Die neue Wel­tu­n­ord­nung

Si­cher­heits­kon­fe­renz im Zei­chen von Kri­sen und der gro­ßen Un­be­kann­ten Do­nald Trump

Heilbronner Stimme Stadtausgabe - Heilbronner Stimme Ausgabe Neckar-Zaber-Rundschau - - HINTERGRUND - Von un­se­rem Re­dak­teur Jens Die­rolf

Wwer­deolf­gang Ischin­ger spart nicht mit Mah­nun­gen. 2017 für Eu­ro­pa das wich­tigs­te Jahr seit dem Mau­er­fall wer­den, wo­mög­lich seit En­de des Zwei­ten Welt­krie­ges. Der Lei­ter der 53. Münch­ner Si­cher­heits­kon­fe­renz, die heu­te be­ginnt, sieht die Welt vor ei­ner Zei­ten­wen­de. „Post-Truth, „Post-West, Post-Or­der“ist der Ti­tel des Tref­fens. War­nend zeich­net die Kon­fe­renz das Bild ei­ner Welt, in der Fak­ten ih­ren Wert ver­lo­ren ha­ben, die Vor­herr­schaft des Wes­tens be­en­det ist und die glo­ba­le Ord­nung, wie wir sie kann­ten, nicht mehr gilt.

Mah­nun­gen und die Ge­fah­ren zu be­schwö­ren, ge­hört frei­lich zum Ge­schäft, al­lein um die Be­deu­tung der Kon­fe­renz her vor­zu­he­ben. Doch tat­säch­lich kann der Di­plo­mat und Ju­rist Ischin­ger in die­sem Jahr vie­le Punk­te ei­ner Welt in Un­ord­nung auf­zäh­len: Po­pu­lis­ti­sche und frem­den­feind­li­che Be­we­gun­gen, ein dro­hen­der Zer­fall der EU. Kri­sen al­ler­or­ten: Br­ex­it, Ter­ror­ge­fahr, Flücht­lings­be­we­gun­gen, Streit um die Na­to, Krieg in Sy­ri­en, der un­ge­lös­te Ukrai­nekon­flikt, Span­nun­gen zwi­schen Russ­land und den USA. Und wenn das al­les noch nicht ge­nug wä­re, kommt der wohl größ­te Un­si­cher­heits­fak­tor gera­de aus den USA: Zu we­nig ist über den Kurs des neu­en Prä­si­den­ten be­kannt. „Do­nald Trump macht mir Angst“, räum­te Ischin­ger in ei­nem In­ter­view mit dem „Ta­ges­spie­gel“ein.

Re­de­be­darf gibt es al­so zu­hauf auf der 53. „Si­ko“, so die Kurz­form des Tref­fens. Ne­ben den öf­fent­li­chen Re­den und Dis­kus­si­ons­fo­ren ist das Tref­fen ins­be­son­de­re ei­ne Platt­form für Hin­ter­grund­ge­sprä­che. Ähn­lich wie das Welt­wirt­schafts­fo­rum in Da­vos han­delt es sich näm­lich nicht um ei­ne of­fi­zi­el­le Re­gie­rungs­ver­an­stal­tung, son­dern um ein pri­vat or­ga­ni­sier­tes Tref­fen – das ist prä­gend für den Cha­rak­ter.

„Es ist ein Tref­fen von Po­li­ti­kern, Geo­stra­te­gen und Rüs­tungs­lob­by­is­ten.“Franz Hasl­beck, Ak­ti­vist

Hoch­ka­rä­ti­ge Gäs­te ha­ben sich an­ge­kün­digt (sie­he Hin­ter­grund). An­ge­sichts von ge­gen­sei­ti­gen Ver­bal­at­ta­cken über den At­lan­tik im Vor­feld des Tref­fens wird es auch ein at­mo­sphä­ri­sches Aus­lo­ten für den künf­ti­gen Um­gang Eu­ro­pas mit der neu­en US-Re­gie­rung sein.

Pro­test In der Münch­ner In­nen­stadt, vor al­lem rund um den Ta­gungs­ort, das Ho­tel Baye­ri­scher Hof, herrscht ab heu­te Aus­nah­me­zu­stand. 4000 Po­li­zei­kräf­te wer­den im Ein­satz sein, mit 4000 bis 5000 De­mons­tran­ten rech­net Franz Hasl­beck vom Or­ga-Team der „An­tiSi­ko“-Pro­test­kund­ge­bung am Sams­tag. Mehr als 30 vor al­lem lin­ke Grup­pie­run­gen ha­ben zu Pro­tes­ten auf­ge­ru­fen. Selbst aus Va­len­cia in Spa­ni­en rei­sen die Teil­neh­mer an, sagt Hasl­beck. Dass in der deut­schen Po­li­tik in­zwi­schen ernst­haft über die An­schaf­fung ei­ge­ner Atom­waf­fen dis­ku­tiert wer­de, wie er be­haup­tet, ha­be ihn ent­setzt, nennt er als ei­nen Grund für den Pro­test.

Die Si­cher­heits­kon­fe­renz be­zeich­net er als „Tref­fen von Po­li­ti­kern, Geo­stra­te­gen und Rüs­tungs­lob­by­is­ten“, bei dem es in den Hin­ter­zim­mern dar­um ge­he, Ka­pi­tal für die Waf­fen­in­dus­trie be­reit­zu­stel­len. Als Be­leg für die­se Be­haup­tung führt er ent­spre­chen­de Schil­de­run­gen des Lin­ken-Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ten Alex­an­der Neu auf, der hin­ter die Ku­lis­sen der Ver­an­stal­tung ha­be schau­en kön­nen.

Dis­kus­sio­nen mit Nicht­re­gie­rungs­or­ga­ni­sa­tio­nen als Teil des Tref­fens hält er für ein Fei­gen­blatt der Ver­an­stal­ter. Die Po­li­tik be­wei­se doch ih­re Dop­pel­mo­ral. Als Wirt­schafts­mi­nis­ter ha­be Sig­mar Ga­b­ri­el (SPD) die Re­du­zie­rung der Waf­fen­ex­por­te ge­for­dert, nun hät­ten sie sich ver­dop­pelt. Es sei blau­äu­gig, zu den­ken, die Kon­fe­renz wol­le Kon­flik­te ver­mei­den. Sol­che An­sät­ze wür­den je­doch auf ei­ner al­ter­na­ti­ven Frie­dens­kon­fe­renz in der Münch­ner In­nen­stadt dis­ku­tiert.

Der Tü­bin­ger Frie­dens­for­scher Dr. Tho­mas Nie­le­bock dif­fe­ren­ziert. Im Prin­zip sei die Si­cher­heits­kon­fe­renz zu be­grü­ßen. „Wo sonst gibt es ei­ne sol­che Aus­tausch­mög­lich­keit, auch auf in­for­mel­ler Ebe­ne? Dia­log ist wich­tig, weil sich so Feh­l­ein­schät­zun­gen kor­ri­gie­ren las­sen.“Dass die Teil­neh­mer Mit­tel such­ten, um Krieg zu füh­ren, wie es Gip­fel­geg­ner be­haup­te­ten, hält er für ab­we­gig. Trotz­dem sagt er: „Es tref­fen sich nicht Kriegs­trei­ber, aber al­le ver­tre­ten ei­ne mi­li­tär­ge­stütz­te Si­cher­heits­po­li­tik. Das engt den Blick er­heb­lich ein.“

Zu be­män­geln hat Nie­le­bock meh­re­re Punk­te: „Statt der ge­mein­sa­men Su­che nach Frie­den, ste­hen die meis­ten Dis­kus­sio­nen un­ter dem Mot­to: Wir müs­sen uns schüt­zen.“Wo­bei er das „Wir“, al­so die Gip­fel­teil­neh­mer, als „Ab­bild der gro­ßen Mäch­te“be­zeich­net. Klei­ne­re Län­der und die Si­cher­heits­be­dürf­nis­se ge­sell­schaft­li­cher Ak­teu­re blie­ben au­ßen vor, und auch al­ter­na­ti­ve Mei­nun­gen fän­den auf der Kon­fe­renz zu we­nig Ge­hör.

War­nung Die ak­tu­el­le Si­cher­heits­la­ge be­zeich­net Nie­le­bock in­des als „höchst­ge­fähr­lich“. Trump sieht er als „Ge­fahr für den Welt­frie­den“. „Man muss hof­fen, dass ihn die staat­li­chen In­sti­tu­tio­nen ein­fan­gen.“Ihm be­rei­tet vor al­lem Trumps psy­chi­sche Ver­an­la­gung Sor­gen. Wer­de der Druck auf ihn zu groß, fürch­tet Nie­le­bock ei­ne Kurz­schluss­re­ak­ti­on: „Ich kann nur hof­fen, dass er dann nicht nach dem Prin­zip han­delt: Ich reiß’ euch al­le mit in den Ab­grund.“

In der Si­tua­ti­on 2017 sieht der Wis­sen­schaft­ler vie­le Par­al­le­len zur Zeit vor dem Ers­ten Welt­krieg. Ein Auf­sto­cken der Rüs­tungs­aus­ga­ben hält er für „sehr pro­ble­ma­tisch“, wenn die Stra­te­gie da­hin­ter nicht die Be­fürch­tun­gen der an­de­ren Sei­te ernst­haft mit­ein­be­zie­he. Trumps Pro­vo­ka­tio­nen in Rich­tung Chi­na oder der Pa­läs­ti­nen­ser zei­ge, dass ihm die di­plo­ma­ti­sche Klug­heit feh­le, für an­de­re mit­zu­den­ken. Und des­sen Haupt­be­ra­ter Ste­ve Ban­non fol­ge wohl der fa­ta­len Über­zeu­gung, ein Krieg sei oh­ne­hin nicht mehr zu ver­mei­den – „ganz ähn­lich wie die eu­ro­päi­schen Eli­ten 1914“. Ei­ne ein­dring­li­che War­nung.

„Trump ist ei­ne Ge­fahr für den Welt­frie­den.“Tho­mas Nie­le­bock, Frie­dens­for­scher

Fo­to: dpa

Schon im Vor­feld der Si­cher­heits­kon­fe­renz von München hat es Pro­tes­te ge­ge­ben. Das Tref­fen be­ginnt heu­te.

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