„Das Land braucht ei­ne Leit­idee“

Psy­cho­lo­ge Stephan Grü­ne­wald über die Ori­en­tie­rungs­lo­sig­keit in der deut­schen Po­li­tik

Heilbronner Stimme Stadtausgabe - Heilbronner Stimme Ausgabe Neckar-Zaber-Rundschau - - Meinungen - Von un­se­rem Re­dak­teur Sa­scha Spren­ger

Mit sei­nem Markt­for­schungs­in­sti­tut Rhein­gold führt der Psy­cho­lo­ge Stephan Grü­ne­wald je­des Jahr mehr als 5000 Tie­fen­in­ter­views zu ak­tu­el­len Fra­gen aus Markt, Me­di­en und Ge­sell­schaft. So kam das Er­geb­nis der Bun­des­tags­wahl für ihn nicht wirk­lich über­ra­schend. Herr Grü­ne­wald, war­um hat Sie das Wah­l­er­geb­nis nicht über­rascht? Stephan Grü­ne­wald: Wir ha­ben schon vor der Wahl die gro­ße Ent­täu­schung der Wäh­ler fest­ge­stellt, wie sehr es im Land ru­mort und wie viel Wut sich nicht nur in den so­zia­len Netz­wer­ken auf­ge­staut hat­te. Wir ha­ben das Ab­sa­cken der SPD und den Auf­stieg von AfD und FDP so vor­her­sa­gen kön­nen.

Sind so auch die Ver­lus­te der Uni­on zu er­klä­ren?

Grü­ne­wald: Auch, na­tür­lich. Im Früh­jahr galt An­ge­la Mer­kel noch als Raub­tier­domp­teu­se und als ein­zi­ge, die die Trumps und Er­do­gans die­ser Welt bän­di­gen kann. Kurz vor der Wahl konn­ten wir dann ei­ne enor­me Hin- und Her-Ge­ris­sen­heit fest­stel­len. Wenn die Wäh­ler auf Deutsch­land blick­ten, sa­hen sie ein­mal die si­che­re Er­folgs­in­sel, im an­de­ren Mo­ment beim Blick nach in­nen sa­hen sie ein von Mut­ter Mer­kel schlecht um­küm­mer­tes Land mit ma­ro­den Schu­len, ka­put­ten Au­to­bah­nen, No-Go-Are­as und schrei­en­der so­zia­ler Un­ge­rech­tig­keit. Dar­an mach­ten sich dann auch wie­der die Ent­täu­schung und der Zorn fest. Hat der Wahl­kampf bei die­ser Ent­täu­schung ei­ne Rol­le ge­spielt? Grü­ne­wald: Der Wahl­kampf ist im­mer ei­ne Zeit der Klä­rung. Die Wäh­ler hof­fen, ei­ne Po­si­ti­on zu fin­den. Doch die­ser Wahl­kampf hat vie­le Wäh­ler ent­täuscht, da das für sie zen­tra­le The­ma – die Flücht­lings­kri­se – qua­si über­haupt kei­ne Rol­le ge­spielt hat. Wir ha­ben fest­ge­stellt, dass die Wäh­ler sich in ei­ner heil­lo­sen Zer­ris­sen­heit be­fin­den: Auf der ei­nen Sei­te wol­len sie hilf­reich und welt­of­fen sein, auf der an­de­ren Sei­te ha­ben sie aber auch Angst vor Kon­troll­ver­lust und Über­frem­dung. Sie ha­ben in die­sem exis­ten­ti­el­len Di­lem­ma von den Volks­par­tei­en kein kla­res Lö­sungs­kon­zept er­hal­ten. Übt SPD-Chef Mar­tin Schulz mit sei­nem Ver­zicht auf ei­ne Re­gie­rungs­be­tei­li­gung zu gro­ßen Druck auf die an­de­ren Par tei­en aus? Schließ­lich heißt es nun: Ja­mai­ka oder Neu­wah­len.

Grü­ne­wald: Ich weiß nicht, ob der Druck die­sen Pro­zess dy­na­mi­siert. Die Ent­schei­dung fin­de ich nach­voll­zieh­bar, ich fol­ge auch sei­ner Ar­gu­men­ta­ti­on, dass sei­ne Par­tei nach die­sem Wah­l­er­geb­nis nicht un­be­dingt in die Re­gie­rungs­ver­ant­wor­tung ge­wählt wur­de. Das Ri­si­ko von Neu­wah­len ist erst ein­mal ein Faust­pfand der klei­ne­ren Par­tei­en in den Ko­ali­ti­ons­ver­hand­lun­gen. Die gro­ßen Volks­par­tei­en kön­nen an ei­ner Neu­wahl ge­ra­de kein In­ter­es­se ha­ben. Wie schät­zen Sie die For­de­run­gen der CSU ein, die trotz ho­her Ver­lus­te als kleins­ter Part­ner erst ein­mal die Ober­gren­ze zur Be­din­gung macht? Grü­ne­wald: In Ko­ali­ti­ons­ver­hand­lun­gen se­he ich die Soll­bruch­stel­le am ehes­ten zwi­schen CSU und Grü­nen. Wir wer­den da ei­ne tur­bu­len­te Zeit er­le­ben. Es ist auch nicht aus­zu­schlie­ßen, dass sich das Par­tei­en­spek­trum wei­ter aus­dif­fe­ren­ziert. Es ist mög­lich, dass die Frak­ti­ons­ge­mein­schaft von CDU und CSU ge­nau an die­ser Fra­ge der Ober­gren­ze zer­bre­chen wird. Ob­wohl die CSU sie erst ein­stim­mig be­stä­tigt hat? Grü­ne­wald: Dass man dar­über über­haupt ge­re­det hat, ist so et­was wie das Pfei­fen im Wal­de. Fo­kus­sie­ren sich die Par­tei­en nicht zu sehr auf die AfD, an­statt sich auf die The­men zu kon­zen­trie­ren? Grü­ne­wald: Ja, das ist aber zu kurz ge­dacht. Wir wer­den die­se Ten­denz zur ge­sell­schaft­li­chen Spal­tung nicht über­win­den, in­dem wir die AfD vom Hof ja­gen. Das geht nur über ei­ne tief­grei­fen­de Re­vi­si­on des Ge­mein­we­sens. Man kann da­von aus­ge­hen, dass sich die Ko­ali­ti­ons­ver­hand­lun­gen hin­zie­hen wer­den. Birgt das ein Ri­si­ko? Grü­ne­wald: Ich den­ke, das wird sich min­des­tens bis in die Ad­vents­zeit hin­zie­hen. Es ist aber vor al­lem die Fra­ge, wie die­se Zeit ge­füllt wird: Mit nach­voll­zieh­ba­ren De­bat­ten, die wirk­lich et­was klä­ren? Der Streit ist ja auch ei­ne Form der Er­kennt­nis. Hat der Wäh­ler aber das Ge­fühl, es geht nur um Macht­po­ker, um ge­kränk­te Ei­tel­kei­ten, dann schwin­det das oh­ne­hin schon dür fti­ge Ver trau­en in die Po­li­tik noch wei­ter.

Ist das nicht vor al­lem Auf­ga­be der Kanz­le­rin?

Grü­ne­wald: Die Rei­se in die Zu­kunft geht nur durch ei­ne kla­re Rich­tungs­be­stim­mung, ei­ne Leit­idee. Wo­für steht Deutsch­land? Was will Deutsch­land er­rei­chen? Da ist die Kanz­le­rin lan­ge Zeit auf Sicht ge­se­gelt. Das ist auch lan­ge Zeit gut ge­gan­gen. Aber in den kom­men­den vier Jah­ren ist ei­ne kla­re Kurs­be­stim­mung vor­zu­neh­men. Schät­zen Sie An­ge­la Mer­kel so ein, dass sie so et­was tun wird?

Grü­ne­wald: Es gibt ei­ne Do­ku­men­ta­ti­on über sie mit dem Ti­tel „Die Un­er­war­te­te“. Und sie ist jetzt qua­si be­freit von dem Druck, noch ein­mal ge­win­nen zu müs­sen. Viel­leicht ver­folgt sie ja bald ei­ne Um­welt-Agen­da, oder legt mehr Wert auf so­zia­le Ge­rech­tig­keit. Viel­leicht ge­lingt es ihr auch, das Christ­li­che im Na­men der Par­tei bes­ser in ei­ne Pro­gram­ma­tik zu brin­gen. In­wie­fern ist Deutsch­land über­haupt be­reit für In­no­va­tio­nen?

Grü­ne­wald: Ve­rän­de­run­gen und In­no­va­tio­nen pas­sie­ren psy­cho­lo­gisch be­trach­tet im­mer dann, wenn ein Lei­dens­druck da ist. Den ha­ben wir nicht, weil es ei­nem Groß­teil der Ge­sell­schaft im­mer noch gut geht. An­de­rer­seits mer­ken wir jetzt mit Blick nach au­ßen, wie in­sta­bil die La­ge in der Welt ist, wie groß bei­spiels­wei­se in Ame­ri­ka so­zia­le Ver­wer­fun­gen sein kön­nen. Man kann nur hof­fen, dass dies ei­ne heil­sam mo­ti­vie­ren­de Kraft hat. Aber die Ge­fahr ist groß, dass sich in Deutsch­land erst et­was rührt, wenn uns das Was­ser bis zum Hal­se steht.

„Die­ser Wahl­kampf hat vie­le Wäh­ler ent­täuscht.“

Stephan Grü­ne­wald ist Psy­cho­lo­ge und Best­sel­ler-Au­tor. Fo­to: Rhein­gold

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.