Ope­ra­ti­on ge­glückt, Por­sche futsch

Yng­ve Ho­len er­hielt den 12. Ro­bert-Ja­cob­sen-Preis der Stif­tung Würth

Heilbronner Stimme Stadtausgabe - Heilbronner Stimme Ausgabe Neckar-Zaber-Rundschau - - Kultur · Kultur Regional · Rätsel/Sudoku - Von Leo­no­re Wel­zin

Ei­nen hoch­ka­rä­ti­gen Por­sche Pan­ame­ra zer­legt er mit Dia­mant­band­sä­ge sau­ber wie ei­nen Ku­chen. „Ca­ke“nennt er denn auch la­pi­dar sein wohl pro­vo­kan­tes­tes Werk, das in sei­ner ers­ten Ein­zel­aus­stel­lung im Früh­jahr 2016 in Ba­sel für Fu­ro­re sorg­te. Jetzt wur­de Yng­ve Ho­len von der Stif­tung Würth in Berlin mit dem mit 25 000 Eu­ro do­tier­ten Ro­bert-Ja­cob­sen-Preis aus­ge­zeich­net. Die Preis­ver­lei­hung fand in der Haupt­stadt-Re­prä­sen­tanz des Un­ter­neh­mens statt.

Gast­freund­lich emp­fan­gen von Man­fred Kurz (Lei­ter Würth Haus Berlin und Würth Bü­ro Brüs­sel), be­grüßt von C. Syl­via We­ber (Di­rek­to­rin Samm­lung Würth) und kam­mer­mu­si­ka­lisch pfif­fig um­rahmt vom Ber­li­ner Sa­xo­fon En­sem­ble wur­de der Preis von Ma­ria Würth und Ha­rald Un­kel­bach (Vor­sit­zen­der des Vor­stan­des der Stif­tung Würth) über­reicht. Die Lau­da­tio hielt Kunst­his­to­ri­ker Armin Zwei­te.

Das Am­bi­en­te des di­rekt am Hang ge­le­ge­nen An­we­sens könn­te für ei­nen fei­er­li­chen Fest­akt schö­ner nicht sein: Der lich­te Saal der mo­der­nen Ar­chi­tek­tur (Sieg­fried Mül­ler, Stutt­gart) mit idyl­li­schem Blick durch statt­li­che Kie­fern auf den Wann­see, bie­tet ei­ne kul­ti­vier­te At­mo­sphä­re und Raum, um für die­sen be­son­de­ren An­lass ei­ne klei­ne Werk­schau vor­zu­stel­len.

Klar wä­re man auf den „Ca­ke“ge­spannt ge­we­sen, aber vier ak­tu­el­le Ar­bei­ten – „Ex­ten­ded Ope­ra­ti­ons XWB“(2014), „But­ter­fly“(2016), „Sen­si­ti­ve 8 De­ter­gent“(2017) und „Ta­xi B-OS 6476 kommt vor­aus­sicht­lich in 2 Mi­nu­ten“(2017) – ge­ben Ein­blick in Ho­lens bild­haue­ri­schen Pa­ra­dig­men­wech­sel mit An­spie­lun­gen an Re­a­dy Made, Sur­rea­lis­mus, De­kon­struk­ti­vis­mus, Mi­ni­mal Art, Kon­zept Kunst und In­stal­la­ti­on, wo­bei sich me­tho­disch Wi­der­sprüch­li­ches nicht aus­schließt, son­dern, ähn­lich dem Prin­zip von De­mon­ta­ge und Montage, das Ki­no im Kopf an­kur­beln.

„But­ter­fly“, ein Stück Alu-Zaun­git­ter wie ein Ge­mäl­de ge­hängt, ist für ei­nen Schmet­ter­ling kein Hin­der­nis, er könn­te eben­so gut hin­durch oder drü­ber­weg flat­tern. „Ex­ten­ded Ope­ra­ti­ons XWB“, ein auf Wa­ben­po­dest aus­ge­leg­ter Not­fall­bo­den, auf dem ein läng­li­ches Mar­mor-Stück ne­ben ei­nem sta­che­li­gen Draht zur Ab­wehr von Tau­ben liegt, lässt an den ma­ka­bren Satz den­ken: „Ope­ra­ti­on ge­glückt, Pa­ti­ent tot“.

Drei ne­ben­ein­an­der plat­zier­te Wasch­trom­meln re­prä­sen­tie­ren in ih­rer Hoch­glanz-Trini­tät qua­si gött­li­che Rein­heit, was der In­halt ver­meint­lich kon­ter­ka­riert – ein ge­schlach­te­tes Hühn­chen, vom Au­to platt ge­fah­ren, ein ver­dreck­ter Hau­fen vol­ler Bak­te­ri­en – hat als wei­ßer 3D-Aus­druck sei­ne an Ste­ri­li­tät gren­zen­de Rein­heit zu­rück­ge­won­nen. Die In­stal­la­ti­on „Sen­si­ti­ve 8 De­ter­gent“– Be­grif­fe der Wasch­mit­tel­wer­bung, ver­bun­den durch das senk­recht ste­hen­de Unend­lich­keits­zei­chen – als ei­ne ewig kor­re­spon­die­ren­de Dia­lek­tik von Ver­schmut­zung und Rein­heit. Auch auf die von Ho­len (eng­lisch ho­le = Loch) the­ma­ti­sier­te Angst vor Lö­chern (Try­po­pho­bie) ver­wei­sen die bei­den jüngs­ten Ar­bei­ten.

Der 1982 in Braun­schweig ge­bo­re­ne, in Wi­en und Frank­furt aus­ge­bil­de­te und in Berlin le­ben­de Künst­ler deutsch-nor­we­gi­scher Her­kunft be­schäf­tigt sich an der Schnitt­stel­le von Bio­lo­gie und Tech­no­lo­gie mit dem Ver­hält­nis von Kör­per und Ma­schi­ne. Ho­len gibt sich bei der Preis­ver­lei­hung schüch­tern bis cool, ei­ne Hal­tung, die an Bob Dy­lan und den Li­te­ra­tur­no­bel­preis er­in­nert. „Ho­lens bis­he­ri­ges Werk er­weist sich als ent­schei­den­der und ana­ly­ti­scher Bei­trag zum 21. Jahr­hun­dert“, so Lau­da­tor Armin Zwei­te.

Der deutsch-nor­we­gi­sche Künst­ler Yng­ve Ho­len bei der Preis­ver­lei­hung in Berlin vor sei­nem Werk „Ta­xi B-OS 6476 kommt vor­aus­sicht­lich in 2 Mi­nu­ten“(2017). Fo­to: Würth

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