer­ten Bachs ein äu­ßerst ab­wechs­lungs­rei­ches Mu­sik­erleb­nis zau­bern wird. Das Wun­der wird wahr – nur be­glück­te Ge­sich­ter nach ei­nem kaum en­den wol­len­den Schluss­ap­plaus.

Ad­op­ti­on „Fa­mi­li­en­ban­de“hat das Würt­tem­ber­gi­sche Kam­mer­or­ches­ter (WKO) als Ti­tel ge­wählt für sein 6. Heil­bron­ner Kon­zert. In der Tat: Frank Pe­ter Zim­mer­mann hat sei­nen Sohn Ser­ge mit­ge­bracht für die bei­den Bach­schen Dop­pel­kon­zer­te. Doch be­reits bei den ers­ten Tö­nen prä­sen­tiert sich un­über­hör­bar ei­ne Fa­mi­li­en­er­wei­te­rung: Das WKO mu­si­ziert im sel­ben Duk­tus wie die So­lis­ten, ja scheint ge­mein­sam mit die­sen zu at­men. Solch stim­mi­ges Mit­ein­an­der muss das Pu­bli­kum er­grei­fen. Ad­op­ti­on: die Be­rei­che­rung des Fa­mi­li­en­an­schlus­ses für al­le.

Schwung­voll, mar­kant und scharf kon­tras­tie­rend er­klingt vom ers­ten Ton an das d-moll-Kon­zert, in je­der Phra­se le­ben­dig auf­blü­hend und ver­ge­hend. Klar­heit, als ob die Par­ti­tur mit ei­nem über­hel­len Schein­wer­fer aus­ge­leuch­tet wür­de. Trans­pa­renz auch in al­len lang­sa­men Sät­zen. Sch­lich­te und schlüs­si­ge Prä­gnanz lässt in kei­ner Se­kun­de Ba­ro­ck­in­stru­men­te ver­mis­sen. Ech­te, un­ge­küns­tel­te und na­tür­li­che Schön­heit – wie Berg­blu­men­wie­sen im strah­len­den Som­mer­licht, als ob Gio­van­ni Se­gan­ti­ni akus­tisch ma­len wür­de.

Hoch­span­nen­des Er­zäh­len im gleich­ran­gi­gen Dia­log von So­list und Orches­ter auch im a-moll-Kon­zert. In dich­tem Fluss folgt über­ra­schend, oft ge­ra­de­zu wit­zig, Po­in­te auf Po­in­te. Ganz auf die Stär­ke der Kom­po­si­tio­nen ver­trau­end, ent­de­cken sie im­mer neue Schät­ze.

Tech­ni­sche Schwie­rig­kei­ten? Kräf­te­zeh­ren bei fünf Kon­zer­ten in Fol­ge? In be­schwing­ter Leich­tig­keit ver­birgt Frank Pe­ter Zim­mer­mann sei­ne im­men­se Vir­tuo­si­tät, schafft es schein­bar mü­he­los, je­des De­tail kost­bar zu wür­di­gen. Und die Mu­si­ker des WKO fol­gen gleich­sam hei­ter Arm in Arm ge­hend, lo­cker und ge­las­sen, als wä­re sol­ches Kon­zer­tGe­lin­gen nicht das Er­geb­nis in­ten­sivs­ter Pro­ben­ar­beit.

Die größ­te Über­ra­schung des Abends ist das Kon­zert für Oboe und Vio­li­ne d-moll. Die­ses Mu­sik­stück, das in der Ori­gi­nal­be­set­zung viel Span­nen­des aus dem Kon­trast der bei­den So­lo­in­stru­men­te zieht, wird zu ei­ner ge­mein­sa­men, fast über­har­mo­ni­schen Wan­de­rung.

Ver­gnü­gen Si­cher, Sohn Ser­ge ent­lockt – in der Vir­tuo­si­tät dem Va­ter nicht nach­ste­hend – sei­ner Vio­li­ne et­was her­be­ren, sprö­de­ren Klang, doch am in­nigs­ten im zwei­ten, kaum we­ni­ger in den Rand­sät­zen schwel­gen die bei­den in Ver­bun­den­heit. Nach der Pau­se setzt sich das Ver­gnü­gen in E-Dur fort. Mit sprü­hen­der In­tel­li­genz las­sen sie hier ein Cre­scen­do auf­blü­hen, set­zen dort ei­nen un­ver­mit­tel­ten Ak­zent, ver­har­ren plötz­lich in ei­ner Fer­ma­te. Und nichts wirkt auf­ge­setzt, al­les phy­sio­lo­gisch. „War­um denn ir­gend et­was ma­chen mit die­ser Mu­sik, ver­wirk­li­che doch ein­fach nur Bach selbst“als Mot­to.

En­de des Idylls? „Ach wie flüch­tig, ach wie nich­tig…“ei­len die Eck­sät­ze des Dop­pel­kon­zerts in d-moll in ra­sen­den Tem­pi. Doch es sind wun­der­schö­ne Land­schaf­ten, durch die die­ser Fluss jagt. Schau hier nach rechts, schau dort nach links, schei­nen ab­wech­selnd die So­lis­ten zu ru­fen. Um­so inn­ni­ger das Me­lo­di­en­geflecht des zwei­ten Sat­zes. Sym­bol ge­lin­gen­der Zwei­sam­keit. Ser­ge Zim­mer­mann ist 1991 in Köln als Sohn von Frank Pe­ter Zim­mer­mann und sei­ner ja­pa­ni­schen Ehe­frau Young-Joo ge­bo­ren, die Gei­ge­rin ist und 1996 sei­ne ers­te Vio­lin-Leh­re­rin wur­de. Sein De­büt 2000 mit ei­nem Vio­lin­kon­zert von Mo­zart mar­kiert den Be­ginn ei­ner stei­len Kar­rie­re, die ihn als So­list wie Kam­mer­mu­si­ker auf be­deu­ten­de Kon­zert­po­di­en und zur Zu­sam­men­ar­beit mit füh­ren­den Orches­tern ka­ta­pul­tiert hat. 2017 ist er auf Tour mit dem WKO, dem Tal­linn Cham­ber Orches­tra beim MDR Mu­sik­som­mer, beim Hi­ro­shi­ma Sym­pho­ny Orches­tra mit dem Vio­lin­kon­zert von Al­ban Berg.

Fo­to: Mat­thi­as Hei­bel

Mu­si­ka­li­sche Zwei­sam­keit von Va­ter und Sohn: Frank Pe­ter (rechts) und Ser­ge Zim­mer­mann.

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